Geist ist geil

Trailerschau für Filmstarts vom 30.10.

Donnerstag, 30.10.2008

Im Kino sehen:
Let’s make Money: Ein besseres Timing hätte es nicht geben können. Vom Frisör bis zum Bundespräsident spricht jeder über die so-called Finanzkrise, und hier ist der Film dazu. Let’s make Money versucht, die Zusammenhänge der Weltwirtschaft zu erklären. Was vielleicht ein bisschen viel Ambition für einen Dokumentarfilm ist. Regisseur Erwin Wagenhofer hat aber mit dem sehenswerten We Feed the World schon gezeigt, wie man durch das Beleuchten einzelner Schlaglichter zumindest ein paar Gedankengänge übers große Ganze auslösen kann.

Vielleicht mal im Fernsehen:
Mein Freund aus Faro: Teenager-Mädchen Jenny verliebt sich in einen Jungen, der gar kein Junge ist. Ein deutscher Debütfilm, der vielleicht gar nicht mal schlecht ist. Dass man im Marketing so penentrant auf Boys Don’t Cry verweist, hätte aber echt nicht sein müssen.

Mirrors: Wieder mal ein US-Remake eines asiatischen Gruselfilms, wobei dieser Film von Alexandra Aja eine ziemlich freie Adaption des Originals sein soll. Kiefer Sutherland gibt einen alkoholkranken Ex-Cop, der als Nachtwächter arbeitet und Angst vor Spiegeln bekommt. Naja, irgendein Horrorfilm muss ja zu Halloween im Kino laufen.

Botero - Born in Medellin: Ein Film über den Maler und Bildhauer Fernando Botero — der, bei dem alles so rund und knubbelig ist.

Muss nicht sein:
Bienvenue chez les Ch’tis (Willkommen bei den Sch’tis): Der Über-Blockbuster aus Frankreich, der hauptsächlich auf Regional- und Dialekt-Humor baut. Beides Dinge, die sich eher schlecht exportieren lassen. Wenn überhaupt, dann kann das nur im Original funktionieren. Aber natürlich hat man ihn fürs deutsche Kino synchronisiert (und wirbt mit einem prominenten Sprecher). Die Gags mit dem SCH statt S kenne ich aber alle schon aus Asterix und der Avernerschild.

Dalai Lama Renaissance: Wieviele Filme gibt’s denn inzwischen schon über Herrn Lama? Ist das nicht irgendwann mal genug?

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Im TV: Pushing Daisies

Samstag, 25.10.2008

Jaja, alles Mist im Fernsehen, nur noch doof und idiotisch, jaddajaddajadda. Stimmt gar nicht. Wer Rosinen picken kann, findet auch was. Die neueste Rosine im Programm läuft auf Pro Sieben und ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sie startet schon ein Jahr nach dem US-Start, sie bekommt einen vernünftigen Sendeplatz und sie ist ordentlich synchronisiert. Und dann holt die erste Folge auch noch sehr gute Quoten. Irgendwas stimmt da nicht …

Aber auch sonst ist die Serie, entwickelt vom Dead Like Me-Erfinder Bryan Fuller und produziert von Barry Sonnenfeld (Men In Black), der auch bei den ersten beiden Folgen Regie geführt hat, etwas anders als der Durchschnitt. Das beginnt schon bei der Grundkonstellation, die man einfach erstmal schlucken muss, wenn man Spaß an der Serie haben will. Hauptfigur Ned kann Tote durch Berührung erwecken. Wenn er sie ein zweites Mal berührt, sind sie wieder tot. Wenn er sie aber länger als eine Minute leben lässt, stirbt jemand anders, der grade in der Nähe ist. Dumm nur, dass Ned in der ersten Folge seine Jugendliebe Chuck erweckt, sie aber jetzt niemals mehr berühren darf.

Die Ausgangsprämisse hier mal in 45 Sekunden zusammengefasst:

Was Fuller und Kollegen hieraus machen, ist ein stark überzeichnetes modernes Märchen, das nie den Anspruch erweckt, realistisch zu sein. Das wird schon am Look erkennbar: quietschebunt und absichtlich künstlich sehen Kulissen, Gegenstände und Kostüme aus, immer hart an der Grenze zum Kitsch. Mehr als einmal fühlt man sich an Tim Burton erinnert (allerdings an einen Tim Burton, der in einen Farbtopf gefallen ist). Zur Märchenhaftigkeit passt auch, dass es einen Märchenonkel gibt, der aus dem Off erzählt. Und erzählt und erzählt. Hier wäre weniger mehr gewesen, denn oft kommentiert der Sprecher nur das, was man ohnehin sieht. Dafür sind die Dialoge und die Handlung sehr temporeich und flott und ergeben genau jene Mischung, die die Amis Dramedy nennen.

Die Synchro fällt, wie schon gesagt, nicht negativ auf (wobei ich die Originalfassung nicht kenne). Verloren gehen allerdings so schöne Wortspiele wie der Titel der Pilotfolge, die in den USA “Pie-lette” hieß (Ned bäckt hauptberuflich Obstkuchen). Ich hatte jedenfalls viel Spaß an der ersten Folge. Wenn jetzt alles so läuft wie üblich, dann gehen die Quoten ab Folge 2 massiv in den Keller, Pro Sieben pausiert drei Wochen, legt dann den Sendeplatz auf Sonntag mittag und setzt die Serie wenig später nach fünf von neun Folgen ab.

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Quality Street

Freitag, 24.10.2008

Friedrich Küppersbusch in der taz zur Qualitätsdebatte rund ums deutsche Fernsehen:

Marcel Reich-Ranicki kommt mir vor wie jemand, der wandern will und auf eine Kirmes geht - und sich dann beschwert, dass man da nicht wandern kann. Da kann ich nur sagen: Marcel, da drüben ist der Wald!
 
Wie meinen Sie das?
 
Die Frage ist doch nicht, ob wir neben Arte und 3Sat noch einen Sender für die Hochbegabtenförderung brauchen, um neben der Theater-, Bücher- und Film- auch noch die Musiklobby zu bedienen. Die Frage ist, wie man dem weniger gebildeten Zuschauer eine Alternative zu den Schamlippenpiercing-Runden auf den Privatsendern bietet. Das macht man jedenfalls nicht, indem man ihn zwingt, im Telekolleg bei Reich-Ranicki sein Abitur nachzumachen.



Trailerschau für Filmstarts vom 23.10.

Donnerstag, 23.10.2008

Im Kino sehen:
Blindness (Die Stadt der Blinden): Verfilmung eines Romans von Nobelpreisträger José Saramago, gedreht von Fernando Meirelles, der den tollen City of God gemacht hat. Erzählt wird von einer rätselhaften Epidemie, die die Menschen plötzlich reihenweise erblinden lässt. Erreicht nach Meinung der meisten Kritiker nicht die Klasse des Buches, Thema und visueller Look des Films sind aber vielversprechend, finde ich.

Auf die DVD warten:
Old Joy: Indie-Film aus dem Jahr 2006 (!) über zwei Typen auf einem Trekking-Trip. Mit Will Oldham, auch bekannt als Singer/Songwriter Bonnie ‘Prince’ Billy. Tante Wikipedia sagt: “The film is a minimalist story of friendship, loss and alienation in the Bush era.”

Vielleicht mal im Fernsehen:
Anonyma - Eine Frau in Berlin: Verfilmung der anonym veröffentlichten Tagebücher über Vergewaltigungen russischer Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone. Zweifellos ein wichtiges Thema, im Kino aber schwierig umzusetzen. Der film-dienst schreibt: “Allerdings erliegt der Film schnell dem Zwang von Genrekonventionen und walzt den Versuch der Protagonistin, sich einen hochrangigen Offizier als Schutz vor der Meute zu angeln, melodramatisch aus, was zu sattsam bekannten Klischees und Bildern führt.”

Hidden Heart: Doku über die erste Herztransplantation 1967 in Kapstadt. Die zentrale Rolle spielt der schwarze Chirurg Hamilton Naki, der neben dem Chefchirurgen Christiaan Barnard großen Anteil an der Pioniertat hatte, was damals aber wegen der Apartheid verschwiegen wurde.

Nordwand: Die missglückte Erstbesteigung der Eiger-Nordwand im Jahr 1936, als aufwendiges Bergsteigerdrama von Philipp Stölzl, der viele Musikvideos und Werbespots gedreht, zuletzt aber auch Opern inszeniert hat. Kommt auf der großen Kinoleinwand wahrscheinlich ganz gut, man muss dann aber auch damit leben, dass der Film auf ein großes Mainstreampublikum zielt und entsprechend mit viel Pathos und einer dazuerfundenen Lovestory daherkommt.

Elli Makra - 42277 Wuppertal: Abschlussfilm des griechisch-stämmigen Regisseurs Athanasios Karanikolas, der in Babelsberg studierte und einen Film über eine in Deutschland lebende Griechin gemacht hat. Riecht sehr nach “Kleines Fernsehspiel”, was aber nichts Schlechtes heißen muss.

Muss nicht sein:
Max Frisch, Citoyen: Doku über Max Frisch als Schweizer Staatsbürger und Intellektueller, der mehr sein wollte, als nur ein Schriftsteller. Mag ja ganz interessant sein, aber muss man sowas im Kino gucken?

La Bohème: Filmversion der Puccini-Oper, die vor allem ein Vehikel für das Klassik-Superstar-Traumpaar Anna Netrebko und Rolando Villazón dient.

The Pineapple Express (Ananas Express): 100 Jahre nach Cheech und Chong kann man immer noch (oder wieder?) Kiffer-Komödien drehen. Diese hier stammt aus dem Produktionsstall von Judd Apatow und könnte vielleicht als Kurzfilm lustig sein. Die ganze Strecke hält man vermutlich nur mit ein paar Tüten durch.

High School Musical 3: Senior Year: Das extrem erfolgreiche Teenager-Musical geht in die dritte Runde. Hilfe.



Asia Filmfest 2008

Mittwoch, 22.10.2008

Durch ungeschickte Urlaubsplanung habe ich in diesem Jahr sowohl das Münchner Filmfest als auch das Fantasy Filmfest verpasst, und deswegen freue ich mich, dass ich zumindest zum Asia Filmfest in der Stadt bin. Dieses noch recht junge Festival, das jedes Jahr etwas mehr expandiert, läuft in München vom 30.10. bis 9.11. (plus drei Bonustage mit Wiederholungen), ehe es dann noch eine kleinere Filmauswahl in Hamburg und Berlin vorstellt.

Der immer umfangreicher werdende Spielplan ist erfreulich, macht es aber für Gelegenheits-Asien-Gucker wie mich nicht einfacher, eine Filmauswahl zu treffen. Die Texte im Programmheft klingen ja immer gut, aber auch hier wird nicht alles Gold sein, was glänzt. Es sind aber einige Sachen dabei, die auf den ersten Blick sehr interessant aussehen: Die Premiere der deutsch-japanischen Produktion Der rote Punkt, die Weltpremiere des durchgeknallten Fantasy-Spektakels Paco and the Magical Book, Johnnie Tos Taschendieb-Film The Sparrow oder die “Redux”-Version von Wong Kar-Wais Ashes of Time. Persönliche Tipps oder Warnungen können gerne in den Kommentaren gegeben werden.

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Live: PeterLicht

Montag, 20.10.2008

Schon mein drittes Kirchenkonzert in Dachau. Diesmal war die evangelische Kirche der Ort des Geschehens, zu Gast war PeterLicht mit seiner kleinen, dreiköpfigen Begleitband, die erfreulicherweise bei einem Song (”Heimkehrerlied”) auch die Kirchenorgel einsetzte. Der Künstler ist ja bekanntermaßen fotoscheu, und so war es nicht mal überraschend, dass die Bühne beim ersten Lied erstmal komplett dunkel blieb. Sollte es hier ein Konzert in Dunkelheit geben? Das dann doch nicht. Von Song zu Song wurde ein bisschen heller gedimmt, bis der Altarraum dann irgendwann voll erleuchtet war, und man auch das Transparent lesen konnte, das jemand an die Empore gehängt hatte: “Und Gott sprach: Es werde Licht!” Fieser Kalauer, der aber angesichts der Location schon in Ordnung ging, und irgendwie auch passte. Denn PeterLicht, der sich anfangs nur von einem blauen Bürostuhl verköpern ließ und sein Gesicht immer noch nicht in der Zeitung oder im Fernsehen sehen will, zeigt sich seit kurzem offen und unverstellt auf der Bühne - Fotografieren ist aber verboten (ebenso wie das Mitreinnehmen der vor der Kirche verkauften Bierflaschen — Wein ging dagegen auch drinnen).

A propos Kalauer: auch PeterLicht ist ihm bisweilen nicht abgeneigt. Je länger das Konzert dauerte, desto lockerer und witziger wurden Sänger und Gesungenes. Der Humor kann bei PeterLicht subtil oder schräg, gerne auch mal einfach ein bisschen albern sein. Stellenweise wirkte das dann wie die intellektuelle Version von Helge Schneider, wurde aber niemals platt. Eingestreut zwischen das Liedprogramm (das die beiden letzten Alben fast komplett umfasste, dazu noch ein paar ältere Hits wie “Die transsylvanische Verwandte ist da”, “Lied gegen die Schwerkraft” und natürlich “Sonnendeck”) gab der Mann, der laut Welt “nichts gegen die Stellenbeschreibung Liedermacher einzuwenden hat”, auch noch zwei gesprochene Texte zum Besten (großartig: der olympische Wettkampf im Entspannen). Ansonsten wurde nicht viel palavert, im Mittelpunkt stand die Musik. Die ist auf dem aktuellen Album “Melancholie und Gesellschaft” noch hymnischer als auf dem Vorgänger und live gar nicht so leicht zu reproduzieren. Um Perfektion aber ging es hier nicht, es durften auch mal Einsätze vergeigt, der Text vergessen oder die Tonlage nicht gefunden werden. Es ging um die Freude an Musik und an Worten und Texten, mit denen PeterLicht so wunderbar smart und verspielt umgehen kann wie nur wenig andere Popmusiker. Das darf Spaß machen und lustig sein, aber auch melancholisch und nachdenklich. Und enthält zwischen den Zeilen sehr viel Wahres und Schlaues über unser Dasein.



Im Kino: Hellboy II: The Golden Army (Hellboy II - Die goldene Armee)

Freitag, 17.10.2008

Schon der erste Hellboy-Film aus dem Jahr 2004 war eine sehr gelungene Comic-Verfilmung: Den Geist der Vorlage treffend und doch eigenständig, reich an Action und Schauwerten, aber trotzdem konzentriert auf seine Hauptfiguren mit ihren Stärken und Schwächen. Nun legt Regisseur Guillermo del Toro nach, und man muss sagen: Er hat sich selbst übertroffen.

Für das Skript zum neuen Hellboy-Film wurden diesmal nicht bestehende Comics von Mike Mignola aufgegriffen, sondern del Toro entwickelte gemeinsam mit dem Hellboy-Schöpfer Mignola eine neue Story. Dies tut dem Film sehr gut - während der erste Film mit seinen Zutaten aus verschiedenen Hellboy-Kurzgeschichten ein bisschen zusammengestückelt wirkte, ist die Geschichte von Die goldene Armee aus einem Guss und funktioniert perfekt über die Laufzeit von zwei Stunden.

Der Film beginnt mit einer Szene mit Hellboy als Kind, adoptiert vom Professor Bruttenholm (John Hurt), der seinem Ziehsohn eine alte Legende erzählt: Demnach soll in den Tiefen der Erde eine Goldene Armee schlummern, die einst von Trollen und Orks als unschlagbare Waffe im Kampf gegen die Menschen erschaffen wurde. Ein friedliebender Elbenkönig soll die Armee später stillgelegt haben. Erweckt werden können die 70 mal 70 stählernen Krieger nur dann, wenn eine aus drei Teilen bestehende Krone wieder zusammengebracht werden kann. Diese Legende, die wichtiges Backgroundwissen für den Film enthält, wird als digital animierter Trickfilm auf die Leinwand gebracht, der in seinem Look an alte Holzpuppen erinnert.

Mit diesem Auftakt macht Guillermo del Toro schon mal unmissverständlich klar: Wir sind auf Fantasy-Terrain. Spielte der erste Film noch sehr stark mit Elementen der Pulp-Literatur (Nazi-Bösewichter, Rasputin, eine sprechende Mumie), ist Hellboy II sehr viel märchenhafter geraten. Wer del Toros vorletzten Film, den großartigen Pans Labyrinth gesehen hat, bemerkt eine deutliche visuelle Verwandtschaft zwischen diesen beiden Filmen.

Zunächst aber weiter in der Handlung: Nach der einleitenden Legende folgt ein Schnitt in die Gegenwart: In einem Auktionshaus werden archäologische Funde versteigert, darunter auch eines der drei Teile des oben erwähnten magischen Artefakts. Auftritt Prinz Nuada (Luke Goss - ja, tatsächlich einer der Brüder der 80er-Boyband Bros.!), der von einem sehr ungemütlichen Monster und einer Horde kleiner geflügelter Fieslinge begleitet wird. Die Action beginnt, und es ist klar: Hier muss die B.U.A.P. eingreifen, die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen (im englischen Original: B.P.R.D.). Hellboy und seine Kollegen haben den Auftrag, Prinz Nuada zu stoppen und seinen Plan zu verhindern, die Goldene Armee wieder auferstehen zu lassen um die Menschheit zu vernichten.

Es entspinnt sich ein ziemlich klassischer Fantasyplot, der teilweise nicht in der realen Welt der Menschen spielt, sondern in einer versteckten Unterwelt, die von allerlei Fabelwesen bevölkert wird. In diesem Teil des Films, wenn die B.U.A.P.-Mitglieder den sogenannten “Trollmarkt” besuchen, lässt Guillermo del Toro seiner Vorliebe für fantastische Geschöpfe freien Lauf. Hier wimmelt es nur so von unglaublichen Kreaturen, die Leinwand wird beinahe gesprengt von der Fülle an fremdartigen Gestalten. Großartiges Figurendesign trifft auf großartige Animationskunst - die Trollmarkt-Szene stellt die Sequenz im Raumflughafen Mos Eisley aus dem ersten Star-Wars-Film locker in den Schatten.

Doch Hellboy II verlässt sich nicht allein auf seine Kreaturen und seine Spezialeffekte, auch Hellboy selbst, der rote Dämon aus der Hölle, der auf der Seite der Menschen kämpft, spielt natürlich eine wichtige Rolle. Abermals genial verkörpert von Ron Perlman ist diese eigentlich vollkommen absurde Figur mit der überdimensionalen Steinhand das Herz und die Seele des Films. Hellboy hat Liebeskummer in seiner Beziehung zur B.U.A.P.-Kollegin Liz Sherman, er ist unsicher, weil er nicht recht weiß, was Frauen von Männern wollen. Das macht ihn sauer und unberechenbar, aber auch wunderbar melancholisch. Ein herrlicher Moment ist die Szene, in der Hellboy seinen Kummer bei einem Sixpack Bier gemeinsam mit dem Fischmenschen Abe Sapien (der ebenfalls verliebt ist) ertränkt und die beiden gemeinsam “Can’t Smile Without You” von Barry Manilow singen.

So wird die Fantasy- und Action-Handlung immer wieder humorvoll gebrochen, dazu dient auch die neu eingeführte Figur des Johann Kraus. Dieser ist Deutscher und obendrein ein Medium ohne physischen Körper. Sein “Ektoplasma” hält sich in einer Art Astronautenanzug auf. Kraus kommt neu ins B.U.A.P.-Team und spielt sich gleich als dessen Anführer auf - ein Umstand, der dem cholerischen Hellboy nicht gefallen kann.

Ein weiteres Element, das für zusätzliche Tiefe sorgt: Mehrfach stellt sich für Hellboy die Frage, ob er wirklich das richtige tut, wenn er auf Seiten der Menschen gegen allerlei Monstren kämpft, oder ob er nicht eigentlich selbst auf die andere Seite gehört. Besonders die Szene, in der es die B.U.A.P. mit einem Baumgeist zu tun bekommt, zeigt deutlich, dass die Zerstörung des vermeintlich Bösen auch immer die Zerstörung eines einzigartigen Wesens bedeutet.

Mit The Golden Army ist Guillermo del Toro ein wirklich toller Film gelungen, der den Vorgänger in allen Belangen übertrifft. Zudem hat es der Regisseur geschafft, ein Stück Mainstream-Popcorn-Kino abzuliefern, das zu einem international vermarkteten Franchise gehört, das aber trotzdem seine ganz persönliche Handschrift trägt. Hellboy II ist erstklassige Unterhaltung in Form einer wilden Genremixtur, die Elemente aus Mystery, Fantasy, Horror, Komödie und Superheldenstory enthält. Ich würde sogar soweit gehen und sagen: Die goldene Armee ist die beste Comicverfilmung des Jahres. Und jawohl, ich habe The Dark Knight gesehen …


Zuerst erschienen bei Comicgate. Dort gibt es im Moment auch ein Hellboy-Gewinnspiel mit hübschen Preisen.

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Trailerschau für Filmstarts vom 16.10.

Donnerstag, 16.10.2008

Im Kino sehen:
Hellboy II: The Golden Army (Hellboy - Die goldene Armee): Habe ihn schon gesehen und bin sehr begeistert. Wie schreibt Thomas Vorwerk bei satt.org so schön? “Ein Popcorn-Movie für Leute, die mehr als nur ein Popcorn-Movie möchten.” Als kleiner Vorgeschmack hier meine Lieblingsszene aus dem Film:

Vielleicht mal im Fernsehen:
Comme tout le monde (Mr. Average): Ein französischer Durchschnittstyp ist so durchschnittlich, dass er von Konsum- und Meinungsforschern als Testobjekt benutzt wird, das größere Mengen von Probanden überflüssig macht. Sieht nach einem leicht verdaulichen Mix aus sanfter Medienkritik mit einer Prise RomCom aus.

Aanrijding in Moscou (Neulich in Belgien): Normalerweise hasse ich romantische Komödien. Diese hier macht einen sehr lebensnahen Eindruck und könnte tatsächlich Spaß machen.

Zweier ohne: Schon wieder ein deutscher Coming-of-age-Film, um eine große Freundschaft zwischen zwei 17jährigen Jungs.

Die Geschichte vom Brandner Kaspar: Josef Vilsmaier verfilmt das in Bayern sehr populäre Volksstück, in dem ein Büchsenmacher den Boandlkramer (für Nichtbayern: Freund Hein, Sensenmann) unter den Tisch trinkt. Mit Franz Xaver Kroetz und Bully Herbig in den Hauptrollen, und wie es scheint, leider sehr krachert und Gaudi-bayerisch geraten. Da geh ich lieber mal in die Inszenierung am Volkstheater, die soll nämlich klasse sein. Und wenn ich schon dieses grausige Pseudo-Bairisch auf der Film-Website sehe, muss ich mich mit Grausen abwenden.

Das Fremde in mir: Deutsches Psychodrama um eine frischgebackene Mutter, die an einer an einer postnatalen Depression leidet.

Muss nicht sein:
Sebastiane: Schwuler Erotikfilm aus dem Jahr 1976, in dem ausschließlich Latein (mit englischen Untertiteln) geredet wird. Irgendwie toll, dass es sowas gibt und jetzt nach 32 Jahren ins Kino kommt. Ich muss es trotzdem nicht haben.

Der Mondbär - Das große Kinoabenteuer: Brave Bilderbuchverfilmung für die ganz Kleinen.

Nights in Rodanthe (Das Lächeln der Sterne): Schmonzette mit Kevin Costner Richard Gere und Diane Lane. Neue Liebe im Spätsommer des Lebens vor schöner Kulisse und mit Pferden. Gähn.

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Fußball live in der Mediathek

Mittwoch, 15.10.2008

oder: Warum Geotargeting ein Irrweg ist.

Das ZDF macht da irgendwas verkehrt. Andere Websites ordnen mich klar in Deutschland ein.



Im Kino: Son of Rambow (Der Sohn von Rambow)

Montag, 13.10.2008

Meine Sichtung ist schon wieder ein paar Wochen her, und er wird nur noch in ganz wenigen Kinos zu finden sein, aber dieser Film darf auf keinen Fall unter den Tisch fallen. Zumal er leider unverdientermaßen ziemlich untergegangen ist, und das lag nicht nur am unglücklichen Starttermin, parallel zu The Dark Knight. Nein, der Film wurde in Deutschland auch primär als Kinder- und Jugendfilm vermarktet, was zu verdooften Trailern und ungünstigen Kino-Uhrzeiten führte.

Dabei funktioniert Son of Rambow durchaus als gelungene Kinounterhaltung für jüngere Zuschauer, aber eben nicht nur. Denn der Film ist nicht nur die Geschichte einer Jungs-Freundschaft, sondern auch eine ironische Hommage an die 80er Jahre, eine Liebeserklärung ans Filmemachen, ein Stückchen Religionskritik und natürlich ein Gruß an Silvester Stallones Rambo — alles Dinge, die dem durchschnittlichen 10jährigen nicht besonders am Herzen liegen dürften.

Der Film spielt Anfang der 80er Jahre und handelt von zwei Schulbuben, die unterschiedllicher nicht sein könnten: Will wächst sehr behütet auf, seine (alleinerziehende) Mutter ist Mitglied bei der konservativen Religionsgemeinschaft der Plymouth-Brüder. Film und Fernsehen sind dort nicht geduldet — sogar, wenn in der Schule ein Lehrfilm gezeigt wird, muss Will das Klassenzimmer verlassen und auf dem Flur warten. Das ist dann auch der Ort, wo er auf Lee Carter trifft — der freilich ist deshalb so oft auf dem Flur, weil er der größte und frechste Rotzlöffel der ganzen Schule ist und ständig aus dem Unterricht fliegt.

Lee Carter, der allein mit seinem Bruder lebt, gehört zu den frühesten Videopiraten, er schleicht sich nachmittags ins Kino, um mit seiner VHS-Kamera den aktuellen Actionheuler First Blood (bei uns besser bekannt als Rambo) abzufilmen. Außerdem träumt er davon, beim Kinderfilmwettbewerb der BBC mitzumachen und will gerne ein Remake von First Blood drehen. Sein neuer Kumpel Will kommt ihm da gerade recht, schließlich braucht er einen Dummen, der für all die gefährlichen Stunts den Kopf hinhält. Doch Will, für den Lees Rambo-Aufzeichnung der erste Film ist, den er in seinem Leben gesehen hat, ist geflasht von diesem Erlebnis und spinnt in seiner Phantasie ein fantastisches Märchen um den Sohn von Rambo. So kommt es, dass die beiden beginnen, Son of Rambow zu drehen (das W wird in der Geschichte erklärt, dürfte aber vor allem aus Selbstschutz vor gierigen Copyright-Anwälten angefügt worden sein).

Mehr und mehr freundet sich das ungleiche Paar während der Dreharbeiten an, und plötzlich interessieren sich auch die Mitschüler für die beiden Außenseiter. An der Schule sind gerade französische Austauschsschüler zu Gast und selbst der blasierte, obercoole Didier (”Bonjour, l’Angleterre!”), der von den englischen Kids bewundert wird wie ein Rockstar vom anderen Stern, hat Interesse, mitzumachen. Der Rest der Handlung ist ein bisschen vorhersehbar, es kommt zum Filmdrehverbot durch Wills Mutter, die beiden Jungs zerstreiten sich, es gibt eine große Klimax und ein versöhnliches Ende und am Ende haben die Jungen eine wichtige Lektion fürs Leben gelernt.

Die konventionelle Schiene des Drehbuchs verzeiht man dem Film aber sofort, weil er unglaublich charmant und liebenswert, mit viel Witz und Ironie daherkommt. Das beginnt bei den liebevollen Zeichnungen, mit denen Will seine Bibel ebenso verziert wie das Schulklo, und aus denen er auch tolle Daumenkinos machen kann, es geht weiter mit der herrlichen Schuldisko-Szene, in der zum Sound von Depeche Mode 80er-Peinlichkeiten abgefeiert werden und findet seinen Höhepunkt in den von Will und Lee inszenierten Szenen. Wie sie aus einfachsten Mitteln ihre Actionsequenzen bauen, erinnert stark an Gondrys Be Kind Rewind, nur mit dem Unterschied, dass diese Kids eben keinen bekannten Film “schweden”, sondern ihr eigenes Ding drehen.

Dem britischen Regieduo Hammer & Tongs (Garth Jennings und Nick Goldsmith), von dem auch die (eher missratene) Verfilmung des Hitchhiker’s Guide to the Galaxy stammt, hat hier wirklich ein bezauberndes Stück Kino hingelegt. Am Schluss wird der fertige Son of Rambow-Film im örtlichen Filmtheater gezeigt und allein diese Szene ist so rührend und wunderbar, dass ich ins Schwärmen gerate und es traurig finde, dass den Film viel zu wenig Leute gesehen haben. In Bloody England gibt es den Film übrigens bereits auf DVD, ein Releasedatum für eine deutsche Version konnte ich noch nicht finden.

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