Thomas Hüetlin: Gute Freunde

1. Mai 1982, DFB-Pokal-Finale, FC Bayern München gegen den 1. FC Nürnberg. Die erste Fußball-Liveübertragung, die ich verfolgt habe. Der Tag, an dem die Faszination Fußballl mich erwischte.

…auch für Dieter Hoeneß scheint der Ball unerreichbar.
Doch nicht an diesem Tag.
Der Lange lässt sich nach hinten fallen und stößt sich dabei mit solcher Vehemenz vom Boden ab, dass er einen Augenblick lang waagrecht in etwa anderthalb Metern Höhe in der Luft hängt – als Ball und Schädel zusammenkrachen.
4:2.
Hoeneß‘ hochschwangere Frau, die das Geschehen vor dem Fernsehschirm verfolgt, erleidet vor Aufregung fast eine Frühgeburt.

So beschreibt Thomas Hüetlin in Gute Freunde – Die wahre Geschichte des FC Bayern München dieses Spiel, und ebenso dramatisch schildert er andere Szenen aus Schlüsselspielen, die die Historie des vielgehassten und -geliebten FC Bayern bestimmten. Die Begeisterung und Faszination, die dieses Spiel auslösen kann, wird in diesen Passagen des Buches überdeutlich.

Hüetlin beginnt seine FC-Bayern-Historie im Jahr des Bundesliga-Aufstiegs, 1965, unterteilt die Vereinsgeschichte in mehrere Epochen und arbeitet diese dann relativ chronologisch ab. Neben den oben erwähnten Beschreibungen einzelner Spiele werden natürlich sämtliche Spieler, Trainer und Macher in Kurzbiographien und Zitaten vorgestellt, die für den FC Bayern wichtig waren und sind. Allen voran ist das Uli Hoeneß, der für Hüetlin ganz klar die entscheidende Hauptperson des FC Bayern ist, noch vor Beckenbauer und anderen.

Gute Freunde ist angenehmerweise kein distanzloses Fanbuch, dass die ewige Liebe und Treue zu einem Verein beschwört. Der Autor hat zwar durchaus Respekt, vielleicht auch Bewunderung, für den FC Bayern und sein Personal übrig, spart aber nicht mit kritischen Anmerkungen und erzählt auch Episoden, die für die Beteiligten eher unangenehm sind. Am schlechtesten kommt dabei Lothar Matthäus weg, für Hüetlin „der größte Gschaftlhuber und Wichtigtuer, der je ein Trikot des FC Bayern übergestreift hatte“.

Es ist ein sehr angenehm zu lesender Tonfall, in dem das Buch geschrieben ist. Keine trockene Berichterstattung und Faktenhuberei, sondern eher ein plaudernder, flüssiger Erzählton. Für eingefleischte Bayern-Hasser ist das Buch sicher nicht geeignet, aber man muss auch nicht in FCB-Bettwäsche schlafen, um sich von diesem Buch gut unterhalten und informiert zu fühlen. Guter Geschenktipp auch für Väter, die gerne von Katsche Schwarzenbeck oder Bulle Roth erzählen, für Onkels, die von Breitner schwärmen und Brüder, die Mehmet Scholl verehren.

 

3 Gedanken zu „Thomas Hüetlin: Gute Freunde

  1. Wird Ciriaco Sforza erwähnt? Ich habe mich ja schon an den Kopf gepackt, als die Bayern das Fallobst zum ersten Mal geholt haben… und ich begreife bis heute nicht, warum man den Knaben dann noch ein zweites Mal eingekauft hat. Bis heute der unverständlichste Bayerntransfer seitdem ich Fan bin (grob seit 1992).

  2. Ich glaub, der wird mit keinem Wort erwähnt… genauso wie Andi Herzog. Und Jan Wouters wird (zu Unrecht) auch verschwiegen. Es gibt aber einen Absatz, der die zahlreichen „teuren Irrtümer“ der späten 80er und frühen 90er zusammenfasst (Alan McInally, Adolfo Valencia, Jean-Pierre Papin…). Kann sein, dass Sforza da dabei ist.

  3. McInally, Valencia, Schopapapa… die hatte ich total verdrängt. Stimmt, dass war die Phase als Bayern jahrelang keinen echten Stürmer hatte und Scholl und das Mittelfeld die ganzen Tore schießen musste.

    Klingt auf jeden Fall nach einem interessanten Buch, setze ich gleich mal auf meine Amazonliste.

Kommentare sind geschlossen.