Too big to fail.

Im TV: Sendung ohne Namen

Freitag, 03.11.2006

Gestern Abend ist etwas sensationelles passiert: Die Glotze hat mich überrascht! Die Glotze hat mich begeistert! Schuld ist ORF1 aus Österreich, den man in München mit einer Mischung aus Analogantenne, Glück, passender Witterung und mit Toleranz gegenüber mangelhafter Bildqualität gerade noch so empfangen kann. Dort gibt es seit vier Jahren (Vier! Und ich Ignorant merke das erst jetzt!) die Sendung ohne Namen.

Diese Sendung ist Fernsehen, wie man es sonst nirgends sieht, und das ausgerechnet bei ORF1, dessen Programm den deutschen Privatsendern verblüffend gleicht, nur mit weniger Werbung. 25 Minuten, die einem das Hirn durchspülen, und zwar mit einem Tempo, das einem den Atem raubt. Schnelle Schnitte, Bilder- und Gedankenketten im Sekundentakt. Ein Text aus dem Off zu einem bestimmten Thema wird unterlegt mit Bildern, und zwar so, dass fast jedes einzelne Wort ein eigenes Bild bekommt. Beim Wörtchen “Makel” sieht man kurz Frau Merkel, beim Wörtchen “Zweiter” sieht man kurz Olli Kahn undsoweiter. Die Sendung ohne Namen baut sich eine Welt aus Archivschnippseln, so wie wir im Kindergarten mit Schere und UHU Riesencollagen aus dem Quelle-Katalog gesampelt haben.

Und jetzt das eigentlich Tolle: Das Konzept ist zwar radikal und im Vergleich zum sonstigen TV-Brei avantgardistisch, aber es ist eben nicht völlig unzugängliche Konzeptkunst, wie man sie gerne mal in Museen und Galerien über die Bildschirme flimmern lässt. Nein, diese Sendung ist, hat man sich mal drauf eingelassen, extrem unterhaltsam, witzig und erfrischend. Ja, sie erfordert Konzentration, man muss mitdenken (und zwar in hohem Tempo), aber anstrengend und verkopft ist sie ganz und gar nicht.

Soweit die gute Nachricht, jetzt die beiden schlechten: Erstens: Die gestrige Sendung war wohl vorläufig die vorletzte. Und zweitens: Die Technik des Zusammenschnippelns aus Tausenden von Quellen macht es wohl urheberrechtlich sehr schwer, die Sendungen auf einem anderen Weg anzubieten. Es gibt keine DVDs, kein Web-Angebot, nix. Jedenfalls nix legales.

Abgelegt unter: geguckt

5 Comments »

  1. Ach. Schade. Ich kenne die Sendung leider nicht. Aber so ist das irgendwie immer mit solch schönen Dingen.
    Ich mag Dein Blog übrigens! Besonders den Titel! :-) Genial! War mir auf Anhieb sympathisch! ;-)

    Kommentar von Chikatze — 04.11.2006 @ 20:56

  2. Als Wiener kenne und schätze ich die “Sendung ohne Namen” schon lange, leider ist sie so ziemlich das einzig wirklich interessante Format in ORF. In Österreich gibt es bereits seit einiger Zeit eine Diskussion über die Qualität unseres öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das laut vielen Kritikern in so manchen Bereichen nicht den Standard etwa der deutschen Sender erreicht.

    Auch mich hat übrigens der Titel des Blogs als erstes aufmerksam gemacht, fühlte mich gleich angesprochen und verstanden…!

    Kommentar von San Andreas — 05.11.2006 @ 16:09

  3. Bin letztens bei Emule auf eine dieser Sendungen gestossen.

    Kommentar von prmn — 06.11.2006 @ 17:17

  4. ja mir gings genauso, als ich sendung ohne namen entdeckte. endlich mal etwas, für das es sich lohnt einen tv zu haben. und etwas auf das man sich doch gerne die woche freut :) meiner meinung allerdings viel zu kurz um den ganzen witz, sarkasmus und ifnormationsrausch unterzubringen

    Kommentar von pulp — 16.11.2006 @ 18:51

  5. […] österreichische Sendung ohne Namen, die ich 2006 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt entdeckt hatte, nämlich kurz vor ihrer Einstellung, erscheint wieder ein bisschen auf der Bildfläche. Für […]

    Pingback von Abspannsitzenbleiber » Neues von der Sendung ohne Namen — 05.01.2010 @ 16:49

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