Im Kino: There Will Be Blood

Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich mich in der Lage fühlte, etwas über There Will Be Blood von Paul Thomas Anderson zu schreiben. Zu groß ist die Wucht, mit der einen dieser Film überfährt. Man fühlt sich am Ende erschöpft, an die Wand gedrückt, und man ahnt, etwas Großes gesehen zu haben, ist sich aber erstmal noch nicht sicher, wie einem der Film denn nun gefallen hat. Es gibt ja Filme, die mag man während der Sichtung richtig gerne, aber ein paar Tage später sind sie vergessen und hinterlassen keinerlei bleibenden Eindruck — There Will Be Blood ist das Gegenteil. Zu düster, zu unangenehm, zu beunruhigend, um wirklich „Spaß“ zu machen. Erst im Rückblick entfaltet der Film seine Größe, viele einzelne Szenen haken sich im Gedächtnis fest und gehen nicht mehr weg. Und du merkst, lange nach dem Abspann, dass der Film dich noch immer in seinem Sog hat.

Es geht, wie mittlerweile bekannt sein dürfte, um den Aufstieg des „Oil Man“ Daniel Plainview zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Plainviews Weg ist eine dieser mythischen amerikanischen Karrieren, die eines Self-Made-Mannes, der zu Beginn ganz allein buddelt und gräbt, die Drecksarbeit selber macht, bis er schließlich genug Öl findet, um reich zu werden und andere für ihn arbeiten zu lassen. Sein großer Coup ist der Erwerb eines großen unfruchtbaren Grundstücks, das viel Öl hergibt. Den Tipp bekommt er vom jungen Spross einer einfachen Bauersfamilie, die das Land besitzt und verkauft. Dessen Zwillingbruder Eli, ein Gottesmann und Prediger, wird zu Plainviews großem Gegenspieler. Zwei großartige, extrem intensive, (nicht nur) rhetorische Duelle zwischen den beiden sind die klaren Höhepunkte des Films.

Daniel Plainview wird gespielt, nein, verkörpert von Daniel Day-Lewis, der eine Extrem-Performance abliefert, die ihm bei sämtlichen Preisen der Saison einen Homerun einbrachte. Der Charakter entwickelt sich von einem zu Beginn ziemlich rationalen und vernünftigen, wenn auch ehrgeizigen Mann zu einem manischen, erfolgsbesessenen, gierigen Kerl, der regelrecht über Leichen geht, wenn es darum geht, besser zu sein als die Konkurrenz, und der unfähig zu normalen menschlichen Beziehungen oder gar Liebe ist. Zu spüren bekommen das sein Halbbruder Henry und vor allem sein Ziehsohn H.W., der ihm als kleiner Junge mit seinem Niedlichkeitsbonus sehr nützlich ist, aber später, nachdem er bei einem Bohrunfall taub geworden ist, nurmehr ein lästiger Klotz am Bein ist.

Ich kann verstehen, wenn manche das Schauspiel von Day-Lewis als übertriebenes Overacting sehen und davon genervt sind. Ich fand’s beeindruckend und muss sagen, der Mann schafft es, dir im Kino Angst einzujagen. Doch nicht nur deswegen ist There Will Be Blood ein intensives Erlebnis. Auch die Musik von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood trägt dazu bei: ein äußerst beunruhigender, zeitweise nervenzerrender, aber insgesamt großartiger Score, der sich nicht dezent im Hintergrund hält, sondern als wichtiger Baustein fungiert. Natürlich ist der Film auch wunderbar fotografiert. Und P.T. Anderson erzählt die Geschichte auf eine sehr faszinierende Art: Der Film behält zwar eine lineare Chronologie, hat aber ein sehr eigenes, ungewöhnliches Timing. Das beginnt schon bei der langen Eröffnungssequenz, bei der kein Wort geredet wird. Anders als beim klassischen Dreiakter kann man sich hier nie sicher sein, wie es weitergeht, was als nächstes kommt.

Wer möchte, kann hier sehr viel hineininterpretieren, schließlich macht der Film etliche ganz große Fässer auf: Kapitalismus, Religion und das Verhältnis dieser beiden Pole in der Geschichte der USA. Doch letztlich bleibt There Will Be Blood immer sehr nahe an seiner Hauptfigur, dreht sich im Prinzip ausschließlich um Plainview, diesen Besessenen, der dem Erfolg alles unterordnet. Es ist diese Figur (bzw. ihre Verkörperung durch Day-Lewis), die beim Zuschauer lange haften bleibt. Sie macht There Will Be Blood zu einem Film, den man nicht nur mehrmals ansehen kann, sondern sollte. Der beim wiederholten Ansehen vermutlich noch gewinnt. Ich werde ihn definitiv wiedersehen.

 

Ein Gedanke zu „Im Kino: There Will Be Blood

  1. Kleine Korrektur: Es war nicht sein Bruder, sondern bloß dessen Bekannter. Plainview hat es rausbekommen und ihn erschossen. Der Bruder war vermutlich tot.

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