Im Kino: Earth (Unsere Erde – Der Film)

Die BBC betreibt geschicktes Produktrecycling und bringt den Zusammenschnitt einer TV-Serie ins Kino, die im Fernsehen und auf DVD längst international ausgewertet ist. Das ist in diesem Fall durchaus legitim, denn Naturdokumentationen lassen sich ja durchaus ganz gut dehnen oder zusammenkürzen und spektakuläre Bilder wie die hier vorliegenden schreien nun mal nach der großen Leinwand. Beim Vorgängerprojekt Deep Blue war man genauso vorgegangen.

Earth versucht, den Lebensraum Erde möglichst umfassend abzubilden und reist dazu vom Nordpol zum Südpol und wieder zurück. Es geht dabei um Landschaften, Vegetation und vor allem um Tiere; der Mensch wird ebenso vollständig ausgeblendet wie jegliche menschliche Spuren. Man sieht weder Autos noch Straßen, kein Haus, kein Schiff. Den Filmemachern ist es mit enormem technischen und zeitlichen Aufwand gelungen, wirklich eindruckvolle Bilder einzufangen, die man in dieser Form noch nicht gesehen hat, und sie wissen ihre Bilder effektiv zu präsentieren. Zeitraffer zeigen Pflanzen beim Wachsen, extreme Superzeitlupen zeigen Jagdszenen. Detaillierte Close-Ups gibt es ebenso wie großartige Panoramen aus der Luft. Rein fotografisch gesehen ist Unsere Erde ein absolutes Prachtstück, ein filmgewordener National-Geographic-Edelkalender im Überformat.

Die Tieraufnahmen sind eine gelungene Mischung aus „süüüßen“ Bildern mit Tierbabies (fantastisch: kleine Entenjungen beim ersten Flugversuch), Absurditäten (Paradiesvögel beim Balztanz) und den unvermeidlichen Jagdszenen. Diese werden jedoch alles andere als blutrünstig präsentiert. Meist blendet die Kamera pietätvoll ab, wenn’s blutig wird, und die in Extrem-Zeitlupe gefilmte Jagd eines Geparden nach einer Antilope hat eine besondere Grazie und Eleganz — den finalen Griff des Raubtiers nach seinem Opfer könnte man fast schon zärtlich nennen. Nicht minder aufregend sind die Szenen, die einen Weißen Hai beim Mittagessen zeigen. Verzichtet wird dagegen auf Paarungsszenen. Komisch, Viechersex gibt’s doch sonst in wirklich jeder Tierdoku.

Nicht immer glücklich gerät der Hang der Macher, ihre Tierszenen als kleine Geschichten zu erzählen. Was in der Natur wahrscheinlich Alltag ist, wird in Form von kleinen Dramen inszeniert. Elefanten auf der Suche nach Wasser, Wale auf der Suche nach Nahrung, Zugvögel beim Versuch, den Himalaya zu überqueren. Und natürlich der obligatorische, unvermeidliche und vielzitierte Eisbär, dem die Klimaerwärmung das Eis unter den Tatzen wegschmelzen lässt. Aus dem Off kommentiert und mit einem eigens komponierten Score unterlegt. Ob das wissenschaftlich seriös ist, sei mal dahingestellt, auf jeden Fall wirkt es künstlich und unangemessen. Speziell gegen Ende gleitet der Film leider arg ins Pathetische ab. Es ist ja in Ordnung, dass ein Film wie dieser eine Botschaft („Natur schützen!“) hat, aber man muss sie einem auch nicht derart mit dem moralischen Holzhammer um die Ohren hauen.

Locker überboten wird dieses Ärgernis allerdings von einem kurzen Clip vor Beginn des Films. Als Hauptsponsor wünschen viel Spaß: Die Klimafreunde von Ford. Das ist nun wirklich sowas von perfide und ekelhaft, dass man das Kino eigentlich schon wieder verlassen müsste. Wäre dann aber letztlich doch schade gewesen, denn am Ende sind es die starken Bilder, die hängen bleiben. Schwimmende Elefanten. Ein nächtliches Treffen von Löwen mit Elefanten. Wasserscheue Affen. Riesige Vogelschwärme. Sowas bestaunt man halt doch gerne.

 

6 Gedanken zu „Im Kino: Earth (Unsere Erde – Der Film)

  1. Wenns auf DVD die längere – vermutlich ungeschnittene? – Fassung gibt, spare ich mir das Geld fürs Kino.
    Ad Astra

  2. Off-Kommentar? Warum das denn? Gerade die reine (mit Ausnahme von einem kurzen Einleitungstext) Musikuntermalung hat mir bei den bisherigen Natur-Dokumentationen (Deep Blue, Nomaden der Lüfte, Mikrokosmos) so gut gefallen und hat das Plus gegenüber den TV-Episoden ausgemacht (die man dann eben nach dem Kinofilm gesehen hat, um zu erfahren, was einen den da gerade so beeindruckt hat).
    Wie viel wird denn da reingeredet?

  3. Es wird leider ziemlich viel gequasselt. Den deutschen Kommentar spricht Ulrich Tukur, er macht das nicht schlecht, weil er sich trotz der überflüssigen Dramatisierung im Tonfall zurückhält. Den englischen Kommentar spricht Captain Picard, also Patrick Stewart.

  4. Hm, dann muss ich wohl im Kino in den sauren Apfel beißen und dann hoffen, dass man die Kommentartonspur auf der DVD auch ausblenden kann…

  5. Weiss jemand von euch, ob die Macher des Films auch manchmal eingegriffen haben? Denke an das kleine Elefantenbaby, das in die falsche Richtung läuft. Das wäre ja echt s….wenn man da einfach nur zugeguckt hätte.

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