Im Kino: Persepolis

Eine Frau sitzt am Pariser Flughafen und erinnert sich. An ihre Kindheit im Iran, an ihre Familie, die sie dort zurückgelassen hat. An die Zeit in Wien, wo sie als Jugendliche lebte, an ihre kurzfristige Rückkehr in den Iran. An verschiedene Ex-Freunde. Und immer wieder an ihre Großmutter, ihre vielleicht wichtigste Bezugsperson.

Die Frau ist Marjane Satrapi, geboren 1969 in der iranischen Stadt Rasht. Zwischen 2000 und 2003 hat sie ihre Erinnerungen in Form eines Comics festgehalten: Persepolis wurde ein großer Erfolg und hat international zahlreiche Leser gefunden, darunter auch viele, die bis dahin nie einen Comic in der Hand gehalten hatten. Der Persepolis-Comic ist zeichnerisch äußerst simpel gehalten: schwarz und weiß, klare Linien, ein reduzierter einfacher Strich, wie er manchmal in Kinderbüchern zu finden ist. Vielleicht war es gerade diese Einfachheit, die den Comic auch Leuten zugänglich machte, die sonst keine Comics lesen.

Es ist ein Glücksfall, dass diese Ästhetik für die Persepolis-Verfilmung (Regie: Satrapi selbst, unterstützt von ihrem Kollegen Vincent Paronnaud) beibehalten wurde. Die klassische 2D-Zeichentrick-Animation folgt den Zeichnungen von Marjane Satrapi, und ebenso wie im Comic sind die Bilder auch auf der Leinwand in purem schwarz und weiß gehalten (mit ganz wenigen Ausnahmen). Lediglich für die Hintergründe wurden auch Grautöne verwendet. Dieser einfache und sehr wirkungsvolle Look sorgt für eine sehr unmittelbare Nähe zwischen dem Zuschauer und dem, was da auf der Leinwand erzählt wird. Man fühlt sich sofort verbunden mit dem Mädchen Marjane und den Menschen, von denen sie erzählt. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sie von einer Welt erzählt, die dem durchschnittlichen Westeuropäer völlig fremd ist bzw. komplett aus Klischeevorstellungen besteht. Der Iran? Ist das nicht dieses Land mit dem durchgeknallten Präsidenten, wo alle mehr oder weniger radikale Muslime sind?

Persepolis macht klar, dass der Iran und seine Menschen vielschichtiger sind als dieses Klischeebild. Wir sehen den Alltag in diesem Regime, der vor allem für Frauen von zahlreichen Tabus und Verboten geprägt ist, wir sehen Verhaftungen und hören von Hinrichtungen. Wir sehen aber auch, wie Menschen versuchen, sich in dieser engen Welt kleine Freiräume zu schaffen, wie sie keineswegs alle ihren politischen Führern willenlos folgen. Marjanes Familie steht stellvertretend für aufgeklärte, gebildete Bürger, die mit dem Regime nicht einverstanden sind, aber ihre Heimat zu sehr lieben, um fortzugehen. Wie viele andere freuen sie sich zunächst über den Sturz des Schahs (1979), ehe sie begreifen, dass dessen Nachfolger vielleicht sogar schlimmer sind.

Über die enge Verbindung zwischen dem Privaten und Alltäglichen mit dem Politischen bekommen wir nebenbei einen kleinen iranischen Geschichtskurs, der federleicht und beiläufig eingeflochten wird und überhaupt nicht schulmeisterlich wirkt. In einer Szene, in der Marjanes Onkel, ein Widerständler, erzählt, ist die Geschichtslektion stilistisch sehr schön umgesetzt: Ein Vorhang öffnet sich und wir blicken auf eine Bühne, auf der historische Ereignisse mit Stabpuppen dargestellt werden.

Als Marjane in die Pubertät kommt und immer aufmüpfiger wird, schicken die Eltern ihre Tochter nach Wien, um sie vor möglichen schlimmen Folgen ihres Freiheitsdrangs zu schützen. In Wien wird Marjane erwachsen, und zwar auf die harte Tour. Sie muss lernen, was es heißt, fremd zu sein und von vermeintlichen Freunden enttäuscht zu werden. Sie erlebt einen regelrechten Absturz, der sie beinahe umbringt.

Vor allem in diesem Kapitel gibt es einige sehr bittere Momente, aber als ganzes ist Persepolis kein bitterer Film. Denn alle Tragik wird hier von einem äußerst liebenswerten Humor aufgefangen. Einige Szenen, die die absurd strengen religiösen Regeln und ihre Überwacher zeigen, müssen gar nicht großartig übertrieben dargestellt werden, sie sind an sich schon komisch genug. Drama und Witz halten sich die Waage und harmonieren so gut, wie man das höchst selten im Kino sieht. Dazu tragen auch die Ausflüge ins Surreale bei, in Marjanes Vorstellungswelt, wo ein hübscher Jüngling zum hässlich entstellten Typen wird und wo sich Gott mit Karl Marx unterhält. Zudem gibt es eine großartige Musicalnummer zum Rocky-Song „Eye of the Tiger“. Szenen, die wohl nur in einem Zeichentrickfilm funktionieren, und die sich hier nahtlos ins Ganze fügen.

Auf dem Festival in Cannes gewann Persepolis den Preis der Jury, und Frankreich schickt den Film ins Rennen um den Auslands-Oscar 2008. Aber es braucht gar keine glänzenden Preise, um die Besonderheit und die Qualität des Films zu erkennen. Er ist politisch und unterhaltsam, anrührend und witzig zugleich, und damit tatsächlich einer der wenigen Filme, die man wirklich fast jedem empfehlen kann (es sei denn, derjenige sieht ausschließlich Action-Blockbuster) und bei denen man auch Lust bekommt, ihn ein zweites Mal zu sehen.

In ein klein wenig längerer Form erschienen bei Comicgate.

 

3 Gedanken zu „Im Kino: Persepolis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.