Ein Monster namens Wiesn

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Da ist ein Volksfest mit überteuertem Rummelplatz, überteuerten Fressständen und vor allem mit überdimensionalen Bierzelten, wo man bei überteuertem Bier an einer bayerischen Version des Ballermann teilnehmen kann. Für einen halbwegs abgeklärten, sich für intelligent haltenden Münchner sollte es eigentlich kein Problem sein, das Oktoberfest (im folgenden „Wiesn“ genannt, wie sich das gehört) gepflegt zu ignorieren.

Geht aber nicht.

Das beginnt schon Wochen vorher, wenn auf Plakatwänden und in Schaufenstern eine spezielle Art von Mode auftaucht: die Tracht. Oder besser gesagt, das was viele heute für Tracht halten. Man nennt das dann gerne Landhausstil. In den zwei Wochen während der Wiesn sieht man diese Klamotten dann tatsächlich im echten Leben, in der U-Bahn und im Supermarkt, an dick und dünn, alt und jung, hübsch und hässlich. Auch wer nicht auf die Wiesn geht, sich aber im Münchner Zentrum oder den Hauptverkehrsadern bewegt, bekommt etwas von ihr mit. Noch mehr Touristen in der Innenstadt, parkplatzsuchende italienische Wohnmobile, und — immer wieder gerne genommen — Kotzespuren in der U-Bahn, am Bahnsteig oder auf der Straße.

Dazu kommt das mediale Dauerfeuer: Der eben noch als vatikanischer Hofberichterstatter im Dauereinsatz befindliche BR hat seine Kameras direkt von Gottesdienstwiesen auf die Theresienwiese geholt und sendet ohn‘ Unterlass, noch schlimmer ist das Lokalfernsehen. Auch die Presse — von Bild bis SZ — lässt keinen Tag ohne Wiesnberichterstattung vergehen. Die besteht aus drei Elementen: Zahlen (am liebsten Rekorde: soundsoviele Ochsen wurden schon verzehrt), Promis-Sichten (die selbstverständlich oben beschriebenen Mode-Horror betreiben), und Polizeibericht (Verletzte, Ohnmächtige, Taschendiebe, Triebtäter).

Es ist also in München praktisch unmöglich, von der Wiesn nichts mitzubekommen. Jetzt ist nunmal diese Zeit, so wie an Weihnachten Weihnachten ist und andernorts im Karneval Karneval. Trotzdem wird natürlich keiner gezwungen mitzumachen, hinzugehen. Und dennoch: Die Wiesn lockt, immer wieder umschmeichelt sie dich, flüsternd oder brüllend, und plötzlich sitzt der kleine Floh in deinem Kopf, der dir sagt, dass auch du hingehen willst. Schließlich ist die Wiesn nicht nur die reine Ballermann-Show und ihr Publikum besteht keineswegs nur aus versoffenen Prolls. Nein, hier gehen alle hin, vom Hausmeister bis zum Vorstandschef, vom Schriftsteller bis zum Hauptschulabbrecher.

Und in den Bierzelten passiert etwas, was in dieser Stadt sonst fast nie passiert: Wildfremde Leute sitzen gemeinsam an einem Tisch und unterhalten sich (meistens brüllend, weil die Musik so laut ist)! Das hat eine seltsame Magie. Bei der ersten Runde Auf-die-Tische-stehen-und-Grölen hat man noch großen inneren Widerstand. Zu schrecklich ist das Liedgut, zu dumpf das Geklatsche und Geschunkel. Aber der Widerstand bricht, mit jedem Schluck Bier bröckelt er, Alkohol wirkt hier wahre Wunder. Und auf einmal lässt man sich treiben, auf einmal ist es scheißegal, wie doof man das hier eigentlich finden will. Dann hat sie wieder gewonnen, die Wiesn. Und so stehen sie alle auf den Tischen, der Banker mit Comic-Krawatte, die Lehrerin, die sonst lieber in die Oper geht, der Indie-Boy, der die coolsten CDs im Schrank hat.

Es ist ein seltsames Ding, ein paar Jahre war ich nicht mehr dort. Heuer geh ich mal wieder hin.

 

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