Tad Williams: Otherland

Otherland SchuberPuuuh, geschafft. War einiges zu lesen, denn Tad Williams‘ vierbändiges Epos versteht sich als eine durchgehende Geschichte und ist damit praktisch ein 3.500-Seiten-Riemen. Otherland mischt Zutaten aus Science Fiction und Fantasy und erzählt die im nächsten Jahrhundert angesiedelte Geschichte eines streng geheimen Virtual-Reality-Netzwerks, das von einigen schwerreichen Industriebossen erschaffen wurde, um ihnen dort das ewige Leben zu sichern. Um dieses sogenannte Anderland zu betreiben, werden die Gehirne von Kindern benötigt. So kommt es, dass immer mehr Kinder in ein unerklärliches Koma fallen und nicht mehr aufwachen.

Williams erzählt vom Otherland und seinen Erbauern, von den verschiedenen virtuellen Welten, aus denen es besteht und von zahlreichen Personen, die darin (freiwillig oder unfreiwillig) herumirren. Dabei legt er eine gewisse Maßlosigkeit an den Tag: er erschafft eine so große Menge von Personen, Handlungssträngen und verschiedenen Welten, dass er gar nicht anders kann, als den Roman zu einem vierteiligen Riesenepos zu machen.

Für den Leser hat das Vor- und Nachteile. Einerseits bekommt der Roman dadurch eine Komplexität, die er bei geringerem Umfang nicht hätte; viele Figuren bekommen umfangreiche Backstories und erlangen dadurch Tiefe. Auf der anderen Seite wird es dem Leser so erschwert, der Handlung, die sich auf viele parallel verlaufende Stränge erstreckt, zu folgen. Bei teilweise bis zu zehn Handlungssträngen kann es schonmal mehrere hundert Seiten dauern, bis ein Faden wieder aufgenommen wird, und man hat manchmal Mühe, sich zu erinnern, was denn in diesem Teil der Geschichte zuletzt passiert ist.

Vor allem im zweiten und dritten Band ufert alles zu sehr aus. Die Helden springen von einer virtuellen Welt zur andern, begegnen dort lebensgefährlichen Gefahren und entwischen in letzter Sekunde in die nächste Welt. Ein von TV-Serien bekanntes Prinzip, das ermüdend wirkt — hier hätte man ordentlich straffen können. Man merkt Williams allerdings an, dass er einen Heidenspaß daran hatte, alle diese Welten zu bilden, die oft als Hommage an klassische (Genre-) Literatur (Alice im Wunderland, Krieg der Welten, Der Zauberer von Oz) oder an griechische oder ägyptische Mythologie gestaltet sind. Trotzdem sind die beiden „mittleren“ Bände zu lang, zu ausufernd, zu selbstverliebt.

Wer bis zum vierten Band durchhält, wird dann aber doch versöhnt. Williams schafft es tatsächlich, alle Handlungsfäden zusammenzuführen, die zahlreichen Rätsel aufzulösen und ein ziemlich befriedigendes Ende zu schreiben.

Für Viel- und Schnellleser ist Otherland zu empfehlen, trotz mancher Längen ist der Roman spannend und unterhaltsam und bietet ein umfangreiches und originelles Figurenensemble, teils liebens- und teils hassenswert. Die Story ist auch lange nicht so Matrix-haft, wie es in der kurzen Beschreibung oben vielleicht klingt. Langsame Gelegenheitsleser, die sich nicht monatelang mit einem Stoff beschäftigen wollten, sollten aber lieber was anderes lesen.

Technische Daten: Die deutsche Ausgabe von Otherland (Klett-Cotta-Verlag) erschien zunächst in vier Hardcover-Bänden, jeweils im Abstand von ca. einem Jahr. 2004 gab es einen Schuber mit allen vier Bänden als broschierte Softcover (die von mir gelesene Ausgabe). Von der günstigen Taschenbuchausgabe, wieder in vier Einzelbänden, ist bisher erst Band 1 erschienen. Auf englisch sind alle vier Bände auch als TB erhältlich.
Eine (stark gekürzte, aber trotzdem noch sehr umfangreiche) Hörspielproduktion des Hessischen Rundfunks ist auf 24 CDs beim Hörverlag erschienen.

 

3 Gedanken zu „Tad Williams: Otherland

  1. Ich hab das vor ein paar Jahren mal gelesen. War ein bischen unhandlich, da ich nach jedem buch ein Jahr warten musste. Ausserdem erschien mir die Geschichte gegen ende sehr konfus und unlogisch.

  2. Also das ist ist mir alles nicht enthusiastisch genug. Otherland ist eine enorme schriftstellerische Leistung – ein Epos, das sehr viel Kultur reflektiert und einordnet und dabei spannend bleibt und so nah an seinen Figuren, dass ihr Schicksal einen sehr berührt. Wer das Ganze noch intensiver haben möchte, sollte sich das Hörbuch zu legen – die Leute vom Hessischen Rundfunk haben das sehr beklemmend und absolut fesselnd umgesetzt.

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