Archive for Juli, 2008

Trailerschau für Filmstarts vom 10.7.

Im Kino sehen:
CSNY/Déjà Vu (Crosby, Stills, Nash & Young – Déjà Vu): Neil Young auf US-Tour mit seinen alten Kumpels, geboten werden vor allem Songs aus dem Anti-Bush-Album Living With War. Ich mag Neil Young (der mit diesem Film zu den Rockstars mit den meisten Kinofilmen gehören dürfte), fürchte hier allerdings ein Übermaß an extrem plakativen Polit-Statements, die alles andere als subtil sind. Hier ist der alte Zausel übrigens selbst als Regisseur mit dem schönen Pseudonym Bernard Shakey am Werk.

Auf die DVD warten:
Married Life: Sehr klassisch anmutende schwarze Komödie, de in den 40er Jahren spielt: Der famose Chris Cooper gibt einen Ehemann, der seine Frau umbringen will, weil er ihr eine Scheidung ersparen möchte. Pierce Brosnan ist auch dabei. Einer dieser unscheinbaren Filme, die man kaum wahrnimmt, die auch nicht besonders wichtig sind, die einen aber sehr angenehm unterhalten können.

The Incredible Hulk (Der unglaubliche Hulk): Marvel drückt den Relaunch-Button: Dies ist ausdrücklich keine Fortsetzung von Ang Lees Hulk aus dem Jahr 2003 (den viele ganz fürchterlich finden, ich aber nicht), sondern ein Neuanfang. Weniger Arthouse, mehr Mainstream lautet die Devise, Regie führt Louis Leterrier (The Transporter). Mit Edward Norton und Tim Roth in den Hauptrollen wurden aber trotzdem interessante Darsteller verpflichtet. Achtung: In den meisten Kinos läuft eine gekürzte FSK12-Fassung! Im Umlauf sind aber auch ein paar unzensierte Fassungen und Versionen im Originalton, die ab 16 freigegeben sind. Schnittberichte.com hat eine Kinoliste. Mal ganz davon abgesehen, ob der Film was taugt: Allein diese zweifelhafte Politik reicht schon als Grund, lieber auf die DVD zu warten.

Vielleicht mal im Fernsehen:
AlleAlle: Sympathisch wirkende deutsche Loser-Dramödie über drei Außenseiter in mittleren Jahren, die sich in der Brandenburger Provinz kennenlernen und zusammenraufen.

Youth Without Youth (Jugend ohne Jugend): Der neue Film von Francis Ford Coppola, der laut überwiegender Meinung der Filmkritik ein Desaster sein soll: verwirrend, versponnen, nicht gut. Tim Roth spielt einen alten Mann, der nach einem Blitzschlag wieder jung ist und ganz viele Sprachen beherrscht.

Muss nicht sein:
Balls of Fury: Action-Comedy mit Tischtennis! Klingt nach einer lustigen Idee, reicht vom Witzpotential allerdings höchstens für einen Kurzfilm. So wird nur eine weitere Flachkomödie draus. Genial allerdings das Outfit von Christopher Walken als fernöstlicher… äh, keine Ahnung, was der da spielt.

Im Web: Das Wunder von Wien

Am Vorabend des Eröffnungsspiels strahlte der ORF zur Prime Time einen Film aus, der wieder mal zeigte, dass uns unsere südliche Nachbarn in Sachen Humor weit voraus sind. Das Wunder von Wien erzählt in Form einer Mockumentary, wie die österreichische Nationalelf den EM-Titel 2008 im eigenen Land gewann. Als Regisseur David Schalko und Autor Fred Schreiber den Film planten, konnten sie noch nicht ahnen, dass Österreich in der Vorrunde zwar ausschied, sich aber doch relativ achtbar geschlagen hatte. Nein, vor dem Turnier musste man vom Schlimmsten ausgehen. Viele erwarteten nichts anderes als drei richtig hohe Niederlagen.

Diese pessimistische Grundstimmung im Land verkehrten die Filmemacher ins Gegenteil und erdachten sich einen fiktiven Turnierverlauf: Nach knappen Siegen gegen Polen und Kroatien steht Österreich vor dem Gruppenspiel gegen Deutschland bereits im Viertelfinale, im letzten Gruppenspiel lässt man die Deutschen gewinnen, eine Skandalpartie, die an die “Schande von Gijon” erinnert. Im Viertelfinale trifft man auf die Schweiz, die man in einer extrem brutal geführten Partie schlägt. Im Halbfinale geht es dann erneut gegen Deutschland, diesmal gewinnt Österreich. Und die Niederländer werden schließlich im Finale geschlagen.

Schalko und Schreiber (die auch die Köpfe hinter der großartigen Sendung ohne Namen waren und heute an der Stermann/Grissemann-Show Willkommen Österreich mitarbeiten) präsentieren die fiktive Geschichte des Turniers ganz im Stil einer routinierten Sport-Rückblicks-Reportage. Rückblickende Interviews wechseln sich mit TV-Aussschitten und eingeblendeten Presse-Schlagzeilen ab. Das tolle am Wunder von Wien ist, dass all diese Szenen nicht mit Schauspielern umgesetzt wurden, sondern mit realen Prominenten, die sich selbst spielen: Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Toni Polster, Andi Herzog, ÖFB-Trainer Hickersberger oder Leo Beenhakker, Leute wie Alfred Dorfer und natürlich eine Reihe von ORF-Moderatoren, die ihre eigenen Sendungen parodieren, allen voran Rainer Pariasek und Herbert Proshaska sowie ihr deutsches Pendant, Delling und Netzer. Sie alle spielen mit und sorgen dafür, dass die Doku genau so aussieht, wie man es von einer realen Version erwarten würde.

Der einzige erfundene Charakter der Sendung ist die Figur Peter Hruska, angeblich ein Reservespieler des FC Bayern, der kurz vor der EM als Österreicher eingebürgert wurde und sein Team mit den entscheidenden Toren zum Titel schoss. Für die Spielszenen, die die einzelnen EM-Spiele dokumentieren, griff man auf Testspiele zurück und konnte so ebenfalls einen ziemlich realistischen Look erzielen (auch wenn man dazu schon mal als Kunstkniff einen Wetterbericht zeigen muss, der von extrem kaltem Wetter spricht, damit man eine Begründung dafür hat, dass Jogi Löw im Wintermantel am Spielfeldrand steht). Peter Hruska, gespielt von Franz-Xaver Brückner, wurde in diese Spielszenen einmontiert. Das sieht nicht immer perfekt aus, reicht aber vollkommen aus, denn Das Wunder von Wien zielt nicht darauf ab, den Zuschauer hinters Licht zu führen — jeder weiß, dass das nicht die Realität ist.

Der 50minütige Film ist ein großartiger Spaß, nicht weil er voller zündender Gags wäre, sondern weil er ein völlig unrealistisches Science-Fiction-Szenario in einer bewusst seriösen Form präsentiert. Ganz entscheidend ist dabei der Faktor der prominenten Mitwirkenden: Wenn etwa Bayern-Boss Rummenigge bierernst davon spricht, dass dieser Hruska ein Riesentalent sei, der es aber beim FC Bayern neben Klose, Toni und Podolski sehr schwer habe, dann hat das eine herrliche Komik. Nebenbei kann man den Film natürlich auch als Parodie verstehen: auf Verklärfilme wie Sönke Wortmanns Sommermärchen ebenso wie auf die mediale Begleitung von Sportereignissen und auch auf die gebetsmühlen- und reflexhaften Cordoba- und Gijon-Erinnerungen in Deutschland und Österreich.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein ähnliches Projekt im deutschen Fernsehen möglich wäre. Wenn man dort Fußball und Humor verknüpfen möchte, kommen ausschließlich Desaster wie Nachgetreten oder Waldis EM-Club heraus. Österreich hat es besser, und man darf (wieder mal) neidisch auf ORF-Gebührenzahler sein. Dankenswerterweise stellt der ORF den Film auch als Webstream zur Verfügung und lässt auch Nichtzahler ganz legal zuschauen.

Trailerschau für Filmstarts vom 3.7.

Im Kino sehen:
Grindhouse: Na also, es geht doch! Das Double-Feature aus Tarantinos Death Proof und Rodriguez’ Planet Terror kommt nun doch noch in der Form, wie es geplant war und in den USA (mit mäßigem Erfolg) lief: als Doppelpack, einschließlich Fake-Trailer dazwischen. Allerdings gibt es davon wohl nur eine kleine Handvoll Kopien. In München läuft Grindhouse jedenfalls (noch) nicht.

Happy-Go-Lucky: Der Brite Mike Leigh, sonst eher zuständig für düstere Arbeiterdramen, entdeckt seine fröhliche Seite und zeigt uns eine Frau, die so fröhlich ist, dass ihre Umgebung das nur sehr schwer aushält. Ob man es als Zuschauer aushält, kann man jetzt selbst überprüfen. Ich freu mich jedenfalls drauf.

Auf die DVD warten:
Kung Fu Panda: Der neue digitale Animationsfilm aus dem Hause Dreamworks, diesmal mit einem Pandabären, der Martial Arts lernt (im Original gesprochen von Jack Black). Hat sicher einige nette Momente, wird über die Gesamtlänge aber wohl eher Durchschnitt sein.

Naissance des pieuvres (Water Lilies): Drei Mädchen auf ihren ersten Schritten im Land der Sexualität. Der film-dienst ist begeistert über dieses sensible Drama aus Frankreich: “Es gibt also doch ernste Alternativen zur sexuellen Exploitation von Teenagern mit Apfelkuchen.”

Vielleicht mal im Fernsehen:
Auge in Auge: Ein Film über den “Deutschen Film”, Kernzielgruppe: Filmkritiker. Zehn deutsche Regisseure stellen jeweils einen deutschen Klassiker vor, den sie wichtig finden, ergänzt wird das mit themenbezogenen Montagen (z.B. viele Schipsel mit Telefonen, viele Schnipsel mit Zigaretten usw.). Hoffentlich ist das Ergebnis nicht so prätentiös wie München – Geheimnisse einer Stadt, bei dem ebenfalls Michael Althen als Co-Regisseur mitgewirkt hat.

Hancock: Will Smith eröffnet den Superhelden-Sommer, der uns neben einem Highlight auch mittelmäßige und ganz schlechte Kost bringen wird. Hancock ist eine Art Superhelden-Parodie, in der die Hauptfigur ein unsympathisches Arschloch ist. Soll einen recht guten Auftakt haben, aber später immer blöder werden. Muss man wohl eher nicht sehen.

Trailerschau für Filmstarts vom 26.6.

Zurück aus dem Urlaub. Erstmal noch die Kinostarts von letzter Woche nachgeholt:

Auf die DVD warten:
The Ruins (Ruinen): Auf den ersten Blick riecht das nach einem weiteren Teenie-Urlaubs-Horrorfilm à la Hostel oder Turistas: Eine Trupper junger Mexiko-Urlauber verliert sich in den Ruinen einer alten Maya-Stätte, wo das Grauen auf sie wartet. Drehbuch und Romanvorlage stammen allerdings von Scott B. Smith, der immerhin auch den guten Sam-Raimi-Thriller A Simple Plan geschrieben hat. Könnte also doch ganz brauchbar sein.

Vielleicht mal im Fernsehen:
XXY: Argentinisches Drama um eine 15jährige Intersexuelle, die am Adrenogenitalen Syndrom leidet. Dass dies nicht unbedingt ein Leiden im wörtlichen Sinne sein muss, ist wohl eines der Anliegen des Films, der von der Kritik reichlich Lob bekommen hat.

All the Boys love Mandy Lane: Teenieslasher mit der sehr ansehnlichen, aber doch auch recht farblosen Amber Heard als Scream Queen. Lief letztes Jahr auf dem Fantasy Filmfest und kam dort nicht ganz so gut an.

Charlie Bartlett: Highschool-Film mit ein bisschen Indie-Flair: Charlie fliegt von seiner Privatschule und muss jetzt auf eine öffentliche Schule gehen, wo er eine Karriere als Hobby-Psychiater und Medikamenten-Dealer startet. Das Kritiker-Echo zum Film war ziemlich durchwachsen . Immerhin spielt Robert Downey Jr. mit.

La Paloma: Doku über das “meist gespielte Lied der Welt”, La Paloma. Meine Lieblingsversion ist übrigens die von Ulrich Mühe in Schtonk: “Hermann, Hermann Willié / mit Akzent auf dem e-heee….”

Muss nicht sein:

Retour en Normandie (Rückkehr in die Normandie): Nicolas Philibert, Regisseur der wirklich schönen Landschul-Doku Être et avoir (Sein und Haben), fährt in die Normandie, in der er vor über dreißig Jahren an einem FIlmprojekt mitgewirkt hat und besucht die Leute, die damals mitgewirkt haben. Erstaunlich, dass etwas so spezielles einen deutschen Verleih findet. Für mich ein bisschen zu speziell.

Public Viewing mal anders

EM-Finale 2008, Deutschland – Spanien, auf Großleinwand im Market Tafarn Pub in Abergavenny (Südostwales). Interessierte Zuschauer: 2, Barkeeper: 1, mehr oder weniger unbeteiligte Stammgäste: 4.