Geist ist geil

Look and Listen

Sonntag, 31.12.2006

Der größte Listensammler der Welt ist wahrscheinlich Rex Sorgatz von Fimoculous. Und auch der Popkulturjunkie ist ein unermüdlicher Zusammentrager dieser allgegenwärtigen Jahresendlisten. Ich habe mich heute mal durch einen Haufen Film-Bestenlisten geklickt.

Man könnte Stunden verbringen mit diesen Listen. Ich habe kurz damit geliebäugelt, eine Top-Wertung aus all diesen Listen zusammenzuzählen, aber das war mir dann doch zu mühsam. Die Filme des Jahres aus Kritiker-Sicht kristallisieren sich aber auch so recht schnell heraus. Sehr oft genannt werden vor allem diese Filme (in alphabetischer Reihenfolge):

Babel
Borat
Brick
Brokeback Mountain
Children of Men
The Death of Mr. Lazarescu
The Departed
Inland Empire
Letters From Iwo Jima
Little Miss Sunshine
Pan’s Labyrinth
The Queen
United 93
Volver

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in dieser Liste auch schon die meisten Oscar-Gewinner 2007 enhalten sind. Interessant ist natürlich auch die Jahresbestenliste von Metacritic, die versuchen, zahlreiche Filmkritiken auf einer Rankingskala von 1 bis 100 auszuwerten. Danach ist Pan’s Labyrinth der am besten besprochene Film des Jahres. Der läuft bei uns, wie vieles aus der obigen Liste, erst im nächsten Jahr (und ist einer meiner Top-Vorfreude-Kandidaten). Überrascht hat mich vor allem, dass United 93 so häufig als einer der Besten genannt wird. Ich hatte den geflissentlich ignoriert, als er hier im Kino lief. War das ein Fehler? Wahrscheinlich hat dieser 9/11-Film aber auch für Amerikaner eine ganz besondere Bedeutung. Denn diese ganzen Listen sind natürlich sehr amerikalastig, zugegeben. Was den deutschen Film angeht, dürfte Das Leben der Anderen unangefochten der Kritikerliebling Nummer 1 gewesen sein.

Auch sehr schön sind folgende Listen:
The Best Movie Posters of 2006
Top Five 2006 Movie Posters
The Best of the Worst Movie Posters of 2006
Re-cut Movie Trailers: The Best of 2006

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Kino 2006: Jetzt taut’s

Freitag, 29.12.2006

Gestern las ich die Kino-Jahrescharts 2006 und bin leicht erschrocken: Was für eine Ansammlung von äußerst mediokrer Ware. Die Masse des Kinopublikums strömt mehr denn je in das, was sie kennt. Ohne bekannte Namen geht gar nix, das wurde dieses Jahr extrem deutlich.

Platz 1 bis 7 sind durchgehend Filme, die auf ein bekanntes und populäres Franchise zurückgreifen können. Ob das nun Sequels sind, oder Bestseller-Verfilmungen oder der Film zum Sport-Massenevent des Jahrzehnts: Der Zuschauer weiß vorher, was er erwarten kann, und das bekommt er dann auch. Erst auf Platz 8 steht mit Over the Hedge (Ab durch die Hecke) ein Film, der nicht auf eine bereits bestehende Marke aufbaut. Der wiederum gehört (ebenso wie Ice Age 2 auf Platz 1) im weitesten Sinne in die Sparte Kinderfilm und das ist, zumindest in Deutschland, ein konstanter Kassenmagnet. Kinderfilme ziehen. In den Top 30, den Filmen, die mehr als 1 Million in die Kinos lockten (Platz 30 nehme ich jetzt mal mit, da Eragon derzeit noch im Kino läuft) befinden sich insgesamt neun Filme, die (nicht ausschließlich, aber primär) für Kinder gemacht sind und die ohne FSK-Alterbeschränkung liefen.

Wenn ich einen SpOn-Artikel schreiben müsste, der unbedingt eine knackige These braucht, könnte ich also drüber schreiben: Die Infantilisierung des Kinomarktes. So neu ist dieser Trend freilich nicht: 2005 zähle ich sieben Kinderfilme in den Top 30, 2004 acht, 2003 aber nur zwei.

Was mir an der 2006-Liste am meisten auffällt (und warum ich im ersten Satz von “erschrecken” schrieb): Wo sind die anspruchsvolleren Filme? Ich meine nicht das intellektuelle Kunstkino, sondern gehobenen Mainstream. Filme, die mehr sind als pure Genre-Unterhaltung, nennen wir sie ruhig die klassischen “Oscar-Filme”. Mit Das Parfum finden wir in den Top Ten gerade mal einen Film, den ich in diese Kategorie zählen würde, und der konnte sich auf eine bekannte Vorlage und einen unglaublichen Medienhype stützen. Weiter hinten finden wir dann Das Leben der Anderen auf Platz 14, Walk the Line auf 15 und Brokeback Mountain auf 18.

Hätte ein Film wie Lost in Translation oder 8 Frauen im Jahr 2006 mehr als 1 Million Zuschauer gefunden, wie im Jahr ihrer Kinoauswertung? Ich bin mir nicht sicher. Meine private und vollkommen unwissenschaftliche These dazu ist: Das Kino ist nicht nicht tot, es lebt aber vor allem als Platz für Events. Für kleine und mittlere Filme wird das Medium DVD immer wichtiger. Und das merke ich auch an mir selbst. Ich war im Jahr 2006 so selten im Kino wie schon lange nicht mehr. Etwas über 20mal. Das liegt — nicht ausschließlich, aber unter anderem — daran, dass ich mir immer wieder denke: Den kannst du auch auf DVD schauen. Und das wird nicht nur mir so gehen. Diese verflixten Scheiben sind einfach ziemlich prima. Ich habe mich — dank DVD — daran gewöhnt, Filme im Original (meistens auch mit Untertiteln) anzuschauen und will diese Möglichkeit nicht mehr missen. Die Verfügbarkeit von DVDs ist enorm, das meiste bekommt man problemlos über verschiedenste Wege. Und das Angebot ist natürlich ebenso enorm. Hier konkurriert der Blockbuster des letzten Sommers mit 100 Jahren Filmgeschichte, mit Sammlereditionen, nicht zu vergessen: mit sehenswerten TV-Serien.

Wer gerne und oft Filme schaut, tut dies möglicherweise immer mehr auf DVD und immer seltener im Kino. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Das Kino (im Sinne von Filmtheater) ist nicht tot, keineswegs, aber es hat wohl wirklich nicht mehr den Stellenwert, den es noch vor ein paar Jahren hatte. Es tut mir zwar jedesmal in der Seele weh, wenn ich lesen muss, dass ein Kino schließt. Aber so langsam verstehe ich, dass es wohl so sein muss.

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Trailerschau für Filmstarts vom 28.12.

Donnerstag, 28.12.2006

Im Kino sehen:
Hoodwinked (Die Rotkäppchen-Verschwörung): Rotkäppchen als Krimigeschichte in einem Animationsfilm, der ausdrücklich nicht auf Kinder zugeschnitten wurde. Werd’ ich aber nur im Kino gucken, wenn ich die Originalfassung erwische.

Auf die DVD warten:
Mein Name ist Eugen: Ich mache ja fast immer einen großen Bogen um Kinderfilme, aber dieser Lausbubenfilm aus der Schweiz sieht ziemlich lustig aus. Weder super-pädagogisch noch hollywoodig noch pseudo-cool wie die Wilden Kerle. Den will ich sehen, im Original mit Untertiteln.

Vielleicht mal im Fernsehen:
La Planète Blanche (Der weiße Planet): Prächtige Bilder vom Nordpol. Ich mag so Naturdokus ganz gerne, aber ins Kino muss ich dafür nicht unbedingt. Und was soll dieses “Erzählt von Ben”? Ist das dieser Mützenträger aus dem Deppenfernsehen?

The Wind That Shakes the Barley: Der Cannes-Sieger. Ken Loach erzählt vom Irischen Unabhängigkeitskrieg. Kann man anschauen, muss man aber nicht.

Déjà Vu (Déjà Vu - Wettlauf gegen die Zeit): Der Name ist Programm: Actionkino, Jerry Hauruckheimer produziert, Tony Scott führt Regie. Der Trailer aber, das muss man ihm lassen, spielt sehr schön mit dem Thema “Déjà Vu”.

Muss nicht sein:
Night at the Museum (Nachts im Museum): Ben Stiller und Owen Wilson schon wieder. Die Jungs sind mir echt sympathisch, aber ihre Rollenwahl lässt wirklich zu wünschen übrig. Warum immer wieder so mittelmäßiger Kram?



Zwotausendsechs

Mittwoch, 27.12.2006

Quälendste Filmminute:
Die Szenen in Deutschland. Ein Sommermärchen, in denen die vor uns sitzenden Damen ihre mitgebrachten Fanutensilien einsetzten. Merke: Ein Kino ist kein Stadion.

Mit XX hätte ich gerne diesen Film gesehen:
Crank wollte ich mit Björn und Frauke in Frankfurt sehen. Leider unterschätzten wir massiv die Parkplatzsituation und kreisten so lange um das Kino, bis der Film schon halb rum war.

Entzückendste Filmminute:
Ging zwar über mehrere Minuten, aber egal: Das Finale von Little Miss Sunshine.

Freudigste Entdeckung:
Marcus Hausham Rosenmüller und sein charmanter Heimatfilm Wer früher stirbt, ist länger tot.

Liebste Filmkritik:
Das hier war ja leider ‘ne Plattenkritik… Würde aber auch auf einige Filme passen.

Aus dem Film bin ich gegangen:
Aus keinem.

Aus dem Film hätte ich gehen sollen:
Re-Cycle. Bis kurz vor Schluss war der noch okay, aber dann…

Hier hätte ich gerne mitgewirkt:
Bei Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest in irgendeiner Statistenrolle.

Knutschen würde ich gerne mit:
Borat Sagdijew.

Schönster Filmsatz:
Die Sätze, die die Jungs im Chatroom in Me and You and Everyone We Know in die Tastatur klopfen. Sehen Sie selbst:

(YouTube Direktlink)

Verfilmt werden sollte mal:
Das Moers’sche Universum von Zamonien. Mit Terry Gilliam als Regisseur (Für die tatsächlich geplante Verfilmung erwarte ich nichts Gutes).

Ich freu mich auf:
Grind House, Pan’s Labyrinth, Renaissance, Mein Führer, Tenacious D in The Pick of Destiny, Flags of our Fathers, 300, The Simpsons Movie, Hot Fuzz. Und auf die vielen DVDs mit den Filmen, die ich in diesem Jahr aus verschiedenen Gründen nicht im Kino gesehen habe.

(Fragebogen gefunden bei Anke)



Eins

Mittwoch, 27.12.2006

Dieses Blog hat Geburtstag. Heute vor einem Jahr gab’s den ersten Eintrag.

Abgelegt unter: blog-intern
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Weihnachtscontent

Freitag, 22.12.2006


(Bild gemopst bei Rare Erotica)

Bevor wir hier eine kleine Festtagspause machen, bekommt ihr von mir noch multimedial weihnachtliches um die Ohren gehauen. Als musikalische Untermalung der Feiertage empfehle ich die freien MP3s, die nebenan bei den Stagediven gesammelt wurden. Mein persönlicher Liebling daraus ist dieser wunderbare Santa-Claus-Song:

Bobby Baby - Santa Claus Is Coming To Town

Als Weihnachtsfilm lege ich euch den Trash-Spaß Santa Claus Conquers the Martians ans Herz, den es bei archive.org legal und kostenlos zum Download gibt.

Schöne Weihnachtstage allerseits. Und nicht so viel futtern!



Trailerschau für Filmstarts vom 21.12.

Donnerstag, 21.12.2006

Im Kino sehen:
Babel: Alejandro Gonzalez Inarritus kunstvoll verwobene Geschichten sind definitiv sehenswert. 21 Grams und vor allem Amores Perros fand ich sehr gut, und auch hier ist einiges zu erwarten.

Laitakaupungin valot (Lichter der Vorstadt): Der neue Kaurismäki! Immer noch die schönste Art, Trübsal zu blasen.

Muss nicht sein:
Black Christmas: War ja klar, dass aus der aktuellen Horror-Welle auch noch ein Weihnachtsfilm entstehen würde. Prima für die Privatsender, die haben dann in den nächsten Jahren eine weitere Alternative zu Die Hard und Reindeer Games für ihre weihnachtliche Programmgestaltung.

Vitus: Schweizer Erfolgsfilm mit Bruno Ganz, über ein Klavier-Wunderkind. Nicht mein Geschmack, aber meinen Eltern würde ich sowas eventuell empfehlen.

The Ugly Duckling and Me (Das hässliche Entlein & ich): Digitaler Animationsfilm aus Dänemark, die moderne Variante von Andersens Hässlichem Entlein. Hier wächst der Schwan bei einer chaotischen Ratte auf. Für Kiddies wahrscheinlich ganz nett.

The Covenant (Der Pakt - The Covenant): Actionreicher Teenage-Mystery-Thriller über Kids mit übersinnlichen Kräften. Ein glattes “X-Men meets Buffy“-Produkt, aber ohne deren Esprit.

Just Friends (Wild X-Mas): Plastik-Stangenware, sehr amerikanisch. Bestimmt ein Film, den die Sugar-Redaktion ihren Leserinnen als “perfekten Weihnachtsfilm” empfehlen würde.

Natale a New York: Kurz auf die italienische Film-Website geklickt, sehr erschrocken: Diese Grinsefratzen! Diese Musik! Auf den Trailer verzichtet.

Flicka (Flicka - Freiheit. Freundschaft. Abenteuer.): Pferdeflüsterer für Wendy-Leserinnen, gedreht in Rosamunde-Pilcher-Ästhetik. Wieher.



Dumm sprechen und dumm handeln (Update)

Mittwoch, 20.12.2006

Grind House, das aktuelle Projekt von Tarantino und Rodriguez, konzipiert als Double Feature, wird in Deutschland auseinandergerissen und in Form von zwei Einzelfilmen vertrieben. “Insbesondere die Grind House-Filme […] sehe ich als die Highlights unserer starken 2007-Slate”, sagt Marco Weber vom Senator-Filmverleih.

Eine Slate also, aha. Laut LEO heißt das u.a. “Schiefertafel”. Eine solche sollte man den Herren Senatoren vielleicht mal über den Kopf (allgäuerisch: Grind) ziehen. Alles weitere steht bei den 5 Filmfreunden.

Update: Nerdcore stellt klar: Das Double-Feature in zwei Teile zu trennen ist nicht die Entscheidung von Senator, sondern von der Weinstein Company, die Grind House produziert. Getrennt wird wohl überall außerhalb der USA. Okay, dann gilt das oben geschriebene nicht mehr für Senator, aber sehr wohl für die Weinsteins. Dass die in solchen Dingen keinerlei Skrupel haben, ist allerdings bekannt.

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Trailerschau für Filmstarts vom 14.12.

Montag, 18.12.2006

Auf die DVD warten:
Apocalypto: Ich bin da so zwiegespalten: Einerseits sieht das schon sehr interessant aus und man muss diesen Wahnsinn bewundern, der Mel Gibson einen Film komplett in Maya-Sprache drehen lässt, der dann auch noch zum Blockbuster wird. Andererseits ist es halt Mel Gibson, und man liest von Gewaltorgien auf der Leinwand und da bin ich dann wieder nicht so scharf drauf.

Vielleicht mal im Fernsehen:
American Hardcore: Punk-Doku aus Amerika, mit Henry Rollins und Kollegen. Könnte eine sehr interessante Geschichtsstunde werden.

Eragon (Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter): Die Filmstudios auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Franchise à la Harry Potter oder LotR. Die Bilder kommen einem sehr vertraut vor - innovativ ist was anderes.

Congo River: Doku, die am Fluss Kongo entlang gedreht wurde und sicher viel über Afrika zu erzählen weiß.

Mondscheinkinder: Ein Junge, der an der “Mondscheinkrankheit” leidet, und seine pubertierende Schwester: Wenn Regisseurin Manuela Stacke die vielen Sentimentalitätsfallen, die hier am Wegesrand lauern, umschiffen kann, könnte das ein recht ansprechender Film sein.

Shinobi: Martial-Arts-Epos mit teilweise tollen Bildern, aber auch einer Extraportion Kitsch.

The Holiday (Liebe braucht keine Ferien): Mit Frau Winslet und Frau Diaz und Herrn Law und Herrn Black ist der schon sehr toll besetzt. Aber RomCom bleibt RomCom. Das mag ich nicht so, und mit kuschligen Wollpullis und Strickmützchen erst recht nicht. Das mutmaßlich Beste am Film kommt im Trailer leider gar nicht vor: die Rolle eines freundlichen alten Sacks wird gespielt von Eli Wallach, einem der zwei glorreichen Halunken, inzwischen 91 Jahre alt.

Muss nicht sein:
Dünyayi Kurtaran Adamin Oglu (Türken im Weltall): Was für ein grausamer deutscher Titel! Und die Website zwingt meinen Browser in die Knie…

Oublier Cheyenne (Looking for Cheyenne): Französische Beziehungsdramen: Manchmal gut, oft anstrengend.

Unaccompanied Minors (Oh je, du Fröhliche!): Oh je, du deutscher Verleihtitel! Ein paar Kids, die in einem eingeschneiten Flughafen feststecken, und dort dann “lustige Abenteuer” erleben. Wer’s mag.

Ferrari (Enzo Ferrari): “Ein Muss für alle Ferraristi!” Gut zu wissen: ich bin nicht gemeint.

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Oliver Maria Schmitt: AnarchoShnitzel schrieen sie

Freitag, 15.12.2006

Der Untertitel “Ein Punkroman für die besseren Kreise”, dazu der Name des Autors, der mir als gelegentlich regelmäßiger Titanic-Leser wohlbekannt ist, das machte mich neugierig. Ich mag so Zeug, nennen wir es mal “schräge Unterhaltungsliteratur”. Mit diesem Roman bin ich aber nicht so recht warm geworden. Ich hab ihn zwar ganz durch gelesen, aber begeistern konnte er mich nur ganz selten.

Die Geschichte ist ein reichlich absurdes Road-Movie (Road-Book? Road-Novel? Gibt’s da ‘nen Begriff für?) über eine Truppe gealterter Ex-Punks, die ihre kurzlebige Punkrockband “Gruppe Senf” nach 20 Jahren für eine Retro-TV-Show nochmal wiedervereinigen will. Natürlich ist keiner von ihnen ein waschechter Punk geblieben, alle sind älter geworden, sind mehr oder weniger arriviert, und jeder von ihnen ist im Grunde ein Ekelpaket. Wie bei den Blues Brothers wird ein Auto besorgt und nach und nach werden damit alle ehemaligen Band-Mitglieder abgeklappert. Ein Großteil der Reise findet in den neuen Bundesländern statt, was Schmitt Gelegenheit gibt, seine Figuren immer wieder fürchterlich über den Osten herziehen zu lassen. Das ist zu Beginn ganz amüsant, nervt aber im Verlauf der Geschichte immer mehr. Solche Elemente, die bis zum Überdruss repetiert werden, finden sich leider häufiger im Buch.

Ich glaube nicht, dass es O.M.S. wirklich auf seine Handlung ankommt. Die dient ihm als Gerüst für verschiedene Dinge, die er loswerden will: eine Liebeserklärung und Abrechnung mit 20 Jahren Punk (und was daraus wurde), eine satirische Bestandsaufnahme der Merkel-Republik anno 2006, und: Namedropping ohne Ende. Dutzende von Bands und Songs werden hier zitiert und genannt, von obskuren Deutschpunkbands der 80er Jahre bis zu Wir sind Helden und We are Scientists. Ein Kapitel widmet sich einem Besuch der Ex-Punks auf einem Flippers-Konzert. Diese taufte man allerdings (im Gegensatz zu den anderen Bands) um: hier heißen sie, total originell, die Trippers, aber es besteht kein Zweifel, wer gemeint ist. Hat der Rowohlt-Verlag hier Muffe vor Flippers-Anwälten bekommen? Das Kapitel ist übrigens ein gutes Beispiel für eine Szene, die nicht so recht in den Roman passen will und wirkt wie ein ordentlicher Titanic-Artikel, der hier mal eben eingebaut wurde.

Ein bisschen liest sich das ganze Buch wie ein auf 340 Seiten gedehnter Titanic-Artikel, was auf Dauer ziemlich ermüdend ist. Dass ich trotzdem durchgehalten habe, liegt daran, dass Schmitt eben doch immer wieder mit einer lustigen und/oder irrsinnigen Idee aufwarten kann. Wunderbar überzogen und grell ist z.B. die Szene in Chemnitz, wo sich gerade eine neue Partei aus allen Splitterbewegungen des Landes gründet. Eine Veranstaltung, die in einem Inferno aus Erbrochenem endet. Wenzel Storch, bitte verfilmen Sie das!

Es gibt übrigens ein Blog zum Buch, garniert mit reichlich Hörbeispielen.

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