Heute vor fünf Jahren

…bin ich abends ins Kino gegangen, in Lammbock. Alles ganz normal, war ja schon vorher abgemacht mit den Freunden. Man hat ein paar Worte gewechselt über die zwei Türme in New York, aber das war’s dann auch. Erst ein oder zwei Tage später war es soweit, dass das mediale Dauerfeuer es tatsächlich geschafft hatte, mir vorübergehend ein schlechtes Gewissen zu machen: Hätte ich an diesem Abend womöglich gar nicht ins Kino gehen dürfen? Und dann auch noch in einen lustigen Film? War es nicht eine Unverschämtheit, an diesem Tag den normalen Alltag weiterzuleben? Musste ich mich schämen?

Eine Phrase, die damals dauernd fiel, war die vom „Respekt vor den Opfern“. Aus „Respekt vor den Opfern“ wurden Fußballspiele, Konzerte und Parties abgesagt. Da waren die Opfer natürlich sehr erleichtert, dass ZSKA Sofia gegen Schachtjor Donezk erst eine Woche später angepfiffen wurde vor lauter Respekt. Damit man mich nicht falsch versteht: Es gibt manchmal gute Gründe, eine gut geölte Entertainmentmaschine mal für einen Moment auszusetzen. Und der 11. September gehört womöglich dazu. Dass ein Zirkusclown oder ein Opernsänger an einem solchen Tag mal lieber Pause macht, kann ich verstehen. Aber dass das alles dann immer lauthals mit „Respekt vor den Opfern“ begründet wird, das fand ich schon immer verlogen. Genauso verlogen wie das Absetzen bestimmter Songs im Radio nach einer Katastrophe. Meine Güte, wir wissen alle, dass Die perfekte Welle nix mit einem Tsunami zu tun hat. Steinigt mich, aber ich finde es okay, dass Pro Sieben in der Nacht, als Johannes Paul II. starb, wie geplant Die Harder gezeigt hat. War vielleicht nicht grade geschmackvoll, aber seit wann erwarten wir Geschmackvolles von kommerziellen Fernsehsendern? Das tagelange Durchhecheln von Krankenstandsmeldungen und Endlos-Live-Schaltungen nach Rom fand ich jedenfalls auch nicht viel geschmackvoller.