Im Kino: Babel

Marokko: Die beiden Söhne eines Ziegenhirten hantieren mit einem Gewehr und treffen versehentlich einen Touristenbus. Dabei wird eine Amerikanerin lebensgefährlich verletzt.
San Diego: Die Kinder dieser Amerikanerin sind mit der mexikanischen Nanny allein zu Haus. Weil der Sohn des Kindermädchens heiratet und keine Ersatz-Kinderbetreuung aufzutreiben ist, nimmt sie die beiden Kinder kurzerhand im Auto mit nach Mexiko zur Hochzeitsfeier.
Tokio: Ein ziemlich verstörtes, gehörloses Teenager-Mädchen, das vor kurzem seine Mutter verloren hat, versucht sich in ihrer Welt zurechtzufinden.

In drei (eigentlich vier) Handlungssträngen, die alle miteinander zu tun haben, aber relativ unabhängig voneinander stattfinden, erzählt Alejandro Gonzalez Iñárritu von Menschen aus ganz verschiedenen Lebensbereichen. Allen ist gemeinsam, dass ihr Leben gerade von einem tragischen Vorfall aus der Bahn geworfen wurde und sie nun versuchen müssen, mit der neuen Situation klarzukommen. Und alle bekommen sie es in irgendeiner Form mit der Staatsgewalt zu tun, die dabei ein äußerst inkompetentes und hilfloses Bild abgibt.

Schon in Amores Perros und in 21 Grams hat Iñárritu nach einem ähnlichen Prinzip gearbeitet. Dabei legte er aber noch deutlich mehr Wert auf Verschachtelung und Verflechtung seiner Handlungsstränge. Babel ist ruhiger, geradliniger und noch ernsthafter. Ein vielschichtiger Film, der sehr viel Raum für Interpretationen lässt. Vermutlich nimmt jeder etwas anderes mit aus diesem Film. Es gibt keine laut und pompös herausgeschrieene Message, Iñárritu lässt uns selber denken. Und dazu gibt er uns Bilder an die Hand — teilweise sehr intime Nahaufnahmen seiner Figuren.

Wenn sich das japanische Mädchen auf ihrer Suche nach Liebe vor einem verdutzten Polizisten entblößt, wenn das mexikanische Kindermädchen verzweifelt im zerissenen Festtagskleid im Grenzgebiet durch die Wüste tappt, wenn Brad Pitt seiner verletzten Frau Cate Blanchett (beide so unglamourös wie nie zuvor) beim Pinkeln hilft: Dann sind wir schmerzhaft nahe dran an diesen Figuren, dann nehmen wir Teil an Szenen, in denen wir normalerweise wegsehen würden.

Ich weiß nicht, ob der Regisseur wollte, dass sich für den Zuschauer am Ende alles zu einem großen Ganzen fügt. Bei mir ist das nicht gelungen, für mich bleibt Babel ein Päckchen aus Fragmenten. Aber aus sehenswerten, exzellent gespielten und eindringlichen Fragmenten.

 

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