Archive for März, 2008

Im Kino: Sukiyaki Western Django

Gesehen auf den Fantasy Filmfest Nights

Ein Italowestern. Aus Japan. Also kein Spaghetti- sondern ein Sukiyaki-Western. Der neue Film von Japans überproduktivem Vielfilmer Takashi Miike ist gleichzeitig Liebeserklärung, Hommage und Parodie auf ein Genre, ist aber ebenso auch ein wilder, poppiger Stilmix aus östlichen und westlichen Traditionen, aus Drama, Tragödie, Action und Klamauk. So wie Sukiyaki eben auch ein Eintopf ist, in den man ziemlich viel reinwirft, alles gut würzt, mischt und durchkocht.

Das Endergebnis schmeckt wirklich lecker, denn Sukiyaki Western Django ist ein äußerst unterhaltsamer Film geworden, der trotz ein paar Längen großen Spaß macht und einiges an Schauwerten fürs Auge bietet. Der Film beginnt mit einem Gastauftritt von Quentin Tarantino als Poncho-tragender Loner, der mit maßlos übertriebenem Coolness-Getue gleich mal den Regler auf 11 stellt, ebenso wie die knalligen Pappkulissen (die es aber nur in der Eröffnungssequenz gibt) und die extrem cheesy Dialoge. Letztere werden über die komplette Filmlänge in englisch vorgetragen, zusätzlich gibt’s auch noch englische Untertitel (wofür man ganz dankbar sein kann, denn die Darsteller sprechen genüsslich mit extrem japanischem Akzent).

Die Story ist nicht wirklich die Rede wert — es geht um einen Kampf zwischen zwei Clans in dem japanischen Dörfchen Nevada (!). Die Roten gegen die Weißen, beide haben es auf einen Goldschatz abgesehen, und es steht unentschieden. Bis der schwarze Reiter, ein schweigsamer Lonesome Cowboy der alten Schule, ins Dorf kommt und die Dinge in Bewegung kommen. Zu sehen gibt es eine Menge, angefangen bei Saloons im Pagodenstil über die irren Kostüme der Clanmitglieder (Tokio Hotel meets Die Toten Hosen) bis hin zu aufwendig gedrehten und rasant geschnittenen Duellen mit Waffen aller Art. Das Samuraischwert kommt ebenso zum Einsatz wie der Colt (der nie, wirklich nie! ohne cooles Um-den-Finger-Wirbeln weggesteckt wird) und schließlich das ultimative Maschinengewehr, das im Sarg transportiert wird und noch ein bis zwei Nummern größer ist als das von Franco Nero im Original-Django.

Miike variiert zwischen gnadenlos übersteigerten, comichaften Szenen (honorable mention: der schizophrene Sheriff, der Selbstgespräche im Gollum-Style führt) und ernsthaften, an Shakespeare-Dramen erinnernden Abschnitten. Nicht immer passt das nahtlos zusammen, stört aber auch nicht allzusehr. Insgesamt überwiegt klar der komödiantische Aspekt, das postmoderne Spiel mit dem Trash und mit Zitaten, so dass Sukiyaki Western Django über weite Strecken einfach ein herrlicher Schmarrn von Filmfreaks für Filmfreaks ist. Als solcher würde er sich sicher auch prima als dritter Film zum Grindhouse-Doppelpack passen, nicht nur wegen Tarantinos Gastrolle.

Trailerschau für Filmstarts vom 27.3.

Auf die DVD warten:
Le scaphandre et le papillon (Schmetterling und Taucherglocke): Von allen Seiten gelobtes Drama von Julian Schnabel. Verfilmung der Autobiographie, die ein Ex-Elle-Chefredakteur per Augenblinzeln diktiert hat, nachdem er nach einem Schlaganfall komplett gelähmt war. Keine leichte Kost, aber bestimmt sehenswert. Und mit einem tollen Titelsong!

Half Nelson: Indie-Drama mit Ryan Gosling, der dafür (bereits im letzten Jahr) für den Oscar nominiert wurde. Gosling spielt einen idealistischen, aber drogensüchtigen Lehrer in Brooklyn, der sein Geheimnis mit einer seiner Schülerinnen teilt.

Princess: Lief vor einem Jahr bei den Fantasy Filmfest Nights und jetzt doch noch im Kino. Zeichentrick-Realfilm-Mix über den Rachefeldzug eines Priesters und eines kleinen Mädchens gegen die Pornoindustrie. Auf jeden Fall was ungewöhnliches.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Meer is nich: Bei den Stichworten “Deutscher Film” und “Frauenband” wird man ja immer gleich unangenehm an Bandits erinnert. Das hier sieht aber sympathischer aus: Coming of Age in Thüringen, mit einer großen Portion Rock’n'Roll.

Jumper: Hayden Christensen, den wir alle noch von den Star-Wars-Prequels in schlechter Erinnerung haben, als Actionheld, der sich teleportieren kann. Belangloses Popcorn-Kino, vielleicht ganz unterhaltsam.

Kontakt: Deutsch-mazedonische Koproduktion, eine angenehm raubeinige Liebeskomödie vom Balkan.

Muss nicht sein:
Definitely, Maybe (Vielleicht, vielleicht auch nicht): Romanze der halbwegs erträglichen Sorte. Aber nix für mich.

The Game Plan (Daddy ohne Plan): Urgs. Disney-Komödie mit dem alten Strickmuster “unfähiger Vater muss sich um naseweises Kind kümmern”. Mit dem Ifflandring-Träger Dwayne “The Rock” Johnson.

Im Kino: No Country For Old Men

Texas, mitten im Nirgendwo. Hier lebt Llewelyn Moss mehr schlecht als recht in einem Trailerpark. Per Zufall stößt er auf den Tatort eines Gemetzels zwischen Drogenhändlern und findet dort einen Koffer voller Geld.

Jemand findet oder nimmt sich etwas, was ihm nicht gehört, und jemand anders ist damit nicht einverstanden. Auf diese Grundformel lässt sich so ziemlich jeder Film der Coen-Brothers reduzieren. Diesmal spielen sie die Verfolgungsjagd, die auf das Koffermopsen folgt, härter und erbarmungloser und weniger witzig durch, aber dennoch auf eine sehr Coen-typische Weise, die nach den eher mainstreamigen und mittelprächtigen Intolerable Cruelty und Ladykillers hier endlich wieder voll aufgeht.

Es sind die einzigartigen Typen, die einen Coen-Film ausmachen. Hier haben wir Moss (Josh Brolin), der den coolen Hund markiert, aber weniger drauf hat, als er zugeben mag. Wir haben Tommy Lee Jones als Sheriff Bell, der alt wird und langsam die Schnauze voll hat. Wir haben viele kleine kauzige Nebenfiguren mit herrlichen, lakonischen Dialogen. Und wir haben Anton Chigurh, gespielt von Javier Bardem, der Moss verfolgt und das Geld zurückholen soll.

Chigurh ist ein Killer, gewissenlos, gefühllos, skrupellos. Ungerührt mordet er sich durch das Land, eiskalt auf seinen Auftrag fixiert, Kollateralschäden sind ihm völlig wurscht. Man kann schon Angst bekommen vor diesem Typen mit der Joey-Ramone-Gedächtnisfrisur. Ein unberechenbarer, verrückter, gefährlicher Mann. Und man kann als Zuschauer kaum anders, als diesen Chigurh zu lieben. Nicht als Sympathieträger, wirklich nicht. Dafür sorgen schon die beiden Eröffnungsszenen, die Chigurh als jemanden definieren, dem Menschenleben völlig egal sind. Man liebt ihn als Figur, als eine neue Kino-Ikone, so wie man vielleicht einen Travis Bickle oder einen Dirty Harry auf ‘ne Art ins Herz schließt. Javier Bardem ist großartig in dieser Rolle, und es ist ein Genuss, ihm zuzusehen. Wenn Chigurh schwerverletzt eine Apotheke entert und sich anschließend selbst verarztet, dann ist das eine dieser großartigen Filmszenen, die man immer und immer wieder sehen möchte.

Viel eher der Sympathieträger, vielleicht ja auch die Hauptfigur des Films, ist Sheriff Bell, auch wenn er erst in der zweiten Filmhälfte richtig ins Spiel kommt (die erste Hälfte gehört ganz dem Duell Chigurh – Moss). Tommy Lee Jones (der mit jeder Gesichtsfalte cooler wird), gibt ihn als nuschelnden Südstaatler, der kopfschüttelnd zusieht, wie die Welt um ihn herum immer mieser wird und er als “Law-Man” immer weniger ausrichten kann. Das ist kein Land für alte Männer, stellt er fest, und will als letztes gutes Werk vor der Rente zumindest noch Moss aus der Scheiße holen, in die er sich reingeritten hat.

In Genreschubladen lässt sich der Film kaum einordnen. Er ist eine Art moderner Western, sein knorriges, wortkarges Personal könnte man auch bei Sergio Leone finden. Er hat aber auch einen Noir-Touch und natürlich ist es auch ein Thriller. Stellenweise kommt eine Irrsinnsspannung auf, die ein Hitchcock auch nicht besser hingekriegt hätte. Das fast wortlose Aufeinandertreffen von Moss und Chigurh in einem Hotel ist großartig inszeniert und wunderbar gefilmt. Aber das trifft eigentlich auf den ganzen Film zu.

No Country For Old Men ist kein Film für den großen Box-Office-Erfolg, dazu ist er, trotz des immer wieder aufblitzenden Humors, zu gewalttätig, zu wortkarg, zu finster und happy-end-frei. Um so schöner ist es da, dass er trotzdem den großen Oscar-Erfolg hatte und Hollywood, wie es Joel Coen in seiner Dankesrede ausdrückte, die Coens in ihrer speziellen Ecke des Sandkastens spielen lässt. Mögen sie noch lange dort spielen.

Was ich noch erwähnen wollte:

In dieser Folge des NEON-Podcasts stelle ich Christoph Maria Herbst eine ziemlich lange Frage und bekomme eine ziemlich lange Antwort:

NEON-Podcast mit Christoph Maria Herbst, Teil 3
(etwa ab Minute 7)

Frohe Ostern!

Eigenwerbung im Fernsehen ist selten originell oder lustig. Diese hier dagegen macht mir viel Spaß:

Nummernschildhumor

Ob das Absicht war?

Trailerschau für Filmstarts vom 20.3.

Im Kino sehen:
Juno: Eine 16jährige wird schwanger. Teilweise als “This year’s Little Miss Sunshine” bezeichnet, was für die einen eine Drohung, für andere ein Versprechen ist. Ich freu mich drauf.

Auf die DVD warten:
Das Verhör: Ohne Fördergelder gedrehtes Indie-Projekt, das zuerst als VHS-Amateurfilm gedreht und nach einem lokalen Erfolg im Raum Dresden nun komplett neu verfilmt wurde. Ein Kammerspiel um die Konfrontation eines Einzelnen mit einem autoritären Staat. Läuft nur mit 1 oder 2 Kopien.

The Spiderwick Chronicles (Die Geheimnisse der Spiderwicks): Der nächste Versuch, ein einträgliches Fantasy-Franchise aufzubauen. Sieht ziemlich hübsch aus, ist allerdings stark auf Kinder ausgerichtet.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Du Levande (Das jüngste Gewitter): Schwedische Skurillitäten, die so laut “ich bin skurill, ich bin schräg” schreien, dass es schon ein bisschen zuviel ist.

Dan in Real Life (Dan – Mitten im Leben!): Wohlfühl-Comedy für die ganze Familie mit Steve Carell und Juliette Binoche. Nett, aber harmlos und im Kern eher spießig.

Die Anruferin: Deutsches Psychodrama aus der Ecke “Kleines Fernsehspiel”. Es geht um eine Frau, die fremde Leute anruft und sie mit frei erfundenen tragischen Geschichten manipuliert. Hat irgendwie was.

Absurdistan: Veit Helmer spielt Balkan und dreht eine Arthouse-Komödie, in der die Frauen wie in Lysistrata in Sexstreik treten.

Muss nicht sein:
Die Österreichische Methode: Episodenfilm von fünf jungen Regisseuren, und wieder einer dieser deutschen Filme, deren Personal nur aus Psychowracks zu bestehen scheint.

Heya fawda (Chaos): Ägyptischer Film mit korrupten Beamten und starken Frauen.

One Missed Call (Tödlicher Anruf): Das hundertste US-Remake vom hundertsten japanischen Geisterhorror. Diesmal kommt der Tod aus dem Handy. Braucht kein Mensch.

Im Kino: I’m Not There

“Based on the lives and music of Bob Dylan” heißt es im Vorspann, ansonsten fällt der Name kein einziges Mal. Den Plural in “lives” nimmt Autor und Regisseur Todd Haynes wörtlich: Hier geht es nicht um ein Leben, eine Karriere, Aufstieg und Fall und Comeback, wie man das aus zahlreichen konventionellen Biopics kennt. Nein, I’m not there ist in keiner Weise linear, erzählt keine stringente Geschichte, sondern funktioniert eher wie ein Fotoalbum, in dem man blättert, vor- und zurückspringt.

Haynes geht davon aus, dass Bob Dylan, der Musiker, Künstler, Poet, Schauspieler, sich im Laufe seines Lebens immer wieder völlig neu erfunden hat und immer wieder die Erwartungen seines Publikums unterlaufen hat. Das macht auch der Film. Die Idee, dass es den einen Bob Dylan nicht gibt, setzt Haynes radikal um, indem er sieben Schauspieler in die Rolle schlüpfen lässt und ihnen auch noch verschiedene Rollennamen gibt. Zum großen Teil sind das sehr bekannte Hollywood-Stars (Cate Blanchett, Richard Gere, Christian Bale und Heath Ledger in einer seiner letzten Rollen), die automatisch auch noch einen Teil ihrer eigenen Star-Aura einfließen lassen. Schon allein dadurch geht der Film ungewöhnliche Wege, aber das reicht Haynes noch nicht aus: Die verschiedenen Schaffensphasen Dylans bekommen nicht nur eigene Darsteller, sondern auch einen eigenen visuellen Look und einen eigenen Erzählstil, und obendrein werden sie nicht als einzelne, hintereinander abfolgende Kapitel erzählt, sondern wild durcheinander gemixt und ineinander verwoben.

Das Ergebnis ist ein experimenteller Film, der nicht ganz einfach zu konsumieren ist, der aber trotzdem keine unzugängliche Kunstkacke ist: Trotz allem bleibt der Film relativ leicht zugänglich — das mag an der geballten Starpower liegen, oder auch daran, dass Haynes eine große Lust am Erzählen hat und dies auch sehr gut kann.

Wenig Freude an dem Film werden vermutlich die Hardcore-Bob-Dylan-Enthusiasten haben, die jedes Fitzelchen seiner Biographie kennen und mit den erzählerischen Freiheiten, die Haynes sich nimmt, ihre Probleme haben dürften. Wer dagegen Bob Dylans Musik mag und ein bisschen was über ihn weiß, dem dürfte der Film gut gefallen. Und je mehr man mit der Popkultur der letzten 40 Jahre vertraut ist, desto mehr Chancen hat man, einige der unzähligen Anspielungen und Referenzen, die Haynes eingebaut hat, zu erkennen und sich smart zu fühlen.

Wer nie was mit Dylan zu tun hatte, könnte sich zunächst schwer tun, kann den Film aber auch als generelles Porträt eines unverstandenen Genies und seines Kampfes mit einem Starstatus wider Willen lesen. Und für Cineasten, die sich an ungewöhnlichen Blickwinkeln und Ideen erfreuen, ist der Film ein großes Fest. Es gibt zahlreiche Bilder und Szenen, die hängenbleiben werden: Schon allein die visuelle Umsetzung des Schocks, den Dylan auslöste, als er 1965 auf einmal elektrisch verstärkt spielte, ist genial. Definitiv ein Film zum Öfter-als-einmal-sehen.