Im Kino: 99 Francs (39,90)

99 Francs basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fréderic Beigbeder aus dem Jahr 2001, der damals zu diesem Preis in Frankreich verkauft wurde und konsequenterweise in Deutschland 39,90 hieß (in Frankreich gibt’s das Buch inzwischen als 14,99 euros). Beigbeder, der bis dahin in der Werbebranche gearbeitet hatte, destillierte aus dem, was er dort erlebt hatte, eine zynische Abrechnung mit dem Business und stieg anschließend aus dem Geschäft aus.

Die Verfilmung von Jan Kounen (Dobermann, Blueberry), der selber schon etliche Werbespots gedreht hat, ist genau das, was ich von einer guten Kino-Umsetzung erwarte: Sie erzählt ihre Vorlage nicht sklavisch nach, sondern transportiert deren Essenz mit den Mitteln des Mediums Film. 99 Francs ist vor allem visuell beachtlich: Kounen bombardiert den Zuschauer mit Bildern, er benutzt die aggressive Bildsprache der Werbung und liefert einen Beinahe-Overkill an Effekten und optischem Schnickschnack. Jeden anderen Film hätte das möglicherweise zur Strecke gebracht — hier passt es. Die Geschichte vom erfolgreichen Werber Octave, dem die Gepflogenheiten der Branche zunehmend auf den Sack gehen, verträgt diesen Look. Sie verträgt auch die Überzeichnung der Figuren, die noch deutlich grotesker sind als im Roman: kreative Werber koksen nonstop um die Wette, ihre Vorgesetzten sind speichelleckende Lakaien der auftraggebenden Großindustrie.

In der ersten Hälfte ist 99 Francs höchst unterhaltsam, ironisch, satirisch und spaßig, ganz besonders in der surrealen Szene, in der die Hauptfigur in die Welt eines ekelhaften Heile-Welt-Werbespots für Nicht-Erwachsenen-Schokolade gerät. In der zweiten Hälfte wird der Film dann etwas ernsthafter. Zumindest theoretisch, denn die Sequenz, in der Octave im Drogenrausch wirklich einen Schritt zu weit geht und es Tote gibt, wird von Jan Kounen locker-leicht als knallig-überdrehte Trickfilm-Sequenz inszeniert. Die darin verborgene Tragik geht darin leider völlig unter. Im Anschluss kommt der Film recht schnell zu einem nihilistischen Ende, hängt jedoch ein „alternatives Ende“ direkt dahinter. Kein echtes Happy End, aber doch wesentlich versöhnlicher. Dieses ist mit ca. 30 Minuten ein wenig lang geraten.

Am Ende bleibt ein sehenswerter Film, der zwangsläufig in dem gleichen Dilemma stecken bleibt, wie jede andere Kapitalismuskritik im Gewand des Entertainment. Man kritisiert die Industrie, bleibt aber ein Teil davon. Jan Kounen ist sich dieses Dilemmas bewusst. Am Ende des Abspanns wird direkt die anstehende DVD zum Film beworben, und ganz zum Schluss gibt es noch einen Ausschnitt aus der ersten Werbung der Filmgeschichte.

 

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