Ursula Vossen (Hrsg.): Von Neuseeland nach Mittelerde. Die Welt des Peter Jackson

Die Münchner Stadtbibliothek ist im Bereich Filmliteratur gar nicht schlecht sortiert. Drum liegen zur Zeit einige Filmbücher auf meinem Nachttisch, zuletzt dieses aus dem Schüren-Verlag. Das Buch erschien 2004, also nach dem Kinostart des dritten Herr-der-Ringe-Films, aber noch vor King Kong.

Enthalten sind insgesamt 13 Aufsätze verschiedener Autoren, allesamt recht lesbar und interessant, aber bisweilen etwas übereifrig beim Interpretieren von Jacksons Filmen. Vor allem der erste Artikel, in dem Vossen mit Harald Harzheim „Motive und Konstanten im Werk Peter Jacksons“ beleuchten will, bietet teilweise arg anstrengendes Gefasel, das sich dann so liest:

Frodo befreit sich und Mittelerde von der ins Spirituell-Phantastische stilisierten Autoritätsperson Sauron, der ihn über den Ring immer wieder beherrscht. Die Inkarnation von dessen — letztlich immaterieller — Persönlichkeit ist sein Auge mit spaltartiger Pupille, das ein Raubtierauge, aber auch eine Vagina assoziiert und zwischen Spitzen eines phallisch aufragenden Turms sitzt. Sauron ist damit übergeschlechtlich, Vater- und Mutterinstanz in einem.

Ne Vagina, is klar!

Es folgen lesenswerte Aufsätze zu jedem einzelnen der Filme, die Jackson als Regisseur gemacht hat (wobei Lord of the Rings in einem großen Aufsatz behandelt wird). Was ich darin allerdings vermisse, sind Ausführungen zur Produktionsgeschichte (Wie kam es dazu, dass Heavenly Creatures eine deutsche Coproduktion war? Wie und warum kam Lord of the Rings von Miramax zu New Line?). Dazu kommt ein Essay über den Herrn der Ringe als Fan-Phänomen (Stichwort Fanfiction) und ein interessanter Vergleich zwischen den drei existierenden Verfilmungen von LotR. Den Abschluss bilden ein (eher nichtssagendes) Interview mit Jackson selbst, ein Ausblick auf King Kong, der inzwischen obsolet ist, und ein kurzer Überblick über Filme, bei denen Jackon als Produzent an Bord war.

Insgesamt bietet das Buch eine ordentliche Werkschau über Peter Jacksons bisheriges Werk, das auch Lust auf die Filme selbst macht. Zum Beispiel muss ich jetzt wirklich mal diesen Forgotten Silver besorgen. Den vollen Kaufpreis von 14,90 Euro wäre mir das Buch allerdings nicht wert. Es ist zwar nicht gerade von völlig devoten Fanboys geschrieben, lässt aber trotzdem etwas kritischen Abstand vermissen. Und wer der englischen Sprache mächtig ist und ein Internet bedienen kann, der findet im Netz mehr als reichlich Material zu Jackson. Nicht umsonst besteht die Literaturliste des Buchs zu großen Teilen aus URLs.

Wo wir grade dabei sind: Was sind eigentlich Jacksons nächste Projekte? Als Produzent mischt er bei der Verfilmung des Computerspiels Halo mit. Als Regiearbeit soll 2007 mal wieder ein „kleinerer“ Film im Geiste von Heavenly Creatures kommen: Die Verfilmung des Romans The Lovely Bones (In meinem Himmel) von Alice Sebold. Danach kommt wohl ein Remake des britischen Kriegsfilms The Dam Busters. Die Gerüchteküche hingegen erwähnt immer mal wieder Tolkiens The Hobbit sowie Ella nach einem Roman von Löffelbieger-Man Uri Geller.

 

3 Gedanken zu „Ursula Vossen (Hrsg.): Von Neuseeland nach Mittelerde. Die Welt des Peter Jackson

  1. Frage: Der Freud-Freund der Sauron da offenbar als Pussy tituliert, hat der sich nur auf LotR gestrürzt oder auch was zu Braindead geschrieben?

    Eine tiefenpsychologische Analyse zu Karate-Priestern, Rasenmähermetzeleien und gegen Gerüste geklatschte Zombiekinder würde mich nämlich wirklich interessieren.

  2. Ja, Björn, der arbeitet sich auch an Braindead und Bad Taste ab. Wobei er immer (krampfhaft) nach Gemeinsamkeiten mit den anderen Filmen sucht. Und dann kommen so Sachen wie Vater-Mutter-Beziehung, „Schneewittchen-Komplex“ (die jungen Frauenfiguren, die die männlichen Helden erlösen müssen) und Wiedergeburt bei raus. Letzteres ist in Braindead ja auch sehr offensichtlich.

    Kurz gesagt: ja, es gibt eine Analyse, für mich wirkt sie aber eher küchen- als tiefenpsychologisch.

  3. Ehrlich gesagt: Als ich „würde mich nämlich wirklich interessieren“ schrub, meinte ich damit „ist garantiert für einen Lacher gut“.

    Alleine der Umstand, dass bei Bad Taste ein Schaf eine Rakete in den Hey-Hey gefeuert bekommt, sollte ja jeden halbwegs normalen Menschen erkennen lassen, dass man da nicht viel zu interpretieren hat. Rakete + Schaf = Comedygold.

    Dann wiederum: Gerade die Szene ist sicher psychologisch immens relevant, mit der Metaphorik und so…

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