Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Schon seltsam. Ich lese ein Buch, das vor allem von der professionellen, anspruchsvollen Literaturkritik gelobt wird. Es gefällt mir nicht, ich werde nicht warm damit, und dann suche ich die Ursache bei mir selbst. Bin ich literarisch zu ungebildet, zu blöd für dieses Buch? Ist es zu anspruchsvoll für mich? Nein, denke ich mir, da schreib ich im Blog mal lieber nix drüber, sonst endet das noch wie eine dieser peinlichen Amazon-Leserrezensionen.

Das ist jetzt ein paar Wochen her und ich denke mir, was soll’s. Das Buch war nix für mich und das kann ich ruhig laut sagen. Mein Interesse weckte dieser positive Eintrag bei wirres.net, die Ausgangslage klang sehr spannend: Ein Mann wacht eines Tages allein in Wien auf und merkt, dass er scheinbar der einzige Mensch auf der Erde ist. Alle anderen sind weg.

Daraus könnte man eine Science-Fiction-Story machen, einen spannenden Thriller, eine philosophische Betrachtung über Einsamkeit und den Mangel an Mitmenschen. Thomas Glavinic macht nichts davon (was auch völlig okay ist!). Er schaut dem Protagonisten Jonas in den Kopf, und wir beobachten ihn dabei, wie er langsam schizophren wird. Wenn er schläft, hat er sich nicht unter Kontrolle und entdeckt jeden Morgen aufs Neue überraschende Ergebnisse der letzten Nacht. Ein Messer, das da nicht hingehört. Ein Loch in der Wand, das gestern noch nicht da war, solche Dinge.

Er beginnt dann, sich selbst im Schlaf mit einer Videokamera zu überwachen. Außerdem zieht er ziellos durch Wien, fährt an Schauplätze seiner Jugend und schließlich sogar nach England, wo seine Freundin sich zuletzt aufhielt. Zentrales Element des Romans sind neben den nächtlichen Überraschungen und den akribisch geschilderten Videoaufnahmen die Jugenderinnerungen von Jonas. Schauplätze und Fotos erinnern ihn an Vergangenes.

Viel mehr „passiert“ nicht in diesem Buch. Es gibt auch keine Erklärung, keine Auflösung für die vielen Rätsel. Das werfe ich dem Autor auch gar nicht vor, schließlich wollte er keinen Genreroman schreiben. Was mir missfallen hat, ist, dass der Roman ab etwa Seite 100 zunehmend dröge wird. Immer wieder wiederholen sich gleiche oder sehr ähnliche Elemente, man dreht sich im Kreis und kommt nicht weiter. Das macht die Lektüre sehr ermüdend, und dazu trägt auch der Schreibstil bei, die kurzen, abgehackten Sätze, die Glavinic ständig verwendet.

Zugegeben, am Anfang war ich wirklich fasziniert von der kalten, verstörenden Grundstimmung, die das Buch erzeugt. Zwischendrin wäre aber auch die ein oder andere interessante Idee oder Überraschung schön gewesen. Stattdessen schleppte ich mich mühsam durch die Seiten. Das fiese ist nur, dass immer dann, wenn ich kapitulieren wollte, doch ein klitzekleines Spannungselement eingebaut war. Allerdings eines, das nie aufgelöst wurde.

Die Arbeit der Nacht ist ein düsteres literarisches Experiment, das hochinteressant beginnt und dann von Kapitel zu Kapitel immer uninteressanter wird.