Geguckt im Februar: Anomakings of the Bletchley Lakepool

IM KINO:

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Anomalisa von Duke Johnson und Charlie Kaufman
Darauf hatte ich mich sehr gefreut, weil ich die meisten Filme aus der Feder von Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Eternal Sunshine of the Spotless Mind) sehr mag und außerdem ein Fan von Stop-Motion-Animation bin. Dazu kamen noch viele lobende bis euphorische Kritiken. Nun, ich fand Anomalisa nicht übel, war aber trotzdem enttäuscht. Es geht um einen Autor von Motivationsratgebern für Büromenschen, der auf Vortragsreise ist und einen Abend im Hotel verbringt. Er ist von seiner Umwelt total entfremdet, alle Menschen um ihn herum scheinen gleich zu sein – bis auf eine Frau, die ihn sofort fasziniert und mit der er sogleich eine Affäre beginnt.
Formal ist Anomalisa wirklich toll und interessant: Es gibt nur drei Sprecher für alle Rollen, denn außer der Hauptfigur und seinem neuen Love Interest reden eben alle mit gleicher Stimme. Diese Gleichartigkeit setzt sich im Bild fort, wenn auch alle Figuren dieses Puppentrickfilms die gleichen maskenartigen Gesichter haben. Das ist schon toll, wie hier eine psychologische Konstellation auf die Bildebene gebracht wird, und die Animation sieht großartig aus. Die Geschichte selbst ist allerdings bei genauerem Hinsehen dann doch wieder die schon viel zu oft erzählte, selbstmitleidige Midlife-Crisis eines privilegierten weißen Mannes, der sich wieder aufrichtet, indem er eine junge Frau vögelt. Das ist langweilig, ärgerlich und vor allem ungenügend für Kaufman-Verhältnisse, von dem man wahrlich Innovativeres erwarten darf. Wäre Anomalisa ein Kurzfilm von vielleicht 30 Minuten, ich wäre womöglich begeistert. Aber auf Spielfilmlänge trägt das Konzept nicht, auch deshalb weil man der ziemlich unsympathischen Hauptfigur nicht gerne lange folgen will. Lustigerweise war der Film, der auf einem Hörstück von Kaufman basiert, ursprünglich auf „approximately 40 minutes in length.“ geplant.

Und dann, kurz nachdem ich das geschrieben haben, lese ich den Text von Thomas Vorwerk (Achtung, Spoiler!), der eine interessante Interpretation enthält, die mir nicht aufgefallen ist. Und jetzt würde ich den Film dann doch gern nochmal sehen …

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Deadpool von Tim Miller
Mit diesem Film hatte ich mehr Spaß, als ich mir eingestehen möchte. Ja, das ist weitgehend pubertärer, ziemlich prolliger Humor, aber der Film weiß das selbst. Er tut niemals so, als wäre er besonders geistreich, er nimmt sich von Anfang an kein bisschen Ernst, und vor allem: Er langweilt nicht. Deadpool bedient sich nicht nur einer Art von Witz, die dann endlos variiert wird, sondern probiert auf fast schon experimentelle Weise diverse Wege zum Lacher aus. Ob musikalische Gags, Slapstick, coole Sprüche, Meta-Humor, Selbstreferenzialität, alberne Kalauer, eine surreale Trickfilm-Einlage – alles ist dabei, immer wieder verbunden durch explizite, herzhaft übertriebene Gewalt und dabei dann noch wild durch die unterschiedlichsten Filmgenres hüpfend. All das fügt dem Erfolgsmodell Superheldenfilm eine dreckig-derbe Metaebene hinzu und ist unterm Strich wirklich sehr unterhaltsam.

 

AUF BLURAY:

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The Kings of Summer von Jordan Vogt-Roberts
Eins der Filmgenres, die ich am liebsten mag, ist „Coming of Age“. Mit Geschichten vom Erwachsenwerden kriegt man mich fast immer, und so war es auch bei Kings of Summer, der in den USA beim Sundance Festival debütierte, durch eine sehr positive Kritik von Mark Kermode auf meinem Radar auftauchte und dann in Deutschland während der Fußball-WM 2014 ganze 21(!) Zuschauer ins Kino lockte. Zum Glück gab es trotzdem eine deutsche Veröffentlichung auf Scheibe, denn dieses miese Abschneiden hat der Film sicher nicht verdient. Es geht um zwei Teenager-Jungs, die im Sommer von zuhause ausreißen (weniger wegen großem Stress, sondern weil die Eltern schlicht nerven) und gemeinsam in einem selbst gebauten Haus im Wald leben. Als dritter im Bunde kommt der ziemlich seltsame Junge Biaggio dazu, der zwar nicht wirklich ihr Freund ist, den sie aber als „Mitläufer“ akzeptieren. Eine Mischung aus Drama und Comedy mit Überhang zu letzterem, vor allem wegen der sehr gelungenen Performances der Schauspieler, die die Eltern spielen (u.a. Nick Offerman).
Dass der Film eher im Bereich „Nett anzusehen“ als „Großartig“ landet, liegt daran, dass er sein Potenzial nicht voll ausschöpft: Denn natürlich muss es, wenn sich die Jungs nach ein paar Tagen in ihrem Wildnis-Paradies eingelebt haben, zum Konflikt kommen, der die Idylle zerstört. Dieser Konflikt ist leider ein naheliegender und ziemlich ausgelutschter. So bleibt wohl am stärksten die eigentlich recht unwichtige Nebenfigur des Biaggio (Moises Arias) in Erinnerung, der als komischer Kauz für eine gesunde Portion Quirkyness sorgt, die dem Film sehr gut steht.

 

BEIM STREAMINGDIENST:

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Top of the Lake, Series 1
Das war ein hartes Stück Arbeit, denn diese Serie guckt man nicht einfach so weg. Im Prinzip braucht man nach jeder Folge erst mal eine emotionale Pause. Oder, wie es Rebecca Nicholson beim Guardian formuliert: „Next week, I’m making sure I’ve got multiple episodes of Modern Family lined up for afterwards, just to take the edge off.“
Und „edge“ hat Top of the Lake eine ganze Menge. Der Sechsteiler spielt in der neuseeländischen Provinz; ein 12-jähriges Mädchen hat versucht, sich umzubringen, und man stellt fest, sie ist schwanger. Wenig später ist das Mädchen verschwunden und die junge Polizistin Robin (saugut: Elisabeth Moss) begibt sich mit uns auf einen sehr unangenehmen Trip in eine archaische Macho-Welt, wo sie mit gewalttätigen Rednecks, einer männerbündlerischen Polizei, sprachlosen Jugendlichen, ihrer todkranken Mutter und nicht zuletzt mit den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat.
Top of the Lake macht keinen Spaß, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinn. Aber es besticht durch viele Qualitäten, die das Gucken dann eben doch zu einem Genuss machen: tolle Schauspielerleistungen, ein gutes und spannendes Drehbuch, viel Atmosphäre. Jane Campion, die die Serie mitentwickelt und  mitgeschrieben hat und auch Regie führt, zeigt uns ein kaltes, ungemütliches Neuseeland in entsättigten Farben, das sehr weit weg ist vom Lord of the Rings-Idyll und sich bestimmt nicht so gut touristisch vermarkten lässt wie Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen.

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The Bletchley Circle, Series 1
Begann ich in der irrigen Annahme, es würde eine Geschichte von der berühmten Entschlüsselungseinheit erzählt, die die Briten während des Zweiten Weltkriegs unterhielten. Stattdessen landete ich in einem 50er-Jahre-Krimi – die Protagonistinnen sind vier Frauen, die während des Krieges in Bletchley arbeiteten und sich neun Jahre später mit ihren besonderen Talenten wieder zusammenfinden, um einem Serienmörder auf die Spur zu kommen. In Sachen Plot und Erzählweise ist das ziemlich konventionelle Fernsehkrimikost und nicht besonders aufregend, trotzdem habe ich diesen Dreiteiler nicht ungern geguckt: Zum einen gefällt er als „Period Piece“, der ein nicht sehr hübsches England in einer nicht sehr hübschen Epoche glaubhaft und ohne zu viel Nostalgie ins Bild setzt. Zum anderen mochte ich, dass da auch ein Bild der Nachkriegsgesellschaft gezeichnet wird – und zwar aus weiblicher, ja feministischer Perspektive. Ohne, dass es allzu offensichtlich ausbuchstabiert wird, bekommt man als Zuschauer gut mit, wie Frauen, die im Krieg noch unmittelbar an der Rettung des Heimatlands beteiligt und in jeder Hinsicht „wichtig“ waren, nach der Rückkehr der Männer von der Front wieder zurück ins zweite Glied (das hieß in der Regel: an den Herd) beordert wurden. Wie schwer es für Frauen war (und oft immer noch ist), sich gegen alle patriarchalen Widerstände eine angemessene Rolle zu erkämpfen, schimmert in Bletchley Circle immer wieder schön durch.

 

#12von12 im Februar: Donauwellen und Bundesliga

#12von12 ist so ein kleines Instagram-Spielchen, bei dem man am 12. eines Monats 12 Bilder aus seinem Alltag postet. Ich habe da im Januar schon mitgespielt, aber ich glaube, das macht man so, dass man das Dutzend Bilder hinterher dann auch noch mal in sein Blog stellt. Also:

… 

 

Geguckt im Januar: The Frozen Hateful Fury Abbey Awakens

IM KINO:

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Star Wars: The Force Awakens (Star Wars: Das Erwachen der Macht) von J.J. Abrams
Mit gedämpften Erwartungen reingegangen, äußerst gut unterhalten worden. Ja, das hat Spaß gemacht. Mit Rey, Finn und Poe haben wir drei neue Hauptfiguren, die man sehr schnell ins Herz schließt und von denen man – das ist hier ja wohl nicht unwichtig – noch mehr sehen möchte. Nicht so stark fand ich die Bösewichte, wobei ich zugeben muss, dass in der Figur des Kylo Ren durchaus Potenzial steckt. Ansonsten trifft J.J. Abrams fast immer genau den richtigen Ton, bedient die Nostalgie, ohne es allzu sehr zu übertreiben. Dass er sich letztendlich so nahe am Star Wars-Urfilm entlanghangelt, dass The Force Awakens schon als eine Art Remake durchgeht, verzeihe ich für den Auftakt dieser neuen Trilogie. Die nächste Episode darf dann aber gerne noch ein bisschen origineller werden.

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The Hateful Eight von Quentin Tarantino
Der neue Tarantino ist – Überraschung! – wieder ziemlich tarantinesk geworden. The Hateful Eight hat zwar all die bekannten Tarantino-Trademarks, aber diesmal in einer sehr ausgeruhten, extrem lässigen Form ohne jede Hektik. Dem habe ich sehr gerne zugesehen, auch und gerade in den angeblich langatmigen oder -weiligen Passagen, bis der Film blei- und bluthaltiger wird (und zwar ziemlich derbe und ausführlich, was es für mich so nicht gebraucht hätte). Es macht großen Spaß, dem Cast (großteils aus alten Weggefährten des Regisseurs bestehend) beim Spielen zuzusehen. Praktisch jede Figur ist einen Tick übertrieben angelegt, alle sind Karikaturen, aber keine ist so überzogen, dass es nerven würde. Ganz so stark wie die Vorgänger fand ich den Film nicht, aber sehenswert ist er unbedingt. Ennio Morricones Musik ist selbstverständlich großartig, leider hört man im Film nur sehr wenig davon.

 

BEIM STREAMINGDIENST:

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Orange Is The New Black, Season 2
Wenn über die Qualität der von Netflix & Co. selbst produzierten Serien geschrieben und geredet wird, wird von OitnB im Vergleich zu House of Cards noch immer viel zu selten geschwärmt. Diese Gefängnisserie, die in einem Frauenknast spielt und lose auf wahren Begebenheiten basiert, ist für mich die perfekte Definition einer „Dramedy“ – selten sieht man Komödie und Drama, Tragisches und Witziges so sehr und so gut ineinander verschränkt. Ging es in der ersten Staffel noch ganz klar um Piper Chapman als Hauptfigur, wird die zweite Season ganz deutlich zum Ensemble-Stück, wo in jeder Folge andere Figuren nach vorne treten. Und was für tolle Figuren das sind! Orange  ist ein Fest der „Diversity“, hier sind quasi sämtliche Hautfarben, Körperformen und sexuelle Orientierungen vertreten. Natürlich werden da auch Klischees benutzt, diese werden aber auch oft gebrochen oder zumindest spielerisch verwendet. Die Figuren, ihre Herkunft, ihr Charakter und ihre Motivationen sind die Basis dieser Serie und sind wichtiger als die vordergründige Handlung im Gefängnis. Feine Serie, fulminantes Staffelfinale. Bald wird weitergeguckt.

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Frozen (Die Eiskönigin – Völlig unverfroren) von Chris Buck und Jennifer Lee
Als alter Animationsfilmfreund wollte ich dann doch mal sehen, wie dieser Film so ist, der auf dem (leider extrem durchgegenderten) Merchandise-Markt für Kinder ein schier unglaublicher Erfolg geworden ist. Frozen ist ganz nett für einen kalten Winterabend, weitestgehend der typische Disney-Märchenfilm mit (zu) viel Gesang und lustigen Sidekicks. Nur dass die Prinzessinnen heute erfreulicherweise moderner daherkommen, weil sie nicht darauf angewiesen sind, vom Prinz gerettet und als dessen Trophäe abgeholt zu werden. Trotzdem hat mir der sehr ähnlich angelegte Vorgänger Tangled besser gefallen. Der hatte etwas mehr Schwung, etwas mehr Biss. Frozen ist schon arg konventionell in seiner Geschichte und Erzählweise, und bei all den frostigen Szenen im Eisschloss musste ich mehrmals sehnsüchtig an den Ice King aus Adventure Time denken, der das ganze mal schön hätte aufmischen können mit etwas anarchischem Witz und Weirdness, die bei Disney halt komplett fehlt.

 

AUF DVD:

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Mad Max: Fury Road von George Miller
Mit hohen Erwartungen die Scheibe eingelegt, denn was man im Frühsommer so hörte, ist dieser Film ja ungefähr das Geilste seit Erfindung des Actionkinos. Nunja. Das sah schon alles irre gut aus, ein grandioses Spektakel in Gelb und Rot, formal ist das fraglos was Besonderes in der aktuellen Actionkino-Landschaft. Ein Destillat, das auf konventionellen Plot so weit wie möglich verzichtet, um möglichst viel vom puren Action-Kern freizulegen. Das ist saucool und wurde super umgesetzt, insofern: Daumen hoch.
Aber: Für mich (der ich die ersten drei Mädmäxe nie gesehen habe) war das nicht viel mehr als ein knapp zweistündiges Heavy-Metal-Musikvideo. Das reicht mir aber nicht für einen Film. Ich muss irgendwo andocken können, an einer Figur, an einer Motivation, an irgendwas, damit ich beginne, mich für das, was da erzählt wird und was mit den Leuten passiert, zu interessieren. Hier sehe ich eine Freakshow von lauter Irren, die ich nicht kenne, die aus Gründen, die ich nicht verstehe, verrückte Dinge tun. Sieht derbe aus, nimmt mich aber nicht mit. Halbwegs andocken konnte ich erst irgendwo zwischen Minute 80 und 90(!), also vor dem Finale, wenn Mad Max, Billy Corgan und die dünnen Mädchen auf die alten Frauen treffen. Da schaltet der Film endlich mal für ein paar Szenen einen Gang zurück, erklärt ein bissl was und schafft mit ein paar Dialogzeilen etwas Empathie für die Figuren. Das hätte ich mir deutlich früher gewünscht.
Als der Abspann von The Force Awakens lief, habe ich mich darauf gefreut, in der Fortsetzung mehr Zeit mit den Figuren zu verbringen und zu schauen, wie es weitergeht. Beim Abspann von Fury Road war ich einfach nur erschöpft.

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World War Z von Mark Forster
Im Herbst hatte ich das gleichnamige Buch von Max Brooks gelesen, das mir ganz gut gefiel, vor allem wegen seiner originellen Präsentationsform als „Oral History“. Also interessierte mich auch der Film, und der hat mit dem Buch bis auf den Titel und die Prämisse einer weltweiten Zombie-Seuche so gut wie gar keine Gemeinsamkeiten mehr. Das muss nichts Schlechtes sein. World War Z interpretiert das Zombie-Subgenre als Katastrophenfilm, präsentiert in den ersten zwei Dritteln pompöse, beeindruckende Weltuntergangsbilder von Emmerich’schen Ausmaßen, fährt dann aber im letzten Drittel runter auf Kammerspieldimensionen: Der finale „Endkampf“ findet in einem abgeschlossenen Gebäude statt, die Lage bleibt für den Zuschauer übersichtlich, ein schöner Kontrast zu dem, was davor kam. Man kann das ganz gut gucken, wirklich überzeugend ist es aber nicht, dafür hat der Film zu viele Schwächen und Logiklöcher. Von der Originalität und Schlüssigkeit der Buchvorlage ist er meilenweit entfernt. Trotzdem interessant zu sehen, wie ein Zombiefilm mit Blockbuster-Budget und PG-13-Rating aussieht.

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Downton Abbey, Series 4
Die bis dahin schwächste Staffel dieser prächtig-britischen Ausstattungs-Soap-Opera. Historisch-politische Zeithintergründe spielen immer weniger eine Rolle, stattdessen gibt es noch mehr Drama, Intrigen und Gedöns. Das sind oft Handlungsstränge, die man sehr ähnlich schon in früheren Staffeln gesehen hat. Und eine Entwicklung der Figuren findet zwar statt, aber nur äußerst zaghaft. Die allermeisten Figuren haben sich seit ihrem ersten Auftreten eigentlich kaum verändert. Aber vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass man die Serie trotz ihrer Schwächen immer noch gerne sieht: Man hat all die Lords und Ladies, die Footmen und Maidens so lange begleitet, dass man sie immer gerne wiedersieht. Und wenn’s allzu sehr nervt, kommt bestimmt wieder ein umwerfender Oneliner von Maggie Smith und reißt alles wieder raus.

 

VOM FESTPLATTENRECORDER:

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Kofelgschroa – Frei. Sein. Wollen von Barbara Weber
So prätentiös wie der Titel ist dieser Dokumentarfilm glücklicherweise nicht. Es geht um die Oberammergauer Band Kofelgschroa, die jeder, der sich für Musik mit alpenländischen Anklängen interessiert, unbedingt kennen muss. Auf Off-Sprecher wird verzichtet, die Musiker und ihre Musik dürfen für sich sprechen. Der zentrale Aspekt, der im Film rüberkommt: Kofelgschroa will eigentlich nur in Ruhe Musik machen, alles andere (ganz besonders Interviews, Fernsehauftritte und ähnliches) ist ein notwendiges Übel. Es ist nicht mal eine bewusste Anti-Mainstream- oder Anti-Kommerz-Haltung, sondern eher ein grundsätzliches Unbehagen mit den Mechanismen des Musik- und Unterhaltungsmarkts. Wenn man den Film gesehen hat, ist es jedenfalls unvorstellbar, dass Kofelgschroa so wie ihre musikalisch verwandten, aber viel populärer aufgestellten Kollegen von La Brass Banda jemals beim ESC-Vorentscheid antreten würden.

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Landauer – Der Präsident von Hans Steinbichler
Als FC-Bayern-Anhänger, der sich auch für die Historie des Vereins interessiert, sollte man sich zwingend auch mit Kurt Landauer beschäftigen, der dreimal Präsident des Clubs war, als Jude 1933 sein Amt aufgeben musste, nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Schweizer Exil zurückkehrte und noch einmal FCB-Präsident wurde. Der Verein selbst hielt das Andenken an diese Persönlichkeit lange Zeit in keiner Weise hoch, das kam erst auf Initiative der Südkurven-Fans zustande. Im Zuge dieser „Wiederentdeckung“  entstand auch dieser Fernsehfilm, eine BR-Produktion, die stilistisch vor allem dadurch auffällt, dass zwischendurch Originalaufnahmen vom zerbombten München nach Kriegsende zu sehen sind, in die Hauptdarsteller Josef Bierbichler digital reinmontiert wurde. Ansonsten ist Landauer ein ziemlich konventionelles Biopic, das den Konventionen des 20:15-Uhr-Sendeplatzes gerecht werden muss und relativ didaktisch daherkommt. Altnazis müssen hier schon so richtig fiese Fressen haben, damit sie auch jeder Zuschauer beim Nebenbei-Bügeln als Böse erkennt, viele Dialoge wirken aufgesagt, die Sprache pendelt unentschlossen zwischen Münchnerischer Mundart und Hochdeutsch. Dank der Klasse eines Josef Bierbichler wird es aber zum Glück nie peinlich. Man kann Zeitgeschichte schon so vermitteln, ich persönlich habe damit aber meine Probleme und lasse mir das lieber in Form von Büchern, Artikeln oder Dokumentationen erklären.

 

IN DEN MEDIATHEKEN:

Die Ostsee von oben von Silke Schranz und Christian Wüstenberg
Die „Irgendwas von oben“-Filme sind im HD-Zeitalter die legitimen Nachfolger der Multimedia-Diashows, die teilweise heute noch durch die Mehrzweckhallen tingeln. Dieser hier folgt dem üblichen Schema und ist nichts, was man zwingend sehen muss. Wenn man seinen nächsten Urlaub allerdings genau in der hier abgedeckten Region zu verbringen gedenkt, dann ist das kein so schlechter Start in die Urlaubsvorbereitung. Dabei ist der Film übrigens nicht nur pure Tourismuswerbung, sondern thematisiert auch unhübschere Aspekte wie den KdF-Komplex in Prora oder das Atomkraftwerk Lubmin.

Außerdem: viel David Bowie bei Arte und beim WDR. Danke dafür! Und: Schulz und Böhmermann bei ZDFneo. Ich mochte schon den Vorgänger mit Charlotte Roche und mag auch diese neue Version. Der Look und das Grundprinzip wurden beibehalten, neu sind die fast immer großartigen Vorstellungstexte von Sibylle Berg. Dass in den Sendungen nicht alles perfekt ist, ist Teil des Programms und gehört so. Leider war es in den vier Folgen sehr häufig so, dass interessante Gespräche im Entstehen waren, dann aber wieder abgewürgt wurden. Am besten gefiel mir Folge 4 (mit Sophie Hunger, Kat Kaufmann, Nikolas Blome und Geiath Hobi), da funktionierte der Mix am besten: ein bisschen Tiefgang, ein bisschen Politik, ein paar Gags, halbwegs ausgewogene Redezeit für alle, unterm Strich eine unterhaltsame Stunde. Profitieren würde die Show von drei Änderungen: zum einen mehr Folgen, damit das Team Routine entwickeln und Gelerntes gleich anwenden kann. Zum anderen sollte man die Gimmicks komplett streichen, die sich die Redaktion für jede Folge neu ausdenkt. Die sollen witzig sein und die Runde auflockern, wirken aber immer nur störend. Und drittens könnte es dem Format gut tun, einen Gast weniger einzuladen. 

 

Zwanzig Fünfzehn

Auch für 2015: Mein kleiner Film- und Kino-Jahresrückblick in Fragebogenform.

Anzahl Kinobesuche 2015: Nur noch 21, davon acht auf dem Filmfest München und eine Pressevorführung. Es fällt mir zusehends schwerer, mich zu einem Kinobesuch zu motivieren und dabei Begleiterscheinungen wie lange Anfahrt, unpassende Spielzeiten, zu viel Werbung, teure Eintrittspreise u.ä. in Kauf zu nehmen.

Die drei Filme des Jahres: Inside Out von Pete Docter, Ex Machina von Alex Garland, Song of the Sea von Tomm Moore.

Den hätte ich gerne im Kino gesehen: Ich habe einiges verpasst, was ich eigentlich sehen wollte. Am meisten stinkt mir das im Fall von Sicario und Mad Max – Fury Road

Den hätte ich lieber nicht gesehen:  Boy 7 von Özgür Yıldırım. Grausamer Versuch, im deutschen Kino jetzt auch mal ein bisschen Hunger Games zu spielen. Passable Schauspieler und brauchbarer Look, aber in Sachen Glaubwürdigkeit sehr schlimm. Mehrfaches Winden im Kinosessel.

Quälendste Filmminute: Wahrscheinlich irgendwas in Tokyo Tribe von Sion Sono. Ein irrer Film, den ich in einer zu heißen Sommernacht, in leicht delirösem (weil übermüdeten) Zustand sah, weshalb er auf mich noch surrealer wirkte als er ohnehin war.  War schon okay so.

Entzückendste Filmminute: Die meisten davon gab es sicher in Shaun the Sheep und in Song of the Sea.

Freudigste Entdeckung: Der Bunker von Nikias Chryssos. Da steckt einiges von Wenzel Storch und Helge Schneider drin, ist aber insgesamt ernst- und rätselhafter und dennoch ein großes Vergnügen. Mochte ich sehr.

Abspann des Jahres: Die End Credits von Big Hero Six waren sehr hübsch:

Leider hierzulande ziemlich untergegangen: Wie üblich ein Ghibli-Film, Erinnerungen an Marnie, der wie üblich nur im Nachmittagsprogramm, und dort auch nur sehr kurz, zu sehen war.

Überraschend gut: Hätte ich ihn schon gesehen, würde ich hier vielleicht Star Wars – The Force Awakens schreiben. Ansonsten blieb eigentlich alles im Rahmen meiner Erwartungen.

Völlig überflüssig: Jurassic World, Terminator Genisys und andere aufgewärmte Franchises.

Why the fucking Hype? Minions, überall Minions.

Aus dem Film bin ich gegangen: Wie immer: aus keinem.

Aus dem Film hätte ich gehen sollen: Boy 7, siehe oben.

Hier hätte ich gerne mitgewirkt: Bei der langsamsten Verfolgungsjagd der Welt, mit Josef Hader und Tobias Moretti durch Graz in Das Ewige Leben.

Knutschen würde ich gerne mit: Nicole, der Kinoangestellten in Whiplash, eine sehr süße Rolle, die vom Drehbuch leider arg schnell und rüde entsorgt wurde. Gespielt von Melissa Benoist, die jetzt als Supergirl fliegt.

Schönster Filmsatz: „not quite my tempo.“ 

Liebste Filmkritik: Ich habe das Gefühl, ich lese und höre seit Jahren die gleichen Kritiker – kann jemand ein paar interessante neue, junge Stimmen empfehlen?

Ich fürchte mich vor: Batman v Superman: Dawn of Justice

Ich freue mich auf: The Hateful Eight, The Hateful Eight, The Hateful Eight. Und den neuen Coen-Film.

Die Fragebögen der Vorjahre: 20142013, 201220112010200920082007 und 2006.
Wer Lust hat, darf diesen Fragebogen natürlich gerne selbst ausfüllen.