Im TV: Oscars 2006

Wenn ich mir jedes Jahr die Oscar-Verleihung anschaue (übrigens nicht live, ich brauche meinen Tag-Nacht-Rhythmus und besitze einen Videorekorder), dann interessiert mich gar nicht so sehr, wer denn nun gewinnt, welcher Film die meisten Nominierungen hat, ob die Verleihung politisch ist, und ob Sophie Scholl gewonnen hat. Nein, ich will eine gute, unterhaltsame Show, und das kriegen sie bei den Oscars meistens ziemlich gut hin. Hilfreich ist natürlich das unglaubliche Star-Aufgebot auf der Bühne und auf den Rängen. Die Presenters, die die Nominierten ansagen und die Umschläge öffnen dürfen, sind allesamt Hollywood-A-Promis, und welche Fernsehshow hat schon in der ersten Reihe einen grinsenden Jack Nicholson mit Sonnenbrille sitzen?

Hier also einige unsortierte Anmerkungen zu den 78. Academy Awards 2006:

* Jon Stewart war prima als Moderator, vor allem in der ersten Hälfte. Es ist für so eine Show, die immer hart am Rande von Kitsch und Pathos schwebt, verdammt wichtig, jemanden zu haben, der mit „snarky comments“ das Ganze ein bisschen erdet. Stewart war definitiv besser als sein Vorgänger Chris Rock, so wie mir eigentlich die ganze Show besser gefallen hat als die letzte.

* Gleich zu Beginn ein sehr lustiger Clip, der zeigt, wer heuer nicht moderiert. Billy Chrystal (mit Chris Rock bei einer Schafherde im Zelt), David Letterman, Steve Martin, Whoopie Goldberg: alle keine Zeit oder keine Lust. Und auch Mel Gibson lässt sich entschuldigen (in Maya-Sprache, am Set von Apocalypto).

* Jon Stewart: „Wann kann man schonmal zu einer Party gehen, auf der so viele Stars sind, ohne für die Demokraten Spenden zu müssen?“ – „Björk kann nicht kommen, sie wurde bei den Anproben für ihr Kleid von Dick Cheney erschossen.“ – „Charlize Theron spielt eine Frau, die nach ihrem Äußeren beurteilt und schlechter bezahlt wird als ein Mann im gleichen Job. In Hollywood undenkbar…“

* Tom Hanks demonstriert in einem Einspielfilm, wie das Orchester dieses Jahr eingreifen wird, wenn die Dankesreden zu lang werden.

* Ach ja, die Dankesreden: so langweilig wie immer. Nicht mal ein Heulkrampf war dabei (obwohl Reese Witherspoon recht nah dran war).

* Dafür gab es einige schöne Szenen bei den Presentern.
Ben Stiller kommt bei „Best Visual Effects“ im grünen Ganzkörperanzug und behauptet, er würde vor einem Greenscreen stehen und im Fernsehen wäre nur sein Kopf zu sehen.
Der Preis für den besten animierten Kurzfilm wird von Chicken Little und dem Hässlichen Entlein angesagt. Diese Auftritte von digitalen Trickfiguren haben inzwischen schon Tradition.
Beim Preis fürs beste Makeup kommen Will Ferrell und Steve Carell (was sagte ich oben über A-Promis?) extra schlecht geschminkt auf die Bühne.
Meryl Streep und Lily Tomlin sagen den Ehrenoscar für Robert Altman an. Und da der ja nie das gemacht habe, was man von ihm erwartet habe, tun sie das auch nicht, klauen sich gegenseitig ihre Zeilen vom Teleprompter, schnattern wild durcheinander und haben sehr viel Spaß.
Schon klar, das sind alles ziemlich harmlose Späßchen, die aber in der glamourösen und feierlichen Atmosphäre sehr wirkungsvoll sind.

* Zwei Sorten von Einspielfilmen gab es diesmal: die tollen, extra gedrehten (wie schon oben erwähnt), darunter sehr witzige Clips, die im Stil von Wahlwerbespots für die Beste Schauspielerin oder den Besten Tonschnitt werben. Und die nicht so tollen, die Zusammenschnitte aus 100 Jahren (US-) Filmgeschichte, die, thematisch geordnet, zeigen sollen wie großartig die Traumfabrik doch ist und war und immer sein wird. Aber halt, auch da war ein guter dabei: Ausschnitte aus Western, die belegen, dass das Genre schon immer schwul war.

* Die einzige Kategorie, bei der ich alle nominierten Filme gesehen habe (na gut, da sind’s auch nur drei), ist „Best Animated Movie“: Nick Park und Steve Box kriegen den Preis für Wallace and Gromit und freuen sich mit dem Schlachtruf „Cracking Cheese, Gromit!“

* Überraschungssieger des Abends ist sicherlich Crash mit drei Oscars (Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Kamera). Irgendwie immer schön, wenn die großen Favoriten, die angeblich sicheren Sieger, dann doch nicht gewinnen. Und jetzt muss ich mir dringend die DVD besorgen, weil ich den Film im Kino verpasst hatte.

* Ebenfalls drei Oscars gab’s für Brokeback Mountain (Regie, Adaptiertes Drehbuch, Filmmusik), King Kong (in den Techno-Kategorien Visual Effects, Sound Mixing, Sound Editing – wer erklärt mir den Unterschied?) und Memoirs of a Geisha (Kostüme, Art Direction, Kamera). Letzterer immerhin ein Film, der von den Kritikern fast gar kein Lob bekam. Vielleicht hatte die Academy doch ein bisschen Angst, mit den vielen nominierten „kleinen“ Filmen zu sehr vom Mainstreamkino abzuweichen.

* Die vier Schauspieler-Oscars wurden fair über vier Filme verteilt, die jeweils nur diesen einen Oscar gewannen. Schön, dass Philip Seymour Hoffman dabei war. Guter Mann! Ach ja, gibt es eigentlich keine bessere deutsche Übersetzung für „Best Actor in a Supporting Role“ als „Bester Nebendarsteller“? Das trifft es doch irgendwie nicht so richtig, finde ich.

* Loser des Abends sind wohl George Clooneys Good Night and Good Luck (sechs Nominierungen) und Spielbergs Munich (fünf Nominierungen), die beide leer ausgegangen sind. Da tun mir die Feuilletonisten leid, die bestimmt schon alle ihre Artikel zum politischen Statement der Academy in der Schublade hatten. War wohl nichts.

Live gebloggt wurde heute Nacht übrigens bei Anke und im Wohnzimmer.

 

3 Gedanken zu „Im TV: Oscars 2006

  1. pro7 hat das ganze in der zusamenfassung unertraeglich zerschnitten. jon stewart kam kaum vor und sogar die chronologie haben sie aufgebrochen … was reg ich mich auf. war ja vorherzusehen.

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