Im Kino: No Country For Old Men

Texas, mitten im Nirgendwo. Hier lebt Llewelyn Moss mehr schlecht als recht in einem Trailerpark. Per Zufall stößt er auf den Tatort eines Gemetzels zwischen Drogenhändlern und findet dort einen Koffer voller Geld.

Jemand findet oder nimmt sich etwas, was ihm nicht gehört, und jemand anders ist damit nicht einverstanden. Auf diese Grundformel lässt sich so ziemlich jeder Film der Coen-Brothers reduzieren. Diesmal spielen sie die Verfolgungsjagd, die auf das Koffermopsen folgt, härter und erbarmungloser und weniger witzig durch, aber dennoch auf eine sehr Coen-typische Weise, die nach den eher mainstreamigen und mittelprächtigen Intolerable Cruelty und Ladykillers hier endlich wieder voll aufgeht.

Es sind die einzigartigen Typen, die einen Coen-Film ausmachen. Hier haben wir Moss (Josh Brolin), der den coolen Hund markiert, aber weniger drauf hat, als er zugeben mag. Wir haben Tommy Lee Jones als Sheriff Bell, der alt wird und langsam die Schnauze voll hat. Wir haben viele kleine kauzige Nebenfiguren mit herrlichen, lakonischen Dialogen. Und wir haben Anton Chigurh, gespielt von Javier Bardem, der Moss verfolgt und das Geld zurückholen soll.

Chigurh ist ein Killer, gewissenlos, gefühllos, skrupellos. Ungerührt mordet er sich durch das Land, eiskalt auf seinen Auftrag fixiert, Kollateralschäden sind ihm völlig wurscht. Man kann schon Angst bekommen vor diesem Typen mit der Joey-Ramone-Gedächtnisfrisur. Ein unberechenbarer, verrückter, gefährlicher Mann. Und man kann als Zuschauer kaum anders, als diesen Chigurh zu lieben. Nicht als Sympathieträger, wirklich nicht. Dafür sorgen schon die beiden Eröffnungsszenen, die Chigurh als jemanden definieren, dem Menschenleben völlig egal sind. Man liebt ihn als Figur, als eine neue Kino-Ikone, so wie man vielleicht einen Travis Bickle oder einen Dirty Harry auf ’ne Art ins Herz schließt. Javier Bardem ist großartig in dieser Rolle, und es ist ein Genuss, ihm zuzusehen. Wenn Chigurh schwerverletzt eine Apotheke entert und sich anschließend selbst verarztet, dann ist das eine dieser großartigen Filmszenen, die man immer und immer wieder sehen möchte.

Viel eher der Sympathieträger, vielleicht ja auch die Hauptfigur des Films, ist Sheriff Bell, auch wenn er erst in der zweiten Filmhälfte richtig ins Spiel kommt (die erste Hälfte gehört ganz dem Duell Chigurh – Moss). Tommy Lee Jones (der mit jeder Gesichtsfalte cooler wird), gibt ihn als nuschelnden Südstaatler, der kopfschüttelnd zusieht, wie die Welt um ihn herum immer mieser wird und er als „Law-Man“ immer weniger ausrichten kann. Das ist kein Land für alte Männer, stellt er fest, und will als letztes gutes Werk vor der Rente zumindest noch Moss aus der Scheiße holen, in die er sich reingeritten hat.

In Genreschubladen lässt sich der Film kaum einordnen. Er ist eine Art moderner Western, sein knorriges, wortkarges Personal könnte man auch bei Sergio Leone finden. Er hat aber auch einen Noir-Touch und natürlich ist es auch ein Thriller. Stellenweise kommt eine Irrsinnsspannung auf, die ein Hitchcock auch nicht besser hingekriegt hätte. Das fast wortlose Aufeinandertreffen von Moss und Chigurh in einem Hotel ist großartig inszeniert und wunderbar gefilmt. Aber das trifft eigentlich auf den ganzen Film zu.

No Country For Old Men ist kein Film für den großen Box-Office-Erfolg, dazu ist er, trotz des immer wieder aufblitzenden Humors, zu gewalttätig, zu wortkarg, zu finster und happy-end-frei. Um so schöner ist es da, dass er trotzdem den großen Oscar-Erfolg hatte und Hollywood, wie es Joel Coen in seiner Dankesrede ausdrückte, die Coens in ihrer speziellen Ecke des Sandkastens spielen lässt. Mögen sie noch lange dort spielen.

 

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