Dass Til Schweigers Film Keinohrhasen von der FSK eine “Ab 6″-Freigabe bekommen hat, sorgt für Diskussionen. Während ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein die Entscheidung noch ironisch und hintergründig in Frage stellte, war der Humor kurz darauf aus der Debatte draußen. Etliche Eltern empörten sich über die Freigabe für einen Film, in dem u.a. Oralverkehr thematisiert wird. Die meisten Kommentare dieser Art findet man unter einem Artikel der Welt, die berichtet, dass sich etliche Eltern beschwert hätten. Der Großteil dieser Kommentare ist, wie bei den großen Nachrichtenseiten leider üblich, eher auf unterem Stammtischniveau (Zitat: “Die Verantwortlichen, Schauspieler, Kinos, FSK sollte man anzeigen” und natürlich der Klassiker “Armes Deutschland”), so dass ich mich hier auf ein paar Kostproben beschränkt habe, anstatt die ganze Diskussion zu lesen.

Nun habe ich weder Kinder noch habe ich Keinohrhasen gesehen (und eins davon habe ich auch nicht vor), und wundere mich ein bisschen darüber, was Grundschüler in einer Beziehungs- und Liebeskomödie verloren haben. Und wie Eltern sich über Bettszenen empören können, wenn schon das Filmplakat eine solche zeigt.

Aber für mich zeigen die Reaktionen zweierlei:
1.) Eltern vertrauen der FSK und verstehen sie als Institution für Altersempfehlungen (was sie nie war und nie sein sollte). Ein Film ab sechs ist damit automatisch ein Kinderfilm. Was natürlich nicht so ist, die Freigabe besagt lediglich, dass die Prüfkommission für die entsprechende Altersgruppe keine “Jugendgefährdung” erkennt. Und so laufen derzeit u.a. The Darjeeling Limited, Beste Gegend, und My Blueberry Nights unter dem SIegel “ab 6″. Kinderfilme? Sicher nicht. Aber eben auch ohne jugendgefährdende Inhalte, also aus FSK-Sicht unbedenklich. Hier liegt also ein großes Missverständnis vor. FSK-Freigaben sind keine Altersempfehlungen. Schade, dass dieser Aspekt in der Debatte kaum auftaucht.

2.) Eltern verlangen mehr Informationen über Filminhalte. Und an der Stelle haben sie recht. Die Website der FSK ist ein schlechter Witz: Man findet dort zwar alle FSK-Freigaben und dazu die für Normalverbraucher nutzlose “FSK-Karte” als PDF, aber Begründungen für die Freigaben bekommt man nur in Ausnahmefällen, nämlich wenn die Entscheidung umstritten ist. Im Jahr 2007 wurde keine einzige Begründung veröffentlicht. Eltern wollen aber gerne wissen, womit sie zu rechnen haben, wenn sie ihre Kinder ins Kino schicken oder mit ihnen dorthin gehen. Von daher wäre es vielleicht nicht dumm, die Tradition der Anglo-Amerikaner zu übernehmen, bei denen die Ratings standardmäßig mit kurzen Einordnungen daherkommen: “Rated R for strong sexuality, crude sexual dialogue, language and drinking, all involving teens.” (MPAA-Rating für American Pie). Das klingt für unsere Ohren zwar ziemlich seltsam und ein bisschen auch nach unfreiwilliger Werbung in der Teenie-Zielgruppe, aber immerhin können Eltern besser abschätzen, womit sie zu rechnen haben. Die britische Rating-Instanz BBFC hat inzwischen eigene Websites für Kinder und für Eltern eingerichtet, die genaue Angaben enthalten. Vorbildlich!

Noch besser als die offiziellen Freigabe-Infos sind unabhängige Einschätzungen von Fachleuten wie Pädagogen und Kritikern, wie man sie z.b. beim amerikanischen Dienst Kids in Mind findet. Die deutsche Website und Zeitschrift Flimmo kümmert sich leider nur ums Fernsehen und nicht ums Kino.

Hier wäre also noch einiges zu tun, Interesse an solcherlei Diensten scheint zweifellos vorhanden zu sein. Wenn wir das haben, kann man vielleicht auch mal wieder sachlich diskutieren, wie sinnvoll die Altersstufen 0/6/12/16/18 heute noch sind, und inwieweit Ratingsysteme überhaupt sinnvoll und wünschenswert sind.

Nebenbei gilt mein Beileid den armen Praktikanten, die im offiziellen Gästebuch von Keinohrhasen wahrscheinlich gar nicht mehr aus dem Löschen herauskommen. Dort findet man nämlich ausschließlich Lobhudeleien.