Oliver Maria Schmitt: AnarchoShnitzel schrieen sie

Der Untertitel „Ein Punkroman für die besseren Kreise“, dazu der Name des Autors, der mir als gelegentlich regelmäßiger Titanic-Leser wohlbekannt ist, das machte mich neugierig. Ich mag so Zeug, nennen wir es mal „schräge Unterhaltungsliteratur“. Mit diesem Roman bin ich aber nicht so recht warm geworden. Ich hab ihn zwar ganz durch gelesen, aber begeistern konnte er mich nur ganz selten.

Die Geschichte ist ein reichlich absurdes Road-Movie (Road-Book? Road-Novel? Gibt’s da ’nen Begriff für?) über eine Truppe gealterter Ex-Punks, die ihre kurzlebige Punkrockband „Gruppe Senf“ nach 20 Jahren für eine Retro-TV-Show nochmal wiedervereinigen will. Natürlich ist keiner von ihnen ein waschechter Punk geblieben, alle sind älter geworden, sind mehr oder weniger arriviert, und jeder von ihnen ist im Grunde ein Ekelpaket. Wie bei den Blues Brothers wird ein Auto besorgt und nach und nach werden damit alle ehemaligen Band-Mitglieder abgeklappert. Ein Großteil der Reise findet in den neuen Bundesländern statt, was Schmitt Gelegenheit gibt, seine Figuren immer wieder fürchterlich über den Osten herziehen zu lassen. Das ist zu Beginn ganz amüsant, nervt aber im Verlauf der Geschichte immer mehr. Solche Elemente, die bis zum Überdruss repetiert werden, finden sich leider häufiger im Buch.

Ich glaube nicht, dass es O.M.S. wirklich auf seine Handlung ankommt. Die dient ihm als Gerüst für verschiedene Dinge, die er loswerden will: eine Liebeserklärung und Abrechnung mit 20 Jahren Punk (und was daraus wurde), eine satirische Bestandsaufnahme der Merkel-Republik anno 2006, und: Namedropping ohne Ende. Dutzende von Bands und Songs werden hier zitiert und genannt, von obskuren Deutschpunkbands der 80er Jahre bis zu Wir sind Helden und We are Scientists. Ein Kapitel widmet sich einem Besuch der Ex-Punks auf einem Flippers-Konzert. Diese taufte man allerdings (im Gegensatz zu den anderen Bands) um: hier heißen sie, total originell, die Trippers, aber es besteht kein Zweifel, wer gemeint ist. Hat der Rowohlt-Verlag hier Muffe vor Flippers-Anwälten bekommen? Das Kapitel ist übrigens ein gutes Beispiel für eine Szene, die nicht so recht in den Roman passen will und wirkt wie ein ordentlicher Titanic-Artikel, der hier mal eben eingebaut wurde.

Ein bisschen liest sich das ganze Buch wie ein auf 340 Seiten gedehnter Titanic-Artikel, was auf Dauer ziemlich ermüdend ist. Dass ich trotzdem durchgehalten habe, liegt daran, dass Schmitt eben doch immer wieder mit einer lustigen und/oder irrsinnigen Idee aufwarten kann. Wunderbar überzogen und grell ist z.B. die Szene in Chemnitz, wo sich gerade eine neue Partei aus allen Splitterbewegungen des Landes gründet. Eine Veranstaltung, die in einem Inferno aus Erbrochenem endet. Wenzel Storch, bitte verfilmen Sie das!

Es gibt übrigens ein Blog zum Buch, garniert mit reichlich Hörbeispielen.

 

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