Archive for Juli, 2008

Trailerschau für Filmstarts vom 31.7.

Im Kino sehen:
99 francs (39,90): Der Roman-Bestseller von Frederic Beigbeder war in seiner Kapitalismuskritik zwar wohlfeil, dabei aber verdammt unterhaltsam. Ich mochte das Buch. Verfilmt hat’s Jan Kounen, der passenderweise selbst mal Werbefilmer war und der die Story als ästhetische Achterbahn mit allerlei visuellen Mätzchen inszeniert. Könnte sehenswert sein.

Auf die DVD warten:
Surveillance (Unter Kontrolle): Die arme Regisseurin Jennifer Lynch muss damit leben, dass ihr Name nienienie genannt wird, ohne zu erwähnen, dass sie die Tochter von David ist. Und dann dreht sie auch noch Filme, die so aussehen, als wollte sie dem Papa nacheifern. In diesem Thriller ermittelt ein FBI-Pärchen in einer Mordserie, und wir erfahren vom Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Hat was.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Selbstgespräche: Kleiner, sympathischer deutscher Film rund um Menschen, die im Callcenter arbeiten. Da werden sicher ordentlich Klischees gedroschen, aber es spielen ein paar gute Schauspieler mit. Und es gibt Gastauftritte von Günter Wallraff sowie, Trommelwirbel… Chris Norman!!

The Chronicles of Narnia: Prince Caspian (Die Chroniken von Narnia – Prinz Kaspian von Narnia): Sieht zwar immer noch nach Lord of the Rings Light aus, aber wenn man was für Fantasy übrig hat, dürfte der Film einiges an Augenfutter bieten. Wirkt um einiges finsterer als der sehr kindgerechte erste Teil (den ich nicht gesehen habe). Dass die Narnia-Reihe eine schwer erträgliche christliche Symbolik vor sich herträgt, bleibt natürlich ein Handicap.

Jeder siebte Mensch: lebt in China. Die Olympischen Spiele haben noch nicht mal begonnen und ich fühle mich jetzt schon leicht übersättigt von all den China-Porträts. Dieses hier beschäftigt sich mit dem Leben auf dem Lande und ist wahrscheinlich sogar sehr interessant.

Les animaux amoureux (Animals in Love): Oho, ein Tierporno? Vögelnde Rammler und so? Bleibt aber alles brav familientauglich. Und der Soundtrack kommt nicht von der Bloodhound Gang.

Young McGahan had a farm

Am Wochenende lief auf Phoenix die Filmcollage Disco Love Machine. Mit dabei unter anderem dieses unglaubliche Zeitdokument: Mr. Bean und seine Freunde Depeche Mode auf dem Bauernhof!

Gack Gack Gack!
(Direktlink)

Trailerschau für Filmstarts vom 24.7.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Underdogs: Deutscher Film, in dem echt harte Knackis echt knuffige Hundebabies als Zellengenossen bekommen, damit wir sehen können, dass unter der echt harten Schale echt ‘n weicher Kern steckt.

Der Mond und andere Liebhaber: Katharina Thalbach in einer One-Woman-Show als Hanna, die nicht nur lebenslustig, sondern lebensgierig ist. Könnte wegen der guten Besetzung einen Blick wert sein.

Muss nicht sein:
The X-Files: I want to Believe (Akte X – Jenseits der Wahrheit): Vor ein paar Jahren hätte mich das vielleicht noch gereizt, aber ich war ohnehin nie ein großer X-Files-Fan. Ich kenne vielleicht eine Handvoll TV-Folgen und die reichen mir eigentlich auch.

42plus: Midlife-Crisis, Ehebruch, Affären mit viel Jüngeren. Was es mit älteren Herren und jungen Damen schon x-fach gab, ist nun auch öfter auf umgekehrte Weise zu sehen. Wie in diesem österreichischen Film über eine 42-jährige Mutter, die im Urlaub eine Affäre mit einem jungen Kerl beginnt. Mag vielleicht sogar gut sein, ist aber ganz und gar nicht mein Geschmack.

Superhero Movie: Schlimm, schlimm, schlimm. Allerunterste Schublade. Um hier mal ein Wort anzuwenden, dass ich neulich im SZ-Feuilleton gelernt habe: Ein Film fürs Geschmacksprekariat.

Wie ich einmal einen Porno gelesen habe …

… und hinterher einen 10.000-Zeichen-Text dazu verfasst habe.

Es geht natürlich um Lost Girls von Alan Moore, und der Text steht bei Comicgate.

Im Kino: The Incredible Hulk (Der unglaubliche Hulk)

Als 2003 der erste große Hulk-Spielfilm mit dem schlichten Titel Hulk ins Kino kam, überraschte vor allem der Name des Regisseurs: Der aus Taiwan stammende Ang Lee war mit anspruchsvollen Familiendramen wie Eat Drink Man Woman oder Der Eissturm bekannt geworden – mit Popcorn-Action verband man seinen Namen nicht. Sein Hulk war ein Versuch, Mainstream-Unterhaltung mit einer tiefgründigen Charakterstudie zu vereinen. Ang Lee legte besonders viel Gewicht auf das Verhältnis zwischen Bruce Banner und seinem Vater und gab dem Film eine eigenwillige Optik, bei der er die Leinwand immer wieder in kleine Einzelbilder aufspaltete und damit einen Look erzielte, der an Comicseiten erinnerte. Am Ende jedoch waren fast alle unzufrieden: den Comicfans, die den Hulk smashen sehen wollten, war der Film zu intellektuell und zu experimentell, den anspruchsvollen Zusehern gefiel zwar die erste Hälfte, sie mussten aber im zweiten Teil mitansehen, wie ein mittelmäßig animierter CGI-Hulk als grüner Gummiball durch die Wüste hüpfte und auf Panzer eindrosch.

Fünf Jahre später gibt es nun also einen neuen Film mit dem Hulk. Dieses Mal fungiert Marvel selbst als Produktionsfirma (wie schon bei Iron Man) und beschloss, nochmal neu anzufangen. Dies ist ausdrücklich nicht Hulk 2, sondern ein Neubeginn, mit neuem Titel, neuem Regisseur (Louis Leterrier, The Transporter) und komplett neuer Besetzung. Künstlerische Experimente sollte es nicht mehr geben, stattdessen sollte The Incredible Hulk ein actiongeladener, straighter Popcornfilm werden, näher an den Comics und näher an der Fernsehserie, die von 1978 bis 1982 entstanden war.

Dieses Ziel hat Marvel erreicht: Der unglaubliche Hulk leidet nicht wie sein Vorgänger an der Schere zwischen Anspruch und unterhaltsamer Klopperei. Die Story ist betont einfach gehalten: Nachdem in einer rasanten Titelsequenz nochmal Hulks Origin ohne Worte im Zeitraffer zusammengefasst wurde, sehen wir Bruce Banner (Edward Norton), der sich in Brasilien versteckt hält und dort in einer Limonadenfabrik jobbt. Zum einen hält er sich dort vor der US-Armee versteckt, die die Kräfte, die in ihm schlummern, für ihre Zwecke nutzen möchte. Zum anderen trainiert er, sich selbst unter Kontrolle zu halten, denn eines möchte er nie wieder: wütend werden und damit zum Hulk mutieren, zu jenem grünen Monster, das alles zu Brei schlägt, was ihm in die Quere kommt. Außerdem hält er Kontakt zu einem Wissenschaftler-Kollegen, von dem er sich endgültige Heilung verspricht.

Natürlich macht Banner irgendwann einen Fehler, so dass die Army seine Spur wieder aufnehmen kann und ihn gnadenlos verfolgt. Ihre Spezialwaffe ist der knallharte Emil Blonsky (Tim Roth). Als er zum ersten Mal den Hulk in Aktion sieht, ist er so faszinniert von dessen Wucht, dass er selbst auch so werden will. Er lässt sich entsprechend behandeln und wird im späteren Verlauf zu Abomination, einem muskelbepackten Koloss, ähnlich wie Hulk, nur nicht grün und viel hässlicher. Klar, dass der Film am Ende in einem großen Zweikampf zwischen den beiden Kreaturen endet, die sich gegenseitig mit Autos bewerfen und sehr viel kaputtmachen. Eine Art Wrestling-Schaukampf in XXL. Was als Höhepunkt des Films gedacht ist, gerät jedoch ziemlich langatmig und langweilig. Der Kampf hat zu wenige originelle Ideen und ist viel zu lang, um wirklich zu unterhalten. Und wer gewinnen wird, ahnt man ja ohnehin.

Bis es zu dem Endkampf kommt, darf Bruce Banner noch seine große Liebe Betty Ross (Liv Tyler) wiedertreffen, die obendrein auch noch die Tochter des Generals ist und ihm bei seiner Flucht helfen will. Liv Tyler ist wie üblich hübsch anzusehen, mehr als schmückendes Beiwerk ist sie aber nicht. Damit ist sie wieder da angekommen, wo sie zu Beginn ihrer Karriere in Armageddon stand. Immerhin gibt es einen sehr schönen, beinahe anrührenden Moment der Zweisamkeit zwischen Betty und dem Hulk in einer Höhle. Das ist zwar auch nur King Kong in grün, gibt dem Film aber einen dringend notwendigen Zwischenton.

Edward Norton, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, macht seine Sache als Bruce Banner ziemlich gut. Den schüchternen, unsicheren Wissenschaftler, der schwer an seinem Handicap trägt, nimmt man ihm jederzeit ab.

Die große Stärke des Films ist nicht die Geschichte, die er erzählt, sondern die kleinen, augenzwinkernden Insider-Gags, die vor allem den Comic-Fans Freude machen werden. Bruce Banner lernt portugiesisch mit Grobi (einem Monster!) aus der Sesamstraße, es gibt einen Gastauftritt von Lou Ferrigno (dem Hulk aus der Fernsehserie) und natürlich einen von Stan Lee. Außerdem wird endlich mal erklärt, warum es dem Hulk beim rasanten Wachsen zwar das Hemd zerreißt, aber nie die Hosen. Diese haben übrigens diesmal nicht die grässliche Farbe lila, und auch darauf wird in einer kleinen Szene eingegangen. Ganz zum Schluss gibt es noch einen weiteren Gastauftritt: Robert Downey Jr. alias Tony Stark alias Iron Man spricht davon, dass man “ein Team zusammenstellen” wolle und liefert damit (ebenso wie die Schlussszene in Iron Man) einen kleinen Hinweis auf einen möglichen Avengers-Film und auf ein Zusammenwachsen des Marvel-Universums in den verschiedenen Verfilmungen.

Ist der neue Hulk nun also besser als der von Ang Lee? Nunja, er ist zumindest geradliniger und in sich geschlossener. Wo der 2003er-Film in der Mitte, beim Wechsel von griechischem Drama zu Action-Kloppereien, auseinanderbrach, bleibt der neue Film sich von Anfang an treu. Statt eines quietschebunten Flummis ist der neue Hulk ein düsterer Kerl in dunklen Farben. Letztlich ist Der unglaubliche Hulk ein okayer, aber nicht besonders aufregender Actionfilm, eine nicht allzu originelle Auf-der-Flucht-Geschichte mit reichlich Prügeleien – unterhaltsam, aber nichts, was man gesehen haben muss. Ang Lee hat damals das Publikum gespalten, hat für Aufsehen gesorgt und einen interessanten Look ausprobiert, so dass man sich auch Jahre später noch an den Film erinnert. Dem neuen Anlauf wird dies nicht gelingen. Die wahren Highlights in Sachen Comic-Verfilmungen dieses Sommers stehen noch aus.

Zuerst erschienen bei Comicgate.

Trailerschau für Filmstarts vom 17.7.

Willkommen im Sommerloch.

Im Kino sehen:
Dai-Nipponjin (Der große Japaner – Dainipponjin): Abgedrehte Superhelden-Mockumentary aus Japan. Mein Tipp der Woche. Ist aber wohl nur geeignet für Geeks, die mit Japan-Humor und Superhelden-Gedöns was anfangen können. Im Trailer kapiert man leider nix, weil japanisch.

Auf die DVD warten:
Red Road: Der erste Film aus der Reihe Advance Party, ein Konzept mit Regelwerk (ähnlich wie bei Dogme 95), das u.a. Lars von Trier ausgeheckt hat. Red Road ist ein düsterer Arthouse-Thriller, bei dem man halt nicht weiß, ob der hehre Kunstanspruch dem Film eher nutzt oder eher schadet.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Get Smart: Agentenfilmparodie mit Steve Carell, basierend auf einer alten Fernsehserie aus den 60ern, die in Deutschland Mini-Max hieß. Mag stellenweise ganz unterhaltsam sein, verlässt sich aber allzu oft auf die “Humor”-Klassiker Umfallen, Ausrutschen, Gegen-Glaswand-Laufen.

Muss nicht sein:
Paris (So ist Paris): Hallo Franzosen: Wollt ihr nicht mal wieder einen anderen Film drehen als immer wieder “Alter Sack will junge Schönheit flachlegen?” Nicht? Dann is ja gut.

Freche Mädchen: Das nächste Franchise für Früh-Teenies nach Wilden Kerlen und Hühnern.

Mamma Mia!: Auf ABBA bin ich vollkommen allergisch. Sorry, das geht gar nicht. Da krieg ich so ‘nen Hals.

Whedons Web-Musical

In der Regel schreibe ich (außer in der Trailerschau) nur über FIlme, die ich schon gesehen habe. In diesem Falle ist aber Eile geboten:

Dr. Horrible’s Sing-Along Blog

Joss Whedon, Schöpfer von Buffy und Firefly sowie Nebenerwerbs-Comicautor, wollte während des Autorenstreiks nicht däumchendrehend herumsitzen und entwarf ein kleines Projekt fürs Internet. Herausgekommen ist ein 40minütiges Musical, das sich um einen Superschurken dreht. Der Film erscheint in drei Teilen auf der Website (Teil 1 und 2 sind schon online, Teil 3 kommt morgen) und ist bis einschließlich Sonntag dort kostenlos und legal abrufbar. Später soll es Bezahldownloads geben und einen DVD-Release. Spannende Sache, erstens, weil man von Whedon hier ein sehr unterhaltsames Geek-Stück erwarten kann, zweitens, weil es mal wieder ein interessanter Testlauf für neue Distributionsmodelle im Online-Zeitalter ist.
Ich schau mir das Ding am Sonntag komplett an und werde dann nochmal berichten.

Gesichtsmagazin

Neulich am Flughafen fiel mir in einem Kiosk die Nr. 1 einer neuen Zeitschrift ins Auge, das Facemagazin (Ja, die wollen das zusammengeschrieben haben). Gut, dachte ich mir, kannste ja mal kaufen, kannste ja mal lesen, kannste dann ja auch vielleicht was drüber bloggen.

Viel fällt mir dazu allerdings nicht ein. Das ist alles so beliebig, langweilig, egal und inhaltsleer, dass mir die Worte fehlen. Facemagazin möchte ein Heft für “Literatur, Lifestyle und Popkultur” sein und erscheint erst mal vierteljährlich. Aufmacher des ersten Hefts ist eine Story über Daniel Brühl, die dank Fotostrecke auf 16 Seiten aufgeblasen wurde, die aber inhaltlich nicht sehr tiefgehend ist. Das Interview mit Brühl ist nett, brav und überraschungsarm. So wie auch die anderen Interviews, z.B. eins mit Christina Stürmer voller belangloser Fragen, die auch die Bravo hätte stellen können.

Und so geht es auch weiter. Eine Fotostrecke imitiert bekannte Zeitschriftencover (kennt man schon von der ein oder anderen Schülerzeitung oder seit Jahrzehnten von der Titanic), ein halbengagierter Artikel warnt vor überzogenem Sicherheitswahn, Nils Bokelberg erzählt in einer Kolumne einen Schwankaus seiner Jugend, und eine Seite gibt Veranstaltungstipps für London. Dazu viele große Fotos und viele große Überschriften, unter denen aber meist nur kleine Texte stehen.

Eingeheftet in die Mitte dann das exakte Gegenteil: 16 Seiten aus billigem, holzigen Papier, ein extrem schlichtes Layout und keinerlei Bilder. Text pur. Das, muss ich sagen, hat mir gefallen. Hier findet man dann auch die interessanteren Texte, ein bisschen Literatur, ein paar Rezensionen. Und ein paar überflüssige Top-Ten-Listen.

Okay, das alles ist nicht wirklich furchtbar, nicht direkt schlecht oder ärgerlich. Was aber fast völlig fehlt, sind überraschende Einblicke, Leidenschaft, neue Perspektiven und Entdeckungen, kurz: guter Journalismus. Ich habe nach 108 Seiten noch immer keine Idee, was die Macher mit diesem Heft eigentlich wollen.

Das alles wäre halb so schlimm und nicht der Rede wert, wenn Chefredakteur Johannes Finke im Editorial nicht so große Töne spucken würde. Er zitiert Maxim Biller, der sich beklagt, “dass man immer nur mit den alten Herren über Deutschland redet”, und keiner die Jungen und Mitteljungen “über den politischen, moralischen Zustand dieser Gesellschaft” reden lässt. Wollte Facemagazin diese Lücke füllen? Wenn ja, ist das misslungen.

Auf der Website bezeichnet man sich als Heft für Leute, die Neon nicht mehr lesen wollen und die gute alte Tempo vermissen. Wenn das der Maßstab ist, muss man sich in Heft 2 gewaltig steigern.

PS: Mit dem legendären The Face hat das Facemagazin natürlich nichts zu tun, aber spekuliert hat man möglicherweise schon darauf, dass ein bisschen was vom Glamour dieser Marke auf das neue Blatt abstrahlt.