Geist ist geil
Dienstag, 30.05.2006
Es muss etwa 2000 oder 2001 gewesen sein, da in mir das Verlangen nach einem Kabelanschluss erwachte. Die erste Zeit in der Münchner Wohnung genügte mir die Handvoll Dachantennen-Programme, aber das Angebot war dann doch verlockend: viele öffentlich-rechtliche Sender, für die ich eh schon GEZahlt hatte, sie aber nicht sehen konnte, MTViva (die damals noch einige Musikvideos spielten) und das analoge Premiere, von dem ich gehört hatte, dass man mit einer TV-Karte und einem PC lustige Experimente machen konnte. So kam also das Kabel in die Wohnung, und irgendwann auch die Erkenntnis, dass 30 x doof nicht besser ist als 6 x doof. Nur teurer. Aber zur Kündigung konnte ich mich dann auch nicht durchringen (und außerdem entscheide ich das nicht alleine).
Der Ausweg (die Alternative namens Sat-Schüssel scheidet in einem Mietshaus meistens aus) kam exakt heute vor einem Jahr: DVB-T, also digitales Fernsehen über Antenne, startete in Bayern. 24 Sender, nur unwesentlich weniger als beim analogen Kabel, ohne Gebühren. Das war die Chance, dem Kabelprovider endlich die Kündigung zu schicken und mir einen DVB-T-Receiver zu kaufen. Für mich eine kleine TV-Revolution, aber nicht wegen digital, sondern weil mein Receiver auch eine Festplatte hat. Und dieses Ding verändert das Fernsehverhalten wirklich.
Plötzlich ist es möglich, Serien wirklich zu verfolgen, also jede Folge zu gucken (was bei den modernen, guten Serien wie Lost, 24 oder Six Feet Under auch dringend anzuraten ist). Und zwar dann zu gucken, wenn ich will, und nicht dann, wenn der Fernsehsender meint, jetzt wäre grade ein guter Moment. Das ist keine Revolution, kann man einwenden, das geht auch mit DVDs (die kosten aber Geld!) und ein normaler Videorekorder kann das auch. Sicher, antworte ich, aber Aufnahmen mit dem klassischen Videokassettenrekorder waren leider ziemlich umständlich und mühsam: Freies Tape suchen oder kaufen, die richtige Stelle auf dem Band hinspulen, prüfen, ob noch genügend Platz frei ist. Fällt alles weg, Aufnehmen ist viel leichter geworden und wird damit auch öfter praktiziert. Die Folge: Man kann sich das jämmerliche Live-TV-Gucken, dieses “Was kommt denn grade, hmmm, das läuft schon seit 20 Minuten, weiterzappen, nagut, das ist halbwegs erträglich, das bleibt erstmal” sparen. Man schaut Festplatte. Ein Nachteil bleibt natürlich: Ich muss rechtzeitig auswählen und programmieren, bevor die Sendung läuft. Wenn ich erst heute lese, dass diesundjenes gestern gut war, ist’s zu spät. Aber das kann ja auch noch werden. Die BBC zum Beispiel entwickelt da grade höchst Spannendes.
A propos Fernsehen: Bei Zoomo ist es auch verdächtig ruhig geworden. Schade, ich finde dieses Weblog mit interessanten TV- (und Radio-) Empfehlungen klasse. Da kommt hoffentlich nochmal was.
Dienstag, 30.05.2006
Kung Fu trifft Fußball, Martial Arts trifft Slapstick, in Stephen Chows Shaolin Soccer.
Was für ein bescheuerter Blödsinn! Was für ein irrer, herrlicher Spaß! Danke, arte.
Montag, 29.05.2006
Heute abend beginnt die zweite Staffel der Serie 4400 auf Pro Sieben. Muss ich nicht mehr sehen. Die Serie mit dem komischen Titel (in der deutschen Übersetzung sagen sie tatsächlich “Vierzundvierzig Hundert”) wurde ja als großer Wurf angekündigt und das machte mich neugierig genug, die ersten Folgen mal anzutesten. Bis zur letzen Folge der ursprünglichen Miniserie hab ich dann doch durchgehalten, denn darin wurde enthüllt, wer die 4400 Menschen entführt hatte und warum. Die Auflösung ist übrigens gar nicht mal so blöd und eröffnet durchaus Raum für weiteren Erzählstoff. Trotzdem verzichte ich auf die weiteren Folgen, denn für meinen Geschmack hat die Serie einfach zu viele Schwächen: 4400 erzählt wahnsinnig langatmig, mit wenig Sinn für Suspense und Timing. Es gibt zu viele Nebenplots, die einfach nur öde und vorhersehbar sind. Es fehlen markante, schillernde Charaktere, die den Zuschauer faszinieren (wenn ich da z.B. an Locke in Lost denke…), und die Schauspieler sind auch nicht gerade umwerfend.
Außerdem erinnert 4400 immer wieder an andere Filme und Serien, von denen sie deutlich inspiriert ist, die allerdings deutlich besser sind: Von den X-Files borgte man das Ermittlerteam (ein Mann und eine Frau, die eine kühl-misstrauisch-analytisch, der andere mit einem eher intuitiven Zugang), an Lost erinnert das Prinzip, eine große Menge von Figuren zu haben, die einzeln — teilweise in Rückblenden — beleuchtet werden. Und schließlich das Storyelement der besonderen Begabungen, mit denen die Rückkehrer ausgestattet sind, ihre Unsicherheit im Umgang damit und das Ausgrenzen der Sonderlinge durch die “normale” Bevölkerung: das stammt eindeutig von den X-Men, wurde dort aber viel interessanter umgesetzt.
Sonntag, 28.05.2006
Sarah Kuttners Show auf MTV wird abgesetzt. Ich mag diese Dame und ihre charmant-verquere Art, Fernsehen zu machen, sehr, und deshalb ist das für mich eine gute Nachricht. Ich kann nämlich seit ca. einem Jahr weder Viva noch MTV empfangen (mehr dazu in ein paar Tagen) und so kann ich der Nachricht gleich mehrfach positives abgewinnen:
- Der letzte Grund, MTViva zu vermissen, ist weg
- Alles Misstrauen gegenüber MTViva wird mal wieder aufs Schönste bestätigt. Sie haben uns Viva Zwei genommen, sie haben Charlotte gekickt und alle halbwegs interessanten Formate versenkt. Was macht eigentlich Kavka?
- Es gibt berechtigte Hoffnung, Frau Kuttner demnächst in einem vernünftigeren Sender wieder zu sehen. Und dann kann ich auch wieder mitgucken. Zum Beispiel schon am Donnerstag in der hr-Late-Longe.
Donnerstag, 25.05.2006
C.R.A.Z.Y., diese fünf Buchstaben stehen für fünf Brüder, die in einer Familie in der Provinz Québec aufwachsen. Im Mittelpunkt steht Zac, Jahrgang 1960, den wir vom Mutterleib an durch seine ganze Adoleszenz begleiten. Richtig, C.R.A.Z.Y. von Jean-Marc Vallée, in diesem Jahr der große Abräumer bei den Genie Awards (dem kanadischen Pendant zum Oscar), ist ein Coming-of-age-Film und enthält praktisch alle Standardzutaten, die in diesem Genre dazu gehören: Stress mit Geschwistern, Mitschülern und Eltern, erste sexuelle Erfahrungen, und — ganz wichtig — Musik.
Zacs Umgebung, in der er aufwächst, wird hier nicht als Hölle beschrieben, aus der man es kaum erwarten kann, auszubrechen. Seine Eltern sind eigentlich ziemlich in Ordnung, wenn nur die Mutter nicht so streng gläubig wäre und der Vater kein so stolzer Macho, dessen größte Sorge es ist, dass aus seinem Nachwuchs Schwuchteln werden könnten. Genau das ist dann auch der Konflikt, der die Geschichte vorantreibt: Zac, der sich schon als Kind für Puppenwägen und Mutters Schmuck interessiert hat, entdeckt sein Interesse für den Freund der Cousine. Für den Vater eine Katastrophe.
Jean-Marc Vallée zeichnet ein stimmungsvolles Bild der 60er und 70er Jahre, seine Figuren sind zwar ziemlich archetypisch angelegt, tappen aber nicht in die Klischeefalle. Die Schauspieler, allen voran Hauptdarsteller Marc-André Grondin sorgen dafür, dass die Charaktere nicht zu Schablonen werden. Besonders schön gelungen sind einige musikalische Szenen, z.B. wenn Zac in der Christmette sitzt und sich vorstellt, die ganze Kirche würde “Sympathy for the Devil” singen, oder wenn er (das Gesicht mit einem Blitz bemalt) in seinem Zimmer zu David Bowies “Space Oddity” posiert.
C.R.A.Z.Y. ist wirklich kein schlechter Film, aber so ganz gepackt hat er mich dann doch nicht. Erstens, weil er sich zu wenig traut — er hat einige originelle Ideen, bleibt aber dann doch meist einen Tick zu brav und bieder. Und zweitens, weil der Film sich in der zweiten Hälfte mächtig in die Länge zieht. Mit 127 Minuten ist er mindestens eine halbe Stunde zu lang, da wäre weniger mehr gewesen.
Mittwoch, 24.05.2006
Wenn man dem Thema Superhelden nicht komplett abgeneigt ist, dann darf man X-Men und (mehr noch) X-Men 2 durchaus zu den gelungensten Filmen dieses Genres zählen. Regisseur Bryan Singer hat die Latte für seinen Nachfolger Brett Ratner recht hoch gehängt. Ist Teil 3 ein würdiger Nachfolger? Die Antwort lautet: fast. Ratner und sein Team versuchen nicht, der Serie ihren eigenen Stempel aufzudrücken, sondern bleiben stilistisch und stimmungsmäßig den Vorgängerfilmen treu. Wie gewohnt halten sich Actionszenen, charmante Charaktermomente und ein (verglichen mit anderen Sommerblockbustern) ziemlich plausibler Plot die Waage.
Das sympathische an den X-Men ist ja die Tatsache, dass es keine eindeutige Hauptfigur, sondern immer ein Ensemble gibt, dessen einzelne Mitglieder mehr oder weniger gewichtige Rollen im Film spielen. Von der Kerntruppe aus den ersten beiden Filmen sind alle wieder dabei, keine Rolle musste durch einen anderen Schauspieler ersetzt werden. So fühlt sich der Film als echte Fortsetzung an, auch weil einige Handlungsfäden aus dem Vorgänger wieder aufgegriffen werden. Manche Nebenfiguren sind verschwunden (leider gehört der Nightcrawler dazu, den ich in X-Men 2 klasse fand), dafür wurden natürlich wieder neue Charaktere aus Marvels schier unendlichem Mutantenvorrat geholt.
Die Handlung von X3 besteht aus zwei zentralen Elementen: Zum einen die Wiederkehr der tot geglaubten Jean Grey als Dark Phoenix, zum anderen die Entdeckung eines Medikaments, das angeblich alle Mutanten von ihrer “Krankheit” heilen könne. Während einige aus der gesellschaftlichen Randgruppe der Mutanten sich nichts sehnlicher wünschen als “normal” zu sein, sieht v.a. Magneto, den Ian McKellen wieder mit großer Lust am Schurkentum verkörpert, das Heilmittel als ultimative Provokation und ruft einmal mehr den Krieg der Mutanten gegen die Menschen aus. Dabei will er die extremen Kräfte der Dark Phoenix für seine Zwecke nutzen. Und Charles Xavier (Patrick Stewart) und seine Schüler wollen dies natürlich verhindern.
Am meisten Spaß macht Der letzte Widerstand jedoch in den kleinen Szenen, die nicht zur Haupthandlung gehören. Wortgefechte zwischen Beast und Wolverine, eine kleine Romanze zwischen Shadowcat und Iceman, die Fiesheiten von Mystique. Und auch der Juggernaut mit seinem klobigen Helm, bei dem sich die Filmemacher getraut haben, die Figur als tumben Dämlack darzustellen, sorgt für unterhaltsame Momente. Und die Geeks unter uns dürfen natürlich wieder Ausschau nach Stan Lee halten, der (wie in fast allen Marvel-Filmen) wieder einen kleinen Cameo-Auftritt hat.
Zu einem Film wie X-Men gehören natürlich Spezialeffekte und Action wie der Senf aufs Leberwurstbrot. Und auch hier kommen die Fans auf ihre Kosten. Zu Beginn werden die Effekte eher sparsam, aber durchaus sehr wirkungsvoll eingesetzt, z.B. wenn sich die Wandlung Jean Greys zum finsteren Dark Phoenix in ihrem Gesicht spiegelt. Die richtig große Action-Keule wird erst im letzten Drittel des Films rausgeholt, dann aber gibt es eine spektakuläre, ausgiebige und sehenswerte Schlacht, bei der die Golden Gate Bridge eine tragende (haha) Rolle spielt.
X-Men 3 ist als Fortsetzung auf alle Fälle gelungen und dürfte denjenigen, die die ersten beiden Teile mochten, gut gefallen. Und das will bei der Schwemme von Sequels, die Hollywood Jahr für Jahr raushaut, schon etwas heißen. Als eigenständiger Film funktioniert The Last Stand zwar auch, macht aber mit etwas Vorwissen viel mehr Spaß. Das Figurenensemble ist für Neulinge nicht leicht zu überblicken und die Hauptpersonen werden nicht mehr groß eingeführt. Stellenweise wirkt die Geschichte in ihrem Streben nach Ernsthaftigkeit und Relevanz etwas zu bemüht. Vor allem Magnetos bedeutungsschwangere Reden wirken teilweise eher unfreiwillig komisch, was das Vergnügen aber nur wenig schmälert. Ein Meisterwerk ist X-Men: Der letzte Widerstand zwar nicht geworden, aber als Popcornfilm und Nachschub für Fans funktioniert der Film hervorragend.
Abspann: Yeah, hier gibt es mal wieder eine echte Belohnung für uns Sitzenbleiber. Durchhalten!
Dieser Text steht in etwas ausführlicherer Form auch bei Comicgate.
Dienstag, 23.05.2006
Stolze 19 Wochen nach dem Kinostart habe ich es nun auch in Sommer vorm Balkon von Andreas Dresen geschafft. Wurde aber auch höchste Zeit, denn das ist ein wirklich feines Stück Film. Der Trailer und vor allem die bunte Plakatwerbung deuteten auf ein Feelgood-Movie für Freundin- und Petra-Leserinnen hin, aber das ist die falsche Fährte. Sommer vorm Balkon ist ein Blick auf unsere Gegenwart: Deutschland 2006, das Leben zweier Frauen über Dreissig, noch nicht alt, aber auch nicht mehr richtig jung. Das ist — wie im echten Leben — stellenweise sehr lustig, aber auch sehr tragisch, romantisch ist es eher nicht (auch wenn sich die Figuren vielleicht manchmal wünschen, dass es so wäre). Die Geschichte, die Menschen darin und ihre Dialoge, sie fühlen sich sehr realistisch und lebensnah an.
Den Plot könnt ihr gerne woanders nachlesen, denn der ist nicht unbedingt das wichtigste. Ich habe lange keinen Film gesehen, der so viele tolle kleine Einzelmomente hat: Ein einzelner Satz, ein bestimmter Blick, ein unscheinbarer Gag, ein kleines Detail, auf das nicht weiter eingegangen wird. Und eine Handvoll wunderbarer Kameraeinstellungen. Dazu ein Schauspielerensemble, das ohne die ganz großen Namen auskommt, aber gerade deshalb so überzeugend wirkt. Mit den Elementarteilchen-Allstars hätte das nicht gepasst.
Heißer Anwärter auf einen Platz in meinen Jahres-Top-Five.
Montag, 22.05.2006
Skandinavier, ihr seid super! Erst rollt ihr den Grand Pr… tschuldigung, Eurovision Song Contest mit dieser großartigen KISS-Revival-Nummer von hinten auf (Die Flügel! Toll!) und dann erheitert ihr mich mit charmant falschen Übersetzungen im Internet. Ein Hotel in Oslo möchte das hier von mir wissen:

Nun, in welchem Zustand ich ankommen werde, weiß ich nicht so genau. Kommt drauf an, welche Speisen und Getränke die Airline serviert. Aber meinen Reißverschluss-Code weiß ich: YKK steht da drauf, fast immer. Und nach der Eingabe bedankt sich der Norweger artig:
Samstag, 20.05.2006
Musik. Tanz. Flirt.
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Donnerstag, 18.05.2006
Ein Quell der Freude ist das kleine Begleitheftchen Destination Germany, das die FIFA bzw. das WM-OK den Ticketinhabern mit in die Post gelegt hat. In vier Sprachen gibt es darin Infos wür WM-Reisende.
Am schönsten ist die Checkliste zum Ankreuzen, mit Dingen, die man auf jeden Fall einpacken sollte auf dem Weg nach Deutschland. Die Tickets natürlich, Ausweis, Reiseführer, Sonnencreme, aber auch die MasterCard (offizieller Sponsor), und: “National pride”. Den darf man auf keinen Fall vergessen, aber warum habt ihr den denn ganz hinten hingeschrieben, an die letzte Stelle, noch hinter “Sunscreen”? Mensch FIFA, so ne Flasche Sonnenmilch gibt’s in Deutschland an jeder Ecke, die kann man schnell mal nachkaufen, wenn man die vergessen hat. Aber Nationalstolz? Mist, den hab ich zuhause vergessen, wo krieg ich jetzt auf die schnelle einen Ersatznationalstolz her? Und wenn ich ihn dann dabeihabe, was mach ich dann damit? Soll ich bei Tunesien gegen Saudi-Arabien ein Schwarz-Rot-Gold-Käppi tragen und “Schlaaand” brüllen? Mach ich doch gerne!
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