Im Kino: Fleisch ist mein Gemüse

Heinz Strunks autobiographisches Buch über eine „Landjugend mit Musik“, über das Aufwachsen mit kranker Mutter und Akne im Gesicht, und über Glanz und Elend des Muckertums in unsäglichen Tanzkapellen, zeichnet sich durch eine ganz eigene Mischung aus tiefer Tragik und groteskem Humor aus. Die Filmadaption von Fleisch ist mein Gemüse, von einem Regisseur, in dessen Filmographie sich überwiegend TV-Serienkost befindet, hätte ein Desaster werden können. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht geworden. Meine Befürchtung, dass man aus dem Buch einen Gaudifilm machen und die tragischen Szenen mehr oder weniger streichen würde, ist nicht eingetreten. Nein, die Verfilmung bleibt der Vorlage sehr treu, und das ist vielleicht auch ein bisschen ihr Problem. Denn was im Buch perfekt funktioniert — viele kleine, für sich stehende Episoden — führt im Film zu einer eher zusammenhanglos wirkenden Abfolge von Szenen, die sich nicht so recht zu einem großen Ganzen fügen wollen.

Innerhalb dieser Einzelszenen funktioniert der Film prima. Er schafft es, den Kleinbürgermuff der 80er-Jahre-BRD so darzustellen, dass er zwar leicht überzeichnet, aber trotzdem glaubwürdig wirkt. Klar, dass sich die Kamera an schlechten Tapeten, schlechten Frisuren und schlechten Klamotten ergötzt, aber das gehört halt dazu. Es gibt sehr schöne kleine Miniaturen, etwa der verkorkste Auftritt von Schlagerstar Oliver Bendt oder der nette Cameo von Strunks Studio-Braun-Kollegen beim Schützenfest. Maxim Mehmet als Heinzer macht seine Sache nicht schlecht, genauso wie Susanne Lothar als seine Mutter und Livia S. Reinhard als depressive Nachbarin. Die Glanzpunkte setzen aber andere: Andreas Schmidt (der Brummifahrer aus Sommer vorm Balkon) bewegt sich als Bandleader Gurki mit Minipli und Schnauzer zwar gefährlich nahe am Overacting, bringt die Rolle aber so auf die Leinwand, wie sie im Buch beschrieben ist, und es macht einen Riesenspaß, ihm dabei zuzusehen. Ganz und gar umgehauen hat mich Anna Fischer als Nachwuchssängerin Jette, die in einer recht klischeebeladenen Rolle voll und ganz überzeugt und mit einer Präsenz und Energie zu Werke geht, die man leider viel zu selten sieht. Geil abgeliefert, wie Gurki sagen würde.

Die Jette-Episode mündet in ein Happy End, das es im Buch nicht gibt und das leider unpassend und aufgesetzt wirkt, auch durch seine durch und durch übertriebene Inszenierung im Hauptquartier einer Plattenfirma. Das Lakonische und Ehrliche, das Bittere und Radikale des Buches, das im Film zumindest stellenweise erhalten blieb, geht mit der Schlussszene komplett verloren. Kein kompletter Reinfall also, aber keine gleichwertige Alternative zum Buch. Und die Entscheidung, eine Soundtrack-CD zu veröffentlichen, die all die gruselige Schlagermucke enthält, über die Strunk im Buch so böse herzieht, die muss mir auch nochmal jemand erklären.

 

Ein Gedanke zu „Im Kino: Fleisch ist mein Gemüse

  1. Stimme mit dir bei der gelungen Episodenhaftigkeit zu, die ja das buch auch vorgeben hat (besonders die tragischen funktionierten besser, als die komischen). Jette empfand ich allerdings als zu grossen Fremdkörper, obwohl ich die Schauspielerin auch mochte.

    Das Ende hat mich auch erst sehr erschreckt, mit seinem Resumé am Ende passte es aber schlussendlich doch. Der Abspann mit Heinz Strunk selber hat mich dann in die richtige Stimmung versetzt.

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