Too big to fail.

Im Kino: Little Miss Sunshine

Freitag, 08.12.2006

Der Titel führt in die Irre: Little Miss Sunshine, das klingt verdächtig nach einer Happydingdong-allehamsichlieb-Komödie mit Disney-Geschmack. Wenn man dann auch noch den Plot in den groben Stichworten “Kleines Mädchen”, “Misswahl”, “Familie” und “Zusammenhalt” betrachtet, will man gleich wieder abwinken.

Fehler.

Little Miss Sunshine von Jonathan Dayton und Valerie Faris ist alles andere als ein zuckersüßer Vorweihnachtsfilm. Das hier ist “Rated R for language, some sex and drug content”. Wir begleiten eine völlig kaputte Kleinfamilie auf ihrer Tour mit einem schrottreifen VW-Bus von New Mexico nach Kalifornien. Der Vater ist ein Möchtegern-Motivationstrainer, dessen “Refuse to Lose”-Programm sich als großer Flop erweist. Der Großvater ein notgeiler, drogensüchtiger alter Sack, der aus dem Altenheim ausgebüchst ist. Der Sohn ist schwer in der Pubertät, hasst alle Menschen, liest Nietzsche und hat aufgehört zu sprechen. Dazu kommt der Onkel, ein Geisteswissenschaftler in einer schweren Lebenskrise, der gerade einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hat. Lediglich die Mutter und das achtjährige Töchterlein Olive sind halbwegs “normal”, wobei Olive allerdings ein Faible für Misswahlen hat und in Albuquerque gerade eine Vorentscheidung der Wahl zur “Little Miss Sunshine” gewonnen hat. Jetzt darf sie bei der Endausscheidung antreten und das ist der Anlass für die Familie, auf Reisen zu gehen.

Es ist ein großer Spaß, dieser herrlich dysfunktionalen Familie dabei zuzusehen, wie sie ein ums andere Mal scheitern: an sich selbst, am jeweils anderen, und an ihren Zielen. Sie alle machen im Verlauf des Films eine Katharsis durch und gehen am Ende gestärkt aus allem hervor, die Familie hält zusammen, das ist die Botschaft. Das erstaunliche an diesem Film aber ist: Man schluckt diese Botschaft ohne Bauchschmerzen, einfach weil sie eher nebenbei und unaufdringlich daherkommt. Oder vielleicht auch, weil man eh schon Bauchschmerzen hat, vom vielen Lachen. Denn der Film weiß sich durchgehend zu steigern. Er verschießt sein Pulver nicht am Anfang oder in der Mitte, sondern wird mit zunehmender Dauer immer noch lustiger. Als Höhepunkt fungiert die Endaussscheidung der Kleine-Mädchen-Misswahlen, die uns eines zeigt: Egal, wie verkorkst und deprimierend dein Leben sein mag — etwas deprimierenderes als solche Misswahlen ist schlicht nicht möglich.

Eine sehr charmante, unterhaltsame Indie-Komödie mit prächtig aufgelegten Darstellern (u.a. Steve Carell, der amerikanische Stromberg).

Abgelegt unter: geguckt

2 Comments »

  1. […] Spielen wir doch mal ein bisschen The Work of Director. Diese Woche sah ich Little Miss Sunshine im Kino und war sehr angetan. Das Regisseurs-Ehepaar Jonathan Dayton/Valerie Faris hatte bis dahin “nur” Werbefilme und Videoclips gedreht. Und zwar eine Menge. Eine Menge gute. Und weil das Internet eine gigantische Wundertüte ist, braucht es nur wenige Klicks, um mit Hilfe von Wikipedia und YouTube eine fast vollständige Videoclip-Werkschau mit 28 Clips der beiden zu erstellen. Bitteschön. […]

    Pingback von die stagediven » Blog Archive » Clipparade mit Dayton und Faris — 09.12.2006 @ 13:09

  2. gestern gesehen viel gelacht und fast geweint ;)
    sehr schöner Film!
    auf Babel bin ich auch gespannt und dann noch der neue Kaurismäki und schwupp die wupp der Winter ist rum ….
    grüße und noch fix einen guten Rutsch auch an Tine
    Thomas

    Kommentar von tbee — 07.01.2007 @ 21:16

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