Im Kino: Delirious

Gesehen auf dem Filmfest München

Living in Oblivion war ein kleiner, höchst unterhaltsamer Independentfilm übers Filmemachen, mit einem Steve Buscemi in der Hauptrolle, der damals, 1995, in die Riege meiner Lieblingsschauspieler vorrückte. Regie führte Tom Di Cillo, der zuvor Kameramann für Jim Jarmusch war und sich wenig später dann auch an mainstreamigeren Studioproduktionen (Echt blond) versuchen durfte. Jetzt kehrt er zurück zum Indie-Film, und wieder ist sein alter Kumpel Buscemi mit an Bord.

Zum Glück, muss man sagen, denn Buscemi ist Dreh- und Angelpunkt von Delirious, der ohne ihn nur ein durchschnittliches modernes Märchen wäre. Buscemi spielt Les, einen erfolglosen Fotografen, der sich mehr schlecht als recht mit Paparazzi-Fotos durchschlägt und in einer versifften Bude in New York lebt. Als er zufällig auf den jungen Obdachlosen Toby trifft, bietet dieser ihm an, ihm als Assistent zu dienen, wenn er ihm dafür einen Schlafplatz stellt.

Les und Toby sind von da an ein Team, und da Toby nicht nur aufgeweckt und ideenreich, sondern auch ein sehr hübscher Junge ist (gespielt von Michael Pitt, den man vielleicht aus Die Träumer oder Gus Van Sants Cobain-Film Last Days kennt), öffnen sich für Les auf einmal neue Türen in der Welt der New Yorker B- und C-Promis. Les beginnt, sowas ähnliches wie Erfolg zu haben. Der eigentliche Aufsteiger aber ist Toby, denn durch eine Reihe glücklicher Zufälle verliebt sich ein Britney-Spears-artiges Popsternchen in ihn, während er gleichzeitig auch als Darsteller für eine Daily Soap gecastet wird.

Hier schlägt die Stunde von Steve Buscemi, der seine Figur als wunderbaren Unsympathen darstellt: Les ist extrem eifersüchtig und missgünstig, versucht gierig von Tobys Erfolg zu profitieren und ihn nach Strich und Faden auszunutzen. Er ist nicht der sympathische Loser (eine Rolle, die Buscemi oft genug gespielt hat), sondern ein egoistisches Ekelpaket, dem wir zwar fasziniert zusehen, es aber nicht wirklich ins Herz schließen.

Und das ist gut so. Denn Delirious lebt von der Spielfreude Buscemis. Der eigentliche Plot ist bestenfalls Durchschnittskost: ein bisschen wohlfeile Medienkritik, ein bisschen Promi-Satire, aber leider auch zuviel „American Dream“ und eine sehr sehr hart am Kitsch-Overkill entlangschrammende Lovestory. Die aber zum Glück immer wieder von Steve Buscemi alias Les geerdet wird. Die schönste Szene im Film: Wenn Les zusammen mit Toby seine Eltern besucht, ihnen stolz wie Oskar sein Foto in der Klatschzeitung zeigt und sich dafür ein bisschen elterlichen Respekt und Schulterklopfen erwartet. Bekommt er natürlich nicht, stattdessen gibt es eine unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen.

Alles in allem ist Delirious ein gelungener Film, dessen Schwächen durch die Stärken locker wettgemacht werden (neben Buscemi kann man auch gute und witzige Dialoge und einen famosen Gastauftritt von Elvis Costello als Elvis Costello auf der Plus-Seite verbuchen). Kinostart in den USA ist im August — hoffen wir, dass sich auch ein deutscher Verleih findet.

Abspann: Ganz zum Schluss gibt es nach den Credits noch eine Zugabe, und zwar nicht nur ein nettes Bonusschmankerl, sondern eine relevante Szene, die der Story nochmal einen entscheidenden Dreh gibt.

 

Ein Gedanke zu „Im Kino: Delirious

  1. Hallo,
    ich finde Deine Kommentare sehr passend.
    Als Überblick, was es neues gibt nehme ich
    die Seiten sehr gerne.

    Ähm wo war jetzt dein Kommentar zu Idiocracy? Also falls Du ihn noch nicht gesehen hast: Ich kann ihn nur empfehlen.

    Die aktuelle Verdummung der Menschheit lässt vermuten, dass es keine 500 Jahre mehr dauert bis der Film Realität wird.

    Mein Liebling:
    Meinst du Einstein sah seine Mitmenschen nur als Idioten?

    Hat er deshalb die Atombombe gebaut?

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