Im Kino: 30 Days of Night

Barrow, das nördlichste Nest der USA, am Rande Alaskas, umgeben von Eis und Schnee. Im Winter gibt es hier eine Spanne von 30 Tagen, in denen die Sonne nicht aufgeht. Nur die Hartgesottenen bleiben dann im Ort. Wer die Gelegenheit hat, flüchtet lieber für ein paar Wochen in hellere und wärmere Gefilde. Für Vampire allerdings, die das Sonnenlicht bekanntlich scheuen, sind 30 Tage Dunkelheit ein paradiesischer Zustand. So kommt es, dass pünktlich zum Start der dunklen Zeit alle Kommunikationsmittel und mögliche Fluchtvehikel in Barrow zerstört werden, ehe ein Rudel Vampire in die Stadt einfällt, um sich in den nächsten 30 Tagen mal so richtig satt zu essen.

Der gleichnamige Comic von Steve Niles, erschienen 2002, lebte vor allem von zwei Aspekten: Erstens von der simplen, aber sehr bestechenden Grundidee, dass ein Ort in Alaska, in dem 30 Tage Dunkelheit herrschen, der ideale Spielplatz für Vampire sein müsste. Zweitens von Ben Templesmiths Artwork, das sich stark vom Comicmainstream abhebt, dabei aber trotzdem zugänglich ist und für eine sehr düstere Atmosphäre sorgt.

Würde man die Story aus dem Comic eins zu eins als Film adaptieren, wäre dieser nach 30 bis 40 Minuten vorbei. Niles und Templesmith erzählen ihre Geschichte sehr komprimiert, in dreimal 22 Seiten, zwischen denen jeweils eine gewisse Zeitspanne vergeht. Sie konzentrieren sich auf wenige Einzelpersonen und vertrauen ansonsten auf die graphischen Effekte zwischen weißem Schnee, rotem Blut und schwarzer Nacht.

Eine direkte, sehr werkgetreue Adaption wäre wohl zum Scheitern verurteilt, also lösen sich Produzent Sam Raimi, Regisseur David Slade und die Drehbuchautoren (darunter verblüffenderweise auch Steve Niles selbst!) von der Vorlage und machen dabei einiges richtig. Aber auch vieles falsch.

Sehr gelungen ist der visuelle Look. Hier bleibt der Film eng am Comic und versucht mit ungesättigten Farben und viel Düsternis eine ähnliche Atmosphäre zu erzeugen. Auch das Design der Vampire folgt Ben Templesmiths Vorlage. Das Ergebnis scheint nicht jedermanns Sache zu sein, mir gefielen die anzugtragenden Blutsauger mit den Raubtiergebissen jedoch sehr gut. Diese Vampire entsprechen nicht dem Klischee der langhaarigen, irgendwie verführerischen Spezies im Gothic-Chic mit Rüschenhemd. Das sind schon eher richtige Monster.

Was das menschliche Personal angeht, gibt der Comic außer der Hauptfigur, Sheriff Eben, und dessen Frau wenig her. Hier mussten die Drehbuchschreiber kreativ werden, etwas originelles ist ihnen allerdings nicht eingefallen. Eben bekommt eine Mutter und einen Bruder (Familienbande!), aus seiner ihn liebenden Frau wird die Ex, damit diese sich in all dem Drama nochmal neu verlieben kann, dazu gibt es einen dementen Opa, einen burschikosen Draufgängertypen und ähnliche Stereotypen. Das Problem ist: Für keine dieser Figuren interessiert man sich als Zuschauer wirklich. Alle bleiben extrem blass, und auch das Drehbuch legt sie irgendwann einfach zur Seite wie einen ausgelöffelten Joghurtbecher. So dienen die einzelnen Figuren hauptsächlich den in diesem Genre üblichen Dezimierungsspielchen, bis am Ende nur noch ein kleiner Teil der Gruppe am Leben ist.

Über weite Strecken bietet 30 Days of Night das, was man so ähnlich aus einigen Zombiefilmen, aber auch aus Western und anderen Genrestoffen kennt: Eine kleine Gruppe von Menschen in der Defensive, kein Kontakt zur Außenwelt, eingesperrt in engen Räumen, draußen lauert der Tod. Das eigentliche Drama könnte hier in der zeitlichen Dimension liegen, die man ja schon im Titel spazieren führt. 30 Tage, eine verdammt lange Zeit. Das Drehbuch (das wohl unter etlichen Re-Writes zu leiden hatte) verschenkt diese Gelegenheit völlig: Zwischendurch werden Tage und Wochen einfach übersprungen, und in der Zwischenzeit scheint exakt nullkommanichts passiert zu sein. Timing und Rhythmus stimmen hinten und vorne nicht. Nicht nur, dass sich Geschichte sich ohne weiteres auch an einem Wochenende hätte abspielen können, die langen Zeitspannen eröffnen auch allerlei riesige Logiklöcher.

Eine weiteres Manko sind die Darsteller: Dass man das Kanonen-, pardon, Vampirfutter nicht mit Hochkarätern besetzt, ist nachvollziehbar. Für die Hauptrolle aber hätte man wirklich nicht gerade den glatten Schönling Josh Hartnett besetzen müssen. Der ist auch mindestens 10 Jahre zu jung für die Rolle. Das hier wäre ein Job für Bruce Willis oder Michael Madsen gewesen!

Was bleibt, ist das Gemetzel. Freunde stilvollen Gesplatters kommen in 30 Days of Night allemal auf ihre Kosten. Blutige Szenen gibt es reichlich, auch wenn wirklich harte Gore-Szenen nur ganz vereinzelt zu sehen sind. In Deutschland hat der Film keine Jugendfreigabe (ist also „ab 18“), was wohl auch in Ordnung geht (und allemal besser ist als die Schere).

Unterm Strich ist man mit der Comicversion von 30 Days of Night besser bedient. Deren Story hat zwar auch nicht viel mehr Substanz, bietet aber zumindest ein originelles und sehr ansehnliches Artwork und funktioniert in sich als kurze, komprimierte Horrorstory viel besser als der Film mit seinen arg langen 113 Minuten.

In etwas längerer Form erschienen bei Comicgate.

 

2 Gedanken zu „Im Kino: 30 Days of Night

  1. Meine Unterschrift kommt hier nicht drunter.
    Ich kann nicht verstehen, warum comicgate den Film so zerfleischt!
    Das Thomas Kögel behauptet, daß der Comic ein ansehnliches Artwork habe, lässt mich vermuten, daß er außer den Covers nichts von der Comicvorlage gesehen hat. Die verwaschenen, undetailierten Zeichnungen des Comics sind alles andere als Ansprechend. Vielmehr lebt der Comic tatsächlich von der zwar dünnen, aber guten Story. Der Film hat in der Tat nicht ganz das selbe Potential, wie die Vorlage, ist aber eigentlich doch gut gelungen wie ich finde. Der eine oder andere Schockeffekt hatte mich und meinen Kumpel, einige Male in unsere Kinosessel krallen lassen. Auch die Splattereffeckte wirken nicht zu übertrieben. Das Blut im weißen Schnee wirkt von ganz allein. Natürlich ist die Story hier auf Hollywood getrimmt worden. Eben und Seine Lady bringen hier als sich neuverliebendes Ex-Paar die typisch nervige Hollywood Lovestory in den Film, was auch uns ein wenig genervt hatte.
    Alles in allem war aber die Verfilmung bei uns deutlich besser angekommen, als bei Comicgate. Kein Überkracher, aber durchaus solides Popcornkino mit gewaltigen Bildern. Josh Harnett kommt als hilfloser Sheriff Eben Oleson eigentlich gut rüber, auch wenn er für die Rolle eigentlich zu jung ist. Ein Bruce Willis hätte das Publikum wahrscheinlich zu sehr abgelenkt und wer will heute noch Michael Madsen sehen?

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