Archive for Juni, 2008

Ich wär dann soweit

Von mir aus kann’s losgehen. Die Tipps für die ersten Spiele sind abgegeben, die Gruppen und ihre Teilnehmer habe ich im Kopf, Plätze fürs Kneipen-Viewing der deutschen Vorrundenspiele sind reserviert, und mein persönlicher Europameister-Tipp steht fest: Portugal wird’s.

Und wenn nichts dazwischenkommt, wird es morgen nachmittag hier im Blog ein kleines Live-Blogging über die Eröffnungsfeier und das alberne TV-Geplänkel drumherum geben.

Trailerschau für Filmstarts vom 5.6.

Auf die DVD warten:
Cassandra’s Dream (Cassandras Traum): Der neue Woody Allen, der bei uns erst gar nicht ins Kino kommen sollte, dann aber doch noch. Diesmal eher keine Komödie, sondern ein Thriller. Mit Ewan McGregor und Colin Farrell. Sieht nicht unspannend aus, die Kritiken sind jedoch eher verhalten.

Leatherheads (Ein verlockendes Spiel): Einer der am wenigsten beachteten George-Clooney-Filme ever. Dabei führt er hier sogar Regie! Liegt wohl daran, dass die Mischung aus Sportfilm und Screwball-Comedy sich um die frühen Tage einer Sportart dreht, die bei uns in etwa den Status von Hallenhockey hat: American Football.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Falco – Verdammt, wir leben noch!: Er war so exaltiert, because er hatte Flair. Musik-Biopic aus Österreich. Falcos Vita ist sicher aufregend genug, um einen interessanten Film abzugeben. Der aber ziemlich blöd werden könnte.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid: Doku über eine Kindheit unter 68ern, basierend auf einem Buch von Richard David Precht, der 1964 in ein linkes Eltenhaus in Solingen geboren wurde. Zum Glück keine bittere Abrechnung sondern eher ein ironisch-witziger Blick zurück.

Muss nicht sein:
The Elephant King: Drama um zwei ungleiche Brüder (der eine schüchtern, der andere extrovertiert), die es nach Thailand verschlägt. Der Trailer ist mit über 6 Minuten so lang, dass man sich den Film im Grunde sparen kann.

Saturno Contro: Italienisches Beziehungsdings. Ich tue dem FIlm wahrscheinlich total unrecht, aber dem Trailer nach könnte das auch eine x-beliebige Soap sein.

Prom Night: Teenie-Slasher mit einem Killer beim Abschlussball. Gähn.

Penelope: Modernes Märchen mit Christina Ricci als Mädchen, das mit einem Schweinerüssel im Gesicht geboren wird und nur erlöst werden kann, wenn sie mit einem jungen Mann aus der High Society zusammenkommt. James McAvoy und Reese Witherspoon machen auch mit. Für Kids wahrscheinlich ganz nett.

The Comebacks: Sportfilm-Parodie für Leute, die unwitzige Proll-Komödien lustig finden. Traurige Sache.

Grant Morrison: The Invisibles

Manchmal dauert es eben etwas länger. 18 Jahre ist es her, dass in den USA das erste Heft der Vertigo-Serie The Invisibles erschien, und erst jetzt erscheint sie erstmals auf Deutsch. Dieser Schritt von Panini überrascht, denn die Invisibles sind ein sperriger, ungewöhnlicher und schwer vermarktbarer Comic.

In insgesamt 59 Heften in sieben Jahren durte sich der Brite Grant Morrison kreativ austoben. Morrison, der sich mit Reihen wie Animal Man und Doom Patrol schon einen Ruf als Autor sehr unkonventioneller Superheldencomics erarbeitet hatte, erschuf für The Invisibles eine Welt, in der ungefähr alle Verschwörungstheorien, die es jemals gab, wahr sind. Vordergründig geht es um den immerwährenden Kampf von Gut gegen Böse: Finstere Mächte haben Konzerne und Regierungen unterwandert, ein kleines Häuflein von Aufrechten, genannt das „Unsichtbare College“, bekämpft sie. Die Titelhelden der Serie sind eine fünfköpfige Einheit des College, die von London aus operiert und aus ziemlich schrägen Vögeln besteht. In den ersten Kapiteln rekrutiert diese Gruppe ein neues Mitglied, den Liverpooler Schuljungen Dane. Dem geht es zu Beginn erstmal ähnlich wie dem Leser: Er versteht nicht recht, was er hier soll, wer mit welchen Mitteln gegen wen spielt und zu welchem Zweck. Wir bekommen es unter anderem mit Zeitreisen, Meditation und magischen Ritualen zu tun, aber auch mit Bombenbau und rasanten Verfolgungsjagden.

Invisibles –- die deutsche Version (ohne „The“) erscheint als sogenannte „Monster Edition“ in fünf dicken Sammelbänden bei Panini — ist ein wilder, durchgeknallter, absolut eigenständiger und faszinierender Mystery­comic, angereichert mit Gastauftritten von John Lennon bis zum Marquis de Sade, mit Popkulturzitaten, Außerirdischen, Sex und Magie, mit surrealen Elementen und einem sehr anarchischen Humor. Morrison sprengt alle Konventionen, bleibt dabei aber immer ein sehr guter Erzähler. Gut, dass er inzwischen durch Arbeiten wie New X-Men oder All Star Superman bekannt genug ist, um auch bei uns mit seinem Opus Magnum eine Chance zu bekommen. Schwer zu erklären, schwer zu verstehen, aber schwer zu empfehlen!

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Dieser Text entstand für das eben erschienene Comicgate-Magazin Nr. 3, das ich euch hiermit herzlich empfehlen möchte. Die neue Ausgabe hat mit 128 Seiten mehr als 50% mehr Umfang als die ersten beiden, enthält einige feine Comic-Kurzgeschichten sowie ausführliche redaktionelle Artikel. Obiger Text stammt aus der Rubrik “Comics für die Insel”, in der die Redaktion ihre aktuellen Favoriten empfiehlt. Außer dieser und zwei weiteren Empfehlungen aus meiner Feder findet man im Heft noch den von mir verfassten Artikel “Piraten? Diebe? Engagierte Fans? – Comics jenseits des Urheberrechts”. Mehr Infos zum Heft, Leseproben und Bestellmöglichkeiten auf comicgate.de.

Im Kino: Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels)

Mit Verspätung nun auch gesehen. Zum Inhalt muss ich hier ja nicht viel erzählen, das Netz ist voll davon. Trotzdem: SPOILERWARNUNG!

In der Bewertung schließe ich mich dem Tenor der meisten anderen Kritiken an: Es hätte schlimmer kommen können. Indy IV ist ein solider Abenteuer-Actionfilm, der sich durchaus nach Indy anfühlt und nicht die komplette Reihe kaputtmacht. Der Film bietet zwei Stunden annehmbare Unterhaltung. Ein großer Wurf aber ist er nicht geworden.

In erster Line ist der vierte Film ein “more of the same”. Die Autoren müssen eine Checkliste gehabt haben, auf der sie sämtliche essentiellen Indy-Zutaten abzuhaken hatten. Rasante Verfolgungsjagden, wertvolle Artefakte, eklige Viecher sonder Zahl, reißende Wasserfälle, uralte Gemäuer mit lustigen Mechanismen (drücke Stein A, dann bewegt sich Stein B), mystisches Mumbo-Jumbo, und noch mehr mystisches Mumbo-Jumbo zum großen Showdown. All das ist enthalten, und all das ist auch recht spaßig anzuschauen.

Was dagegen die meiste Zeit fehlt, sind die kleinen, viel schwieriger zu erzeugenden Momente. Funkensprühende Dialogzeilen, lässige One-Liner, interessante Charaktere — davon hat Indy IV zu wenig. Wenn man mal davon absieht, dass statt den Nazis jetzt die Russen die Bösen sind (wir sind in den 50ern) und es ein bisschen Atom-Paranoia gibt (wir sind in den 50ern) fügt der Film dem Franchise nichts neues hinzu, es gibt keinerlei echte Überraschungen, der Film hat nicht einen Moment, bei dem man staunen möchte und sich denkt: “Damit hätte ich jetzt aber nicht gerechnet”.

Von Steven Spielberg wurde der Film als positiv altmodisch angekündigt, das stimmt aber nur teilweise. Ja, man verzichtet auf hektische Schnittgewitter, man verzichtet aber leider nicht auf den massiven Einsatz von CGI. Allzuviel ist hier am Rechner entstanden und leider sieht man diesen Szenen ihre Künstlichkeit an. Millionen von Riesenameisen wirken kein bisschen gruselig, wenn man sofort erkennt, dass sie nur ein digitaler Effekt sind. Ob dieses komische Licht, in dem ständig alles glänzt, auch auf die 80er verweist, weiß ich nicht, jedenfalls trägt auch dies zu dem Eindruck von Künstlichkeit bei, den der Film nur selten loswird.

Und die Schauspieler? Harrison Ford ist top, ihm nimmt man den Dr. Jones wieder sofort ab, keine Frage. Shia LaBeouf als junger Sidekick hat’s schwer, ihm fehlen einfach Ecken und Kanten. Er nervt ein bisschen, aber das liegt weniger an ihm als Schauspieler, sondern einfach an der überflüssigen und doofen Rolle, die sich so anfühlt, als hätten die Hollywoodbosse Angst gehabt, dass Indy IV ein Nostalgie-Senioren-Event wird und deshalb krampfhaft eine Figur für die junge Zielgruppe gefordert. Eher schwach ist auch Cate Blanchett als Russen-Domina mit Topf-Haarschnitt. Gut kommt dagegen John Hurt als Oxley, ein alter Freund der Familie.

Mit der eigentlichen Geschichte übrigens, die hier und da gerne mal als hanebüchen, unglaubwürdig und allzu trashig empfunden wird, hatte ich überhaupt kein Problem. Indiana Jones ist eine astreine Pulp-Hommage und was wäre pulpiger als atombombensichere Kühlschränke und ein UFO im Mayatempel? Das passt schon. Trotzdem, George, Steven und Harrison: Danke, ihr habt uns einen genießbaren Nachtisch kredenzt, aber damit ist auch gut. Wir sind satt und möchten das Menü gerne als beendet ansehen. Kommt ja nicht auf die Idee, irgendwelche Sequels ohne Harrison Ford und mit Shia LaBeouf als Nachfolger zu drehen. Versteigert Hut und Peitsche für einen guten Zweck, macht den Buchdeckel zu und widmet euch anderen Dingen. Ruht euch aus, spielt Golf, lest euren Enkeln Geschichten vor oder geht mit Ally McBeal ordentlich essen.