Archive for Dezember, 2006

Trailerschau für Filmstarts vom 14.12.

Auf die DVD warten:
Apocalypto: Ich bin da so zwiegespalten: Einerseits sieht das schon sehr interessant aus und man muss diesen Wahnsinn bewundern, der Mel Gibson einen Film komplett in Maya-Sprache drehen lässt, der dann auch noch zum Blockbuster wird. Andererseits ist es halt Mel Gibson, und man liest von Gewaltorgien auf der Leinwand und da bin ich dann wieder nicht so scharf drauf.

Vielleicht mal im Fernsehen:
American Hardcore: Punk-Doku aus Amerika, mit Henry Rollins und Kollegen. Könnte eine sehr interessante Geschichtsstunde werden.

Eragon (Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter): Die Filmstudios auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Franchise à la Harry Potter oder LotR. Die Bilder kommen einem sehr vertraut vor – innovativ ist was anderes.

Congo River: Doku, die am Fluss Kongo entlang gedreht wurde und sicher viel über Afrika zu erzählen weiß.

Mondscheinkinder: Ein Junge, der an der “Mondscheinkrankheit” leidet, und seine pubertierende Schwester: Wenn Regisseurin Manuela Stacke die vielen Sentimentalitätsfallen, die hier am Wegesrand lauern, umschiffen kann, könnte das ein recht ansprechender Film sein.

Shinobi: Martial-Arts-Epos mit teilweise tollen Bildern, aber auch einer Extraportion Kitsch.

The Holiday (Liebe braucht keine Ferien): Mit Frau Winslet und Frau Diaz und Herrn Law und Herrn Black ist der schon sehr toll besetzt. Aber RomCom bleibt RomCom. Das mag ich nicht so, und mit kuschligen Wollpullis und Strickmützchen erst recht nicht. Das mutmaßlich Beste am Film kommt im Trailer leider gar nicht vor: die Rolle eines freundlichen alten Sacks wird gespielt von Eli Wallach, einem der zwei glorreichen Halunken, inzwischen 91 Jahre alt.

Muss nicht sein:
Dünyayi Kurtaran Adamin Oglu (Türken im Weltall): Was für ein grausamer deutscher Titel! Und die Website zwingt meinen Browser in die Knie…

Oublier Cheyenne (Looking for Cheyenne): Französische Beziehungsdramen: Manchmal gut, oft anstrengend.

Unaccompanied Minors (Oh je, du Fröhliche!): Oh je, du deutscher Verleihtitel! Ein paar Kids, die in einem eingeschneiten Flughafen feststecken, und dort dann “lustige Abenteuer” erleben. Wer’s mag.

Ferrari (Enzo Ferrari): “Ein Muss für alle Ferraristi!” Gut zu wissen: ich bin nicht gemeint.

Oliver Maria Schmitt: AnarchoShnitzel schrieen sie

Der Untertitel “Ein Punkroman für die besseren Kreise”, dazu der Name des Autors, der mir als gelegentlich regelmäßiger Titanic-Leser wohlbekannt ist, das machte mich neugierig. Ich mag so Zeug, nennen wir es mal “schräge Unterhaltungsliteratur”. Mit diesem Roman bin ich aber nicht so recht warm geworden. Ich hab ihn zwar ganz durch gelesen, aber begeistern konnte er mich nur ganz selten.

Die Geschichte ist ein reichlich absurdes Road-Movie (Road-Book? Road-Novel? Gibt’s da ‘nen Begriff für?) über eine Truppe gealterter Ex-Punks, die ihre kurzlebige Punkrockband “Gruppe Senf” nach 20 Jahren für eine Retro-TV-Show nochmal wiedervereinigen will. Natürlich ist keiner von ihnen ein waschechter Punk geblieben, alle sind älter geworden, sind mehr oder weniger arriviert, und jeder von ihnen ist im Grunde ein Ekelpaket. Wie bei den Blues Brothers wird ein Auto besorgt und nach und nach werden damit alle ehemaligen Band-Mitglieder abgeklappert. Ein Großteil der Reise findet in den neuen Bundesländern statt, was Schmitt Gelegenheit gibt, seine Figuren immer wieder fürchterlich über den Osten herziehen zu lassen. Das ist zu Beginn ganz amüsant, nervt aber im Verlauf der Geschichte immer mehr. Solche Elemente, die bis zum Überdruss repetiert werden, finden sich leider häufiger im Buch.

Ich glaube nicht, dass es O.M.S. wirklich auf seine Handlung ankommt. Die dient ihm als Gerüst für verschiedene Dinge, die er loswerden will: eine Liebeserklärung und Abrechnung mit 20 Jahren Punk (und was daraus wurde), eine satirische Bestandsaufnahme der Merkel-Republik anno 2006, und: Namedropping ohne Ende. Dutzende von Bands und Songs werden hier zitiert und genannt, von obskuren Deutschpunkbands der 80er Jahre bis zu Wir sind Helden und We are Scientists. Ein Kapitel widmet sich einem Besuch der Ex-Punks auf einem Flippers-Konzert. Diese taufte man allerdings (im Gegensatz zu den anderen Bands) um: hier heißen sie, total originell, die Trippers, aber es besteht kein Zweifel, wer gemeint ist. Hat der Rowohlt-Verlag hier Muffe vor Flippers-Anwälten bekommen? Das Kapitel ist übrigens ein gutes Beispiel für eine Szene, die nicht so recht in den Roman passen will und wirkt wie ein ordentlicher Titanic-Artikel, der hier mal eben eingebaut wurde.

Ein bisschen liest sich das ganze Buch wie ein auf 340 Seiten gedehnter Titanic-Artikel, was auf Dauer ziemlich ermüdend ist. Dass ich trotzdem durchgehalten habe, liegt daran, dass Schmitt eben doch immer wieder mit einer lustigen und/oder irrsinnigen Idee aufwarten kann. Wunderbar überzogen und grell ist z.B. die Szene in Chemnitz, wo sich gerade eine neue Partei aus allen Splitterbewegungen des Landes gründet. Eine Veranstaltung, die in einem Inferno aus Erbrochenem endet. Wenzel Storch, bitte verfilmen Sie das!

Es gibt übrigens ein Blog zum Buch, garniert mit reichlich Hörbeispielen.

Auf DVD: I, Robot

Fängt gut an, ist aber insgesamt enttäuschend. Basierend auf verschiedenen Kurzgeschichten von Isaac Asimov und dessen drei Gesetzen der Robotik hat man hier einen Hollywood-Actionkracher produziert, der eher eine Visual-Effects-Schlacht ist als eine Auseinandersetzung mit den Asimov’schen Ideen.

Dabei fängt der Film eigentlich ganz gut an. Will Smith spielt die Rolle, die er am besten kann: einen coolen Cop namens Spooner, der nicht mit lässigen Sprüchen geizt. Die Set-Designer haben eine recht hübsche Großstadt-Welt des Jahres 2035 geschaffen, in der humanoide Roboter ein alltäglicher Teil des Straßenbilds sind, z.B. als Dienstboten, Müllfahrer usw. Spooner wird zur Firma U.S. Robotics gerufen, die kurz davor steht, in großem Stil eine neue Robotergeneration auszuliefern. Deren Chefdenker Dr. Lanning ist einen gewaltsamen Tod gestorben. Der Firmenchef tippt auf Selbstmord, aber Spooner, der den Robotern sehr skeptisch gegenübersteht, glaubt, dass Lanning von einem seiner Roboter getötet wurde. Dies würde jedoch den Gesetzen der Robotik widersprechen.

Im weiteren Verlauf tauchen auf: eine schöne Wissenschaftlerin, die Spooner bei den Ermittlungen unterstützt, ein außergewöhnlicher Roboter, der die Fähigkeit hat, zu fühlen und zu träumen, und eine riesige Roboter-Armee, die sich gegen die Menschheit wendet und einen großen Umsturz anzettelt.

Je weiter der Film fortschreitet, um so mehr Wert wird auf Action gelegt und umso weniger auf eine plausible Geschichte. Keine Frage, das sieht ziemlich gut aus und ist tricktechnisch toll umgesetzt. Als SF-Action ist das durchaus gelungen, bleibt aber inhaltlich oberflächlich und blutleer. Enttäuschend, denn Asimovs Ausgangsstoff hätte viel mehr zum Thema Mensch/Maschine und Künstliche Intelligenz hergegeben. Aber dazu hätte man dem Zuschauer unkünstliche Intelligenz zutrauen müssen. Auch von Regisseur Alex Proyas hatte ich etwas mehr erwartet, hat der doch vor ein paar Jahren mit Dark City ein sehr atmosphärisches, düsteres SF-Märchen kreiert.

I, Robot ist kein Film, den man sehen muss. Aber immerhin bin ich jetzt neugierig darauf geworden, mal ein bisschen im Werk von Isaac Asimov zu stöbern und eine meine vielen Bildungslücken zu schließen. Falls jemand einen Lesetipp zum Einstieg hat, her damit.

I wanna be sedated

Der Webmaster von maxiarland.de ist ein Mensch mit Humor. Man beachte den Ticker ganz oben auf dem Bildausschnitt:

Da ist von einer neuen “Sedereihe” die Rede. Na gut, wahrscheinlich war’s nur ein Tippfehler, aber ich möchte so gerne glauben, dass da ein kleiner subversiver Geist am Werk war und hier ein kleines Wortspiel versteckt hat. Passen würd’s jedenfalls prima.

Und falls ihr euch jetzt fragt, was zum Teufel ich auf der Website des blonden Grinsegesichts verloren habe: Björn hat mich da hingeschickt, ich bin nur arglos einem Link gefolgt.

Das gute Gespräch

Was immer man von dieser einmaligen, extrem dicken Tempo-Sondernummer halten mag, sie hat dafür gesorgt, dass ich im Zeitungskiosk mehr als “Einmal die hier, bitte” und “Danke” gesagt habe. Die Dame im Kiosk fragte mich nämlich am Freitag morgen, als ich mir das Heft kaufte, mit ehrlichem Interesse und viel Verwunderung, was das denn eigentlich für ein Heft sei. Sie habe davon 10 Stück bestellt und nach ein paar Stunden sei sie schon die Hälfte davon los (wohlgemerkt: wir sprechen nicht vom Bahnhofskiosk, sondern von einer kleinen Zeitschriftenbude mit Lottoschein-Annahme und Kaffeeausschank). Ich versuchte also kurz zu erklären, was ich drüber wusste. Was denn so drinstehe in dem Heft, wollte sie dann noch wissen. Hier musste ich passen, das wusste ich zu dem Zeitpunkt ja auch nicht. Aber sie versprach, später selber mal reinzuschauen. Zum Schluss fragte sie mich dann noch, ob ich ‘nen Becher Kaffee wolle.

Wollte ich nicht, aber ich fand das sehr charmant. Kiosk am Ostfriedhof, ich komme wieder.

Trailerschau für Filmstarts vom 7.12.

Im Kino sehen:
The Departed (Departed – Unter Feinden): Scorsese. Nicholson. Und ein Haufen anderer Stars. Pflicht.

Auf die DVD warten:
Flushed Away (Flutsch und weg): Was neues von Aardman Animation, den Machern von Wallace & Gromit. Diesmal leider nicht mit Knetmasse, sondern volldigital. Könnte trotzdem ganz nett werden.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez: Doku, die das Leben des ersten US-Soldaten nachzeichnet, der im 2003 Irak sterben musste. Er war ein ehemaliges Straßenkind aus Guatemala.

Muss nicht sein:
The Nativity Story (Es begab sich aber zu der Zeit…): “As you’ve never seen it before”, prahlt der Trailer. Dabei sieht dieser Bibelschinken exakt so aus, wie Bibelschinken schon immer ausgesehen haben.

Der Lebensversicherer: 50 Sekunden dauert der Trailer. Zu wenig, um irgendeinen Eindruck vom Film zu vermitteln.

Tailor Made Dreams – Maßgeschneiderte Träume : Die Doku begleitet einen indischen Schneider auf einer Tour durch Europa. Der Mann ist Bollywood-Fan und singt sehr gerne. Na dann.

The Saddest Music in the World: Es gibt sicher Filmfreunde, für die ist das ein Fest. Für mich ist es einen Tick zu experimentell.

Næsland (Niceland): Isländisches Drama um ein behindertes Pärchen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, interessiert’s mich nicht.

Pups 2.0

Sascha Lobo erklärt uns das Webzwonull. Im Zeitschriftenblog.

Früher entdeckte ein Einzelner, dass Kraftwerksabwässer in den Bach geleitet werden, er schrie herum und irgendwann kam eine Kuh und pupste und das war’s. Heute schreit er digital herum, mit den Mitteln des Web 2.0 – schreibt, fotografiert, filmt und verlinkt und es besteht eine gute Chance, dass irgendwann eine sehr große Kuh namens Spiegel Online ankommt und einen Pups macht, der bis in die Schaltzentrale des Kraftwerks stinkt. Und allein die Angst davor, dass es passieren könnte, verbessert die Welt.

Im Kino: Little Miss Sunshine

Der Titel führt in die Irre: Little Miss Sunshine, das klingt verdächtig nach einer Happydingdong-allehamsichlieb-Komödie mit Disney-Geschmack. Wenn man dann auch noch den Plot in den groben Stichworten “Kleines Mädchen”, “Misswahl”, “Familie” und “Zusammenhalt” betrachtet, will man gleich wieder abwinken.

Fehler.

Little Miss Sunshine von Jonathan Dayton und Valerie Faris ist alles andere als ein zuckersüßer Vorweihnachtsfilm. Das hier ist “Rated R for language, some sex and drug content”. Wir begleiten eine völlig kaputte Kleinfamilie auf ihrer Tour mit einem schrottreifen VW-Bus von New Mexico nach Kalifornien. Der Vater ist ein Möchtegern-Motivationstrainer, dessen “Refuse to Lose”-Programm sich als großer Flop erweist. Der Großvater ein notgeiler, drogensüchtiger alter Sack, der aus dem Altenheim ausgebüchst ist. Der Sohn ist schwer in der Pubertät, hasst alle Menschen, liest Nietzsche und hat aufgehört zu sprechen. Dazu kommt der Onkel, ein Geisteswissenschaftler in einer schweren Lebenskrise, der gerade einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hat. Lediglich die Mutter und das achtjährige Töchterlein Olive sind halbwegs “normal”, wobei Olive allerdings ein Faible für Misswahlen hat und in Albuquerque gerade eine Vorentscheidung der Wahl zur “Little Miss Sunshine” gewonnen hat. Jetzt darf sie bei der Endausscheidung antreten und das ist der Anlass für die Familie, auf Reisen zu gehen.

Es ist ein großer Spaß, dieser herrlich dysfunktionalen Familie dabei zuzusehen, wie sie ein ums andere Mal scheitern: an sich selbst, am jeweils anderen, und an ihren Zielen. Sie alle machen im Verlauf des Films eine Katharsis durch und gehen am Ende gestärkt aus allem hervor, die Familie hält zusammen, das ist die Botschaft. Das erstaunliche an diesem Film aber ist: Man schluckt diese Botschaft ohne Bauchschmerzen, einfach weil sie eher nebenbei und unaufdringlich daherkommt. Oder vielleicht auch, weil man eh schon Bauchschmerzen hat, vom vielen Lachen. Denn der Film weiß sich durchgehend zu steigern. Er verschießt sein Pulver nicht am Anfang oder in der Mitte, sondern wird mit zunehmender Dauer immer noch lustiger. Als Höhepunkt fungiert die Endaussscheidung der Kleine-Mädchen-Misswahlen, die uns eines zeigt: Egal, wie verkorkst und deprimierend dein Leben sein mag — etwas deprimierenderes als solche Misswahlen ist schlicht nicht möglich.

Eine sehr charmante, unterhaltsame Indie-Komödie mit prächtig aufgelegten Darstellern (u.a. Steve Carell, der amerikanische Stromberg).