Kino 2005: Ein Rückblick

Ich will hier keine Top-10-Liste schreiben, schon gar keine mit Platzierungen von 1 bis 10. Aber das Kinojahr 2005 war gar nicht mal so mies, wie allenthalben getönt wird. Zwar fehlte ein wirklich großartiger Film, der sich für alle Zeiten ins Gedächtnis brennen wird und das Zeug zum ewigen Klassiker hat, aber gute Filme habe ich schon gesehen im letzten Jahr. Hier also mein Rückblick mit Preisvergabe in zehn selbst ausgedachten Kategorien.

ABGANG DES JAHRES
Wie Clint Eastwood am Ende von Million Dollar Baby den Krankenhausflur entlanggeht und sich von der Kamera wegbewegt, in der Gewissheit, gerade etwas furchtbares, aber doch wahrscheinlich richtiges getan zu haben: das hat Größe. So wie der ganze Film.

SPINNER DES JAHRES
Ganz klar: Wenzel Storch, der mit Die Reise ins Glück mal wieder bewiesen hat, dass man auch ohne Budget fantastisches Kino auf die Leinwand zaubern kann. Liebe und Hingabe genügen dafür auch schon, und natürlich eine große Portion Verrücktheit, die sich dann eben auch im Film niederschlägt.
Knapp gefolgt übrigens von Kamikaze Girls von Tetsuya Nakashima (gesehen auf dem Asia Filmfest). Auch ganz schön durchgeknallt und abgefahren (man entschuldige bitte diese Vokabeln – die klingen nach 80er-Jahre-Filmen mit Thomas Gottschalk), aber in Japan ist sowas vermutlich schon fast normal, so dass es hier nur zu Platz 2 reicht.

PRODUCT PLACEMENT DES JAHRES
Was sich ARD und Konsorten mehr oder weniger heimlich an Schleichwerbung geleistet haben, ist doch langweilig. Cooles Product Placement ist offensiv: so wie in Wächter der Nacht. Da werden Nescafé-Tassen und Nokia-Handys so undezent in die Kamera gehalten, dass es schon wieder nett ist. Der Film selbst ist zwar schamlos aus diversen Fantasystoffen zusammengeklau(b)t, hat aber einen eigenständigen Look und macht Spaß.

KULTURBARRIERE DES JAHRES
Den Gag mit dem Stiegl-Bier in Silentium dürften außerhalb Österreichs nur wenige verstanden haben. Da baut sich Josef Hader als Brenner eine Treppe aus Bierkästen der Brauerei Stiegl. Dass man im Alpenland auch Stiege zu einer Treppe sagt, und die Brauerei in ihrer Werbung dieses Wortspiel selbst bis zum Gehtnichtmehr penetriert, das musste Hader dann schon persönlich auf der Premiere in München erklären.
[Anmerkung: wie ich gerade lese, handelt es sich hier tatsächlich um Product Placement, also ist das auch ein Fall für die Kategorie eins weiter oben.]
Überhaupt ist Silentium ein wunderbarer und hundsgemeiner Film und wäre, wenn ich denn eine Top-10-Liste machen würde, ganz vorne dabei.

TRICKFILM DES JAHRES
Da wird ständig davon geredet, die Zukunft des Animationsfilms sei digital und alles müsse aus dem Rechner kommen. Und was überzeugt im Jahr 2005? Ein Knetmännchenfilm, ein klassischer Zeichentrickfilm, ein Puppenfilm und ein Marionettenfilm. Wallace & Gromit: The Curse of the Were Rabbit ist sehr charmant und wirklich was für alle Altersklassen, ebenso Hayao Miyazakis Howl’s Moving Castle (Das Wandelnde Schloss). Auch Tim Burton’s Corpse Bride hat mir gut gefallen. Aber am meisten Spaß (und zwar wider Erwarten) machte Team America: World Police von Trey Parker und Matt Stone. Der Film wirkt, als hätte die Titanic-Redaktion die Augsburger Puppenkiste gekapert und ist bis zum Rand gefüllt mit Gags aller Güteklassen. Von pubertär bis politisch. Und erst der Soundtrack: „Pearl Harbor sucked and I miss you…“

TITELSEQUENZ DES JAHRES
Leider scheinen richtig schöne, verspielte Opening Credits langsam aus der Mode zu kommen und alles außer dem Filmtitel wird immer öfter ans Filmende verschoben. Dabei kann man da so wunderbare Sachen machen wie z.B. in Charlie and the Chocolate Factory. Die digital erzeugte Titelsequenz führt uns direkt ins Innenleben der Schokoladenfabrik. Und auch der Rest des Films ist lecker. Roald Dahl, Tim Burton, Johnny Depp, diese drei Namen lockten mich ins Kino und ich hab’s nicht bereut.

DOUBLE TAKE DES JAHRES
Ich gehe fast nie zweimal kurz hintereinander in den gleichen Film. Ausnahme in diesem Jahr: The Life Aquatic with Steve Zissou von Wes Anderson. Die Sets, die Meerestiere, die Musik, die Kostüme, das Gesicht von Bill Murray: super.

ANTIHELD DES JAHRES
Mickey Rourke ist Marv. Und so, wie er schon im Sin City-Comic von Frank Miller der heimliche Liebling der Leser war, ist er es auch in der Verfilmung von Robert Rodriguez. Sein Ende auf dem elektrischen Stuhl wäre übrigens auch ein guter Kandidat für die Rubrik „Abgang des Jahres“ gewesen.

KNUDDELWESEN DES JAHRES
Marvin, der „paranoid android“ aus The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy. Sooo niedlich! Und im Original perfekt von Alan Rickman gesprochen. Auf den hinteren Plätzen: Bill Murray als Don Johnston (mit T) in Broken Flowers, und Natalie Portman als Sam in Garden State. Kong ist ein bisschen zu groß zum Knuddeln, glaube ich.

DIALOG DES JAHRES
In Keine Lieder über Liebe von Lars Kraume begleitet Florian Lukas als Filmemacher die „Hansen Band“ seines Bruders (Jürgen Vogel) und befragt zwei Mädchen in einem Club, was für sie die Textzeile „Zwischen Raufaser und Wand klebt die Hoffnung fremder Leben“ aus dem Song „Alles teilen“ bedeutet. Antwort: „Ja, ja, typisch Hamburger Schule, das versteht hier in Hannover schon keiner mehr.“ (zitiert nach dieser Rezension)
In diesem Dialog (der noch etwas länger ist) steckt mehr Wahrheit über Rezeption und Selbstverständnis des deutschsprachigen Indiepop als in einer ganzen Spex-Ausgabe.

 

Ein Gedanke zu „Kino 2005: Ein Rückblick

  1. Zum Stiegl und der Kulturbarriere nur soviel. Die Biermösl Blos’n hats mal versungen, mit den Worte des Kracherl gehört in an Castorcontainer nei.

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