Meine TV-Serien 2014

Alle echten Serienfreaks, die den heißen Stoff ganz frisch konsumieren, möglichst schnell nach Erscheinen, werden sich hier gleich gepflegt totlachen, denn serientechnisch bin ich ziemlich entspannt und unglaublich im Hintertreffen. Klar will auch ich die ganzen supertollen High-Quality-Produkte sehen, aber da es leider viel mehr interessantes Zeug gibt als mein Zeitbudget erlaubt, und ich auch gar nicht jeden Tag fernsehen möchte, warten noch viele viele Stunden ungesehenes Material auf mich. Ich brauche nicht aufgeregt nach der dritten Staffel von Sherlock zu gieren, ich hab ja noch nicht mal die zweite gesehen. Kommt alles noch, eins nach dem anderen. Ich hab Zeit (bzw. eben genau nicht, aber Siewissenwasichmeine).

Was ich auch nicht kann, ist Binge-Watching. Zwei, maximal drei Folgen am Stück sind okay, dann brauche ich eine Pause. Außerdem bin ich auch schlecht darin, mehr als zwei Serien über einen gewissen Zeitraum parallel zu gucken. Man sieht also, mehr als vielleicht zehn Serienstaffeln pro Jahr sind gar nicht drin. Zwielichtige Streamseiten habe ich bislang ebensowenig benötigt wie einen Proxydienst. Alles, was ich 2014 geguckt habe, waren Ausstrahlungen im Free-TV (zeitunabhängig geguckt via Festplattenrekorder). In der letzten Woche des Jahres habe ich dann aber doch mal einen Account bei diesem Streamingdienst eröffnet. Mal sehen, wie das den Serienkonsum 2015 beeinflusst.

Im vergangenen Jahr habe ich also – in chronologischer Reihenfolge – folgendes geschaut (Alle Serienjunkies können hier aufhören zu lesen, es gibt keinerlei Geheimtipps zu entdecken):

houseofcards

House of Cards, Staffel 1

Kein Arschloch sehe ich mir lieber an als Frank Underwood. Ich bin zwar ziemlich sicher, dass diese Serie kein wirklich realistisches Bild des Politbetriebs in Washington zeigt, dafür aber ein spannendes und faszinierendes. HoC war eins der Aushängeschilder beim Start von Pro Sieben Maxx, wo die Serie im Original mit Untertiteln gezeigt wurde (was ich ohnehin immer bevorzuge). Mittlerweile hat der Sender die OmU-Sendungen gestrichen, die zweite Staffel gab’s nur noch in synchronisierter Form. Aber jetzt hab ich ja diesen Streamingdienst, und da kommt der Stoff ja schließlich her.

tatortreiniger

Der Tatortreiniger, Staffel 3 (also die Folgen von Staffel 2 und 3, die Anfang 2014 gezeigt wurden)

Schlicht und ergreifend das Beste, was das deutsche Fernsehen momentan selbst produziert. Okay, ist ja auch nicht schwer, mögen Sie da vielleicht einwenden, aber: ist es eben doch. Hier stimmt alles – Drehbuch, Dialoge, Schauspiel, Setting, Timing. Wahnsinnig komisch, dabei aber auch noch mit Haltung und der Lust, auch ernste Themen mit einzuflechten.

breakingbad

Breaking Bad, Staffel 5/erste Hälfte

Würde ich immer noch als meine Lieblingsfernsehserie bezeichnen. Fand ich von Anfang an toll und mag’s immer noch sehr. Habe das seinerzeit (2010) bei Arte angefangen zu gucken und bin dieser Sendeform treu geblieben. Gerade weil Breaking Bad so gut ist, will ich mir da gar nicht vier Folgen am Stück reinziehen, sondern lasse mir Zeit, schaue zwei bis drei Folgen pro Woche und bereite das ein bisschen nach mit Hilfe von Recaps und Podcasts. Wie bei einem guten Rotwein. Die Abschlussfolgen gab’s bisher leider nicht bei Arte. Aber jetzt hab ich ja den Streamingdienst.

orphanblack

Orphan Black, Staffel 1

Frau stellt fest, dass sie mehrere Doppelgängerinnen hat. Stellt sich raus, dass sie Teil eines großen Klon-Experiments ist und schwupps sind ihr und ihren “Schwestern” allerlei Interessensgruppen auf den Fersen. Das ist solide, flott erzählte Mystery-SF-Genrekost, die vor allem durch zwei Besonderheiten hervorsticht: Da ist zum einen Hauptdarstellerin Tatiana Maslany, die in einem halben Dutzend Rollen zu sehen ist und es tatsächlich schafft, all ihren Figuren einen eigenen, unverwechselbaren Charakter zu geben (in der deutschen Synchro ist das leider deutlich abgeschwächt). Zum anderen lebt die Serie nicht nur von Thrill, Action und Plottwists, sondern auch von einer schönen Portion Ironie und Humor, was in diesem Genre leider oft zu kurz kommt. Und den Bechdeltest besteht die Reihe übrigens auch spielend.
Staffel 1 wurde bei ZDF neo gezeigt. Die zweite Staffel lief dann Ende des Jahres ebendort und wurde vom heimischen Rekorder auch aufgenommen, doch leider zeigte der Sender ab der dritten Woche dann plötzlich drei statt zwei Folgen, so dass die Aufnahmen leider unvollständig waren. Aber jetzt hab ich ja den Streamingdienst.

mordmitaussicht

Mord mit Aussicht, Staffel 3

Eine Großstadtpolizistin kommt in die tiefste Provinz, um dort eine kleines Dorfrevier zu leiten. Sympathische ARD-Eigenproduktion, der ich von Anfang an treu bin und die in guten Momenten mit Witz, Intelligenz und Liebe zum Detail besticht. Die Quoten werden immer besser, was man von der Qualität der Serie nicht unbedingt sagen kann. Das Prinzip des Culture Clash Großstadt/Provinz läuft sich wohl langsam tot, zudem litten sehr viele Drehbücher dieser Staffel an Unglaubwürdigkeit und Bescheuertheit und die Inszenierung sehr oft an extremer Schnarchigkeit. Trotzdem gab es immer wieder Momente von Loriot’scher Größe, vor allem dann, wenn Dietmar Schäffer, gespielt vom wundervollen Bjarne Mädel (siehe auch Tatortreiniger) im Spiel war. Außerdem hat sich die vorletzte Folge kulturell verdient gemacht, weil sie es schaffte, Studio Braun alias Fraktus prominent ins ARD-Primetimeprogramm zu schmuggeln.  Verdient einen Grimmepreis für den subversivsten Akt des Jahres.  Eine vierte Staffel brauche ich aber eher nicht mehr.

Der Tatortreiniger, Staffel 4 (also die Folgen von Staffel 3 und 4, die Ende 2014 gezeigt wurden)

So langsam scheint der NDR zu merken, was für eine Perle er da im Programm hat. Im Dezember 2014 gab es erstmals ein halbwegs logisches Sendeschema, außerdem ist das Budget für die einzelnen Folgen gestiegen, was man im Ergebnis auch durchaus sieht. Großartigerweise traut man sich inhaltlich noch mehr Experimente zu. So surreale Komik wie die Folge auf dem Amt oder die Episode “Der Fluch” wäre in den ersten Folgen noch nicht denkbar gewesen. Nach wie vor ist jede Episode sehr gut bis brillant, ich bleibe also dabei: Etwas besseres wird im deutschen Fernsehen derzeit nicht gemacht.

Zwanzig Vierzehn

Wie jedes Jahr: Mein kleiner Film- und Kino-Jahresrückblick in Fragebogenform.

Anzahl Kinobesuche 2013: 17. Neuer Minusrekord. Allerdings dann nochmal 16 auf dem Filmfest München. Zusammen also 33 (davon zwei Pressevorführungen).

Die drei Filme des Jahres: Boyhood von Richard Linklater, Grand Budapest Hotel von Wes Anderson, Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch (Okay, letzterer startete am 25.12.2013).

Den hätte ich gerne im Kino gesehen: Ich habe wieder viel verpasst. Wenn man versucht, 3D-Vorstellungen und Synchronfassungen zu vermeiden, schränkt sich die Auswahl schnell ein und vieles schafft man dann einfach nicht. Verpasst habe ich z.B. Gone Girl, Interstellar, Maps to the Stars, Locke (No Turning Back) und Enemy, obwohl ich die alle sehen wollte.

Den hätte ich lieber nicht gesehen:  Dessau Dancers von Jan Martin Scharf. Breakdance in der DDR, schönes Thema, aber sehr uninspiriert, hölzern und altbacken erzählt. Lief beim Filmfest München und kommt im April 2015 noch regulär ins Kino.

Quälendste Filmminute: Die gab es in Under the Skin, war aber nicht nur quälend, sondern auch großartig und bleibt im Gedächtnis. Mehr will ich da gar nicht schreiben, muss man selber sehen.

Entzückendste Filmminute: Der viel zu kurze Auftritt von Quicksilver in X-Men: Days of Future Past. Großartige Szene.

Freudigste Entdeckung: Vivir es facil con los ojos cerrados von David Trueba (übrigens ein guter Freund von Pep Guardiola, wie ich diesem Buch entnehmen durfte). Kaum ein Film hat mir in diesem Jahr mehr gute Laune bereitet wie dieser schöne spanische Feelgood-Film, der beim Filmfest München lief (hier habe ich etwas mehr dazu geschrieben).

Abspann des Jahres: The Boxtrolls, mit feinem Dialog von Simon Pegg und Richard Ayoade und einem kleinen Making-Of-Einblick in das faszinierende Handwerk der Stop Motion:

Leider hierzulande ziemlich untergegangen: When Animals Dream von Jonas Alexander Arnby (gesehen beim Filmfest München), sehr schöne dänische Variation des Werwolf-Themas. Mehr Coming of Age als Horror, atmosphärisch ein wenig in die Richtung von Let the Right One In (So finster die Nacht).

Überraschend gut: Mit sehr niedrigen Erwartungen ging ich in X-Men: Days of Future Past. Der ist zwar kein Meisterwerk geworden, aber ein durchaus überdurchschnittlich gut guckbarer Popcornfilm mit einem Hammer-Cast und einigen starken Szenen (siehe oben). Dafür, dass das bereits der fünfte Teil eines Franchise ist, keine schlechte Leistung.

Völlig überflüssig: Die Wiederkehr des Sandalen- und/oder Bibelfilms, jetzt halt in 3D und mit CGI-Materialschlacht.

Why the fucking Hype? Sony, Nordkorea und der ganze Trubel um The Interview.

Aus dem Film bin ich gegangen: Wie immer: aus keinem.

Aus dem Film hätte ich gehen sollen: Godzilla von Gareth Edwards. Der Vorspann war wirklich prima, der Rest dann nicht mehr.

Hier hätte ich gerne mitgewirkt: Bei The Grand Budapest Hotel, gedreht größtenteils in Görlitz. Mir hätt’s auch schon gereicht, mit Bill Murray eine Thüringer Bratwurst mit “serious mustard” zu essen:

Knutschen würde ich gerne mit: Wyldstyle aus dem Lego Movie.

Schönster Filmsatz: “Fugazi, Fugazi. It’s a wazy. It’s a woozie. It’s fairy dust.” (Matthew McConaughey in The Wolf of Wall Street)

Liebste Filmkritik: Berni Mayer über Guardians of the Galaxy: “Er hat Soul. Und wie.” Kurz, knackig, auf den Punkt.

Ich fürchte mich vor: Star Wars: Episode VII – The Force Awakens von J.J. Abrams (geguckt wird das natürlich trotzdem).

Ich freue mich auf: Inherent Vice von Paul Thomas Anderson, Birdman von Alejandro González Iñárritu, Avengers: Age of Ultron von Joss Whedon, Inside Out von Pete Docter, Tomorrowland von Brad Bird, Crimson Peak von Guillermo del Toro.


Die Fragebögen der Vorjahre: 2013, 201220112010200920082007 und 2006.
Wer Lust hat, darf diesen Fragebogen natürlich gerne selbst ausfüllen.

Filmfest, Tag 3: Love will tear us apart (again)

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Das Zimmermädchen Lynn von Ingo Haeb

Lynn arbeitet in einem durchschnittlichen Hotel als Zimmermädchen und das scheint genau der richtige Job für sie zu sein, denn sie ist überaus reinlich und penibel. Auch sonst scheint sie die eine oder andere Macke zu haben – wir erfahren nach und nach, dass sie in einer psychiatrischen Klinik war und regelmäßig zu Therapiestunden geht. “Regelmäßig” ist überhaupt sehr wichtig für Lynn. Sie braucht exakte Abläufe und hält alles penibel in ihrem Taschenkalender fest.

Ihr wenig freudvolles Leben bekommt einen gewissen Schwung, als sich Lynn angewöhnt, in den von ihr gepflegten Zimmern intime Blicke in das Leben der Hotelgäste zu werfen: Heimlich probiert sie deren Kleidungsstücke an und versteckt sich unter den Betten, wo sie bald ganze Nächte verbringt. Der heimlich mitverfolgte Besuch einer Prostituierten bei einem Gast bringt Lynn auf eine Idee, die ihr Leben verändern wird. Was sie findet, ist wohl nicht direkt Liebe, aber vielleicht etwas ähnliches.

Ingo Haeb inszeniert seine Romanverfilmung auf eine sehr klare, man möchte fast sagen “cleane” Weise, mit langen Einstellungen und wenigen Dialogen. Lynn, sehr überzeugend gespielt von Vicky Krieps, ist fast durchgehend im Bild, trotzdem erzählt der Film nicht direkt aus ihrer Perspektive, sondern wir sind Beobachter von außen, die sich erst nach und nach zusammenreimen müssen, was diese Lynn für eine Person ist. Vieles bleibt offen, auch am Ende ist Lynn noch eine rätselhafte Frau, aber wir sind ihr doch ein wenig näher gekommen. Mach’s noch.

 

Yeshche Odin God (Another Year) von Oksana Bychkova

Yegor und Zhenya sind ein jung verheiratetes Paar, das in Moskau lebt, sie arbeitet bei einem Onlinedienst, er als Taxifahrer. Über den Zeitraum von einem Jahr beobachten wir die beiden und ihre Beziehung. Eigentlich sind die beiden recht glücklich, aber Yegor ist zunehmend eifersüchtig darauf, dass Zhenya den besseren, interessanteren Job mit deutlich hipperen Kollegen hat als er.

Oksana Bychkova macht daraus kein großes Beziehungsdrama, sondern beobachtet fast dokumentarisch, mit Handkamera, ohne Musikbegleitung, in einem Dogma-artigen Stil. Kurator Bernhard Karl betonte in seiner Einführung, dass dieser Film fast westlich sei, im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen über die Gegenwart in Osteuropa. Auch hier leben ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen, und tatsächlich könnte der Film wohl auch in vielen anderen Städten als Moskau spielen (dann aber mit weniger Schnee und weniger Schnaps). Dass Another Year damit inhaltlich eher banal bleibt, gehört dann vielleicht einfach zum Konzept.

 

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I Believe in Unicorns (Einhörner) von Leah Meyerhoff

Davina ist 16, aber weil sie sich allein um ihre MS-kranke Mutter kümmern muss, ist sie kein kleines Mädchen mehr. Sie will raus aus ihrem engen Alltag und stürzt sich in eine wilde Liebesaffäre mit dem coolen Sterling, die nicht besonders romantisch, sondern eher zerstörerisch ist. Leah Meyerhoffs Film zeigt einen Teenager zwischen Kleinmädchenfantasien (es gibt immer wieder surreale Fantasiesequenzen mit Einhörnern) und der Suche nach dem aufregenden Erwachsenenleben.

Gedreht ist I Believe in Unicorns in einer bewusst hippen Ästhetik, die gleichzeitig selbstgemacht und modern wirken soll. Gedreht wurde auf 16 und 8 Millimeter, die Bilder sehen gewollt unperfekt aus. Zu Beginn ist das noch ganz charmant, vor allem in den mit Stop-Motion-Technik gemachten Traumsequenzen, aber schon nach kurzer Zeit war ich ziemlich genervt von diesem Instagram-Look. Spike Jonze meets Michel Gondry, allerdings stark überwürzt mit Geschmacksverstärkern, die ganz laut “Indie” und “Hipster” und “Sundance” schreien.

Hauptdarstellerin Natalia Dyer ist stark in ihrer Rolle als Davina und schafft es ganz gut, gegen die zeitgeistige Oberfläche anzuspielen. Sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck, und trotzdem bleibt uns Davina bis zum Ende des Films recht fremd. Die Beziehung zu ihrer pflegebedürftigen Mutter wird nur ganz kurz angerissen – schade, das hätte mich eigentlich mehr interessiert als das wilde Rock’n’Roll-Verhältnis mit Sterling. Und die Fantasiesequenzen mit den Einhörnern bilden zwar einen interessanten Kontrast zur Handlung, fügen sich aber nicht wirklich ins Gesamtbild.

Vielleicht liegt’s aber auch nur an mir: Einhörner erwischte mich auf dem falschen Fuß und war viel schroffer und pessimistischer als es der Ankündigungstext, der Trailer und auch die einführenden Worte auf dem Filmfest erwarten ließen. Ich rechnete mit netten Cupcakes und bekam überquellende Aschenbecher. Das ist, wenn man so drüber nachdenkt, auch eine Qualität.

Filmfest, Tag 2: Mit John Lennon, Cindy Two und suizidalen Geschwistern

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Vivir Es Fácil Con Los Ojos Cerrados von David Trueba

1966 drehte John Lennon mit Richard Lester How I Won The War, die Dreharbeiten fanden u.a. in der Nähe von Almería statt, im damals noch franquistischen Spanien. Der alleinstehende Englischlehrer Antonio ist ein riesiger Beatles-Fan und beschließt, mit seinem Auto nach Almería zu fahren, um dort John Lennon zu treffen. Auf der Fahrt dorthin gabelt er noch zwei jugendliche Ausreißer auf: einen Teenager, der Stress mit seinem Vater hat, weil er sich nicht die Haare schneiden lassen will, und eine junge Frau, die aus einem katholischen Heim für ungewollt Schwangere ausgebüxt ist. Gemeinsam erleben die drei Außenseiter ein paar unbeschwerte Tage, schließen Freundschaften, lernen was fürs Leben, und am Ende singt John “Living is easy with eyes closed”.

Vivir es Fácil… ist zunächst einmal ein schöner Wohlfühl-Film, in sonniges gelbes Licht getaucht, mit drei Protagonisten, die dem Zuschauer auf Anhieb sympathisch sind und es bis zum Schluss bleiben. Es macht Spaß, die drei zu begleiten, der Film hat einen sehr warmherzigen Humor, ist dabei aber keine reine Komödie. David Trueba will keine Gag- und Pointenparade, sondern eine Geschichte erzählen, ohne dabei zu dick aufzutragen. Im Kern geht es um Autoritäten (sei es der Vater, die Kirche oder der Staat), um das Aufbegehren gegen sie und den Umgang mit ihnen. Dass in Spanien zur Zeit der Handlung eine Diktatur am Ruder ist, spielt keine ganz unwichtige Rolle, wird im Film aber angenehm subtil und beiläufig behandelt. Hat mir sehr gut gefallen.

 

Schönefeld Boulevard von Sylke Enders

Berlin-Schönefeld kennen wir aus den Nachrichten: diese vermaledeite Flughafenbaustelle, die niemals enden wird. Dort leben aber auch Menschen, eine davon ist die Schülerin Cindy, die gerade kurz vor dem Abi steht. Sie ist dicker als die anderen, womit sie eigentlich ganz gut zurecht kommt, was aber natürlich trotzdem für Fiesheiten seitens der vermeintlichen Schulfreundinnen sorgt. Cindy hat keinen Freund, aber einen besten Kumpel, den Nachbarsjungen Danny, der ziemlich eigenartig ist. Wir beobachten Cindy zwischen Lernstress, Schulmobbing und der unbeholfenen Liebe ihrer Eltern (richtig gut:  Uwe Preuss als Vater). Der geisterhafte, unfertige Flughafen dient dabei nicht nur als interessante Kulisse, sondern auch als Metapher. Von hier aus könnte es in die große weite Welt gehen, man könnte aufbrechen, aber alles ist nur Dauerbaustelle.

Eins der Flughafenhotels ist bereits in Betrieb, dort steigen all die Ingenieure und Experten ab, die beim Bau helfen sollen. Cindy nutzt dieses Hotel als eine Art Startrampe, um wenigstens ein bisschen Aufbruch spüren zu können. Durch unbeholfene, aber erstaunlich erfolgreiche Annäherungversuche lernt sie hier verschiedene Männer kennen. Es sind diese Szenen, die diesen Film so eigenartig machen, weil man nicht so recht weiß, was man davon halten soll: Was Cindy da tut, fühlt sich awkward und falsch (und auch ein wenig unglaubwürdig) an, aber es gibt ihr Selbstvertrauen, hilft ihr bei der Abschlussprüfung (die beste Szene des Films!) und verschafft ihr einen tollen Auftritt beim Abiball. Der dann aber wieder alles andere als triumphal endet. Ein ambivalentes Ende für einen ambivalenten Film, der aber allemal interessant ist, weil er einen bestimmten Zeitgeist sehr gut einfängt, ein paar wunderbar lakonische Momente und mit Julia Jendroßek eine tolle Hauptdarstellerin hat.

 

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The Skeleton Twins von Craig Johnson

Kristen Wiig und Bill Hader, beides altgediente US-Comedy-Ikonen, spielen ein neurotisch-depressives Geschwisterpaar, das sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Maggie erfährt von einem Selbstmordversuch ihres Bruders Milo – und zwar klingelt das Telefon just in dem Moment, in dem sie sich gerade eine schöne Überdosis Tabletten zurecht legt. Maggie legt die Tabletten weg, besucht Milo im Krankenhaus und bietet ihm an, eine Zeitlang bei ihr zu wohnen.

Das könnte nun ein sehr anstrengender Problemfilm werden, oder aber ein kitschiges Lebensmut-fördendes Melodram, aber Craig Johnson und sein famoses Hauptdarstellerpaar machen daraus eine sarkastische Komödie, die immer wieder zwischen tragischen Momenten und sehr, sehr komischen Szenen pendelt. Es gibt rasante Dialog-Duelle, Pupswitze und eine grandiose Musiknummer, darunter liegt aber auch eine sehr ernsthafte Ebene, auf der sich Thirtysomethings die Frage stellen, wie eigentlich ihr Leben aussieht, und ob es das ist, was sie erreichen wollten.

Den Tiefgang, den der Film selbst erreichen will, erreicht er (trotz Tauchunterricht und Unterwasserszenen) vielleicht nur ansatzweise, manchmal trägt er etwas zu dick auf und manche Figur (wie die verkorkste Mutter der beiden) gerät arg klischeehaft, aber insgesamt ist The Skeleton Twins absolut sehenswert, schmeckt ein wenig wie eine modernere Woody-Allen-Variante und gefällt mit seinem teils abrupten Wechsel zwischen Tragik und Komik. Vor allem aber macht es großen Spaß, Kristen Wiig und Bill Hader beim Spielen zuzusehen, zu denen sich mit Luke Wilson als Maggies Mann noch ein dritter Star gesellt. Bei den dreien stimmt einfach das Timing, jede Geste und jede Zeile sitzt. Kommt hoffentlich demnächst auch mal regulär ins Kino.

Filmfest, Tag 1: Kicker aus Samoa, Breakdancer aus Dessau

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Next Goal Wins von Mike Brett und Steve Jamison

American Samoa ist eine Südseeinsel mit 56.000 Einwohnern und einer eigenen Fußball-Nationalmannschaft. Diese hält den Rekord für die höchste Niederlage in einem Pflichtspiel, seit sie 2001 mit 0:31 gegen Australien verloren hat. Das größte Ziel der Mannschaft ist es, wenigstens einmal ein Spiel zu gewinnen. Die englischen Filmemacher Brett und Jamison, selbst leidenschaftliche Fußballfans, wollten wissen, wie so ein Team tickt, das bei einem Halbzeitstand von 0:16 nicht das Handtuch wirft, sondern tapfer zur zweiten Hälfte aufläuft. Sie reisten nach Amerikanisch-Samoa, um die Mannschaft zu porträtieren und hatten das große Glück, dass sich während der Drehzeit eine richtig gute Story entfaltete, die kein Drehbuchautor besser hinbekommen hätte. Die Dramaturgie schreibt sich von selbst, wenn der Fußballverband aus Verzweiflung den niederländischen Trainer Thomas Rongen anheuert, der nicht nur ein echter Typ ist, sondern es auch tatsächlich schafft, ein besonderes Momentum in der Mannschaft zu entfachen.

Brett und Jamison schaffen es, einen respektvollen Blick auf diese exotische Nationalmannschaft und ihre Spieler zu richten, die in mehr als einer Hinsicht besonders sind: Sie leben einen Spagat aus Tradition und Moderne, aus tiefem Glauben und sportlichem Ehrgeiz, und sie haben mit Jaiyah Saelua eine Spielerin im Team, die den Fa’afafine, dem “dritten Geschlecht” Samoas, angehört. Es gibt viele Szenen zum Schmunzeln, aber die Mannschaft wird niemals vorgeführt. Im Gegenteil, man schließt sie schnell ins Herz und fiebert mit, wenn sie zur WM-Qualifikation gegen Tonga, Samoa und die Cook-Inseln antritt.

Natürlich sind Schlagworte wie Herz, Leidenschaft, Teamgeist und “niemals aufgeben” die Themen des Films, und mit etwas Pech hätte daraus ein unangenehm pathetisches Motivationsvideo werden können. Die Filmemacher umschiffen das, weil sie sich wirklich für die Kicker interessieren, und schaffen einen Film, der ebenso hochsympathisch ist wie der Auftritt der beiden beim anschließenden Q&A. Für mich ein mehr als gelungener Start ins Filmfest.

Dessau Dancers von Jan Martin Scharf

Knallig und sexy, hitzig und schwitzig soll dieser Film laut Programmheft sein, ein “German Flashdance“. Es geht um das Breakdance-Fieber, das sich in den Achtzigern auch bis in die DDR verbreitet. Der Protagonist Frank sieht Beat Street im Kino und beginnt mit ein paar Kumpels, die neuartigen Moves selbst auf der Straße nachzutanzen. Die DDR-Apparatschiks reagieren höchst misstrauisch und beschließen dann eine Vereinnahmungsstrategie: Die Breakdancer sollen als “akrobatische Showtanzgruppe” in die regulierte staatliche Unterhaltungsmaschine eingegliedert werden. Es beginnt der alte Popkulturkampf Ausverkauf vs. Street Credibility.

Was nach einer reizvollen Grundidee klingt, ist aber am Ende lediglich eine uninspirierte Ost-Komödie, die noch einmal aufwärmt, was Filme wie Sonnenallee oder Good Bye Lenin! schon vor 15 Jahren gemacht haben. Dessau Dancers wirkt von Anfang an sehr künstlich: Die Dialoge klingen geschrieben, das Schauspiel hölzern, die Kulissen sehen aus wie Kulissen. Bei einem Musik- und Tanzfilm muss das nicht unbedingt schlecht sein, sondern könnte zum Konzept gehören. Aber aus der Künstlichkeit entsteht hier nichts. Stattdessen gibt es altbackene Gags und einen Plot ohne jede Überraschung, in dem alles ausbuchstabiert und dem Zuschauer jede Arbeit abgenommen wird. Ich musste mich noch einmal vergewissern, ob der FIlm wirklich in der Reihe “Neues deutsches Kino” und nicht in der Sektion der Fernsehfilme lief, denn Dessau Dancers fühlt sich an, als wäre er ein möglichst stromlinienförmiger 20:15-TV-Film.

Die vom Filmfest-Ansager so hoch gelobte “unheimliche Kinetik”, die der Film angeblich ausstrahlt, konnte ich auch kaum erkennen. Zwar sind die Breakdance-Szenen ganz klar die Stärke des Films, doch eine wirklich innovative, ungewöhnliche oder auch nur halbwegs mitreißende Bildsprache findet Jan Martin Scharf dafür nicht. Die behauptete Subversion, die der Breakdance mit sich bringen sollte, findet auf der Leinwand nicht statt, der Film bleibt brav und bieder. Und am schlimmsten: Er interessiert sich kaum für seine Figuren. Lediglich Frank wird ein bisschen genauer definiert (wenn auch nicht sehr originell), alle anderen Figuren bleiben extrem blass oder sind lediglich Karikaturen. Über die drei anderen Mitglieder seiner “Kreff” (so spricht man in der DDR “Crew” aus – witzig, gell?) erfahren wir so gut wie nichts. Hätte man sich hier etwas näher an die Figuren gewagt, es hätte dem Film bestimmt nicht geschadet.

Die Doku Here We Come, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigt, kenne ich nicht, sie dürfte aber mit großer Sicherheit der bessere Film sein.

Filmfest München 2014

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Morgen geht’s los! Das große Münchner Filmfestival mit einem Programm von etwas mehr als 150 Filmen in acht Tagen. Das waren in der Vergangenheit schon mal deutlich mehr, aber Festivalchefin Diana Iljine, die das Filmfest heuer zum dritten Mal leitet, hat die Filmanzahl reduziert und zeigt die einzelnen Beiträge stattdessen lieber in mehreren Vorstellungen. Was ich für eine sehr gute Entscheidung halte, denn es ist auch jetzt noch schwer genug, sich erstens aus der Masse an interessant klingenden Angeboten das richtige auszusuchen und zweitens dies dann auch in seinem Terminplan unterzukriegen.

Ich habe das Filmfest in den letzten Jahren immer nur sehr sporadisch besucht, als “normaler Kinogänger” in einzelnen Vorstellungen. Das ist in München auch durchaus so gedacht und gewollt, das Filmfest soll für alle da sein, nicht nur für Freaks und Fachpublikum. Dieses Jahr habe ich es endlich einmal geschafft, mich um Urlaub und eine Akkreditierung zu kümmern, so dass ich diesmal deutlich mehr als die üblichen drei oder vier Filme schaffen werde. Das Zusammenstellen des persönlichen Programms bleibt dennoch (oder gerade deshalb) eine hohe Kunst, die auch viel mit Streichen zu tun hat – vor allem, wenn man auch noch das eine oder andere WM-Spiel sehen möchte. Den ersten Tag, den Samstag, muss ich gleich mal komplett aussetzen (runde Geburtstage gehen vor!), ehe ich dann am Sonntag ganz gediegen mit zwei Filmen ins Festival starten werde. Wir melden uns.

Linkomat: WM Spezial

Es gibt gewiss viele Gründe, die Fußball-WM abzulehnen: Das Geschäftsgebaren der FIFA, die gesellschaftlich-politischen Umstände in Brasilien, der kommerzielle Hype, der Schland-Patriotismus, die Fanmeilen, Steffen Simon und Béla Réthy. Aber. Die Idee, auf zeitlich und räumlich begrenztem Raum ein Länderturnier auszutragen, auf das die ganze Welt gleichzeitig schaut, die hat einen schwer kaputt zu kriegenden Reiz. Und darum freue ich mich trotz allem auf diese WM. Hier ein paar Links für die kommenden Wochen:

  • St. Burnster – Blog von Berni Mayer » » Brennerpass WM-Studio 2014 (0)
    Die launigen Bundesliga-Spieltagszusammenfassungen von Berni Mayer gehören schon lange zu meinen Lieblingsfußballlektüren. Da freut mich natürlich sehr, dass er die WM auf ähnliche Weise begleiten wird.
  • Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch | Abseitige Gedanken zur Fußball-WM
    Poppte ganz unverhofft mit einem neuen Beitrag in meinem RSS-Reader auf, nachdem dort seit Ende der letzten Frauen-WM Schweigen geherrscht hatte. Jetzt schreibt Herr Inishmore dort wieder und das wird vermutlich gut.
  • Fokus Fussball
    Ist ohnehin ganzjährig schwer zu empfehlen. Schwerpunkt des Blogs ist die tägliche Link- und Presseschau, die natürlich auch während der WM gepflegt wird.
  • WM 2014 Spielplan | REKORD | Grafikdesign | Hamburg
    Der superpraktische und ultraportable WM-2014-Spielplan zum Ausdrucken und überallhin Mitnehmen und Ausfüllen.
  • The Guardian Football Weekly podcast | Football | The Guardian
    DER Podcast zur WM: In täglichen Ausgaben wird das Team von “Guardian Football Weekly” wieder mit der bewährten Mischung aus fachlicher Analyse, ironischer Distanz und gediegener Britishness glänzen. Hab ich schon 2010 und 2012 gerne gehört, werde es auch diesmal tun.
  • Der (fast tägliche) Fehlpass WM-Podcast | fehlpass.com
    Yalcin macht seit Jahren einen lauschenswerten Fußball-Plauder-Podcast, in dem meist der FC Bayern im Mittelpunkt steht. Zur WM will er täglich eine kurze Sonderausgabe produzieren. Ich bin sicher, das wird sehr gut.
  • Die Spielverlagerung WM-Vorschau | Spielverlagerung.de
    Bei Spielverlagerung bloggen die Taktiknerds mit sehr viel Fachwissen und Tiefgang. Zur WM haben sie ein E-Book gemacht, in dem sie allen 32 Teams taktisch auf den Grund gehen. Von allen WM-Sonderheften auf dem Markt sicher das fundierteste. Ich wünschte (fast), ich hätte jetzt einen Teilriss des Syndesmosebands oder ähnliches, dann hätte ich auch Zeit, diese langen, nicht ganz trivialen Texte wirklich zu lesen. So muss ich es bei einer Empfehlung belassen.
  • FourFourTwo Guide to the World Cup
    Auch das britische Hochglanz-Fußball-Magazin FourFourTwo stellt alle Teilnehmer vor. Wesentlich weniger Tiefgang, dafür fein fürs Web aufgemacht mit vielen Bildern, Grafiken und leicht verdaulichen Texten. Kommt auch gut auf dem Tablet.
  • My Travels With Brazil’s World Cup Curse – NYTimes.com
    Sehr schön gemachte Foto- und Illustrationsreportage von Christoph Niemann für das Magazin der New York Times. Über das Trauma von Maracanã 1950, Torhüter Moacyr Barbosa und die Architektur von Oscar Niemeyer.

Geguckt im Januar und Februar

Oh je, ich hinke mächtig hinterher …

IM KINO:

onlyloversleftaliveOnly Lovers Left Alive von Jim Jarmusch
Tilda Swinton und Tom Hiddleston als die ältesten Hipster der Welt: Adam und Eve, unsterbliche Vampire, seit Jahrhunderten auf der Welt, von der sie mehr und mehr angewidert sind. Die sterblichen Menschen, auf die vor allem Vampir Adam voller Ekel herabsieht, sind hier die “Zombies”. Beide lieben Kunst und Kultur, Literatur und Musik, und natürlich war da früher alles besser. Dazu passt die pittoresk verfallene Szenerie von Detroit, in der ein Großteil des Films spielt. Jim Jarmuschs Version des Vampirmythos verwendet zwar ein paar gängige Versatzstücke des Genres, ist aber natürlich etwas ganz eigenes. Kein Monsterfilm, kein Horror, keine Fantasy. Jarmusch feiert das Alte, das Stilvolle, das Elegante und das Schöne aus mehreren Jahrhunderten Popkultur und ist dabei ebenfalls elegant, stilvoll und altmodisch (vor allem, was das Erzähltempo angeht). Und nicht zuletzt ist der Film auch überraschend witzig. Wenig Handlung, schicker Look, grandiose Schauspieler – selten war Kulturpessimismus schöner.

Nebraska von Alexander Payne
Bruce Dern als seniler alter Zausel, der sich auf einen langen Trip von Montana nach Nebraska begibt, um dort einen vermeintlichen Millionengewinn einzulösen. Natürlich gibt es da nichts zu holen außer einer sehr hässlichen Truckermütze, das ist sowohl seinem Sohn als auch seiner Ehefrau (ganz wunderbar: June Squibb) klar, aber sie lassen den Alten gewähren und nutzen den Roadtrip als Gelegenheit zur gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung. Alexander Payne inszeniert das in betont einfachem, schwarzweißem Indie-Look, mit viel Humor und einem warmherzigen Ansatz: Er mag seine Figuren und ihre Schwächen, gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis und lässt ihnen auch in eigentlich würdelosen Situationen ihre Würde. Feines Filmchen, das bei den Oscars zwar erwartungsgemäß leer ausging, aber immerhin eine respektable Menge Nominierungen ansammelte.

Tatsumi von Eric Khoo
Selten zu sehender Zeichentrickfilm, der im Rahmen der Münchner Ausstellung “Manga-dô” lief: Yoshihiro Tatsumi (*1935) ist Mangaautor und -zeichner und gilt als Mitbegründer des Gekiga, einer Spielart des japanischen Comics, die sich ab den späten 50er Jahren erstmals an erwachsene Leser wandte. Der Film kombiniert Trickfilm-Adaptionen von ausgewählten Kurzgeschichten Tatsumis mit seiner Biographie, die er ebenfalls als Manga festgehalten hat (mit Gegen den Strom wurde er im Westen bekannt und erlangte auch in der Heimat den Status eines Altmeisters). Die biographischen Episoden im Film sind zwar ganz interessant, doch den stärkeren Eindruck hinterlassen die Kurzgeschichten: allesamt sehr triste, düstere Minidramen aus den unschöneren Ecken der Gesellschaft, ohne Happy End oder tröstliche Auflösung. Ungewöhnliche, sehr sehenswerte Anime-Kost.

The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese
Ein dreistündiger Parforceritt durch die wahnwitzige Finanzwelt der 80er und 90er Jahre, der als Film ebenso maßlos und exzessiv ist wie das Milieu, das er beschreibt. Das Erstaunliche: Die drei Stunden fühlen sich, anders als bei manchen Kollegen (Peter Jackson, ich schaue in deine Richtung!) nicht an wie drei Stunden. Klar hätte man das auch wesentlich straffer erzählen können, oder, wenn’s schon so ausgiebig sein soll, vielleicht auch als Miniserie im Fernsehen. Aber Scorseses slicke Inszenierung und das ziemlich tolle Spiel von Leo Di Caprio sorgen dafür, dass man gerne zusieht. Mein eigentlicher Liebling war ja Matthew McConaghey, der Di Caprio locker die Schau stehlen würde, wenn er nicht nach dieser Szene aus dem Film verschwinden würde. Man kann durchaus diskutieren, ob der Film den Koks-und-Nutten-Feierei-Lifestyle, den er zeigt, eigentlich kritisiert oder nicht eher selbst abfeiert. Für mich war die Darstellung so deutlich over the top und übertrieben, dass ich das durchaus als Satire erkenne, auch wenn Scorsese auf einen deutlichen Zeigefinger verzichtet.

AUF DVD:

The Evil Dead (Tanz der Teufel) von Sam Raimi
Aus der Kategorie “Sollte man mal gesehen haben, wenn man sich allgemein für Film interessiert”. Ich bin kein allzu großer Horrorfan, daher sah ich den tatsächlich erst jetzt zum ersten Mal. Natürlich sieht man dem Film sein Alter und sein sehr geringes Budget an, trotzdem kann er noch fesseln und faszinieren. Das liegt weder an einer ausgeklügelten Story noch an besonders guten Schauspielerleistungen, sondern vor allem an Sam Raimis Inszenierungstalent. Was der hier mit Kamerafahrten, cleveren Einstellungen, Schnitt und Tonspur (die ist der Wahnsinn!) anstellt, ohne Filmausbildung mit Anfang Zwanzig, hat’s wirklich in sich. Der größte Horror an dem Film aber ist und bleibt die unfassbare deutsche Zensurgeschichte, die nach wie vor auf ein Happy End wartet (meine Sichtung war von einer ungeschnittenen [?] DVD aus Spanien).

The Muppets von James Bobin
Nachdem die Rechteinhaber in den Nuller-Jahren nicht so recht wussten, was man mit Jim Hensons Puppentruppe anfangen sollte, setzte man mit diesem Kino-Revival von 2011 voll auf die Karte Nostalgie. Konzept und Skript von Hauptdarsteller Jason Segel (How I Met Your Mother) und Comedy-Autor Nicholas Stoller sehen vor, dass man sich stark an die TV-Serie anlehnt, wo die Muppets eine (sehr chaotische) Showtruppe sind, die eine Varieté-Show auf die Bühne bringen. Im Film hat sich die Truppe aufgelöst, doch Kermit trommelt die Gang erneut zusammen, damit sie bei einer TV-Spendengala Geld sammeln können, um den Verkauf ihres alten Theaters an einen bösen Ölmagnaten zu verhindern. In Gang gebracht wird die Handlung von zwei großen Fans der Muppets, von denen einer ein Mensch (Segel) und einer ein Muppet (die neu erschaffene Puppe Walter) ist. Der Plot funktioniert nur so mittelprächtig, aber der ist ohnehin nicht so wichtig. Viel wichtiger sind Gags, Promi-Gastauftritte, Musik und ein liebevoller Retro-Charme. All das ist in den alten Original-Folgen der Muppet Show zwar besser und in größerer Menge zu finden, aber als Neubelebung eines schon völlig veraltet geglaubten Franchise ist das doch erfreulich gut gelungen. Das Sequel kommt in Kürze in die Kinos.

VOM FESTPLATTENRECORDER:

House of Cards (Season 1)
Während all diejenigen, die bei US-Serien am Puls der Zeit sitzen, sich die zweite Staffel verabreichten, saß ich gerade vor den letzten Folgen der ersten. Ich habe House of Cards in der Ausstrahlung bei Pro Sieben Maxx geschaut, die einen sehr lobenswerten Programmplatz für Serien im Original mit Untertiteln haben hatten. “OmU” ist, auch im Kino und bei DVDs, mein bevorzugtes Format und ich hätte sehr gerne viel mehr davon im deutschen Fernsehen. Leider gehöre ich da wohl zu einer winzigen Minderheit, denn auch auf P7M hat das wohl kein Schwein geguckt. Wie’s aussieht, muss ich die zweite Staffel dann woanders schauen, denn sehen will ich die unbedingt. House of Cards hatte mich sehr schnell am Haken, Kevin Spacey als Congressman Frank Underwood ist einer der faszinierendsten Unsympathen, die man sich als Hauptfigur einer Serie vorstellen kann. Zwar nehme ich der Serie nicht ab, dass Politik und Journalismus wirklich so funktionieren, wie es hier dargestellt wird, aber hey, das ist Fiktion, keine Dokumentation, da darf die Realität durchaus im Sinne der Dramaturgie zurechtgebogen werden.

Gigante von Adrián Biniez
Angenehm unspektakulärer Slice-of-life-Film aus Uruguay, in dem sich ein stiller, schüchterner Supermarkt-Nachtwächter in eine Supermarkt-Putzfrau verliebt, die er zunächst über die Überwachungskameras beobachtet und ihr später auch außerhalb ihrer Schichten nachstellt. Hätte auch ein gruselig-unbehaglicher Stalking-Thriller werden können, ist aber ein warmherziger Film mit leisem Humor und Lakonie.

Kari-gurashi no Arietti (The Secret World of Arrietty/Arrietty – Die wundersame Welt der Borger)  von Hiromasa Yonebayashi
Schöne Kinderbuch-Verfilmung aus dem Studio Ghibli, bei dem Mastermind Hayao Miyzaki zwar nicht Regie führte, aber stark in die Produktion involviert war, u.a. als Drehbuchautor. Fühlt sich sehr nach Miyazaki-Film an und überzeugt wie fast alle Ghibli-Filme nicht zuletzt durch die tollen Kulissen und Dekors, in denen die Geschichte spielt. Als erwachsener Zuschauer erfreut man sich wohl eher am Look des Films als an der doch relativ simplen und etwas betulich erzählten Handlung.

The Princess and the Frog (Küss den Frosch) von Ron Clements und John Musker
Als Animations-Fan musste ich diesen Film doch mal nachholen, mit dem Disney wieder zum klassisch gezeichneten Trickfilm zurückkehrte, nachdem man diesem ein paar Jahre zuvor schon abgeschworen hatte. In der Tat funktioniert das hier wunderbar, der Film ist ein klassisches Disney-Märchen mit archetypischen Figuren, dem witzigen Sidekick und zu viel Gesang. Dabei versinkt er aber nicht in Nostalgie, sondern wirkt frisch und modern, zum einen durch das originelle Setting, das New Orleans der Jazz-Ära, zum anderen durch die Heldin, die eben nicht die klassische Disney-Prinzessin ist, deren Glück letztlich am Prinzen hängt. Bislang der letzte 2D-Zeichentrickfilm des Studios – ich hoffe es bleibt nicht dabei.