Live: Kuttner erklärt die Welt

Was Veranstaltungen angeht, hat es Berlin ja wirklich besser: dort gibt’s Bunny Lectures, Total Recall, Auftritte von Fil, Bloggerlesungen, Powerpoint Karaoke und Videoschnipselabende mit Jürgen Kuttner. Letztere kriegt man aber inzwischen auch gelegentlich in der Münchner Diaspora zu sehen, z.B. vorgestern in den Kammerspielen.

Ich kannte Sarahs Papa ja bisher nur vom Hörensagen, und wusste nicht genau, was mich erwartete. Es waren drei Stunden begnadetes Gelaber, große und kleine Philosophie, aufgehängt an neun kurzen Ausschnitten aus TV-Sendungen. Das übergreifende Thema lautete „Von der Schwierigkeit, Nein zu sagen“, es ging um Formen des Protests. Kuttner erinnert zunächst daran, dass Pro-test wörtlich bedeutet, für etwas einzustehen, und nicht gegen etwas. Sehr schön illustriert mit einem Bericht von einer pro-amerikanischen Demo der „Konservativen Jugend“ in den Achtzigern.

Jeder Videoschnipsel wird in aller Ausführlichkeit (Abschweifungen inklusive) eingeleitet, kommentiert, erklärt. Erst durch diese Erläuterungen, die den Blick auch auf kleinste Details richten, erkennt man, wenn der Ausschnitt schließlich gezigt wird, dessen Absurdität. Ganz anders als zum Beispiel bei Oliver Kalkofe, der es regelmäßig schafft, skurille TV-Momente mit dem Holzhammer zu plätten. Kuttner berlinert sich vom Hundertsten ins Tausendste, schweift von Max Liebermann und Pierre Bourdieu über Barbara Schöneberger und Roberto Blanco zu Eberhard Rathgeb. Ihm zuzuhören, macht sehr viel Spaß, erfordert aber auch Aufmerksamkeit und Konzentration, denn der Mann neigt zu Fremdwörtern und langen Satzkonstruktionen. So ist man nach fast drei Stunden leicht erschöpft, aber hochzufrieden, und schon allein der großartige Grünen-Werbespot mit Joseph Beuys und BAP ist das Eintrittsgeld locker wert. Und hey, am Ende flogen sogar BHs!

 

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