Archive for März, 2008

DVD-Quickies (1)

Minireviews zu unlängst gesehenen DVDs, in komprimierter Kurzform:

Zodiac von David Fincher ist ein Serienthriller-Film, basierend auf einem wahren (bis heute ungelösten) Fall, der sich vor allem auf die Ermittlungsarbeit konzentriert. Neben dem zuständigen Polizisten konzentriert sich der Film auf zwei Presseleute: Einen alkoholabhängigen Journalisten (glänzend gespielt von Robert Downey Jr.) und einen Karikaturisten (Jake Gyllenhall) vom San Francisco Chronicle. Im Mittelpunkt steht die Ermittlungsarbeit, nicht der Mörder und seine Taten. Ein für Fincher sehr untypischer, klassisch erzählter, erwachsener Krimi, der sich sehr viel Zeit nimmt und mit zweieinhalb Stunden etwas zu lang ist. Das nötige Sitzfleisch bringt man aber gerne auf, weil Fincher es versteht, von Anfang an sehr viel Spannung zu erzeugen. Außerdem erzeugt der Film eine tolle Atmosphäre und versteht es sehr gut, die 70er Jahre in der Gegend um San Francisco zum Leben zu erwecken.

 

The Queen von Stephen Frears erzählt von der Reaktion des britischen Königshauses auf den Unfalltod von Diana. Queen Elizabeth, die zu der Zeit gerade auf ihrem schottischen Landsitz weilte, begegnete dem Thema zunächst mit Indifferenz. Was geht’s uns an, die gehört doch eh nicht mehr zur Familie. Doch Di war immerhin die Mutter ihrer Enkel und Thronfolger, und außerdem reagierte das britische Folk ganz anders als die Queen erwartet hätte. Es ist letztlich Tony Blair, damals frisch gewählter Prime Minister, der die Queen sanft aber bestimmt in eine Richtung schubst, die er für die bessere hält. The Queen bietet faszinierende Einblicke ins Privatleben sowohl der Queen als auch von Blair (auch wenn die natürlich inszeniert sind, sie wirken aber sehr glaubhaft) und schöne Effekte, die sich ergeben, wenn Blair als totaler Gegenpol zur Königin dargestellt wird. Man könnte The Queen als Doku-Drama bezeichnen, wenn das nicht so sehr nach Guido Knopp klänge. Im Endeffekt ist der Film, nicht zuletzt wegen der fantastischen Helen Mirren als Queen, einfach großes Kino. Auf eine ganz eigene Weise fesselnd, stellenweise sogar recht witzig, und durch und durch britisch.

 

Flirting with Disaster von David O. Russell stammt aus dem Jahr 1996. Ich kannte den Film noch nicht, da er aber immer wieder bei diversen Fernseh-Tipps empfohlen wurde, hab ich mir mal die DVD besorgt. Ben Stiller gibt einen Woody-Allenesken neurotischen Charakter, der auf der Suche nach seinen leiblichen Eltern ist, und natürlich erst mal bei ein paar Versuchen an die falschen gerät. Daraus entspinnt sich eine turbulente Reise voller Missverständnisse und Missgeschicke und Beinahe-Seitensprünge. Der Film beginnt sehr charmant mit viel Dialogwitz, driftet aber am Ende immer mehr ins inszenierte Chaos ab, das für meinen Geschmack etwas zu überdreht war. Mancher Gag wurde ein bisschen totgeritten (Ja, Mrs. Schlichting klingt wie Shitking, wir haben’s kapiert). Außerdem hätte es das plötzliche Happy End nicht gebraucht. Durchgehend toll sind dafür die Schauspielerleistungen, besonders Patricia Arquette als Jung-Mami und der alte M.A.S.H.-Haudegen Alan Alda als Stillers Vater. Nette Unterhaltung.

 

Nicht auf DVD gesehen, sondern vor etlichen Wochen beim Münchner Europafilmfest: Big Nothing vom Kanadier Jean-Baptiste Andrea. Eine schwarze Komödie, die das Genre nicht neu erfindet, aber einigen Spaß macht: Es geht um einen vermeintlich todsicheren Deal, der natürlich von Anfang an Quatsch war und fürchterlich schief geht, die Protagonisten reiten sich immer tiefer in die Scheiße und den ein oder anderen kostet das das Leben. Filmen wie Very Bad Things nicht unähnlich, lebt Big Nothing von seinem makabren Humor und dem Gefühl, dass jederzeit alles passieren kann. Weiterer Pluspunkt: Simon Pegg, der hier erstmals im Gespann mit Friends-Star David Schwimmer auftritt (später führte Schwimmer Regie beim Pegg-Film Run, Fatboy Run, der bald in unsere Kinos kommt). Big Nothing hat nicht die Klasse der Komödien, die Pegg mit Edgar Wright gemacht hat, ist aber für Freunde schwarzen Humors sehr zu empfehlen.

Im Kino: Charlie Wilson’s War (Der Krieg des Charlie Wilson)

Den hier wollte ich noch nachliefern, obwohl die Sichtung schon wieder ein paar Wochen zurückliegt. Charlie Wilson’s War von Mike Nichols fand ich nämlich sehr gelungen. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die so merkwürdig ist, dass sie nicht gerade glaubwürdig wirkt. Wilson war ein texanischer Kongress-Abgeordneter, der seine Beziehungen spielen ließ und so für einen großen Teil der Finanzierung der Mudschahedin sorgte, die in den 80er Jahren in Afghanistan Widerstand gegen die sowjetische Besatzung leisteten.

Wilson war kein braver Vorzeigepolitiker, sondern ein Lebemann, der seine Freizeit gerne mit Schampus im Whirlpool verbrachte und seine Sekretärinnen (augenzwinkernd “Charlie’s Angels” genannt) nach Oberweite castete. Auf Initiative einer reichen Kommunistenfresserin sorgt er dafür, dass die Mudschahedin von den USA großzügig gesponsert werden und dass das alles nicht an die große Glocke gehängt wird, sondern ein “covert war” bleibt.

Der Film versucht glücklicherweise nicht, sich an den dümmsten anzunehmenden Zuschauer zu wenden, sondern springt mitten rein ins Geschehen, ohne allzuviel Hintergrund zu erklären, setzt also beim Zuschauer etwas Vorwissen voraus. Überhaupt gehört Charlie Wilson’s War zu den Filmen, die dem Zuschauer selbst das Denken überlassen und einem die Moral von der Geschicht nicht fingerdick aufs Butterbrot schmieren. Und eine Moral gibt es sehr wohl: Nichols stellt zweifellos klar, dass das keine Geschichte aus der Vergangenheit ist, damals im Kalten Krieg, die mit dem Abzug der Sowjets abgeschlossen und abgehakt war. Für die USA war damals der Fall erledigt. Es gibt eine Szene am Ende, in der Wilson eine vergleichsweise kleine Summe für afghanische Schulen aufbringen will, um dort das Pflänzchen der Demokratie zu stärken. Abgelehnt. Der Film endet mit einem Wilson-Zitat: “These things happened. They were glorious and they changed the world … and then we fucked up the endgame.” Letztlich hat man sich damals die Feinde von heute selbst gezüchtet.

Inszeniert ist diese Geschichte als Mischung aus ernsthaftem Drama und Satire. Trotz des dunklen Themas gibt es eine Menge zu lachen. Wobei Drehbuchautor Aaron Sorkin (West Wing) vermutlich gar nicht allzu sehr an der Ironieschraube drehen musste, denn die Ereignisse und Protagonisten sind, so ernst ihr Hintergrund auch ist, schon absurd genug. Getragen wird der Film nicht zuletzt durch seine gute Besetzung. Tom Hanks zeigt mal wieder, dass er was draufhat, wenn er nur will, und Philip Seymour Hoffman ist absolut großartig als dicker, miesepetriger CIA-Mann mit griechischen Wurzeln.

Charlie Wilson’s War ist einer dieser Filme, die auf ihre Weise lehrreich sind, sogar eine moralische Botschaft vermitteln, dies aber auf eine sehr unterhaltsame Art und Weise tun. Ernste Themen leicht zu vermitteln und damit ein großes Publikum zu erreichen, das war mal das Spezialgebiet des New Hollywood, heute findet man es nur noch sehr selten.

Im Kino: Horton Hears a Who! (Horton hört ein Hu!)

“Von den Machern von Ice Age!” schreit die Werbung und hat damit nur teilweise recht. Die Macher von Ice Age und Ice Age 2 sitzen nämlich, wen wundert’s, an Ice Age 3. Horton Hears a Who! stammt, genau wie die Ice-Age-Filme, aus den Blue Sky Studios, hat aber weder Regie noch Autoren mit den Erfolgsfilmen gemein. Für die beiden Regisseure ist es die erste Regiearbeit, die Drehbuchautoren haben zuletzt das Skript für die Til-Schweiger-Komödie Wo ist Fred? gemacht. Und die Buchvorlage zum Film ist ein 50 Jahre altes Bilderbuch des hierzulande nicht sonderlich bekannten Dr. Seuss (der auch den Grinch erfunden hat).

Klingt bis hierhin nicht allzu vielversprechend. Aber manchmal gibt es positive Überraschungen, und dieser Film gehört unbedingt dazu. Während die Buchvorlage ein ganz nett gezeichnetes und nett gereimtes, harmloses Bilderbuch ist, das Über-Sechsjährige kaum hinter dem Ofen hervorlocken dürfte, haben die Filmemacher es geschafft, daraus einen rasanten und sehr unterhaltsamen bunten Animationsfilm für alle Altersklassen zu machen. Der Film nimmt die Geschichte nur als Basis, er bleibt der Vorlage zwar inhaltlich sehr treu, schmückt das Geschehen aber massiv aus und entwickelt viele Figuren viel weiter als das Buch (das muss auch so sein, sonst wäre der Film nach 20 Minuten zuende).

Horton (im Original von Jim Carrey, auf deutsch von Christoph Maria Herbst gesprochen) ist ein Elefant, der eines Tages Stimmen auf einem Staubkorn wahrnimmt. Er ist davon überzeugt, dass auf diesem Staubkorn kleine Wesen leben. Und tatsächlich, dort gibt es eine Zivilisation von lauter kleinen Winzlingen, den Whos. Und weil das Staubkorn den Widrigkeiten der Natur ausgesetzt ist, will Horton das Staubkorn und seine Bewohner beschützen. Hortons Umfeld allerdings, die mit ihm lebenden Dschungeltiere, halten Horton langsam für verrückt. Natürlich, das ist kein großer Spoiler, gibt es ein Happy-End und die moralische Botschaft, dass jedes Leben was wert ist, und sei es auch noch so winzig (angeblich wurde Dr. Seuss’ Buch gegen dessen Willen auch von Abtreibungsgegnern vereinnahmt).

Im Gegensatz zum Buch konzentriert sich der Film nicht nur auf die Figur des Elefanten, sondern behandelt auch die Whos gleichberechtigt. Die zweite Hauptfigur ist deshalb der Bürgermeister der Whos (gesprochen von Steve Carell) und seine Familie, bestehend aus 96 Töchtern und einem sehr schweigsamen Sohn (der sehr hübsch als kleiner Emo-Boy gestaltet wurde). Die Whos haben auch Computer, Internet und das Social Network “Whospace”. Regelmäßig wechseln wir zwischen der Perspektive der Whos und der Perspektive von Horton, was dem Film eine schöne Dynamik verleiht. Überhaupt legten die Macher viel Wert auf Tempo, es gibt reichlich Action, viel Rasanz und kaum Durchhänger.

Was die Animation angeht, braucht sich Horton vor der Konkurrenz von Pixar und Co. nicht zu verstecken. Optisch sieht der Film top aus, wobei es den Charkterdesignern auch gelungen ist, die Figuren in dem wiedererkennbaren Dr.-Seuss-Stil zu halten. Ansonsten sind die Animateure sichtlich stolz darauf, wie gut sie inzwischen Wasser und Haare am Rechner erzeugen können. Bis auf den Elefanten ist hier alles so plüschig, fellig und flauschig, dass es eine Freude ist.

Besonders gut gefielen mir aber zwei kleine visuelle Gags, die als klassische 2D-Zeichentricksequenzen im Film sind. Zum einen ein kurzer erster Blick auf die Whos, der exakt in Zeichenstil und Farbgebung der Buchvorlage gestaltet ist und eine schöne Verbeugung vor Dr. Seuss darstellt. Zum anderen eine absolut hinreißende Actionszene, die als Anime umgesetzt ist und das Genre der billigen japanischen Action-Trickfilme wunderbar aufs (Staub-) Korn nimmt. Dank solcher Szenen kommen auch ältere Zuschauer auf ihre Kosten, obwohl der Film schon deutlich auf Kinder zielt. Das tut er aber mit viel Humor, rasanter Handlung, guten Dialogen und sehr viel Charme, so dass man nicht mal böse sein kann, wenn kurz vor Schluss doch noch das passiert, was wohl bei Kinderfilmen immer sein muss: Es wird gesungen. Aber sogar das macht diesmal Spaß.

Trailerschau für Filmstarts vom 13.3.

Im Kino sehen:
13 Tzameti: Französischer Schwarzweiß-Thriller um ein tödliches Glücksspiel. Hier ist tatsächlich der seltene Fall eingetreten, dass mich der Trailer, ohne dass ich einen Hauch von Vorwissen gehabt hätte, sofort neugierig gemacht hat. Läuft als OmU in ganz wenigen Kinos. Mein Geheimtipp der Woche.

Auf die DVD warten:
Lars and the Real Girl (Lars und die Frauen): Ryan Gosling als Sonderling, der mit einer Frauenpuppe lebt. Das ist die Art von leicht verschrobenen Romanzen, die ich mir gerne gefallen lasse.

Horton Hears a Who (Horton hört ein Hu): Digial animierte Verfilmung eines Kinderbuch-Klassikers von Dr. Seuss. Darf ich dank Freikarte heute noch sehen, ansonsten eher eine Empfehlung für jüngere Zuschauer. Der Trailer sieht schonmal ganz witzig aus. Review folgt.

Walk Hard: The Dewey Cox Story (Walk Hard: Die Dewey Cox Story): Parodie auf Musiker-Biopics, insbesondere Walk the Line. Der Trailer hat ein paar witzige Momente und es sind auch gute Leute an Bord (John C. Reilly, Co-Autor Judd Apatow, und einige Gaststars als sie selbst), trotzdem bezweifle ich, ob das Prinzip über 90 Minuten trägt.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Die Welle: Verfilmung des bekannten Jugendbuchs mit Jürgen Vogel. Ich glaube, ich hab das vor vielen Jahren auch mal gelesen, aber nicht als Schullektüre, wie so viele andere. Björn mochte den Film ja nicht (und die Kampagne dazu erst recht nicht), aber ich finde schon mal gut, dass der Film so gar nicht nach langweiligem Pädagogen-TV aussieht, sondern nach einem modernen, stylishen Kinothriller. Die Zielgruppe merkt sowas nämlich sofort.

Meduzot (Jellyfish – vom Meer getragen): Israelischer Arthouse-Episodenfilm von Schriftsteller Etgar Keret und dessen Frau. Kann man ja mal bei Arte reinschaun.

Muss nicht sein:
U2 3D: Euch kann ich’s ja verraten. Meine erste selbstgekaufte CD: Rattle & Hum, 1988. Ich war ziemlich lange U2-Fan und finde die Band immer noch weit weniger schlimm als die Pop-Polizei das vorschreibt, auch wenn ich ihre Platten nicht mehr kaufe, ihre Konzerte nicht mehr besuche und ihre Konzertfilme verschmähe. Ich hab aber noch ein VHS-Tape mit einer Zooropa-Show irgendwo rumliegen. Das war visuell ziemlich aufregend, könnte ich mal wieder ausgraben.

Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein: Medienkritische Filmkunst. Sieht wahnsinnig anstrengend aus.

Love (and other disasters): Gibt es einen unsubtileren Weg, einen Film als Mainstream-Frauenfilm zu verkaufen, als so eine Website? Die Bilder, die Farben, die Sponsoren… Frauen, warum lasst ihr euch sowas gefallen? Nach dem Trailer weiß man dann auch schon komplett Bescheid, wie der ganze Film ablaufen wird. Single-Frau, schwule Freunde, yaddayaddayadda.

Im Kino: There Will Be Blood

Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich mich in der Lage fühlte, etwas über There Will Be Blood von Paul Thomas Anderson zu schreiben. Zu groß ist die Wucht, mit der einen dieser Film überfährt. Man fühlt sich am Ende erschöpft, an die Wand gedrückt, und man ahnt, etwas Großes gesehen zu haben, ist sich aber erstmal noch nicht sicher, wie einem der Film denn nun gefallen hat. Es gibt ja Filme, die mag man während der Sichtung richtig gerne, aber ein paar Tage später sind sie vergessen und hinterlassen keinerlei bleibenden Eindruck – There Will Be Blood ist das Gegenteil. Zu düster, zu unangenehm, zu beunruhigend, um wirklich “Spaß” zu machen. Erst im Rückblick entfaltet der Film seine Größe, viele einzelne Szenen haken sich im Gedächtnis fest und gehen nicht mehr weg. Und du merkst, lange nach dem Abspann, dass der Film dich noch immer in seinem Sog hat.

Es geht, wie mittlerweile bekannt sein dürfte, um den Aufstieg des “Oil Man” Daniel Plainview zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Plainviews Weg ist eine dieser mythischen amerikanischen Karrieren, die eines Self-Made-Mannes, der zu Beginn ganz allein buddelt und gräbt, die Drecksarbeit selber macht, bis er schließlich genug Öl findet, um reich zu werden und andere für ihn arbeiten zu lassen. Sein großer Coup ist der Erwerb eines großen unfruchtbaren Grundstücks, das viel Öl hergibt. Den Tipp bekommt er vom jungen Spross einer einfachen Bauersfamilie, die das Land besitzt und verkauft. Dessen Zwillingbruder Eli, ein Gottesmann und Prediger, wird zu Plainviews großem Gegenspieler. Zwei großartige, extrem intensive, (nicht nur) rhetorische Duelle zwischen den beiden sind die klaren Höhepunkte des Films.

Daniel Plainview wird gespielt, nein, verkörpert von Daniel Day-Lewis, der eine Extrem-Performance abliefert, die ihm bei sämtlichen Preisen der Saison einen Homerun einbrachte. Der Charakter entwickelt sich von einem zu Beginn ziemlich rationalen und vernünftigen, wenn auch ehrgeizigen Mann zu einem manischen, erfolgsbesessenen, gierigen Kerl, der regelrecht über Leichen geht, wenn es darum geht, besser zu sein als die Konkurrenz, und der unfähig zu normalen menschlichen Beziehungen oder gar Liebe ist. Zu spüren bekommen das sein Halbbruder Henry und vor allem sein Ziehsohn H.W., der ihm als kleiner Junge mit seinem Niedlichkeitsbonus sehr nützlich ist, aber später, nachdem er bei einem Bohrunfall taub geworden ist, nurmehr ein lästiger Klotz am Bein ist.

Ich kann verstehen, wenn manche das Schauspiel von Day-Lewis als übertriebenes Overacting sehen und davon genervt sind. Ich fand’s beeindruckend und muss sagen, der Mann schafft es, dir im Kino Angst einzujagen. Doch nicht nur deswegen ist There Will Be Blood ein intensives Erlebnis. Auch die Musik von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood trägt dazu bei: ein äußerst beunruhigender, zeitweise nervenzerrender, aber insgesamt großartiger Score, der sich nicht dezent im Hintergrund hält, sondern als wichtiger Baustein fungiert. Natürlich ist der Film auch wunderbar fotografiert. Und P.T. Anderson erzählt die Geschichte auf eine sehr faszinierende Art: Der Film behält zwar eine lineare Chronologie, hat aber ein sehr eigenes, ungewöhnliches Timing. Das beginnt schon bei der langen Eröffnungssequenz, bei der kein Wort geredet wird. Anders als beim klassischen Dreiakter kann man sich hier nie sicher sein, wie es weitergeht, was als nächstes kommt.

Wer möchte, kann hier sehr viel hineininterpretieren, schließlich macht der Film etliche ganz große Fässer auf: Kapitalismus, Religion und das Verhältnis dieser beiden Pole in der Geschichte der USA. Doch letztlich bleibt There Will Be Blood immer sehr nahe an seiner Hauptfigur, dreht sich im Prinzip ausschließlich um Plainview, diesen Besessenen, der dem Erfolg alles unterordnet. Es ist diese Figur (bzw. ihre Verkörperung durch Day-Lewis), die beim Zuschauer lange haften bleibt. Sie macht There Will Be Blood zu einem Film, den man nicht nur mehrmals ansehen kann, sondern sollte. Der beim wiederholten Ansehen vermutlich noch gewinnt. Ich werde ihn definitiv wiedersehen.

Trailerschau für Filmstarts vom 6.3.

Auf die DVD warten:
In the Valley of Elah (Im Tal von Elah): Paul Haggis’ Beitrag zum Thema Irak: Tommy Lee Jones spielt den Vater eines GIs, der vom Einsatz im Irak zurückkommt, aber gleich darauf verschwindet.

Keller – Teenage Wasteland: Ungewohntes deutsch-österreichisches Kino: Ein düsteres Adoleszenzdrama um Mutproben, die aus dem Ruder geraten. Sieht interessant aus. Wer den Film sehen will, sollte vielleicht nicht die Inhaltsangabe auf der Film-Homepage lesen, die verrät nämlich die komplette Handlung.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Daratt: 1 Extra-Exotenpunkt für das Herkunftsland: dieser Film kommt aus dem Tschad! Und der Plot klingt recht interessant, wenn auch nicht super-originell: Ein Junge will seinen toten Vater rächen und schleicht sich bei dessen Mörder ein, der als Bäcker arbeitet und eigentlich ein guter Kerl zu sein scheint.

10,000 BC (10.000 BC): Roland Emmerichs Urzeit-Popcornfilm. Dieser Mann hat mich mit halbwegs interessanten Trailern viel zu oft neugierig gemacht, nur um mich hinterher mit einem Scheißfilm zu enttäuschen. Da fall ich nicht nochmal drauf rein. Im Fernsehen würde ich vielleicht einen Blick drauf wagen.

The Other Boleyn Girl (Die Schwester der Königin): Zwei Schwestern rivalisieren um die Gunst und die Liebe von Henry VIII (der mit dem hohen Frauenverschleiß). Zwei schwerwiegende weibliche Argumente hat der Film ja: Scarlett Johansson und Natalie Portman in einem Film, das ist schon was. Aber es ist halt ein Historienschinken, noch dazu einer, der recht seifenopernhaft daherkommt.

Muss nicht sein:
Kirschblüten – Hanami: Elmar Wepper wird auf seine alten Tage noch zum Charakterdarsteller und darf offiziell cool gefunden werden. Damit geht er genau den umgekehrten Weg von Uschi Glas. Der Film von Doris Dörrie hat auf der Berlinale viel Lob bekommen. Trotzdem nicht meine Baustelle.

Frei nach Plan: Deutsches Frauenkino mit drei nicht mehr ganz jungen Schwestern, die sich zum Geburtstag ihrer Mutter treffen.

Om Shanti Om (DT): Bollywood! Natürlich eine Lovestory, diese hier hat ihren Ausgangspunkt in den 70er Jahren. Die Webseite (von “Eros Entertainment”!) sieht ja schonmal herrlich campy aus.

Knut und seine Freunde: Aargh! Der Film zum Hype, das musste ja kommen. Für Kinder bestimmt ganz nett.

Step up 2 the Streets (Step up to the Streets): Tanzfilm für Teenies. Toll, wie hier die deutsche Übersetzung sensibel in den Titel eingegriffen hat. Jetzt merkt die Hiphopper-Zielgruppe leider gar nicht mehr, dass sie gemeint ist.

Wir Elf

Thomas Darchinger ist Schauspieler und Bayern-Fan. Zu jedem UEFA-Cup-Spiel des FC Bayern lädt er Gäste zu einer kleinen Fußball-Talkshow ins Schwabinger “Vereinsheim” ein, die die Übertragung des Spiels umrahmt. Die Highlights der Talkrunden sind in einzelnen Folgen von Darchingers Video-Podcast Wir Elf zu sehen. Und das folgende Beispiel zeigt, dass Mehmet Scholl verdammte Entertainer-Qualitäten hat. Gebt dem Mann eine eigene Sendung!

Die nächste “Wir Elf”-Sitzung ist morgen abend im Vereinsheim, zu Gast sind Franz “Bulle” Roth und Thorsten Fink.

Im Kino: Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street (Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street)

There will be blood, und zwar viel. Jede Menge tiefrotes Filmblut vergießt Tim Burton in seiner Adaption eines Musicals von 1979, welches wiederum die Adaption einer sehr alten britischen Groschenheftserie von Mitte des 19. Jahrhunderts ist. Zu dieser Zeit spielt die Geschichte auch: 15 Jahre, nachdem der Barbier Benjamin Barker zu Unrecht in der Verbannung gelandet ist und Frau und Kind verloren hat, kehrt er zurück nach London und ist voller Rachegelüste. Sein Hauptziel ist der fiese Richter Turpin (gespielt von meinem Lieblingsschurken Alan Rickman), der damals eine Intrige gegen ihn geführt hatte.

Der rachsüchtige Friseur nennt sich nun nicht mehr Barker, sondern Sweeney Todd und sieht aus wie eine Mischung aus Robert Smith und Rogue. Er verbündet sich mit Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die ein miserables Lokal für Fleischpastete betreibt und nutzt ihr Etablissement als Basis für seinen blutigen Rachefeldzug. Die Rasiermesser werden gewetzt, und sie sind verdammt scharf. Beim unvermeidlichen Blutvergießen kennt Burton wenig Zurückhaltung und zeigt heftige Spritzer- und Schlitzereien, die man im Mainstreamkino eher nicht gewöhnt ist.

Einen famosen Gastauftritt hat Sacha Baron Cohen als überkandidelter italienischer Showfriseur. Seine Szene ist, anders als der Rest des Films, pure Comedy und wirkt daher ein bisschen wie ein Fremdkörper, macht aber unbändigen Spaß. Für mich das Highlight des Films.

Es gibt einiges, was wirklich toll ist an Sweeney Todd: Zunächst mal die Tatsache, dass hier zwei Genres (Horror + Musical — bitte, bitte niemals das Wort “Grusical” verwenden!) gekreuzt werden, die sich seit der Rocky Horror Show nur sehr selten berührt haben. Zum anderen die großartige Ästhetik: wunderbare Filmsets (die ja auch einen Oscar gewonnnen haben), tolle Kostüme und Masken. Von Tim Burton kommt ein solcher Look natürlich keineswegs überraschend, dieses Terrain hat er ja bereits mehrfach beackert. Dafür merkt man ihm eben positiv an, dass er in düsteren Gothic-Welten zuhause ist und sich dort wohl fühlt. Und auch die Besetzung passt bestens, Johnny Depp und Helena Bonham Carter sind ja ohnehin in fast jedem Burton-Film zu sehen (oder, wie in Corpse Bride, zu hören).

Das größte Problem allerdings, das ich mit dem Film hatte, ist die Dramaturgie. Der Kern der Story ist wirklich sehr simpel und ließe sich auch in 45 Minuten problemlos erzählen. Doch wir sind hier wie gesagt in einem Musical, und es wird wirklich sehr viel gesungen. Wobei es in der Natur der Sache liegt, dass Songs die Handlung eher weniger vorantreiben. Stattdessen treten Johnny Depp und Kollegen singend ziemlich oft auf der Stelle, die Lieder nehmen den Schwung aus der Handlung und wirken als dramaturgische Bremse.

Ich werde das Gefühl nicht los, das Tim Burton hier wirklich nahe dran war, etwas grandioses zu schaffen, es aber letztlich nur im Ansatz vermocht hat. Mit etwas weniger Durchhängern und mit mehr schwarzem Humor, der ja immer wieder aufblitzt, aber nur vereinzelt, wäre Sweeney Todd ein Meisterwerk geworden. Sehenswert ist er aber auch so.