Im Kino: Waltz with Bashir

Schon rein formal ist Waltz with Bashir etwas sehr außergewöhnliches: Ein Zeichentrickfilm, der mehr oder weniger dokumentarisch von wahren Begebenheiten berichtet, und zwar vom Krieg. Dokumentation und Kriegsfilm, beides nichts, was man mit einem Animationsfilm in Verbindung bringen würde. Und dann auch noch aus Israel.

Es geht um den Libanonkrieg im Jahr 1982, in dem die israelische Armee einen Teil des Libanon besetzte. Der im Titel walzertanzende Bashir ist Bashir Gemayel, der zu jener Zeit frisch gewählter Präsident des Libanon war, bis er wenige Tage vor Amtsantritt am 14.9.82 ermordet wurde. Zu Gemayels Getreuen gehörte die christliche Phalangiten-Miliz, die hinter dem Attentat die Palästinenser vermutete. Als eine Art Racheaktion marschierten Kämpfer der Miliz zwei Tage später in zwei palästinensische Flüchtlingslager in der Nähe von Beirut ein, wo sie ein brutales Massaker verübten, dem zahlreiche Zivilisten zum Opfer fielen. Von der israelischen Armee wurde diese Aktion geduldet, ihre Soldaten sahen zu ohne einzuschreiten, vielmehr soll Israel die Miliz unterstützt haben, z.B. durch Waffen und Material.

Es ist dieses Massaker, um das Waltz with Bashir kreist. Der Film ist quasi autobiographisch, denn Filmemacher Ari Folman war damals als junger israelischer Soldat beteiligt. Allerdings weiß er praktisch nichts mehr davon, sein Bewusstsein hat seine Erinnerungen an die Zeit systematisch verdrängt. Als ihm ein Freund von seinen Alpträumen erzählt, ist das für Folman der Auslöser, das Gespräch mit ehemaligen Kameraden und einem befreundeten Psychologen zu suchen und auf diese Weise seine Erinnerungslücken zu schließen.

Der Film beschreibt also Folmans Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Abwechselnd sehen wir die von ihm geführten Gespräche, Szenen, an die sich die Protagonisten erinnern, und auch surreale Traumsequenzen. Stück für Stück enthüllt der Film die Erinnerung an jenen Krieg, setzt Erinnerungsbausteine zusammen und steuert auf den grausamen Höhepunkt, das Massaker, zu. Die Zeichentrickbilder, die in ihrer zweidimensionalen Flachheit bisweilen an Flash-Animationen erinnern, erweisen sich schon nach wenigen Minuten als ideal geeignet, um den Inhalt zu transportieren. Auf der einen Seite wird so das Gezeigte abstrahiert, ermöglicht gerade dadurch aber erst die ungeschönte Darstellung des Kriegsgeschehens. Wären die gleichen Bilder als Realfilm auf der Leinwand, man würde sie kaum ertragen. Erst ganz am Ende, wenn Folman sozusagen alle Schichten, die seine Erinnerungen verdeckten, freigelegt hat, sieht man für einige Minuten Originalbilder aus einem der Flüchtlingslager.

Die Perspektive des Films ist eine ganz klar subjektive, auch wenn unterschiedliche Personen zu Wort kommen. Die gezeichneten Bilder machen unmissverständlich klar, dass es sich hier um persönliche Erinnerungen und nicht um eine absolute Wahrheit handelt. Es sind keine kühlen Nachrichtenbilder, sondern farbige Szenen, die durchaus nicht nur vom Schrecken des Krieges erzählen, sondern auch positive Erinnerungen an eine Jugendzeit in den 80ern enthalten. Dass diese Erinnerungen jedoch auf ein furchtbares, traumatisches, tatsächliches Ereignis hinauslaufen, zeigt sich spätestens in den Realbildern am Schluss. Selten sieht man Menschen so leise auf ihren Plätzen sitzen bleiben und schweigsam den Kinosaal verlassen.

Durch die ungewöhnliche Präsentationsform des Zeichentrickfilms, die nicht davor zurückscheut, ihre Zuschauer auch unterhalten zu wollen, eröffnet Folman seine Geschichte auch einem Publikum, das sie wahrscheinlich kaum wahrgenommen hätte, wenn er sie als gewöhnliche Doku gedreht hätte. Ein historisches Ereignis, von dem viele (mich eingeschlossen) nie etwas gehört haben, gelangt (wieder) ins öffentliche Bewusstsein. Außerdem erzählt der Film auch auf interessante Weise vom Verdrängen und vom Erinnern, vom Umgang mit Schuld und Verantwortung und, wie viele andere Filme über Krieg, von den seelischen Narben, die blutjunge Soldaten im Krieg davontragen.

Keine leichte Kost, aber absolut sehenswert.

 

Ein Gedanke zu „Im Kino: Waltz with Bashir

  1. Den Film habe ich auch gesehen und war beeindruckt – sehr zu empfehlen, trotz des schwierigen Themas. Nur die Originalbilder fand ich unpassend – ich konnte einfach keine Verbindung zum Rest des Films herstellen. Dessen Stärke es ja gerade ist, einem nicht Fernsehbilder zu zeigen.

    Der Soundtrack ist übrigens großartig. Und ich habe irgendwo gelesen, dass der Film komplett in Flash erstellt wurde – was erklären würde, warum er so aussieht, als wäre er das :)

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