Archive for Juni, 2007

Im Kino: Pirates Of The Caribbean – At World’s End (Am Ende der Welt)

Hollywood hat den Rotstift verlegt. Es scheint dort keine Leute mehr zu geben, die sich mal an ein Drehbuch setzen und ordentlich streichen. Zumindest nicht bei großen Franchise-Filmen, die als finanzielle Selbstläufer super-erfolgreich sind und bei denen der Inhalt scheinbar gar keine Rolle mehr spielen muss. Spider-Man 3 hatte 140 Minuten, der dritte Teil von Fluch der Karibik strotzt mit 168 Minuten. Knappe drei Stunden also, in denen man dem Zuschauer folgende Geschichte erzählt:

Ähm. Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, was Pirates 3 für eine Geschichte erzählt. Selbst wenn ich der “Handlung”, oder was der Film dafür hält, problemlos hätte folgen können, wäre es wahrscheinlich unmöglich, diese in kurzen Worten wiederzugeben. Denn dazu müsste man beschreiben, wer mit welchen Mitteln was zu erreichen sucht, und warum. Und genau diese Fragen lässt der Film einfach offen. Etwas passiert, weil’s passiert. Dann kommt die nächste Szene, in der passiert was anderes. Manches davon mag vielleicht noch erklärbar sein, wenn man die Handlung von Teil 1 und 2 noch unmittelbar im Kopf hat (wer die noch gar nicht gesehen hat, braucht erst gar nicht in Teil 3 zu gehen), aber das meiste wirkt derart willkürlich, als hätte man im Internet einfach mal 10 oder 20 Pirates-Fanfic-Geschichten eingesammelt und diese mit einer ganz groben Nadel zusammengeflickt.

Wenn aber die Handlung egal wird, verkommt ein Film zur Nummernrevue. Nicht, dass dagegen was einzuwenden wäre – viele gute Filmkomödien funktionieren bestens als Abfolge einzelner Nummern. At World’s End behauptet aber ständig Drama, Abenteuer und Spannung, und vor allem fehlen die Gags. Klar, es gibt einige Lacher im Film, es sind aber nicht genug (oder nicht genügend gute), um den Film wirklich zur spaßigen Unterhaltung zu machen. Der Grundton des Films ist wesentlich düsterer und ernsthafter als in den ersten beiden Teilen (er beginnt mit einer ausgiebigen Hinrichtungsszene). Kann man machen, aber dann sollte halt die Geschichte interessant sein.

Was bleibt, sind erwartungsgemäß tolle Kulissen und Kostüme, ein paar nette Oneliner und die surreale Szene mit dem multiplen Jack Sparrow, die mich wirklich überrascht hat (die man aber auch nicht unbedingt zweimal hätte bringen müssen). Mein Highlight war der Auftritt von Keith Richards. Nicht nur, weil ich ein Fan von Metahumor und selbstreferenziellen Gags bin, sondern weil der alte Kief auch bestens reinpasst in die Schar abgewrackter Piraten und keineswegs wie ein Fremdkörper wirkt. Aye!

Abspann: In den ersten beiden Teilen gab es nach dem Abspann noch ein kurzes Zuckerl für Sitzenbleiber. Diesmal ist es Süßstoff.

Bonus-Link: Peter Hengl (dem der Film besser gefiel als mir) über Pirates 3 als Experimentalfilm.

Trailerschau für Filmstarts vom 14.6.

Im Kino sehen (aber nur in der Originalfassung):
Hot Fuzz (Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis): Ein Film, auf den ich mich freue, seit ich den ersten Teaser im Netz gesehen habe. Die Shaun-of-the-Dead-Macher haben den witzigsten Polizeifilm des Jahrzehnts abgeliefert, hoffe ich.

Auf die DVD warten:
Irina Palm: Marianne Faithfull als Handjob-Profi, allseits hochgelobt. Der Trailer sieht auch sehr sympathisch aus.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Buongiorno Notte (Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro): Italienischer Film über den Terror der Roten Brigaden in den 70er Jahren. Hübsch gruseliger Trailer.

Muss nicht sein:
Ferien: Deutsches Depri-Kino mit komplett nichtssagendem Trailer. Kritiker steh’n auf sowas.

Verstörung – und eine Art von Poesie. Die Filmlegende Bernhard Wicki: Bernhard Wickis zweite Ehefrau blickt zurück auf sein Leben. Nicht so meins, aber filmhistorisch sicher wichtig.

Hostel 2: Folterporn, Kapitel 348. Muss ich nicht haben. Der Trailer ist trotzdem sehenswert, weil auf hübsche Weise lächerlich: Die Off-Stimme spricht deutsch, weil das so hart und furchterregend klingt.

Live: The Who

Eigentlich meide ich solche Konzerte. Große Hallen, teurer Eintritt. Bands, deren Mitglieder meist schon zur Hälfte tot sind, die in ihrer Geschichte mehr Besetzungs-Wechsel als Albenveröffentlichungen hatten, und die altersmäßig locker meine Eltern sein könnten. Und denen man auf der Bühne leider oft anmerkt, wie alt sie sind. Oder dass sie zu peinlichen Hampelmännern wie Mick Jagger mutiert sind.

Auf der anderen Seite haben viele dieser “Altrocker” einen Großteil der Platten aufgenommen, die ich als meine Lieblingsalben bezeichnen würde. Und so ist es dann doch immer wieder verlockend, wenn ein Neil Young, ein Bob Dylan oder ein Eric Clapton in die Stadt kommt.

Bei The Who habe ich auch gezögert. Schlagzeuger und Bassist sind tot, das letzte wirklich gute Album liegt mindestens 25 Jahre zurück. Aber sehen wollte ich sie, oder das, was von ihnen übrig ist, dann halt doch mal. Und es hat sich tatsächlich gelohnt! In der eher locker gefüllten Olympiahalle zelebrierten Pete Townshend, Roger Daltrey und ihre Begleitmusiker den Teil der Rockgeschichte, den sie maßgeblich mitbestimmt haben. Natürlich sind die ganzen Hits uralt, natürlich gibt es für neuere Songs nur höflichen Applaus statt großen Jubel, natürlich wirkt die Zeile “I hope I die before I get old” irgendwie daneben. Aber entscheidend ist: Diese Songs, so alt sie auch sein mögen, wirken unglaublich frisch. Dieses Konzert war zu meiner Überraschung keine rückwärtsgewandte Nostalgie-Show von und für ältere Herren, auch kein Best-of-CSI-Musical, sondern ein echtes, lautes Rockkonzert (mit erstaunlich gutem Sound).

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Pete Townshend und Roger Daltrey, früher mal die stylishsten Mode-Heroes der Welt, stehen in stinknormalen Alltagsklamotten auf der Bühne und machen einfach ihre Musik. Und es sieht tatsächlich so aus, als hätten sie ehrlich großen Spaß dabei. Townshend macht zwar keine Luftsprünge mehr, aber seine Windmühlen-Skills sind immer noch da. Ihre Stimmen mögen nicht mehr so hoch hinaus kommen wie früher, aber das spielt keine Rolle. Peinliche Rockopas sehen anders aus.

Second time around

Dies ist eine (unbezahlte) Werbeeinblendung.

Vor einem Jahr verkündete ich hier die Geburt des ersten gedruckten Comicgate-Magazins. Die Arbeit an dem Heft und ihr Ergebnis hat den Beteiligten so gut gefallen, dass wir eine zweite Nummer in Angriff genommen haben. Wieder mit gut 80 Seiten und der bewährten Mischung aus redaktionellen Artikeln und exklusiven Comic-Kurzgeschichten, mit großer inhaltlicher und stilistischer Bandbreite. Am Donnerstag kam das fertige Heft aus der Druckerei, gerade rechtzeitig zum Münchner Comicfestival (welches auch für die Blog-Funkstille der letzten Tage verantwortlich ist).

Die Nummer zwei bringt:

  • Ein Interview von Marc-Oliver Frisch mit Autor Ed Brubaker
  • Ein Feature von Agitpopper Björn über die Superhelden-Zeichentrickfilme von DC
  • Einen Artikel über den Traumjob(?) Comicladen-Inhaber von Frauke Pfeiffer
  • Christopher Bünte porträtiert den Zeichner Eduardo Risso (u.a. 100 Bullets)
  • Meine Wenigkeit gibt einen Überblick über das Thema “Märchen im Comic”
  • Das Comic-Duett, eine Rezension in Comicform über Marvels Crossover-Event Civil War (von Jan Dinter und Manuel Clavel)
  • “Comics für die Insel”, die aktuellen Empfehlungen der Redaktion
  • 40 Seiten Comics von Piwi, Manuel Clavel, Michael Vogt, Lapinot, Véro, Irene Bressel und Oliver Hausen.

Das Magazin gibt’s ab sofort für 5 Euro per Online-Bestellung bei comicgate.de, ab Ende des Monats auch im Comicfachhandel.

Trailerschau für Filmstarts vom 7.6.

Geht ganz schnell diesmal:

Im Kino sehen:
Ocean’s Thirteen: Die coolsten Säue von Hollywood, dritter Streich. Diesmal wird auf das All-Star-Ensemble noch Al Pacino obendrauf gepackt. Das wird ein Spaß.

Das größte Spiel der Welt (La gran final): Der Film beobachtet zwei Gruppen von Menschen, die sich das WM-Finale 2002 im Fernsehen ansehen: Indios im Regenwald und Nomaden in der Mongolei. Ein Charmebolzen von einem Trailer. Will ich sehen!

Vielleicht mal im Fernsehen:
Ganges: River to Heaven (Ganges: Fluss zum Himmel): Doku über den heiligen Fluss der Inder, wohin man auch die Todkranken bringt, damit sie dort sterben und bestattet werden können.

The Namesake (The Namesake – Zwei Welten, eine Reise): Romanverfilmung von Mira Nair über eine indische Auswandererfamilie in Amerika. Sieht nicht schlecht aus, aber ziemlich pathetisch.

Ich werde diese Tabakwaren nicht kaufen, sie ist zerkratzt

Heute morgen roch ich immer noch wie ein Aschenbecher. Ich hatte es ja so gewollt. Ein Konzert in einem sehr kleinen, sehr engen und sehr ausverkauften Club ist halt ohne Gestank nicht zu machen. Ich meine, das hat auch Vorteile. Rauchgestank überdeckt das Odeur von Schweiß genauso wie Bierfahnen. Außerdem fördert Rauch die Hygiene: Kein Mensch kommt auf die Idee, die Klamotten vom letzten Abend nochmal anzuziehen, ohne sie vorher gründlich zu waschen.

Ein Typ, der gestern in meiner Nähe stand, meinte es besonders gut mit seinen Mitmenschen und schmauchte genüsslich Zigarre, was ja bekanntlich nicht nur fünf Minuten dauert. So ein Zigarrenrauch hat echt nochmal ganz andere Qualitäten als der gewöhnliche Fluppendunst. Zigarren duften nach Erfolg, nach Potenz, nach Macht. Wer braucht da noch frische Luft? Es ist diesem Menschen also hoch anzurechnen, dass er seine Zigarre nicht im stillen Kämmerlein durchzieht, sondern uns arme Nichtraucherwürstchen teilhaben lässt an seinen Geschmackserlebnissen. Danke dafür.

(Im Übrigen danke ich auch allen Gehweg-Parkern, Hunde-überallhin-kacken-lassern, allen nachtaktiven Heimwerkern und Autobahndränglern.)

Deutschland – San Marino 6:0

Event-Manie in Nürnberg: Gleichzeitig Länderspiel, Rock im Park und dazu mindestens ein dutzend Junggesellenabschiede in der Altstadt (kann dieser Trend bald mal wieder abebben, bitte?). Weil die S-Bahn trotzdem in einem eher gemächlichen Takt fährt, sind wir erst kurz vor Anpfiff im Frankenstadion (das heute leider einen schlimmen anderen Namen trägt).

Wo man hinschaut, schwarz-rot-gold. Das Publikum spielt Fanmeile ’06 und feiert sich selbst. Und wenn dann Tausende lauthals die Nationalhymne singen, schweifen meine Gedanken kurz nach Rostock und ich halte lieber die Klappe.

Dass kurz vor der Pause das 1:0 fällt, finde ich ja fast schade. So bleibt der deutschen Mannschaft weitgehend ein Pfeifkonzert erspart, dass sie sich verdient hätte. Die erste Halbzeit war zwar ein Spiel auf ein Tor, aber ohne Ideen, ohne Tempo, ohne Spielwitz. Dafür mit dem einsamen Höhepunkt, in dem Jens Lehmann außerhalb des Strafraums erst den Ball vertändelte und dann eigentlich wegen Handspiels hätte Rot sehen müssen.

Rot sieht dafür dann ein Verteidiger der San Marin… (äh -esen, -aner, oder -istas?), und wir sind mitten in den knapp 30 guten Minuten des Spiels, in dem tatsächlich Tempo, Spielspaß und einige Tore zu sehen sind. Oleole. Die Schlussphase wird dann wieder mit angezogener Handbremse gespielt, es wird leise im Stadion und man kann wieder versuchen, zu erraten, welche Band gerade auf der Center Stage nebenan spielt.

Beste Spieler: Aus meinem nicht optimalen Blickwinkel auf Spielfeld würde ich mal sagen, Frings und Jansen. Auch die eingewechselten Gomez und Fritz hatten starke Szenen. Totalausfall: Miro Klose. Zurück ins Funkhaus.

10 Tore sind Pflicht!