Im Web: Das Wunder von Wien

Am Vorabend des Eröffnungsspiels strahlte der ORF zur Prime Time einen Film aus, der wieder mal zeigte, dass uns unsere südliche Nachbarn in Sachen Humor weit voraus sind. Das Wunder von Wien erzählt in Form einer Mockumentary, wie die österreichische Nationalelf den EM-Titel 2008 im eigenen Land gewann. Als Regisseur David Schalko und Autor Fred Schreiber den Film planten, konnten sie noch nicht ahnen, dass Österreich in der Vorrunde zwar ausschied, sich aber doch relativ achtbar geschlagen hatte. Nein, vor dem Turnier musste man vom Schlimmsten ausgehen. Viele erwarteten nichts anderes als drei richtig hohe Niederlagen.

Diese pessimistische Grundstimmung im Land verkehrten die Filmemacher ins Gegenteil und erdachten sich einen fiktiven Turnierverlauf: Nach knappen Siegen gegen Polen und Kroatien steht Österreich vor dem Gruppenspiel gegen Deutschland bereits im Viertelfinale, im letzten Gruppenspiel lässt man die Deutschen gewinnen, eine Skandalpartie, die an die „Schande von Gijon“ erinnert. Im Viertelfinale trifft man auf die Schweiz, die man in einer extrem brutal geführten Partie schlägt. Im Halbfinale geht es dann erneut gegen Deutschland, diesmal gewinnt Österreich. Und die Niederländer werden schließlich im Finale geschlagen.

Schalko und Schreiber (die auch die Köpfe hinter der großartigen Sendung ohne Namen waren und heute an der Stermann/Grissemann-Show Willkommen Österreich mitarbeiten) präsentieren die fiktive Geschichte des Turniers ganz im Stil einer routinierten Sport-Rückblicks-Reportage. Rückblickende Interviews wechseln sich mit TV-Aussschitten und eingeblendeten Presse-Schlagzeilen ab. Das tolle am Wunder von Wien ist, dass all diese Szenen nicht mit Schauspielern umgesetzt wurden, sondern mit realen Prominenten, die sich selbst spielen: Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Toni Polster, Andi Herzog, ÖFB-Trainer Hickersberger oder Leo Beenhakker, Leute wie Alfred Dorfer und natürlich eine Reihe von ORF-Moderatoren, die ihre eigenen Sendungen parodieren, allen voran Rainer Pariasek und Herbert Proshaska sowie ihr deutsches Pendant, Delling und Netzer. Sie alle spielen mit und sorgen dafür, dass die Doku genau so aussieht, wie man es von einer realen Version erwarten würde.

Der einzige erfundene Charakter der Sendung ist die Figur Peter Hruska, angeblich ein Reservespieler des FC Bayern, der kurz vor der EM als Österreicher eingebürgert wurde und sein Team mit den entscheidenden Toren zum Titel schoss. Für die Spielszenen, die die einzelnen EM-Spiele dokumentieren, griff man auf Testspiele zurück und konnte so ebenfalls einen ziemlich realistischen Look erzielen (auch wenn man dazu schon mal als Kunstkniff einen Wetterbericht zeigen muss, der von extrem kaltem Wetter spricht, damit man eine Begründung dafür hat, dass Jogi Löw im Wintermantel am Spielfeldrand steht). Peter Hruska, gespielt von Franz-Xaver Brückner, wurde in diese Spielszenen einmontiert. Das sieht nicht immer perfekt aus, reicht aber vollkommen aus, denn Das Wunder von Wien zielt nicht darauf ab, den Zuschauer hinters Licht zu führen — jeder weiß, dass das nicht die Realität ist.

Der 50minütige Film ist ein großartiger Spaß, nicht weil er voller zündender Gags wäre, sondern weil er ein völlig unrealistisches Science-Fiction-Szenario in einer bewusst seriösen Form präsentiert. Ganz entscheidend ist dabei der Faktor der prominenten Mitwirkenden: Wenn etwa Bayern-Boss Rummenigge bierernst davon spricht, dass dieser Hruska ein Riesentalent sei, der es aber beim FC Bayern neben Klose, Toni und Podolski sehr schwer habe, dann hat das eine herrliche Komik. Nebenbei kann man den Film natürlich auch als Parodie verstehen: auf Verklärfilme wie Sönke Wortmanns Sommermärchen ebenso wie auf die mediale Begleitung von Sportereignissen und auch auf die gebetsmühlen- und reflexhaften Cordoba- und Gijon-Erinnerungen in Deutschland und Österreich.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein ähnliches Projekt im deutschen Fernsehen möglich wäre. Wenn man dort Fußball und Humor verknüpfen möchte, kommen ausschließlich Desaster wie Nachgetreten oder Waldis EM-Club heraus. Österreich hat es besser, und man darf (wieder mal) neidisch auf ORF-Gebührenzahler sein. Dankenswerterweise stellt der ORF den Film auch als Webstream zur Verfügung und lässt auch Nichtzahler ganz legal zuschauen.

 

Ein Gedanke zu „Im Web: Das Wunder von Wien

  1. Eine eher peinliche Sache für den Macher und die Teilnehmer dieses Werkes, wenn man sich das Abschneiden der österreichischen Nationalmannschaft in der Realität vor Augen ruft. Die Spieler haben da sicher eine gute Entscheidung getroffen bei diesem Blödsinn nicht mitzuwirken.

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