Kino 2006: Jetzt taut’s

Gestern las ich die Kino-Jahrescharts 2006 und bin leicht erschrocken: Was für eine Ansammlung von äußerst mediokrer Ware. Die Masse des Kinopublikums strömt mehr denn je in das, was sie kennt. Ohne bekannte Namen geht gar nix, das wurde dieses Jahr extrem deutlich.

Platz 1 bis 7 sind durchgehend Filme, die auf ein bekanntes und populäres Franchise zurückgreifen können. Ob das nun Sequels sind, oder Bestseller-Verfilmungen oder der Film zum Sport-Massenevent des Jahrzehnts: Der Zuschauer weiß vorher, was er erwarten kann, und das bekommt er dann auch. Erst auf Platz 8 steht mit Over the Hedge (Ab durch die Hecke) ein Film, der nicht auf eine bereits bestehende Marke aufbaut. Der wiederum gehört (ebenso wie Ice Age 2 auf Platz 1) im weitesten Sinne in die Sparte Kinderfilm und das ist, zumindest in Deutschland, ein konstanter Kassenmagnet. Kinderfilme ziehen. In den Top 30, den Filmen, die mehr als 1 Million in die Kinos lockten (Platz 30 nehme ich jetzt mal mit, da Eragon derzeit noch im Kino läuft) befinden sich insgesamt neun Filme, die (nicht ausschließlich, aber primär) für Kinder gemacht sind und die ohne FSK-Alterbeschränkung liefen.

Wenn ich einen SpOn-Artikel schreiben müsste, der unbedingt eine knackige These braucht, könnte ich also drüber schreiben: Die Infantilisierung des Kinomarktes. So neu ist dieser Trend freilich nicht: 2005 zähle ich sieben Kinderfilme in den Top 30, 2004 acht, 2003 aber nur zwei.

Was mir an der 2006-Liste am meisten auffällt (und warum ich im ersten Satz von „erschrecken“ schrieb): Wo sind die anspruchsvolleren Filme? Ich meine nicht das intellektuelle Kunstkino, sondern gehobenen Mainstream. Filme, die mehr sind als pure Genre-Unterhaltung, nennen wir sie ruhig die klassischen „Oscar-Filme“. Mit Das Parfum finden wir in den Top Ten gerade mal einen Film, den ich in diese Kategorie zählen würde, und der konnte sich auf eine bekannte Vorlage und einen unglaublichen Medienhype stützen. Weiter hinten finden wir dann Das Leben der Anderen auf Platz 14, Walk the Line auf 15 und Brokeback Mountain auf 18.

Hätte ein Film wie Lost in Translation oder 8 Frauen im Jahr 2006 mehr als 1 Million Zuschauer gefunden, wie im Jahr ihrer Kinoauswertung? Ich bin mir nicht sicher. Meine private und vollkommen unwissenschaftliche These dazu ist: Das Kino ist nicht nicht tot, es lebt aber vor allem als Platz für Events. Für kleine und mittlere Filme wird das Medium DVD immer wichtiger. Und das merke ich auch an mir selbst. Ich war im Jahr 2006 so selten im Kino wie schon lange nicht mehr. Etwas über 20mal. Das liegt — nicht ausschließlich, aber unter anderem — daran, dass ich mir immer wieder denke: Den kannst du auch auf DVD schauen. Und das wird nicht nur mir so gehen. Diese verflixten Scheiben sind einfach ziemlich prima. Ich habe mich — dank DVD — daran gewöhnt, Filme im Original (meistens auch mit Untertiteln) anzuschauen und will diese Möglichkeit nicht mehr missen. Die Verfügbarkeit von DVDs ist enorm, das meiste bekommt man problemlos über verschiedenste Wege. Und das Angebot ist natürlich ebenso enorm. Hier konkurriert der Blockbuster des letzten Sommers mit 100 Jahren Filmgeschichte, mit Sammlereditionen, nicht zu vergessen: mit sehenswerten TV-Serien.

Wer gerne und oft Filme schaut, tut dies möglicherweise immer mehr auf DVD und immer seltener im Kino. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Das Kino (im Sinne von Filmtheater) ist nicht tot, keineswegs, aber es hat wohl wirklich nicht mehr den Stellenwert, den es noch vor ein paar Jahren hatte. Es tut mir zwar jedesmal in der Seele weh, wenn ich lesen muss, dass ein Kino schließt. Aber so langsam verstehe ich, dass es wohl so sein muss.

 

2 Gedanken zu „Kino 2006: Jetzt taut’s

  1. „Den kannst du auch auf DVD schauen.“ – Dieses Sprüchlein sage ich mir inzwischen immer und immer wieder. Meist aber ist auch das nur eine Ausrede, weil ich bis dahin schon zuviel (schlechtes) über die DVD-Kandidaten gehört habe.

    Manchmal warte ich aber auch gleich noch einige Zeit länger; auf die Special-Edition nämlich. Denn warum sollte ich bereits für ’nen unvollständigen Blockbuster (Sin City zum Beispiel) Geld ausgeben?

    Kein Wunder also, dass ich in der Zwischenzeit lieber zu Klassikern und unbekannteren Werken greife. (Jedenfalls dann, wenn Bildformat, Synchronfassung und Soundtrack stimmen.)

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