Im Kino: Gernstls Reisen

Dokumentarfilm und Feelgood-Movie in einem. Franz Xaver Gernstl, der seit gut 20 Jahren mit Ton- und Kameramann für den Bayerischen Rundfunk unterwegs ist, betreibt mit dem Kinofilm Gernstls Reisen: Auf der Suche nach dem Glück eine Art Resteverwertung: Er plündert sein Archiv und präsentiert einen Best-of-Zusammenschnitt seiner Reisen. Dass dieses fürs Fernsehen gedrehte, nicht mehr taufrische Material rein technisch für die Kinoleinwand ungeeignet ist und man kein brillantes, gestochen scharfes Bild bekommt, hat man schnell vergessen, denn der Faszination des Films kann man sich kaum entziehen.

Das dreiköpfige Team macht in all den Jahren nicht viel mehr, als sich mit seinem VW-Bus treiben zu lassen (vorwiegend innerhalb Deutschlands bzw. im Alpenraum, aber immer außerhalb der Großstädte), interessante Menschen zu suchen und mit ihnen zu sprechen. Gernstl kann gut zuhören und kitzelt damit oft Erstaunliches aus seinen Gesprächspartnern heraus. Nicht immer, aber recht häufig sind es die Sonderlinge, mit denen Gernstl ins Gespräch kommt, manche würden sagen: die Freaks. Ein selbsternannter Guru, ein Unfallchirurg, der nebenbei eine alternative Tierfarm betreibt, ein esoterisch angehauchter Käsehersteller. Gernstl nimmt diese Menschen ernst, er führt sie nie vor, auch wenn man als Zuschauer über das Ergebnis lacht.

Als ich die TV-Sendung im Bayerischen Fernsehen zum ersten Mal flüchtig wahrnahm, kam sie mir sehr altbacken, ein bisschen zu bayerisch-gemütlich, vor. Dieser erste Eindruck täuscht, denn Gernstl erzählt eine Menge über unsere Gegenwart und über die unglaubliche Vielfalt von Typen, die darin leben. Da er das Ganze mit einem sehr charmanten Humor kommentiert und der Schwerpunkt des Films auf Menschen liegt, die — jeder auf seine Art — mit sich und ihrem Leben sehr zufrieden sind, geht man mit einem sehr angenehmen Gefühl aus dem Kino. Absolute Empfehlung — und wer mal wieder seine Eltern oder Großeltern ins Kino begleiten will, hat hier einen echten Trumpf im Ärmel.

(Der Film lief anfangs fast nur in Bayern, langsam arbeiten sich die Kopien auch nach Norden vor, siehe Übersicht)