Gestern Abend ist etwas sensationelles passiert: Die Glotze hat mich überrascht! Die Glotze hat mich begeistert! Schuld ist ORF1 aus Österreich, den man in München mit einer Mischung aus Analogantenne, Glück, passender Witterung und mit Toleranz gegenüber mangelhafter Bildqualität gerade noch so empfangen kann. Dort gibt es seit vier Jahren (Vier! Und ich Ignorant merke das erst jetzt!) die Sendung ohne Namen.

Diese Sendung ist Fernsehen, wie man es sonst nirgends sieht, und das ausgerechnet bei ORF1, dessen Programm den deutschen Privatsendern verblüffend gleicht, nur mit weniger Werbung. 25 Minuten, die einem das Hirn durchspülen, und zwar mit einem Tempo, das einem den Atem raubt. Schnelle Schnitte, Bilder- und Gedankenketten im Sekundentakt. Ein Text aus dem Off zu einem bestimmten Thema wird unterlegt mit Bildern, und zwar so, dass fast jedes einzelne Wort ein eigenes Bild bekommt. Beim Wörtchen “Makel” sieht man kurz Frau Merkel, beim Wörtchen “Zweiter” sieht man kurz Olli Kahn undsoweiter. Die Sendung ohne Namen baut sich eine Welt aus Archivschnippseln, so wie wir im Kindergarten mit Schere und UHU Riesencollagen aus dem Quelle-Katalog gesampelt haben.

Und jetzt das eigentlich Tolle: Das Konzept ist zwar radikal und im Vergleich zum sonstigen TV-Brei avantgardistisch, aber es ist eben nicht völlig unzugängliche Konzeptkunst, wie man sie gerne mal in Museen und Galerien über die Bildschirme flimmern lässt. Nein, diese Sendung ist, hat man sich mal drauf eingelassen, extrem unterhaltsam, witzig und erfrischend. Ja, sie erfordert Konzentration, man muss mitdenken (und zwar in hohem Tempo), aber anstrengend und verkopft ist sie ganz und gar nicht.

Soweit die gute Nachricht, jetzt die beiden schlechten: Erstens: Die gestrige Sendung war wohl vorläufig die vorletzte. Und zweitens: Die Technik des Zusammenschnippelns aus Tausenden von Quellen macht es wohl urheberrechtlich sehr schwer, die Sendungen auf einem anderen Weg anzubieten. Es gibt keine DVDs, kein Web-Angebot, nix. Jedenfalls nix legales.