Eine Liebe zu den Tönen

Andreas und Nicorola schwelgen in musikalischen Jugenderinnerungen. Dann will ich mal erzählen, wie ich meine ersten Mixtapes gebastelt habe.

Zur Erstkommunion bekam ich mein erstes Radio geschenkt. Einen Radiowecker, dessen Klang vermutlich nicht besser war als der eines guten Telefons (Mono natürlich), der aber Bayern 3 empfangen konnte. Damals war B3 noch kein Festplatten-Format-Radio, sondern hatte noch eine echte Musikredaktion, echte Sendungstitel (Seven O‘ Pop) und Moderatoren mit Profil, z.B. Fritz Egner oder ein gewisser Thomas Gottschalk, dessen B3-Radioshow schnell meine Lieblingssendung wurde. Noch toller waren allerdings Die Schlager der Woche, die bayerischen Top Ten, moderiert vom lahmarschigen stoischen Thomas Brennicke. Die waren deshalb so toll, weil dort die Musik ausgespielt wurde, keiner laberte hinein. Ideal fürs Mitschneiden.

Wie schneidet man jetzt mit einem Radiowecker Musik mit? Was ich noch hatte, war der Kassettenspieler, ein klobiges Teil mit Tragebügel, auf dem in Prä-Radiozeiten immer Hörspielkassetten nudelten und der ein eingebautes Mikrophon hatte. Dieser musste jetzt zum Aufnahmegerät umfunktioniert werden. Erster Versuch: Radio an, Kassettenrekorder auf REC. Ergebnis: Mehr Rauschen und Nebengeräusche als Musik. Dann die geniale Idee: Verkürze den Weg zwischen Lautsprecher und Mikrofon! Also wurde das Radio kopfüber auf den Kassettenrekorder draufgestülpt. Ein Audio-Sandwich. Auf diese geniale Innovation bin ich noch heute sehr stolz. Die Ergebnisse waren freilich immer noch nicht toll, aber erträglich, wenn man während der Aufnahme schön leise war.

Zum Glück war irgendwann wieder Weihnachten und das Christkind brachte einen echten Radiorekorder (mit „Doppeldeck“, klaro). Endlich nebengeräuschfreies Mitschneiden! Das letzte Hindernis vor einer lückenlosen Dokumentation der Schlager der Woche war dann nur noch das gemeinsame Abendbrot der Familie. Das gab’s zwischen sechs und sieben, genau wie Sendung. Der Rebell in mir war immer schon eher zurückhaltend, Fernbleiben vom Essenstisch kam nicht in Frage, also umging ich auch dieses Problem mit Hilfe der Technik. Schließlich hatte mein Radiorekorder ja zwei Tapedecks. Top-Idee: zuerst die Sendung während des Abendessens ungeschnitten aufnehmen, anschließend sauber die einzelnen Songs von A nach B spielen. Zu beachten war allerdings, dass die Sendung eine knappe Stunde dauerte, eine 90er-Leerkassette aber pro Seite nur Platz für 45 Minuten hatte. Es galt also, den Beginn des Abendbrots geschickt bis 18.15 Uhr zu verzögern, um nicht am Schluss ausgerechnet die Spitzenreiter der Charts zu verpassen!

Die so entstandenen Mixtapes bekamen zwar ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild (meine Handschrift, den super Titel „Power Play“ und eine fortlaufende Nummer), waren aber inhaltlich nicht sehr stylisch. Es wurde halt kritiklos so ziemlich alles aufgenommen, was in den Charts war. So vereinten die Tapes große Weltstars (Madonna, Michael Jackson) mit heute vergessenen Teeniepoppern (Dan Harrow, Sabrina, Sandra), gefürchteten 80er-Legenden (Modern Talking, Alphaville, Wham!) und eigentümlichen Deutschrockern (Klaus Lage, Purple Schulz). Wenn’s euch beruhigt: wenige Jahre später kam gnadenlos der Tesafilm zum Einsatz und die Kassetten wurden überspielt.

Ich danke der B3 History Page, die ich beim Schreiben dieses Eintrags entdeckt habe, und die mir gerade einen schweren Nostalgieflash verpasst hat, vor allem mit den Audiofiles.

Und nächstes Mal erzähle ich etwas über mein Lieblings-Periodikum in dieser Zeit: Das top-Schlagertextheft.

 

3 Gedanken zu „Eine Liebe zu den Tönen

  1. was bei euch „Schlager der Woche“ war, war bei uns (NRW) die „Schlagerrallye mit Wolfgang Roth“ – fällt mir jetzt erst auf: in den 80ern sprach man tatsächlich noch von „Schlagern“, Anfang der 90er gab es dann immer Sonntags die britischen Charts: „London Calling“ 2 Stunden lang. Spaeter wurde dann WDR1 zu Eins Live kaputt formatiert…

  2. „Hey Music“ mit Jürgen Jürgens bei SFB2 und später Radio 4 U, der „Hit Globus“ mit Lutz Bertram bei Jugendradio DT64 und die „Schlager der Woche“ mit Lord Knud bei Rias1 und Rias2. Da kamen meine Mitschnitte her.

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