Geist ist geil
Freitag, 30.06.2006

Vorgestern in der Muffathalle: Die Flaming Lips. Mehr dazu bei den Stagediven.
Freitag, 30.06.2006

Einer der Besten ist tot. Die Titanic hat ein Kondolenzbuch.
(Abbildung geklaut bei Ben Scheubeck)
Donnerstag, 29.06.2006

Gelungene Mischung aus Science-Fiction und Arthaus-Film. Michael Winterbottoms Film erzählt von einer Zukunft, in der die Menschheit in zwei Klassen geteilt ist: die drinnen und die draußen. Wer ein “Cover” hat, eine Art Visum, darf rein in die Städte, der Rest muss draußen bleiben und in slumartigen Siedlungen in der Wüste leben. Natürlich gibt es illegale Deals mit solchen Dokumenten und William Geld (Tim Robbins) reist von Seattle nach Shanghai, um einen solchen Fall aufzudecken. Dank eines speziellen Empathie-Virus, mit dem er Gedanken lesen kann, findet er die Schuldige schnell, allerdings verliebt er sich auch in sie und sie wird schwanger. Da der genetische Code der beiden zu 50% übereinstimmt (weil Klonen längst akzeptierte Realität ist), verstoßen sie, ohne es zu wissen, gegen den Gesetzescode 46, der bei Strafe untersagt, dass genetisch ähnliche Menschen Kinder zeugen.
Im Kern ist Code 46 eine einfache Liebesgeschichte von einem Paar, das zu Outlaws wird, ohne es zu wollen. Darüber hinaus aber auch eine Dystopie von einer nicht sehr fernen Zukunft, deren einzelne Motive (Überwachungsstaat, Repression, Gentechnik) zwar nicht direkt originell, aber zu einem überzeugenden Ganzen zusammengesetzt sind.
Was ich an Code 46 besonders mochte, ist die visuelle Umsetzung der Geschichte. Denn die unterläuft die Standards, die von teuren Hollywood-SF-Filmen gesetzt wurden: keine Effektschlachten, keine Exzentrik bei Architektur und Mode. Winterbottom filmte in Shanghai und Dubai, in rasant wachsenden Städten, die schon fremdartig und futuristisch genug aussehen. Es sind eher beiläufige Kleinigkeiten, die dem Zuschauer sagen, dass er sich in der Zukunft befindet: ein paar Hightech-Gadgets und vor allem die Sprache, in die immer wieder Wörter aus verschiedenen Sprachen der Welt gemischt werden. Auf Action wird praktisch komplett verzichtet. Code 46 ist ein sehr ruhiger Film, getragen von den Hauptdarstellern Tim Robbins und Samantha Morton, aber auch von den Bildern und dem Soundtrack von David Holmes.
Dienstag, 27.06.2006
Jedes Jahr im Sommer in München: Das Münchner Filmfest (nach eigener Aussage das zweitgrößte Festival in Deutschland nach der Berlinale) und das Fantasy Filmfest (das immer in München beginnt und dann durch andere Städte zieht). Heuer überschneiden sich leider die beiden Festivals an vier Tagen, weil das Münchner Filmfest wegen der WM später beginnt als üblich. Ich find das sehr schade. Auch wenn die Zielgruppen der beiden Festivals nicht direkt übereinstimmen, so gibt es sicherlich Schnittmengen, also etliche Leute, die beide Veranstaltungen interessant finden. Das zeigt sich schon allein daran, dass zumindest ein Film (Linklaters A Scanner Darkly) sowohl hier als auch dort läuft (vielleicht sind’s auch noch mehr, so genau hab ich nicht geschaut). Beim Filmfest ist das gesamte Programm bereits online, beim FFF erst ein unvollständiger Ausschnitt mit rudimentären Infos.
Das Festival-Filme-Aussuchen ist ja eine Kunst für sich. Wenn man weder Dauerkarte noch Urlaub noch Geldscheißer noch Presse-Akkreditierung hat, so erlauben Zeit- und Geld-Budget meistens nur den Besuch einer kleinen Handvoll Filme. Nicht ganz einfach, hier die “richtigen” rauszusuchen. Ich gehe in der Regel erstmal nach Kalender vor. Zeiten, die bereits durch andere Termine belegt sind, scheiden schonmal aus, das schränkt die Auswahl gleich ein. Dann werden interessante Filme angestrichen. Das ist gar nicht so leicht — zuerst fallen einem Filmtitel ins Auge, von denen man im Internet oder anderswo schon gelesen hat (Art School Confidential, Sympathy for Lady Vengeance oder Soderberghs Bubble beim Filmfest, Renaissance und The Science of Sleep beim FFF). Schwieriger wird’s bei völlig unbekannten Titeln, Regisseuren und Darstellern. Wer hat die Zeit, all die Inhaltsangaben und Promotexte zu lesen?
Hat man schließlich eine kleine Menge interessanter Filme gesammelt, kommt das Aussieben und — bei gleichzeitig laufenden Filmen — das Abwägen. Ich versuche bei Festivals möglichst solche Filme zu sehen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht regulär im Kino laufen werden. Manche Filme haben bereits einen Verleih und ein konkretes Startdatum für die Kinoauswertung (einigermaßen gut zu recherchieren bei filmz.de oder blickpunktfilm.de). Dann muss ich den nicht auf dem Festival sehen. Ich gehöre nicht zu der Sorte, die alles möglichst früh und als erste haben, sehen oder hören muss.
Schwieriger wird’s bei Filmen wie A Scanner Darkly: Die Erfahrung sagt mir, dass der Film sicher in die deutschen Kinos kommen wird, aber einen Starttermin oder Verleiher kann ich nicht finden. Ich spekuliere auf einen regulären Start, schon allein wegen Keanu Reeves. Wie auch immer, in diesem Jahr werde ich so oder so nicht mehr als zwei oder drei Filme sehen können. Der Juli ist bei mir einfach zu voll mit anderen Beschäftigungen.
Samstag, 24.06.2006

Da liegt es, druckfrisch und duftend: Das Comicgate-Magazin. Comicgate gab es bisher “nur” online, als Internet-Fanzine über und mit Comics, das seit sechs Jahren lange und kurze Artikel, Besprechungen, Interviews, Kolumnen, Strips und Cartoons ins Netz stellt. Seit 2003 mische ich auch dort mit, nun haben wir uns einen kleinen Traum erfüllt und ein “richtiges” Heft zum Blättern auf die Beine gestellt.
Ich würde mich riesig freuen, wenn einige Leser dieses Blogs — auch wenn sie keine Extrem-Comicfans sind — ein gutes Werk tun und dieses schöne Magazin kaufen würden. 80 Seiten, teilweise farbig, DIN A 5, gutes Papier. Da sind 5 Euro okay, finden wir.
Aus dem Inhalt:
- Meine Wenigkeit hat Dirk Rehm interviewt, den Gründer und Chef des rundum guten Comicverlags Reprodukt
- und ich gebe einen Überblick über die wichtigsten Preise und Auszeichnungen für Comics
- Björn vom Agitpopblog schrieb einen Artikel über die letzten 20 Jahre im US-Comicmarkt
- Frauke interviewt den Cartoon- und Comiczeichner Ralph Ruthe
- Christopher porträtiert Lewis Trondheim, einen großartigen Comicmacher aus Frankreich
- Es gibt ein Interview mit Josef Rother, der demnächst mit Eckart Breitschuh die Serie Argstein startet
- Alle zusammen empfehlen wir eine Stange aktueller Comicserien, die wir toll finden
- Dazu 35 Seiten mit Comic-Kurzgeschichten, und zwar von diesen Damen und Herren: Tony Moore, Anna-Maria Jung & Johnny Speer, Jürgen Wurst, Arnd Böhm (der auch das Cover gezeichnet hat), Michael Vogt, Lapinot, Beni Merk & Cassandra, Marco Eichler und Thomas Schreurs.
Weitere Infos, Leseproben, Bestell- und Einkaufsmöglichkeiten stehen hier. Ende des Werbeblocks.
Freitag, 23.06.2006
Man kommt ja aus dem Aufregen gar nicht mehr raus. Was soll denn der Scheiß schon wieder?
In einem Lagerhaus irgendwo in Deutschland liegt ein Haufen CDs, aufgenommen, gepresst und gut verpackt. Die Bemusterungsexemplare sind vor Wochen an die Musikmagazine verschickt worden; in deren Juli-Ausgaben werden die Geschichten und Rezensionen zum Album erscheinen. Ob “Die Dreigroschenoper” in der Neueinspielung der Popband Slut jedoch jemals in die Läden kommen wird, ist unklar: Die CDs bleiben bis auf Weiteres im Lager.
In dem Artikel auf jetzt.de, der auch in der gedruckten Süddeutschen Zeitung erschien, wird geschildert, wie sich Slut und ihr Label redlich um die Rechte an der Veröffentlichung ihrer Version der Dreigroschenoper (die bereits mehrfach im Theater in Ingolstadt aufgeführt wurde) bemüht hatten. Zuerst gab’s gar keine Antwort, dann hieß es, sieben oder acht Songs seien okay, später waren nur noch fünf gestattet. Begründung: Keine. Also kommt in Kürze die Schmalspur-Version Die kleine Dreigroschenoper als Mini-CD auf den Markt.
Okay, das ist kein großer Skandal, kein schlimmer Goliath-gegen-David-Kampf. Die Erben von Kurt Weill haben die Rechte, sie können “ja” oder “nein” sagen (und, wie man sieht, auch “jein”). Trotzdem: Zum einen ist es verdammt schade für eine obersympathische Band wie Slut, die hier um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wird, zum anderen ist diese seltsame Politik der Weill-Erben ein weiterer Tropfen auf dem Stein, der “Der extrem nervende Umgang von Rechteinhabern mit ihren Rechten” heißt. Und lächerlich obendrein, da der Einspruch ja erst kam, nachdem erste Exemplare der vollständigen Aufnahmen bereits verbreitet wurden. Viel Spaß beim Suchen in den schummrigen Ecken des Netzes.
Donnerstag, 22.06.2006
Es geht um nichts mehr in diesem Spiel, beide Teams sind schon raus aus dem Turnier. Die Serben haben sich mit dem 0:6 gegen Argentinien eine schöne Blamage eingehandelt, die Ivorer haben gut gespielt aber zweimal knapp verloren. Ist da noch Motivation übrig für das Spiel um Platz 3 und 4 in der “Todesgruppe”? Wird das ein interessantes Spiel? Wohl kaum. Der Star der Ivorer, Didier Drogba, fehlt wegen Gelbsperre. Und dann fängt’s auch noch an, heftig zu regnen.
Aber dann: Was für ein schöner Fußballabend! Die Afrikaner stümen von Anfang an aufs Tor, liegen aber bald wegen katastrophaler Abwehrfehler und Schwächen im Abschluss 0:2 hinten. Das deutsche Publikum merkt, dass hier die Falschen führen und feuert geschlossen eine Mannschaft an: die Elfenbeinküste. Und die schafft es tatsächlich, das Spiel zu drehen. Nicht wirklich Spitzenfußball (dazu gab’s zuviele Fehler, Fouls, Elfer und Karten), aber über 90 Minuten höchst unterhaltsam. Großartige Stimmung in der vollen Münchner Arena, vielleicht eins der sehenswertesten Spiele dieser WM-Vorrunde. Begeisterung.



Dienstag, 20.06.2006
Die richtig tollen Spiele hab ich nicht erwischt, aber man will ja nicht kleinlich sein und freut sich natürlich, wenn man Tickets hat für die WM. Ich war letzte Woche bei Saudi-Arabien - Tunesien (2:2), ein teilweise erbärmlicher Kick auf bestenfalls Zweitliganiveau. Aber immerhin mit vier Toren. Und gestern dann bei Brasilien - Australien (2:0). Auch das war nicht ganz so toll wie erwartet, bot aber zumindest eine unterhaltsame zweite Halbzeit und man konnte gut beobachten, wie der neutrale Teil des Publikums im Laufe des Matches vom Brasilien- zum Aussie-Unterstützer mutierte. Ein Tor hätte den Socceroos fast jeder gegönnt. Und sonst?
- Die Münchner Arena ist wirklich ein tolles Stadion. Alles so nah dran!
- Je langweiliger, desto La Ola.
- Wenn das Publikum irgendwann schreit “Steht auf, wenn ihr Deutsche seid” und das auch tut, spricht das nicht gerade für die Qualität des Spiels. Nichts gegen Tunesien und Saudi-Arabien, aber das war schon enttäuschend für ‘ne WM.
- Der Mann, der für die Lautstärke der Stadion-Beschallung zuständig ist, arbeitet wahrscheinlich den Rest des Jahres als Triebwerktester bei Boeing. Scheiße, war das laut.
- Goleo: schlimm. Pille: sehr schlimm. Stefan Lehmann “interviewt” Goleo und Pille: schlimmschlimmschlimm.
- Vollkommen überflüssig: das komplette Spiel auf den großen Anzeigetafeln zu übertragen. Was soll das? Die Leute schauen auf den Rasen! Und die interessanten Sachen (z.B. Zeitlupen nach Schiedsrichter-Pfiffen) kriegt man dann doch nicht zu sehen.
- Du hast zuviel Bier getrunken, wenn…
- … du die Aussies anfeuern willst, aber “Austria, Austria” schreist
- Anheuser-Busch-Plörre mag nicht das beste Bier sein, aber es gibt schlimmeres. Der kleine Junge, der in der Halbzeitpause die Treppe von Block 217 vollgereihert hat, hatte sicher kein Bud getrunken.
- Der Typ, der direkt danach in bester Slapstick-Manier volle Pulle auf dessen Pfütze ausgerutscht ist, dagegen schon.
- Der Stadion-DJ hatte gut mitgedacht und nicht nur Brazil eingepackt sondern auch AC/DC und Midnight Oil (Was ein Glück, dass Schweden nicht gespielt hat).
- Und dass Down Under von Men at Work super als Stadion-Mitgröhl-Song funktioniert, hätte ich auch nicht gedacht.
- Schöner Versprecher im U-Bahnhof: “The next plane, äh train, to the city will arrive in two minutes.”
- Der MVV ist prima. Das klappt alles richtig gut mit dem An- und Abtransport zum/vom Stadion.
- Brasilien wird nicht Weltmeister. Jedenfalls nicht in dieser Form.




Montag, 19.06.2006
Ich weiß, das ist kleinlich von mir. Aber auch peinlich für dich, liebe Süddeutsche:

(Interview mit Fußball-TV-Regisseur Volker Weicker)
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