Im Kino: Shoppen

Beziehungskomödien sind bääh und igitt. Klebrig, kitschig und meist erzreaktionär. Shoppen von Ralf Westhoff ist auch sowas wie eine Beziehungskomödie, allerdings eine, der radikal die Romantik entzogen wurde. Speed-Dating, die wohl unromantischste Art des organisierten Kennenlernens, bildet den Background für Shoppen. 18 (!) Hauptfiguren werden uns in kurzen Alltagssituationen vorgestellt, ehe wir diesen 9 Männern und 9 Frauen um die 30 bei ihren Speed-Dating-Kurzdialogen über die Schulter schauen dürfen. Diese Gespräche, gefilmt in einem leeren, weißgetünchten Raum, bilden den Hauptteil des Films. Es wird geredet, sehr viel geredet, aber dank abwechslungsreicher Kameraeinstellungen und dank des hohen Tempos und des guten Timings kommt hier keine Sekunde Langeweile auf. In kurzen Häppchen hören und sehen wir die 18 Protagonisten und puzzeln uns nach und nach ein Bild ihres Charakters zusammen. Obwohl naturgemäß für keine Figur besonders viel Zeit bleibt, gewinnen die Charaktere trotzdem erstaunlich schnell an Tiefe, was vor allem der hervorragenden Besetzung (vorwiegend Jungprofis vom Theater) zu verdanken ist.

Das Drehbuch verzichtet sowohl auf platte Witzeleien als auch auf übertriebene Schwere, es lässt uns mit einem sehr charmanten Humor an diesen Miniflirts teilhaben und stellt uns Typen vor, wie man sie so oder so ähnlich tatsächlich im Leben treffen kann (natürlich sind das zum Teil Karikaturen, die aber nie völlig überzeichnet sind). Die einen schließt man sofort ins Herz, bei anderen dauert’s etwas länger, andere kann man eher nicht leiden. Im letzten Teil des Films werden schließlich einige mögliche Paarungen angedeutet, die sich aus den Speedflirts ergeben könnten. Kleine, vorsichtig optimistische Andeutungen, kein Happy-End mit großer Liebe. Ein wirklich schöner, hoch unterhaltsamer Film.

Ich sah den Film passenderweise in einem Münchner Kino, vollbesetzt mit zum Großteil genau den Menschen, die auch der Film porträtiert: die Nicht-mehr-ganz-jungen Großstädter, ob Single oder nicht. Und anhand der Publikumsreaktionen konnte man auch ganz gut ablesen, wie treffsicher Ralf Westhoff seine Figuren und Dialoge geraten sind. Der Münchner erkennt hier nicht nur Drehorte, sondern auch Prototypen von Menschen wieder. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Shoppen hier ein größerer Erfolg ist als anderswo. Trotzdem funktioniert der Film natürlich auch in jeder anderen Stadt. Verzweifelte Singles sind dann doch überall ähnlich, glaub ich.

 

3 Gedanken zu „Im Kino: Shoppen

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