Peter Biskind: Sex, Lies & Pulp Fiction

Peter Biskind ist Filmjournalist in Hollywood und hatte vor ein paar Jahren mit Easy Riders, Raging Bulls, in dem er die Geschichte des New Hollywood erzählte, einen beachtlichen Bucherfolg. Als Nachfolger schickte er das Buch Down and Dirty Pictures hinterher, das in Deutschland als Sex, Lies & Pulp Fiction bei Zweitausendeins zu haben ist.

Der Untertitel der Originalfassung beschreibt den Inhalt schon sehr gut: Miramax, Sundance, and the Rise of Independent Film. Biskind erzählt vom amerikanischen Independent-Kino der 90er Jahre, wobei er den Begriff „Independent“ sehr weit fasst: alles was nicht direkt von den großen Major-Studios produziert wird, ist Independent. Und bei der Lektüre versteht man auch ganz gut, warum er das so definiert. Biskind beschreibt die Entwicklung des Indie-Films vom kleinen Kunstfilm, der nur in speziellen Kinos der Großstädte lief, bis zum Beinahe-Blockbuster mit Starbesetzung und Oscarruhm, und die daraus folgende gegenseitige Annäherung zwischen Indies und Mainstream. Seine filmischen Eckpfeiler in der Geschichte sind Soderberghs Sex, Lies and Videotapes (als Auslöser der Entwicklung) und Tarantinos Pulp Fiction (als deren Höhe- und Wendepunkt).

Eine wichtige Rolle im Buch spielen Robert Redford (der nicht besonders gut wegkommt) und sein Sundance Institut, das mit dem Filmfestival in Utah eine zentrale Brutstätte des Indie-Kinos war (und teilweise noch ist), außerdem treten eine Menge Filmemacher und Produzenten auf, aber die absoluten Hauptrollen des Buches tragen die Brüder Bob und Harvey Weinstein. Die Gründer von Miramax, die ihre Firma vom kleinen Verleiher zum Oscar-Dauerabonnenten und Produktionsstudio unter dem Dach von Disney gemacht haben (und inzwischen ausgestiegen sind) haben laut Biskind entscheidenden Anteil am Aufstieg des Independent-Films aus dem Underground. Mit einer Mischung aus unkonventionellen Methoden, aggressivem Marketing, knallhartem Kosten-Nutzen-Denken, aber auch mit einer großen Liebe zum Film als Medium erreichten sie Zuschauerzahlen für „kleine“ Filme, die zuvor undenkbar waren. Auf der anderen Seite sorgten sie, die Taschen voller Disney-Geld, für ein Erdbeben im Markt der Independent-Filme, das diesen für immer verändern sollte.

Die Miramax-Rolle im Buch ist so zentral, dass man es mit einigen Kürzungen auch problemlos als The Miramax Story verkaufen könnte. Und die ist ebenso interessant wie unterhaltsam. Biskind gibt nämlich eher den Boulevard-Reporter als den Filmwissenschaftler — statt sachlich-nüchternen Darstellungen gibt es süffige Details, Klatschgeschichten, Skandale und Skandälchen sonder Zahl. Die Weinsteins, vor allem Harvey, sind laut Biskind völlig unberechenbare, cholerische Arschlöcher, die ihre Mitarbeiter ausbeuten, Regisseure anlügen und skrupellos den eigenen Vorteil suchen. Und trotzdem scheint er sie für ihre Verdienste zu bewundern, zumindest sind sie ihm wesentlich lieber als die klassischen, buchhalterischen Hollywood-Studiobosse.

Es sind teilweise unglaubliche (und auch nicht immer zweifelsfrei belegte) Anekdoten, die Biskind erzählt: Wutanfälle, Handgreiflichkeiten, Größenwahn. Und immer wieder Harvey Weinsteins Eingriffe in die Filme, die er in die Kinos bringt — nicht umsonst trägt er den Spitznamen „Harvey Scissorhands“. Zweifellos eine schillernde Figur. Weinstein selbst hat mit Aviator ein Biopic über den Filmproduzenten Howard Hughes produziert; es sollte mich nicht wundern, wenn sein eigenes Leben dereinst auch mal verfilmt wird. Sex, Lies & Pulp Fiction jedenfalls ist ein sehr kurzweiliger und ausführlicher (über 700 Seiten) Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Filmwirtschaft, der dem Leser auch großen Appetit macht, sich mal wieder die Filme von Soderbergh, Solondz, Tarantino, van Sant, den Coens, den Andersons undwiesiealleheißen anzusehen.

 

3 Gedanken zu „Peter Biskind: Sex, Lies & Pulp Fiction

Kommentare sind geschlossen.