Auf DVD: Irina Palm

Ein kleines Nest unweit von London, unteres Mittelstands-Milieu. Eine junge Familie hat einen kleinen Sohn, der an einer schweren Krankheit leidet. Diese Krankheit zehrt nicht nur an den Nerven, sondern auch am Geldbeutel. Die letzte Rettung für den kleinen Ollie verspricht eine Behandlung in Australien, das kann sich die Familie aber nicht leisten. Ollies Großmutter Maggie, die schon ihr Häuschen viel zu billig verkauft hat, sucht in London nach einem Job, mit dem sie etwas Geld verdienen kann. Und eher aus Versehen landet sie dabei in einem Sex-Club, der gerade eine „Hostess“ sucht, die mänlichen Kunden durch ein Loch in der Wand Erleichterung verschafft („to wank men off“, wie der Clubbesitzer sagt).

Irina Palm von Sam Garbarski hätte ein sentimentales Rührstück um die Rettung eines armen kranken Jungen werden können, oder eine zotige „Spießer meets Sexindustrie“-Komödie. Der Film ist jedoch ganz anders, denn er konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur Maggie. Marianne Faithfull ist großartig als ältere verwitwete Dame, die ziemlich naiv im Sexgewerbe landet, aber trotz ihres inneren Widerwillens die Sache durchziehen will, denn es geht schließlich ums Geld. Wie sie nach anfänglichem Zögern versucht, das Beste aus ihrem (Hand-) Job zu machen und am Ende sogar ein kleines bisschen stolz darauf ist, das ist wunderbar und absolut glaubwürdig gespielt.

Der sehr ruhig erzählte Plot spielt sich auf zwei Ebenen ab: Zum einen ist da der fast märchenhafte Aufstieg von Maggie, deren unglaublich zarte Hände zur Attraktion von Soho werden, lange Warteschlangen inklusive. Unter dem Künstlernamen Irina Palm wird sie zu einer Art Rotlicht-Star. Gabarski erzählt diesen Handlungsfaden mit einem Augenzwinkern, das klarmacht, dass es hier nicht unbedingt um eine realistische Milieustudie geht. Die Rotlichtszene und ihre Figuren werden weder als skrupellose Ausbeuter und Kriminelle diffamiert, noch als geheimnisvoll-verruchter Sündenpfuhl voll schillernder Gestalten glorifiziert (beide Extreme sieht man z.B. gerne mal in deutschen Krimis). Hier ist ein Nachtclub ein vollkommen unglamouröser Ort, ein Arbeitsplatz, wo Dienstleistungen verrichtet werden, über die man nicht so gerne spricht.

Der andere Handlungsfaden zeigt Maggie zuhause in ihrem Vorort: Bei der langsam misstrauischen Bridge-Runde mit den Nachbarinnen, die sich ihr Leben längst als Rentnerinnen eingerichtet haben, und beim ebenso misstrauisch werdenden Sohn, der seiner Mutter hinterherschnüffelt, weil er wissen möchte, wo auf einmal all das Geld herkommt. Hier kommt es zum unvermeidlichen Konflikt, eine Stelle, an der der Film etwas zu sehr auf theatralisches Drama setzt. Ansonsten überwiegen zum Glück die kleinen Gesten, die beiläufig gespielten, aber wichtigen Details, der immer wieder eingesetzte leise Humor, der den Film sehr unterhaltsam macht, ohne dass direkt eine Komödie daraus wird. Schön ist auch, dass der Film zwar eine Art Happy End hat, dieses jedoch nicht triumphierend ausgespielt, sondern nur dezent angedeutet wird.

Die kleine, nette Geschichte wird aber erst so richtig sehenswert durch die Leistung von Marianne Faithfull, die hierfür ruhig ein paar Preise hätte bekommen dürfen. Beim Europäischen Filmpreis war sie zwar nominiert, musste sich aber Helen The Queen Mirren geschlagen geben.