Im Kino: Wanted

Wanted ist ein sehr kurzweiliger Film. Die 110 Minuten kamen mir überhaupt nicht lang vor, im Gegenteil. Es gibt schließlich auch jede Menge zu sehen auf der Leinwand. Regisseur Timur Bekmambetov, der sich seine Eintrittskarte für Hollywood mit den russischen Blockbustern Wächter der Nacht und Wächter des Tages verdient hat, feuert von der ersten Minute ein Bilderstakkato auf den Zuschauer ab. Eindrucksvolle Special Effects, wilde Kamerafahrten, extreme Wechsel von Superzeitlupen und Zeitraffern, Bullet Time, zurückgespulte Szenen. Jede Menge Blei, Blut und Action, schick und slick präsentiert. Bestes Eye-Candy für die Zielgruppe der männlichen Post-Teenager.

Ein solcher ist auch der Protagonist von Wanted, Wesley Gibson (James McAvoy). Ein Klischee-Loser, wie er im Buche steht, der seine Tage im Büro-Cubicle fristet, umringt von doofen Kollegen und tyrannischen Vorgesetzten. Dessen Freundin ihn mit seinem besten Freund betrügt, wogegen er nichts zu tun vermag. Ein ganz schlimmer Loser also. (Wobei man ja auch sagen könnte: Hey, immerhin hat er einen Job, eine Freundin und einen besten Freund! Gar nicht mal so wenig!)

Dieses armselige Dasein hat schlagartig ein Ende, als ihm das geheimnisvolle, schwer bewaffnete Superbabe Fox (Angelina Jolie) begegnet. Sie bringt ihn in die Zentrale eines Killer-Geheimbunds namens „Brotherhood“. Deren Boss (Morgan Freeman) erklärt Wesley, dass sein Vater (der sich kurz nach Wesleys Geburt aus dem Staub gemacht hatte), für diese Bruderschaft tätig war, ehe er kürzlich selbst getötet wurde. Wesley soll nun sein Nachfolger werden, denn das Töten liegt ihm in den Genen. Aus dem Loser wird nun also im Schnelldurchgang ein Superkiller gemacht, jede Tötungshemmung abtrainiert und die in ihm schlummernden Fähigkeiten geweckt. Schon bald ist Wesley als fideler Mörder unterwegs, bis ihm klar wird, das hinter seinem Rücken ein falsches Spiel gespielt wird und er zwischen den Fronten steht.

Soweit, so unterhaltsam. Am besten man setzt sich in diese filmische Achterbahn und denkt nicht viel über den Inhalt nach. Denn wenn man damit mal anfängt, wird’s ziemlich unschön. Die Bruderschaft tötet, um Gutes zu tun. Ihre Opfer sind üble Schurken, nach ihrer eigenen Ethik tötet die Bruderschaft, um Leben zu retten („Töte einen, rette tausende“). Und woher wissen die Brüder, wen sie zu töten haben? Sie bekommen es diktiert von einem Webstuhl. Richtig gelesen. Der „Webstuhl des Schicksals“ webt einen kaum sichtbaren Geheimcode in ein Stück Stoff, dieser wird entschlüsselt und wir haben das nächste Opfer. Es ist vielleicht das größte Verdienst von Timur Bekmambetov, dass er es schafft, diesen Quatsch zu erzählen, ohne dass sich das Publikum vor Lachen krümmt.

Als wäre die Botschaft „Manchmal muss man halt töten“ nicht schon zweifelhaft genug, ist es nicht weniger bedenklich, wenn man sich den Werdegang von Wesley ansieht. Rückgratloser Loser = schlecht, mitleidloser Ausführender von Befehlen = gut. Jeder Söldner-Ausbilder hat ein differenzierteres Menschenbild.

Was sich wie ein roter Faden durch Wanted zieht, ist seine Kälte. Die extreme Leidenschaftslosigkeit, mit der die Bruderschaft ihre Morde durchzieht, das Inkaufnehmen von Kollateralschäden und die dazu passende Kälte der Darsteller. Morgan Freeman, sonst immer dafür zuständig, ein wenig Herz und Wärme selbst in düstere Epen wie The Dark Knight zu bringen, hat hier soviel Charme und Charisma wie eine Tiefkühltruhe. Er wird aber noch locker getoppt von Angelina Jolie, die kaum mehr als 10 Sätze sagen darf, niemals lächelt und ansonsten vor allem cool und sexy aussehen soll. Das mit dem cool aussehen hat teilweise geklappt, sexy ist sie aber kein bisschen.

Umso erstaunlicher, dass Bekmambetov damit durchkommt. Wanted ist, nüchtern betrachtet, totaler Dreck. Allerdings eine mitreißende und vergnügliche Sorte von Dreck, die durchaus Spaß macht und gut unterhält. Wenn der Zuschauer in der Lage ist, die Optik zu genießen und den bedenklichen Subtext auszublenden (bzw. zu erkennen), dann passt das. Insofern geht auch die FSK-18-Freigabe aus meiner Sicht völlig in Ordnung.

 

4 Gedanken zu „Im Kino: Wanted

  1. Also entweder haben wir unterschiedliche Filme gesehen, oder den „Subtext“ gänzlich unterschiedlich verstanden. Kern der Bruderschafts-Story ist doch gerade, dass niemand sich anmaßen sollte, über Leben und Tod anderer zu entscheiden, weil das trotz noch so guter ursprünglicher Absichten zu zwangsläufig zu Fehleinschätzungen und Hybris führt. Was Agent Fox ja auch einsieht und entsprechend handelt.
    Insofern ist Bekmambetovs „Botschaft“, so man denn überhaupt eine in dieses oberflächliche Action-Spektakel reindichten will, politisch durchaus korrekt und gar nicht so „unschön“

  2. Jolie soll niemals in dem Film gelächelt haben? Na da hab ich ein paar Szenen noch im Kopf, in denen sie desöfteren lächelt ;)
    Und diese ganzen Diskussionen über die Intention des Films etc.: Who cares?! :D

  3. @Enk: Vielleicht haben wir’s wirklich ganz unterschiedlich verstanden.

    *** ACHTUNG SPOILER ***

    Im Grunde bleibt auch Fox am Ende ihrer ursprünglichen Moral treu: Die Bösen gehören gekillt. Und wenn sich rausstellt, dass die Guten die Bösen sind, muss man halt die Guten killen.

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