Im Kino: I’m Not There

„Based on the lives and music of Bob Dylan“ heißt es im Vorspann, ansonsten fällt der Name kein einziges Mal. Den Plural in „lives“ nimmt Autor und Regisseur Todd Haynes wörtlich: Hier geht es nicht um ein Leben, eine Karriere, Aufstieg und Fall und Comeback, wie man das aus zahlreichen konventionellen Biopics kennt. Nein, I’m not there ist in keiner Weise linear, erzählt keine stringente Geschichte, sondern funktioniert eher wie ein Fotoalbum, in dem man blättert, vor- und zurückspringt.

Haynes geht davon aus, dass Bob Dylan, der Musiker, Künstler, Poet, Schauspieler, sich im Laufe seines Lebens immer wieder völlig neu erfunden hat und immer wieder die Erwartungen seines Publikums unterlaufen hat. Das macht auch der Film. Die Idee, dass es den einen Bob Dylan nicht gibt, setzt Haynes radikal um, indem er sieben Schauspieler in die Rolle schlüpfen lässt und ihnen auch noch verschiedene Rollennamen gibt. Zum großen Teil sind das sehr bekannte Hollywood-Stars (Cate Blanchett, Richard Gere, Christian Bale und Heath Ledger in einer seiner letzten Rollen), die automatisch auch noch einen Teil ihrer eigenen Star-Aura einfließen lassen. Schon allein dadurch geht der Film ungewöhnliche Wege, aber das reicht Haynes noch nicht aus: Die verschiedenen Schaffensphasen Dylans bekommen nicht nur eigene Darsteller, sondern auch einen eigenen visuellen Look und einen eigenen Erzählstil, und obendrein werden sie nicht als einzelne, hintereinander abfolgende Kapitel erzählt, sondern wild durcheinander gemixt und ineinander verwoben.

Das Ergebnis ist ein experimenteller Film, der nicht ganz einfach zu konsumieren ist, der aber trotzdem keine unzugängliche Kunstkacke ist: Trotz allem bleibt der Film relativ leicht zugänglich — das mag an der geballten Starpower liegen, oder auch daran, dass Haynes eine große Lust am Erzählen hat und dies auch sehr gut kann.

Wenig Freude an dem Film werden vermutlich die Hardcore-Bob-Dylan-Enthusiasten haben, die jedes Fitzelchen seiner Biographie kennen und mit den erzählerischen Freiheiten, die Haynes sich nimmt, ihre Probleme haben dürften. Wer dagegen Bob Dylans Musik mag und ein bisschen was über ihn weiß, dem dürfte der Film gut gefallen. Und je mehr man mit der Popkultur der letzten 40 Jahre vertraut ist, desto mehr Chancen hat man, einige der unzähligen Anspielungen und Referenzen, die Haynes eingebaut hat, zu erkennen und sich smart zu fühlen.

Wer nie was mit Dylan zu tun hatte, könnte sich zunächst schwer tun, kann den Film aber auch als generelles Porträt eines unverstandenen Genies und seines Kampfes mit einem Starstatus wider Willen lesen. Und für Cineasten, die sich an ungewöhnlichen Blickwinkeln und Ideen erfreuen, ist der Film ein großes Fest. Es gibt zahlreiche Bilder und Szenen, die hängenbleiben werden: Schon allein die visuelle Umsetzung des Schocks, den Dylan auslöste, als er 1965 auf einmal elektrisch verstärkt spielte, ist genial. Definitiv ein Film zum Öfter-als-einmal-sehen.

 

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