Archive for Februar, 2006

Live: Vollplaybacktheater – Die drei ??? und das Gespensterschloss

Das Vollplaybacktheater aus Wuppertal war mal wieder mit einer Bühnenversion eines Drei-???-Hörspiels in der Stadt. Das Prinzip des VPT ist ziemlich simpel: ein Hörspiel kommt aus den Boxen, Schauspieler agieren dazu, machen synchrone Mundbewegungen – Vollplayback eben. Dass daraus eine funktionierende Show entstehen kann, liegt vor allem am “Kult”-Faktor (ich hasse dieses Wort, aber es passt hier nun mal) der Drei ???. Damit ist eine ganze Generation aufgewachsen, die das seit ein paar Jahren retromäßig wiederentdeckt. Das klappt aber nur ironisiert, denn kein Erwachsener wird die Drei-???-Bücher und -Hörspiele noch ernsthaft als “gut” bezeichnen wollen.

Das VPT sorgt für diese Ironisierung vor allem dadurch, dass die Tonspur übertrieben visuell umgesetzt und mit Wortspielen verfeinert wird. Außerdem wird bewußt mit den begrenzten Mitteln gespielt, die eine simple Theaterbühne bietet, und teilweise absichtlich “trashig” agiert. Den eigentlichen Pfiff erhalten die Playback-Stücke aber erst dadurch, dass das Hörspiel nicht 1:1 auf die Bühne gebracht, sondern etliche Tonschnipsel aus Filmen, Songs oder anderen Hörspielen dazwischengeschitten werden. Zitate galore: Da darf dann Hui Buh durch die Kulisse schweben, ein Kind mit dem Dreirad über den Flur fahren, Justus Jonas hört sich eine TKKG-Kassette an, Freddy Krueger und John Sinclair schauen vorbei, usw.

Wäre das mein erster Besuch beim Vollplaybacktheater gewesen, wäre ich wohl sehr angetan. Bei mir war’s gestern der dritte, und ich muss sagen, es war schon mal besser und cleverer. Im aktuellen Stück sind viele der eingebauten Gags äußerst platt, viel zu naheliegend und werden oft auch zu lange breitgetreten. Viel zu lang ist auch der vom VPT-Team selbst geschriebene Prolog geraten, der die Vorgeschichte zum Drei-???-Fall erzählt. Unterhaltsam war’s trotzdem, und der Großteil des Publikums war auch schwer begeistert, nur ist man halt immer enttäuscht, wenn man weiß, dass es eigentlich noch besser gehen könnte.

Star Wreck

Letzte Woche lief bei Tracks ein Beitrag über Star Wreck, eine finnische Science-Fiction-Parodie, die mit minimalen Mitteln aber viel Enthusiasmus gedreht wurde und alles andere als billig aussieht. Trailer gibt’s hier. Den kompletten Film (finnisch mit Untertiteln) kann man als DVD kaufen oder (legal und kostenlos) als Torrent downloaden. Damit ist er auch ein schöner Diskussionsbeitrag in Sachen legales Filesharing.

Mein Download läuft grade, Besprechung folgt demnächst.

Live: Kuttner erklärt die Welt

Was Veranstaltungen angeht, hat es Berlin ja wirklich besser: dort gibt’s Bunny Lectures, Total Recall, Auftritte von Fil, Bloggerlesungen, Powerpoint Karaoke und Videoschnipselabende mit Jürgen Kuttner. Letztere kriegt man aber inzwischen auch gelegentlich in der Münchner Diaspora zu sehen, z.B. vorgestern in den Kammerspielen.

Ich kannte Sarahs Papa ja bisher nur vom Hörensagen, und wusste nicht genau, was mich erwartete. Es waren drei Stunden begnadetes Gelaber, große und kleine Philosophie, aufgehängt an neun kurzen Ausschnitten aus TV-Sendungen. Das übergreifende Thema lautete “Von der Schwierigkeit, Nein zu sagen”, es ging um Formen des Protests. Kuttner erinnert zunächst daran, dass Pro-test wörtlich bedeutet, für etwas einzustehen, und nicht gegen etwas. Sehr schön illustriert mit einem Bericht von einer pro-amerikanischen Demo der “Konservativen Jugend” in den Achtzigern.

Jeder Videoschnipsel wird in aller Ausführlichkeit (Abschweifungen inklusive) eingeleitet, kommentiert, erklärt. Erst durch diese Erläuterungen, die den Blick auch auf kleinste Details richten, erkennt man, wenn der Ausschnitt schließlich gezigt wird, dessen Absurdität. Ganz anders als zum Beispiel bei Oliver Kalkofe, der es regelmäßig schafft, skurille TV-Momente mit dem Holzhammer zu plätten. Kuttner berlinert sich vom Hundertsten ins Tausendste, schweift von Max Liebermann und Pierre Bourdieu über Barbara Schöneberger und Roberto Blanco zu Eberhard Rathgeb. Ihm zuzuhören, macht sehr viel Spaß, erfordert aber auch Aufmerksamkeit und Konzentration, denn der Mann neigt zu Fremdwörtern und langen Satzkonstruktionen. So ist man nach fast drei Stunden leicht erschöpft, aber hochzufrieden, und schon allein der großartige Grünen-Werbespot mit Joseph Beuys und BAP ist das Eintrittsgeld locker wert. Und hey, am Ende flogen sogar BHs!

Fundstück

Susan stupste Soschi an. “Ich muss ins Internet. Habt ihr hier am Terminal einen Browser?”
Soschi nickte. “Wir haben Netscape. Erste Sahne.”
Susan nickte Soschi aufmunternd zu. “Dann wollen wir mal surfen.”

aus: Dan Brown, Diabolus (1998)

“Blogs sind doof” auf schwyzerdüütsch

Für einige Journalisten in den “alten” Medien scheinen Blogs immer noch ein Gespenst zu sein, dass sie nicht verstehen, von dem sie sich aber diffus bedroht fühlen und sich gezwungen sehen, undifferenziert auf das Phänomen Blogs einzudreschen.

Das Schweizer Radio DRS 3 hat am Mittwoch einen Beitrag gesendet mit dem Tenor: “Liebe Radiohörer, ihr habt vielleicht auch schon von diesen Blogs gehört, aber keine Sorge, das könnt ihr ignorieren, das ist doofer, langweiliger und belangloser Quatsch und nächstes Jahr schon wieder vergessen. Befasst euch lieber erst gar nicht damit und hört weiter schön brav Radio.” (hier anhören)

Ich bin völlig damit einverstanden, wenn Heilsprediger verspottet und kritisiert werden, die in Blogs die Rettung der Demokratie, die große Medienrevolution und das große Geldverdienen sehen. Aber der DRS-Beitrag ist einfach nur ein perfektes Beispiel für schlechten Journalismus:

1. These aufstellen
2. Behauptung anhand eines willkürlich herausgegriffenen Beispiels illustrieren (ein beliebiger Blogeintrag soll da stellvertretend für alle Blogs stehen, mit derselben Methode könnte ich auch hiermit beweisen, dass Bücher generell scheiße sind)
3. Immer gut: ein “Experte” im O-Ton (der sich hier durch die Behauptung disqualifiziert, dass ja auch Foren, Auktionen, Chatrooms und Sexseiten mal der totale Internet-Hype waren und heute würde das ja keinen mehr interessieren. Schon klar, Herr Dr.!)
4. Statistiken! Zahlen! Egal, was die eigentlich aussagen.
5. Der Rauswerfer, der das Thema abschließt. (“Entwarnung, wir müssen uns nicht stressen lassen…”)

Ironischerweise beweist der Beitrag dann wieder indirekt, dass Blogs eben doch nicht so doof sind. Denn natürlich wird in der Blogosphäre, wie in solchen Fällen üblich, fleißig reagiert, kommentiert und verlinkt.

Tad Williams: Otherland

Otherland SchuberPuuuh, geschafft. War einiges zu lesen, denn Tad Williams’ vierbändiges Epos versteht sich als eine durchgehende Geschichte und ist damit praktisch ein 3.500-Seiten-Riemen. Otherland mischt Zutaten aus Science Fiction und Fantasy und erzählt die im nächsten Jahrhundert angesiedelte Geschichte eines streng geheimen Virtual-Reality-Netzwerks, das von einigen schwerreichen Industriebossen erschaffen wurde, um ihnen dort das ewige Leben zu sichern. Um dieses sogenannte Anderland zu betreiben, werden die Gehirne von Kindern benötigt. So kommt es, dass immer mehr Kinder in ein unerklärliches Koma fallen und nicht mehr aufwachen.

Williams erzählt vom Otherland und seinen Erbauern, von den verschiedenen virtuellen Welten, aus denen es besteht und von zahlreichen Personen, die darin (freiwillig oder unfreiwillig) herumirren. Dabei legt er eine gewisse Maßlosigkeit an den Tag: er erschafft eine so große Menge von Personen, Handlungssträngen und verschiedenen Welten, dass er gar nicht anders kann, als den Roman zu einem vierteiligen Riesenepos zu machen.

Für den Leser hat das Vor- und Nachteile. Einerseits bekommt der Roman dadurch eine Komplexität, die er bei geringerem Umfang nicht hätte; viele Figuren bekommen umfangreiche Backstories und erlangen dadurch Tiefe. Auf der anderen Seite wird es dem Leser so erschwert, der Handlung, die sich auf viele parallel verlaufende Stränge erstreckt, zu folgen. Bei teilweise bis zu zehn Handlungssträngen kann es schonmal mehrere hundert Seiten dauern, bis ein Faden wieder aufgenommen wird, und man hat manchmal Mühe, sich zu erinnern, was denn in diesem Teil der Geschichte zuletzt passiert ist.

Vor allem im zweiten und dritten Band ufert alles zu sehr aus. Die Helden springen von einer virtuellen Welt zur andern, begegnen dort lebensgefährlichen Gefahren und entwischen in letzter Sekunde in die nächste Welt. Ein von TV-Serien bekanntes Prinzip, das ermüdend wirkt — hier hätte man ordentlich straffen können. Man merkt Williams allerdings an, dass er einen Heidenspaß daran hatte, alle diese Welten zu bilden, die oft als Hommage an klassische (Genre-) Literatur (Alice im Wunderland, Krieg der Welten, Der Zauberer von Oz) oder an griechische oder ägyptische Mythologie gestaltet sind. Trotzdem sind die beiden “mittleren” Bände zu lang, zu ausufernd, zu selbstverliebt.

Wer bis zum vierten Band durchhält, wird dann aber doch versöhnt. Williams schafft es tatsächlich, alle Handlungsfäden zusammenzuführen, die zahlreichen Rätsel aufzulösen und ein ziemlich befriedigendes Ende zu schreiben.

Für Viel- und Schnellleser ist Otherland zu empfehlen, trotz mancher Längen ist der Roman spannend und unterhaltsam und bietet ein umfangreiches und originelles Figurenensemble, teils liebens- und teils hassenswert. Die Story ist auch lange nicht so Matrix-haft, wie es in der kurzen Beschreibung oben vielleicht klingt. Langsame Gelegenheitsleser, die sich nicht monatelang mit einem Stoff beschäftigen wollten, sollten aber lieber was anderes lesen.

Technische Daten: Die deutsche Ausgabe von Otherland (Klett-Cotta-Verlag) erschien zunächst in vier Hardcover-Bänden, jeweils im Abstand von ca. einem Jahr. 2004 gab es einen Schuber mit allen vier Bänden als broschierte Softcover (die von mir gelesene Ausgabe). Von der günstigen Taschenbuchausgabe, wieder in vier Einzelbänden, ist bisher erst Band 1 erschienen. Auf englisch sind alle vier Bände auch als TB erhältlich.
Eine (stark gekürzte, aber trotzdem noch sehr umfangreiche) Hörspielproduktion des Hessischen Rundfunks ist auf 24 CDs beim Hörverlag erschienen.

Stätten meiner Jugend, von oben

Insidercontent:
Grundschule | JBG | Kolpinghaus

Mücke | Melo

Krankenhaus

HBI | Villa | Kade und Mensa

Schatten auf Ereignisse

Die ersten Bands fürs Southside-Festival sind da:

Arctic Monkeys * The Cardigans * Element of Crime * Fettes Brot * Ben Harper & the Innocent Criminals * Lagwagon * Live * Mando Diao * Maximo Park * Panteon Rococo * Seeed * Shout Out Louds * Tomte * Wir Sind Helden

Das sind immerhin schon mal fünf Bands, die ich noch nicht live gesehen habe und gerne mal sehen würde (fett). Außerdem vier Bands, die ich schon mal live gesehen habe und gerne nochmal mitnehme (kursiv). Und fünf Bands, die mir nichts sagen oder nichts (mehr) geben. Die Killerband, die den sofortigen Ticketkauf auslösen würde, fehlt aber noch (The Who könnte ich mir gut als solche vorstellen…). Mal sehen, wie sich das noch entwickelt.

Update 18.2.: Neu bestätigte Acts:
Apocalyptica * Manu Chao * Donavon Frankenreiter * Adam Green * Hard-Fi * The Hives * Sigur Rós