Annette Miersch: Schulmädchen-Report

Beim Stöbern in alten Kinoanzeigen stoße ich immer wieder auf Filme der sogenannten „Sexwelle“, die in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern die deutschen Kinos überflutete. Die hier zum Beispiel. Ich musste einfach zugreifen, als ich in der Bibliothek auf ein Buch stieß, das sich genau mit dieser Filmära befasst. Schulmädchen-Report: Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre basiert auf einer Diplom- oder Magisterarbeit (hab ich jetzt nicht nachrecherchiert, bin ja nur Blogger) und ist eine seriöse, teilweise recht trockene Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Buch enthält viele interessante und (zumindest für mich) auch überraschende Fakten: Dass in manchen Jahren praktisch die Hälfte der einheimischen Filmproduktion aus Sexfilmen bestand, dass die Schulmädchen-Reporte und ähnliches wirklich Millionen in die Kinos lockte, und dass dieses Genre damit ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor war, ohne den die deutsche Filmbranche heute eine andere wäre, war mir zuvor nicht so klar.

Annette Miersch analysiert das Genre und die Regeln, nach denen die Filme funktionieren, und differenziert die Subgenres Aufklärungsfilm, „Lederhosenfilm“ und Sex-Report. Letzteres ist dann ihr Hauptthema. Neben der formalen Analyse versucht sie auch zu ergründen, ob die Report-Filme wirklich so realistisch und nah an der Wirklichkeit waren, wie sie zu sein vorgaben. Betrachtet man den Anhang, in dem in detaillierten Tabellen akribisch aufgezählt wird, was sich wann, wo, wie oft und zwischen wem in welcher Folge des Schulmädchen-Reports abgespielt hat, kann man schon Mitleid mit ihr bekommen. Die Ärmste hat sich das Zeug tatsächlich alles angeschaut!

An den Beginn ihres Buches stellt Annette Miersch ein Interview , das sie mit Wolf C. Hartwig, dem Produzenten der 13 Schulmädchen-Report-Filme führte. Neben nostalgischen Schwärmereien und erkennbarem Stolz auf sein Lebenswerk und das viele Geld, das er damit gemacht hat, entlockt sie ihm auch höchst fragwürdige Bekenntnisse. Hartwigs Einstellung zur Homosexualität und vor allem zum Thema Vergewaltigung sind sehr vielsagend und stützen letztlich die zentrale These, die Miersch in ihrer Arbeit aufstellt: dass die Filme der deutschen Sexwelle nämlich nicht so sehr als Ausdruck von „sexueller Revolution“ zu sehen sind, sondern vielmehr ein konservativ-patriarchalisches Weltbild transportierten, scheinbar freizügig, zugleich aber völlig verklemmt und spießig.

Das Buch ist reich bebildert, man könnte auch sagen überreich. Der Bertz-Verlag erhoffte sich wohl einige zusätzliche Käufer, indem er zahlreiche Filmstills und Aushangfotos abdruckte. Einige davon (featuring Heiner Lauterbach!) sind aus heutiger Sicht natürlich ziemlich witzig und ein Filmbuch ohne Bilder wäre auch ziemlich doof, aber etwas weniger wäre hier mehr gewesen.