Im Kino: Paprika

Fantasy FilmfestEin japanischer Gesundheitskonzern ist gerade dabei, eine neue Technik zu entwickeln, die vor allem in der Psychiatrie eingesetzt werden soll. Das DC Mini, ein kleines Gadget, das man sich wie eine Klammer an den Kopf schnallen kann, kann Träume aufzeichnen, so dass man sie am nächsten Morgen ansehen und anderen Menschen zeigen kann. Mit dem Gerät ist es aber auch möglich, die Träume verschiedener Personen zu verbinden, so dass die träumende Person A im Traum von Person B vorbeischauen kann. Das Gerät scheint schon kurz vor der Marktreife zu stehen, als drei Exemplare plötzlich verschwinden, und damit hat ein Unbekannter die Macht, die Träume anderer Leute zu manipulieren und damit auch deren Leben.
(So hab ich das zumindest verstanden — gut möglich, dass ich es nicht ganz genau gerafft habe, immerhin lief der Film auf japanisch mit englischen Untertiteln.)

Das Entwicklungsteam des DC Mini, bestehend aus dem Erfindergenie und Riesenbaby Tokita, der extrem smarten Atsuko und einem zerstreuten Professor, macht sich nun auf die Suche nach dem Dieb. Atsuko hat dabei die Fähigkeit, in Form ihres Alter Egos, des Mädchens Paprika, in die Traumwelt einzudringen und dort zu recherchieren. Es beginnt ein völlig surrealer Trip, bei dem die Grenzen zwischen Realwelt und Traum schnell verwischen und die Leinwand von einer großen Dosis bildgewaltigem Wahnsinn gefüllt wird.

Aus dieser relativ komplex klingenden Ausgangslage macht Anime-Star-Regisseur Satoshi Kon (Perfect Blue, Tokyo Godfathers) ein poppiges Großstadtmärchen, das zwar ein paar Noir-Anklänge hat und stellenweise an David Cronenberg, David Lynch oder die Matrix-Trilogie erinnert, das aber in keinster Weise düster daherkommt. Im Gegenteil, hier knallen bunteste Farben auf die Leinwand, ein schriller Soundtrack tönt dazu und auch wenn man der Geschichte nicht immer hundertprozentig folgen kann, reißt sie den Zuschauer mit. Paprika ist ein Spektakel, das nie langweilig wird und eine geschickte Balance aus Ernsthaftigkeit und Humor hält. Die Charaktere bleiben leider ziemlich oberflächlich, aber am meisten überzeugt der Film ohnehin auf der visuellen Ebene: Das Medium Zeichentrickfilm ist wie geschaffen für diese überdrehten Traumwelten, und Satoshi Kon versteht es sehr gut, die klassische 2-D-Animation an den richtigen Stellen mit 3-D-Effekten aus dem Computer zu verschmelzen. Das Ganze wurde sehr aufwendig produziert und sieht niemals „billig“ aus.

Wer möchte, kann sich mit im Film angerissenen philosophischen Ideen auseinandersetzen oder über das Thema „Traum vs. Realität“ diskutieren. Man kann das aber ebensogut auch bleiben lassen und sich einfach auf einen sehr unterhaltsamen, temporeichen Trip begeben und sich mitreißen lassen von einer gewaltigen Bilderflut. In den Satoshi Kon übrigens ein paar sehr charmante Liebeserklärungen an das Kino eingebaut hat.