Im Kino sehen: Micmacs à tire-larigot (Micmacs - Uns gehört Paris!): Auch wenn es mittlerweile schick geworden ist, Amélie ganz furchtbar zu finden: Ich mag Jean-Pierre Jeunet und freue mich auf seinen neuen Film, der wieder sehr typisch Jeunet-mäßig aussieht. Eine Handvoll sonderbegabter Freaks nimmt es mit der Waffenindustrie auf. Sieht nach tollem Augenfutter und einem sehr vergnüglichen Film aus.
Vielleicht mal im Fernsehen: Akadimia Platonos (Kleine Wunder in Athen): Sehr lakonische Familienkomödie aus Griechenland, die von ihren schrullig-verschrobenen Typen lebt. Und mit sowas kriegt man mich meistens.
Köprüdekiler (Men on the Bridge): Semidokumentarisches Drama über das Leben dreier Männer, deren Arbeit sich auf der Bosporusbrücke in Istanbul abspielt: ein Polizit, ein Taxifahrer, ein Rosenverkäufer. Dargestellt von Laienschauspielern. Vermutlich sehenswertes türkisches Gesellschaftsporträt.
Muss nicht sein: The Karate Kid (Karate Kid): Remake des 80er-Teenie-Erfolgs, der diesmal eigentlich “Kung Fu Kind” heißen müsste, denn Karate wird hier gar nicht betrieben und der Kampfsportzögling ist noch nicht mal ein Teenager: Will Smiths Sprössling Jaden war beim Dreh grade mal 11. Als Meister der martialischen Kunst ist hier Jackie Chan am Start. Weit oben auf der Überflüssigkeits-Skala.
Knight and Day: Leichtverdauliche Popcorn-Action, wohin die Jungmänner auch ihre Freundinnen mitnehmen können, weil auch ein bisschen RomCom beigemischt wurde. Die Handlung ist hier völlig piepegal, was zählt ist die Starpower von Tom Cruise und Cameron Diaz. Löblich ist ja immerhin, dass hier mal ein Sommer-Blockbuster kommt, der kein Remake, Sequel, Comic- oder Videospielverfilmung ist. Wenn man dann aber liest, dass der Film mehrmals umbenannt, am Skript seit Jahren x-fach herumgeschraubt und mehrfach Besetzung und Regisseur ausgetauscht wurden, dann hat man die Hoffnung auf einen gelungenen Film schon wieder aufgegeben.
Heute abend startet auf 3sat eine einwöchige Reihe mit Animationsfilmen für Erwachsene. Die ziemlich sehenswerte Auswahl umfasst sechs Langfilme (davon vier Erstausstrahlungen), dazu gibt es eine halbstündige Doku zum Thema (heute, 22:25 Uhr oder online in der Mediathek) und eine Kurzfilmnacht mit zehn Kurzfilmen.
Heute, Dienstag, 22:55 Uhr: Blood Tea and Red String
Wortloser Puppentrickfilm, der sich um eine Puppe dreht, bzw. um den Streit zwischen zwei Gruppen von Mäusen, die beide diese Puppe haben wollen. Das dürfte zum Auftakt gleich der sperrigste Film dieser Reihe sein. Lukas Foerster schreibt auf critic.de: “Einige Sequenzen sehen beinahe aus wie verfilmte abstrakte Kunst” und lobt den “beeindruckenden Formenreichtum”.
Mittwoch, 21.7., 22:25 Uhr: Das Mädchen, das durch die Zeit sprang
Japanischer Anime von Mamoru Hosada, bei dem es, wie man unschwer errät, um Zeitreisen geht. Der Film war 2006/2007 ein Festivalhit und bekam eine Menge Lob. Auch von FAZ-Autor David Gern, der hier alle Filme der 3sat-Reihe vorstellt und jubelt: “ein Film, der so viel Leben atmet, dass man fast das Gefühl hat, der Zuschauer bekäme es selbst eingehaucht. Man kann den Verantwortlichen bei 3sat nur gratulieren, dass sie dem Film zu seiner deutschen Erstausstrahlung verholfen haben.”
Donnerstag, 22.7., 22:25 Uhr: Renaissance
Im Motion-Capture-Verfahren gedrehte Noir-Science-Fiction in strengem Schwarz-Weiß, der vor allem durch seine Atmosphäre überzeugt. Ich habe den Film 2007 auf DVD gesehen und schrieb als Fazit: “Visuell durchaus ein kleines Schmankerl, bei dem leider die Story nicht ganz mithalten kann.”
Freitag, 23.7., 22:25 Uhr: Strings
Ein Marionettenfilm aus Skandinavien, von dem ich noch nie gehört habe. Es geht ganz klassisch um Könige und Thronfolger, um Mord und Selbstmord, um Krieg und Frieden. Wie man im Trailer sieht, versucht der Film nicht, die Fäden zu verstecken, an denen die Figuren hängen, sondern macht sie zum Thema (und schließlich auch zum Titel des Films).
Freitag, 23.7., 0:25 Uhr: Kurzfilmnacht
Fast 3 Stunden Trickfilme zwischen 3 und 43 Minuten. Hier die komplette Übersicht. Am bekanntesten ist wohl der Stop-Motion-Puppenfilm zu Prokofjews Peter und der Wolf.
Samstag, 24.7., 15:10 Uhr: Das wandelnde Schloss
Sicher der bekannteste Film dieser Reihe. Lief auch schon mehrmals im Fernsehen, zuletzt in der Hayao-Miyazaki-Reihe bei arte. Man kann aber Miyazaki-Filme gar nicht oft genug im Fernsehen zeigen.
Samstag, 24.7., 15:10 Uhr: Lucky Luke - Auf in den wilden Westen
In Frankreich werden mit gewisser Regelmäßigkeit Lucky-Luke-Zeichentrickfilme produziert, dieser ist der jüngste, stammt von 2007 und basiert v.a. auf dem Album La Caravane (Kalifornien oder Tod). Wahrscheinlich der unspektakulärste und durchschnittlichste Film dieser schönen Reihe. Aber vielleicht brauchten die Redakteure einfach irgendeine bekannte Comicfigur, mit der sie den Damen und Herren in der Chefetage das Projekt schmackhaft machen konnten.
Hier noch der Link zur Überblicksseite bei 3sat.de. So, jetzt kann keiner mehr sagen, er hätte von nichts gewusst! Programmiert eure Videorekorder und holt euch mal wieder ein bisschen was zurück von der brav eingezahlten Rundfunkgebühr.
Im Kino sehen: Moon: Höchst sehenswerte Low-Budget-Science-Fiction ohne Weltraumschlachten und Aliens. Vielmehr zollt Regisseur Duncan Jones hier Genreklassikern wie 2001, Solaris und Silent Running seinen Tribut und liefert eher philosophische SF. Der Cast besteht im Prinzip nur aus einer Person, nämlich Sam Rockwell, und der spielt klasse. War letztes Jahr ein großer Erfolg auf vielen Festivals (ich sah ihn beim Filmfest München) und bekommt nun spät aber verdient eine reguläre Kinoauswertung.
Vielleicht mal im Fernsehen: Kinatay und Lola: Gleich zwei Filme auf einmal bringt Rapid Eye Movies vom philippinischen Filmemacher Brillante Mendoza ins Kino. Für Kinatay, der von einem jungen Polizisten erzählt, der es mit menschlichen Abgründen zu tun bekommt, gewann er die Regie-Palme in Cannes. Man sollte sich auf harten Stoff gefasst machen. Etwas besser verdaulich, aber auch kein leichter Film, dürfte Lola sein: hier geht es um zwei Großmütter — der Enkel der einen hat den Enkel der anderen getötet.
Eine gute Einführung ins Werk von Mendoza gibt’s bei Negativ zu lesen.
Mine Vaganti (Männer al dente): Italienische Familienkomödie, die wohl nicht ganz zu furchtbar ist wie der deutsche Titel, aber auch kein wirklich großer Wurf. Die Rezensionen sind durchwachsen.
Muss nicht sein: New York Memories: Rosa von Praunheim porträtiert seine Lieblingsstadt New York und einige ihrer Bewohner.
Breath Made Visible: Doku über Anna Halprin, die wohl eine ganz große und wichtige Künstlerin ist, wenn man sich für Tanztheater interessiert. Wenn.
The Twilight Saga: Eclipse (Eclipse - Biss zum Abendrot): Teil 3 der Glitzervampire und vorläufiger Höhepunkt eines Hypes, vor dem es scheinbar kein Entkommen gibt. Außer man ist kein Teenager mehr. Regie führt diesmal übrigens David Slade, der mit 30 Days of Night bereits Vampirerfahrung sammelte und davor den fiesen kleinen Thriller Hard Candy inszeniert hatte. Seltsame Karriere.
Marmaduke: Kreuzdoofe Mainstream-Familien-Komödie mit sprechenden Hunden. Leider auch mit William H. Macy und mit Lee Pace, dem netten Kuchenbäcker aus Pushing Daisies.
Im Kino sehen: Please Give: Vor wenigen Stunden hörte ich eine nicht mehr ganz frische Ausgabe des Podcasts von Mark Kermode, in der Please Give als “Film of the week” empfohlen wurde. Bis dahin hatte ich noch nullkommagarnix davon gehört, und nun stelle ich überrascht fest, dass er auch bei uns läuft. Gut so! Denn ich habe das Gefühl, das könnte mir gefallen: eine smarte Komödie mit Catherine Keener als Großstadtneurotikerin, die wohlhabenden Lifestyle mit einem guten Gewissen vereinbaren möchte. Also ein bisschen die Kinoversion von Dr. Dr. Rainer Erlingers Moralkolumne im SZ-Magazin.
The Invention of Lying (Lügen macht erfinderisch): Als dieser Film erstmals angekündigt wurde, habe ich mich irrsinnig drauf gefreut: der erste “richtige” Kinofilm meines Lieblings-Comedy-Typen Ricky Gervais (Regie, Buch, Hauptrolle)! In einer Welt, die die Lüge nicht kennt, kommt Gervais per Zufall drauf, wie man die Unwahrheit sagt und macht damit Karriere (Eine einfache Grundidee, die der Erfinder des deutschen Verleihtitels leider ganz und gar nicht verstanden hat). Der Trailer sieht dann aber doch mehr nach einer recht braven Mainstream-Komödie aus, und das Kritiker-Echo ist auch eher durchwachsen. Aber Fan bleibt Fan, also werde ich wohl versuchen, den Film im Kino zu sehen.
Auf die DVD warten: Mr. Nobody: Hochinteressant sieht das aus, wenn auch vielleicht etwas überambitioniert: Mr. Nobody ist der letzte sterbliche Mensch in einer Zukunft, in der die Menschen nicht mehr sterben müssen. Am Ende seines Lebens erinnert er sich an sein Leben zurück, besser gesagt an drei potentielle Varianten seines Lebens, die unterschiedlich verlaufen, je nachdem für welches Mädchen er sich entscheidet.
Predators: Ich habe Predator nicht in dem Alter gesehen, in dem man ihn sehen sollte, um nachhaltig begeistert zu sein, sondern viel viel später. Daher konnte ich auch nicht die immense Vorfreude auf dieses Sequel teilen (Oder ist es ein Reboot? Oder gar ein Remake?), die im Internet herrschte. Nun sind sie also zurück, die Killer-Aliens mit Rastalocken, und statt Arnold Schwarzenegger muss Adrien Brody mit ihnen fertig werden. Für einen netten Filmabend ohne Anspruch könnte es trotzdem reichen: das Tomatometer zeigt im Moment immerhin 67% an.
Vielleicht mal im Fernsehen: Herbstgold: Sehr alte Menschen, die Sport treiben. Wettkampfsport, mit allem gebotenen Ernst. Dürfte einige sehr liebenswerte Momente enthalten. Auf jeden Fall vormerken, wenn der mal in der Glotze läuft.
Bergfest: Deutsches Kammerspiel um einen Vater-Sohn-Konflikt, ohne Fördergelder finanziert. Auf einer Berghütte wird ein junger Mann, der dort mit seiner Freundin Winterurlaub machen will, von seinem Vater überrascht, zu dem er acht Jahre lang keinen Kontakt hatte. Die Rezensenten loben vor allem die Schauspieler.
Muss nicht sein: Voodoo - Die Kraft des Heilens: Über den Voodoo-Kult herrschen eine Menge Missverständnisse, und wenn eine Doku wie diese dazu beitragen kann, sie abzubauen, ist sie schonmal für was gut. Ich persönlich würde mir das aber lieber von jemand anderem erklären lassen als von einem “deutschen Ethnologen und Fotografen”.
Mahler auf der Couch: Clash of the Titans: Gustav Mahler lässt sich von Sigmund Freud therapieren. Biopic (das sich wohl recht viele erzählerische Freiheiten nimmt) für Herrn und Frau Bildungsbürger.
Pornography: A Thriller (Pornography: Ein Thriller): Low-Budget-Thriller, in dem es um mögliche Snuff-Filme und einen verschwundenen schwulen Pornodarsteller geht. Braucht vermutlich kein Mensch.
Auf die DVD warten: Les Beaux Gosses (Jungs bleiben Jungs): Französische Pubertätskomödie, die im Fahrwasser von American Pie und Co. schwimmt, dabei aber sehr viel charmanter und lebensnaher geraten sein soll. Der wortlose Trailer ist angenehm unkonventionell und auch Regisseur Riad Sattouf könnte ein Argument sein. Der macht nämlich auch Comics, und die sehen vielversprechend aus. Läuft in München leider nur im Mathäser, und da geh ich nicht hin.
Gordos (Gordos - Die Gewichtigen): Spanische Dramödie von Daniel Sánchez Arévalo, der für dunkelblaufastschwarz schon viel Lob bekommen hat. Es geht episodenhaft um eine Gruppe Übergewichtiger, ums Abnehmen und darum, dass diese auch ein Liebes- und Sexleben haben. Könnte ein Geheimtipp sein.
When You’re Strange (The Doors: When You’re Strange): Indie-Filmemacher Tom DiCillo (Living in Oblivion) hat eine Menge Archivmaterial aus dem Leben von Jim Morrison und den Doors gesichtet und daraus eine Rockumentary gemacht, die ohne die typischen Interviews von schmerbäuchigen, grauhaarigen Männern auskommt, die nostalgisch in die Vergangenheit blicken. Dafür gibt’s Johnny Depp als Erzählstimme aus dem Off.
The Private Lives of Pippa Lee (Pippa Lee): Es gibt sie noch, die erwachsenen Filme aus Hollywood. Rebecca Miller verfilmte ihren eigenen Roman, in dem es um eine gediegene Frau geht, die auf ihre bewegte Vergangenheit zurückblickt. Dürfte sehenswert sein.
Vielleicht mal im Fernsehen: Shrek Forever After (Für immer Shrek): Vierter Teil der Trickfilmreihe, die anfangs noch richtig gut und originell war. Shrek 2 war nur noch so mittel, auf Teil 3 hatte ich wegen der durchweg schlechten Kritiken ganz verzichtet. Numero 4 soll wieder einen Tick besser sein, aber leider reicht das nicht, um mich zum Kinobesuch zu animieren. Ach ja, die neue Episode ist selbstverständlich in 3D.
Jedem Kind ein Instrument - Ein Jahr mit vier Tönen: Doku über ein Bochumer Schulprojekt, bei dem jedem Grundschulkind Musikunterricht mit seinem Wunschinstrument ermöglicht wird. Okay, gut, aber im Kino??
Muss nicht sein: The Other Man (Der Andere): Ehebruch-Drama (basierend auf einer Kurzgeschichte von Bernhard Schlink) mit Laura Linney, Liam Neeson, Antonio Banderas. Die Besetzung ist vielversprechend, die Kritiken dagegen nicht: nur 16% auf dem Tomatometer.
Zanan-e bedun-e mardan (Women without Men): Vier iranische Frauen zur Zeit des Putsches von 1953, in schönen Bildern gefilmt von der Videokünstlerin Shirin Neshat. Das ist die Sorte von wohlmeinendem, ernsthaftem, anspruchsvollem Polit- und Message-Kino, das oft öde, manchmal aber auch brillant sein kann. Kann mich leider nicht dazu durchringen, das interessant genug für einen Filmabend zu finden.
Sorority Row (Schön bis in den Tod): Famos finde ich ja den englischen Titel, der sich beinahe so schön knödeln lässt wie “The Rural Juror” aus 30 Rock. Ansonsten ist das halt just another Teenie-Slasher-Remake mit viel Gewalt und einer Prise Erotik.
Our Family Wedding: Hochzeits-RomCom mit dem simplen High-Concept “Latino-Familie trifft auf Afroamerikaner-Familie”. Wird auch dadurch nicht besser, dass Forest Whitaker eine Hauptrolle spielt.
Das gab es lange nicht: Nur zwei Filme in dieser Woche, die mit mehr als einer Kopie in den deutschen Kinos anlaufen. Es bleibt also ruhig in den Lichtspielhäusern — nicht jedoch in München, wo morgen das Filmfest beginnt. Leider bin ich berufsbedingt die ganze nächste Woche auswärts, so dass das Festival für mich komplett ausfallen muss (und zur Vermeidung größeren Frusts habe ich auch gleich auf die Lektüre des Programmhefts verzichtet). Die regulären Filmstarts dieser Woche:
Auf die DVD warten: Easy Virtue (Easy Virtue - Eine unmoralische Ehefrau): Engländer heiratet junge, wilde Amerikanerin und stellt sie anschließend seiner traditionell geprägten Familie vor. Harmlose Familenkomödie, lustiger Culture-Clash, nichts neues. (Basiert übrigens auf einem Bühnenstück von Noël Coward, das schonmal als Stummfilm von Alfred Hitchcock inszeniert wurde). Gewinnt aber erheblichen Charme durch Britishness, feine Besetzung (Colin Firth, Kristin Scott Thomas) und die Tatsache, dass das ganze in den 20er Jahren spielt. Könnte ein sehr hübscher Sonntagnachmittagsfilm sein.
Muss nicht sein: Altiplano: Jasmin Tabatabai als traumatisierte Witwe, die in den Anden den Eingeborenen beim Widerstandleisten gegen fiese Industrielle hilft. Deutsche Produktion, in Peru gedreht, etwas für Leute, die sich von solchen Texten angesprochen fühlen: “Altiplano ist ein lyrischer und eindrucksvoller Film wie aus einer anderen Sphäre, der bildgewaltig die einzigartige Atmosphäre und Kraft der peruanischen Hochebene einfängt.” Ist vermutlich sogar noch schlimmer als diese Selbstauskunft klingt. Ekkehard Knörer schreibt im Perlentaucher von einem Film mit zwei Seiten: “Brutales Message-Kino zum einen, brutaler Spiritualismus zum anderen.”
Ein Dokumentarfilm von Yves Hinant, der mehrere Schiedsrichter während der EM 2008 in Österreich und der Schweiz beobachtet. Referees at Work zeigt Spitzenfußball aus einer Perspektive, die man sonst eigentlich nie wahrnimmt: aus dem Blickwinkel der Schiedsrichter. Wie ist es, vor tausenden von Zuschauern im Stadion ein Match zu leiten, das Spiel im Griff zu behalten, ohne es unnötig zu beeinflussen? Unter welchem Druck steht man als Schiedsrichter? Wie hält ein Dreierteam (Schiri plus Linienrichter) zusammen? Sind die einzelnen Schiedsrichterteams eher Kollegen oder eher Konkurrenten?
Man lernt so einiges in diesem Film: Ziemlich einzigartig sind die Tonaufnahmen während der Spielausschnitte, auf denen zu hören ist, wie die Schiedsrichter-Teams über ihre Headsets kommunizieren. Hier ist viel von der enormen Anspannung zu spüren, die auf den Männern liegt. Am Ende des Spiels, das ist einem als “normaler” Fußball-Zuschauer nie bewusst, gehen auch die Schiedsrichter mit dem Gefühl vom Platz, gewonnen oder verloren, vielleicht auch mal unentschieden gespielt zu haben. Und bei einem Turnier wie der Europameisterschaft geht es auch bei den Schiris ums Weiterkommen oder Ausscheiden. Nur einer kommt ins Finale, alle anderen fliegen raus. So stehen also auch die Schiedsrichter in einem sportlichen Wettbewerb, nur auf einer anderen Ebene.
Hat man dies verstanden, versteht man auch die zunächst sehr skurril anmutenden Szenen, in denen man Freunde und Verwandte der Protagonisten sieht. Die sehen sich interessiert die Spiele an, fiebern mit wie echte Fans, stehen aber nicht hinter einem der beiden Teams, sondern auf der Seite des Schiedsrichtergespanns. Es gibt hier herrliche Bilder zu sehen: der überaus stolze Vater, selbst Hobbyschiedsrichter, der im Stadion seinen pfeifenden Sohn anfeuert; die italienischen Frauen, die am Fernseher ihren rot-gelbe Fähnchen haltenden Ehemänner zujubeln; der nahe Verwandte, der nach dem Turnier ein signiertes Original-Schiri-Trikot geschenkt bekommt und voller Stolz kundgibt, man möge ihn bitte in diesem Hemd beerdigen.
Ein Schwerpunkt des Films liegt auf dem Engländer Howard Webb, der mit einer Entscheidung für Aufsehen sorgte: Er gab im Spiel Österreich gegen Polen einen umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit, der zum Ausgleich für Österreich führte. Die polnische Nation hatte ein neues Feindbild, Webb bekam Morddrohungen, seine Familie hatte Angst um ihn und er um sie. Der Film zeigt diese Momente sehr eindringlich, behält aber auch hier seinen sehr nüchternen Stil bei, ohne die Ereignisse zum großen Drama hochzustilisieren.
Die Kamera bleibt stets in der reinen Beobachterposition, es gibt weder Off-Kommentar noch direkte Zitate in die Kamera, keine Einblendungen, keine Musik. So kann sich der Zuschauer wie ein unsichtbarer Spion fühlen, der an Szenen teilhaben kann, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das gilt besonders für die Szenen direkt vor und nach den Spielen in der Umkleidekabine.
Durch die konsequente Konzentration auf die Schiedsrichter und ihr direktes Umfeld (kein einziger Spieler oder Trainer kommt zu Wort) gelingt es dem Film, Sympathien und Anerkennung für jene Akteure zu schaffen, die normalerweise nur dann gelobt werden, wenn sie nicht auffallen, und ansonsten Ziel von Attacken jeder Art sind (natürlich auch wieder bei dieser WM). In einigen Momenten lässt er aber auch die besondere Atmosphäre jenes verschworenen Männerbundes erkennen, wenn die Schiedsrichter in ihren Zirkeln unter sich sind. Man bekommt dann eine leise Ahnung davon, wie es zu so eigenartigen Phänomenen wie der Amerell-Affäre kommen kann.
Ein äußerst sehenswerter Film, der vor allem durch seinen ungewohnten Blickwinkel auf ein Spiel besticht, von dem man glaubt, es sei bereits rundum ausgeleuchtet und bis ins kleinste Detail erforscht.
Der Film wird gesponsort vom Videoportal myVideo, wo er auch in voller Länge und in akzeptabler Qualität mit deutschen Untertiteln verfügbar ist. Referees at Work auf myvideo.de
Die Fußball-WM läuft, und wir bekommen eine weitere Woche ohne sonderlich relevante oder interessante Neustarts.
Auf die DVD warten: Five Minutes of Heaven: Liam Neeson spielt einen altgewordenen Protestanten, der im Nordirland-Bürgerkrieg als Teenager einen Katholiken ermordet hat. Nun soll er nach dem Absitzen seiner Haftstrafe den Bruder des Opfers zu einem öffentlichen Aussöhnungsgespräch im Fernsehen treffen. Regie führt der deutsche Regisseur Oliver Hirschbiegel, der mit dem Untergang gleichermaßen Erfolg und Prügel einsammelte. Für diesen Film erfährt er vor allem vielLob.
Vielleicht mal im Fernsehen: La Nana (La Nana - Die Perle): Die Titelgebende “Perle” ist ein altgedientes Hausmädchen in einem reichen chilenischen Haushalt, das sich Laufe der Jahre allerdings vom Engel zum Drachen entwickelt hat. Als die Familie ein zweites Hausmädchen einstellt, wird’s erst recht schwierig. Bestimmt nicht jedermanns Tasse Tee, aber durch sein unverbrauchtes Thema und seine Portion Humor durchaus interessant.
Muss nicht sein: Amelia: Pathosgeladenes Biopic über die Fliegerlegende Amelia Earheart. Startet in Deutschland trotz relativ bekannter Namen (Regie: Mira Nair, Hauptrollen: Hilary Swank, Richard Gere, Ewan McGregor) nur auf sehr kleiner Flamme (sieben Kopien). Mit einem Tomatometer-Ranking von 20% wird das wohl genau richtig sein.
When in Rome (When in Rome - Fünf Männer sind vier zuviel): Schön, dass Kristen Bell nach ihrem Serienruhm mit Veronica Mars jetzt Kinohauptrollen bekommt. Nicht schön, dass es in einer gehirnfreien RomCom geschieht, die sich von den umpfzigtausend anderen RomComs vor allem dadurch unterscheidet, dass sie in Rom (Ha! ROM-Com! Get the pun?) spielt und dem Zuschauer damit auch noch die volle Ladung Rom- und Italien-Klischees ins Gesicht wirft. Grazie, no.
Hanni & Nanni: Ach du Scheiße. Das Grauen in Rosa. Hat alles, was am kommerziellen deutschen Kinderkino hassenswert ist. Inklusive Gaststars aus der Glotze (Pocher) und anerkannte Schauspieler, die meinen, wenn Sie für Kinder spielen, müssen sie hemmungsloses Overacting betreiben (von Borsody, Elsner).
Musste letzte Woche wegen Comic-Salon leider nochmal pausieren und bin dieses Mal auch schon wieder spät dran. Aber was solls, diese Woche sind es WM-bedingt zum Glück nur sehr wenige Neustarts.
Vielleicht mal im Fernsehen: Cindy liebt mich nicht: Beim ersten Gucken des Trailers konnte ich mich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren, weil ich den Song (Daliah Lavis 1971er-Schlager “Willst du mit mir gehn”) aus irgendeinem Grund so toll finde. Der Film ist eine deutsche Dreiecks-Geschichte, die angenehm leicht, aber nicht blöd daherkommt. Zwei Männer, die die gleiche Frau lieben, müssen sich zusammentun, weil eben jene Frau sich plötzlich nicht mehr meldet. Für einen Fernsehabend vielleicht mal das richtige.
Mammoth (Mammut): Familiendrama mit großen Ambitionen: ein scheinbar perfektes Vater-Mutter-Kind-plus-Kindermädchen-Idyll geht kaputt, weil der Vater ungewollt eine Kettenreaktion auslöst, die sich über den halben Erdball entspannt. Das erinnert an Inárritus Babel, aber die Kritiken lesen sich durchweg so, als sei Regisseur Lukas Moodysson an seinem eigenen, zu hohen Anspruch gescheitert. Ein paar Stichworte: “kitschige Verlogenheit”, “plakativ”, “Sozial-Schmonzette”, “Binsenwahrheit”, “überfrachtetes Drehbuch”, “Global-Soap”. Schade eigentlich, denn grundsätzlich sieht der Film sehr interessant aus.
Swinki (Ich, Tomek): Polnisches Drama über die Blitzkarriere des jungen Tomek vom Schulbub über Strichjunge zum Zuhälter. Harter Sozialrealismus, an dem die Rezensenten vor allem den Hauptdarsteller Filip Garbacz loben.
Muss nicht sein: My Name is Khan: Au weia, hier will jemand ganz viel auf einmal. Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan spielt einen indischen, muslimischen Autisten in den USA, der nach dem 11. September unter Terrorverdacht gerät und nicht nur seine Haut, sondern auch seine große Liebesbeziehung retten muss. Inszeniert mit einer Menge Pathos, und in den deutschen Kinos von knapp drei auf gute zwei Stunden zusammengekürzt. Ganz sicher nichts für mich.
Marcello Marcello: Nostalgische Rom-Com aus Italien, die in Italien spielt, aber aus deutsch-schweizerischer Produktion stammt. Mit der geballtesten Ladung an Südeuropa-Kitsch, die man sich nur vorstellen kann. Das mag vielleicht nicht mal uncharmant sein, kommt im Trailer aber derart kalkuliert und klischeehaft daher (allein schon diese märchenonkelige Off-Stimme!), dass ich kotzen möchte.