Im Kino sehen: The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button): Darauf freu ich mich schon sehr lange: Meine Lieblingsschauspielerin Cate Blanchett in der weiblichen Hauptrolle, Brad Pitt in der männlichen, David Fincher als Regisseur, in einem versponnen-surrealen Märchen, das lose auf einer alten Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald basiert. Schon einer dieser Punkte hätte gereicht, mich ins Kino zu locken. Alle zusammen sind umso toller. Und dass der Film für stolze 13 Oscars nominiert ist, macht ihn auch nicht uninteressanter. Ich will das jedenfalls sehen, auch wenn die Kritik ziemlich gespalten ist: die Stimmen reichen von “ein Ereignis, wie es nur selten das Licht der Leinwand erblickt” bis “Geistiger Haferbrei”.
Vielleicht mal im Fernsehen: In the Shadow of the Moon (Im Schatten des Mondes): Rollt nochmal die Geschichte der bemannten Reisen zum Mond auf, zeigt Bilder aus den NASA-Archiven und interviewt alle noch lebenden Astronauten der Apollo-Missionen, die den Mond betreten haben. Für eine interessante Geschichtsstunde mit einigen schönen Bildern dürfte das allemal gut sein.
Ghost Town (Wen die Geister lieben): Nach Simon Pegg ist Ricky Gervais (Erfinder von The Office und Extras) der nächste lustige Brite, der’s in Hollywood versucht. Und er ist auch der nächste, dessen US-Filme bei weitem nicht an das Zeug heranreichen, das er in bloody ol’ England gemacht hat. Gervais gibt einen Misanthropen, der nach einer Operation mit Geistern sprechen kann, woraus sich eine romantische Komödie entwickelt.
Teenage Angst: Ein Film über Gruppendynamik: Vier Internatsschüler machen aus ihrer Clique eine Art Geheimbund, experimentieren mit Alkohol udn Gewalt, bis es zur unvermeidlichen Eskalation kommt. Die jungen Darsteller und der junge Regisseur werden teils gelobt, teils aber auch nicht: “Der Film widert einen an”, schreibt das Festivalblog.
Reich des Bösen - Fünf Leben im Iran: Mohammad Farokhmanesh ist im Iran geboren und lebt heute in Hamburg. Er hat einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er fünf Menschen im Iran in ihrem Alltag begleitet. So will er die andere Seite eines Landes zeigen, von dem unsereins ja nur ein sehr eindimensionales Bild hat. Die staatliche Zensur hatte aber beim Filmdreh auch ein Wörtchen mitzureden.
Seaview: Ein Porträt des Örtchens Mosney, das nach dem Krieg als Feriencamp für irische Familien gegründet wurde und heute als Lager für Asylbewerber dient. Dürfte einige bizarre Ansichten zu bieten haben.
Caos Calmo (Stilles Chaos): Poetischer Realismus aus Italien, mit Nanni Moretti als Witwer, der die Tage damit verbringt, vor der Schule seiner Tochter auf einer Parkbank zu sitzen. Ein Film über Trauer, der nicht nur traurig sein will. Wem diese Woche der Sinn nach gediegener europäischer Filmkunst steht, muss wohl hier rein.
Muss nicht sein: The Rocker: Rainn Wilson kennt man als Nebendarsteller aus mittelprächtigen Filmkomödien und aus einer exzellenten TV-Serie (Six Feet Under), jetzt darf er auch mal als Hauptdarsteller ran: als Schlagzeuger in einer Rock’n'Roll-Komödie, der in den 80ern aus einer Band geworfen wurde, bevor diese richtig groß durchstartete. Da denkt man doch sofort an Pete Best — und siehe da, der hat eine kleine Nebenrolle bekommen. Ansonsten klappert der Film sämtliche Rock-Klischees ab und setzt vor allem auf Slapstick-Humor. Dann doch lieber nochmal This Is Spinal Tap schauen, den kann man gar nicht oft genug sehen.
Feuerherz - Die Reise der jungen Awet: Verfilmung des Bestsellers, der von Kindersoldaten in Eritrea handelt. Regisseur Luigi Falorni verzichtet auf allzu harte Bilder und muss von den Kritikern jede Menge Prügel einstecken.
Ich habe übrigens beschlossen, die türkischen Filme, die neuerdings fast im Wochentakt starten, ab sofort außen vor zu lassen. Man möge mir das bitte nicht als Chauvinismus auslegen — es sind halt Filme, die sich an ein ganz anderes Publikum richten, und wenn man ein bisschen mehr über die Filme herausfinden möchte, scheitert’s meist schon an der Sprache.
“Bist du ein Vampir?”
“Ja.”
“Bist du … alt?”
“Ich bin zwölf. Aber ich bin schon sehr lange zwölf.”
(Dialog sehr ungenau aus dem Gedächtnis zitiert)
Ein Vorort von Schweden, mitten im Winter, späte 70er oder frühe 80er Jahre, es ist düster und verschneit, die Welt sieht nicht besonders fröhlich aus hier. Oskar, 12 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter in einer trostlosen Wohnsiedlung, und er hat’s verdammt schwer in der Schule. Denn die Bullies haben es auf ihn abgesehen. Oskar ist der Prügelknabe, der ständig gehänselt und getriezt wird. Wehren kann er sich nur in seiner Fantasie. Wenn er allein ist, stellt er sich vor, wie er sich mit einem Messer an seinen Peinigern rächen würde.
Oskars Leben ändert sich, als nebenan neue Nachbarn einziehen. Ein gleichaltriges Mädchen namens Eli und ein älterer Herr. Sie sind ein bisschen seltsam, die Fenster sind verrammelt, und Eli riecht auch ein bisschen komisch. Aber die beiden mögen sich, sie verstehen sich und schließen Freundschaft.
Gleichzeitig passieren im Ort seltsame Dinge, seit Eli eingezogen ist. Es gibt Tote und Vermisste. Denn Eli ist ein Vampir, ihr älterer Mitbewohner dient ihr als Blutbeschaffer, denn sie selbst will weder Menschen töten noch andere Menschen mit ihrem Biss zu Vampiren machen. All dies wird nicht lang und breit erklärt, es wird einfach gezeigt, und Regisseur Tomas Alfredson setzt voraus, dass der Zuschauer die gängigen Vampir-”Fakten” kennt: (z.B. dass Sonnenlicht tabu ist). Oskar bemerkt die Tatsache, dass Eli ein Vampir ist, erst später — aber geahnt hat er es wohl schon länger, denn als der oben zitierte Dialog stattfindet, reagiert er sehr ruhig und gefasst.
Låt den rätte komma in ist ein Vampirfilm, aber eigentlich kein Horrorfilm. Wer Hochspannung, Action und Gore erwartet, wird wohl enttäuscht sein, denn er bekommt dies zwar, allerdings nur in sehr kleinen Dosen. Vielmehr ist So finster die Nacht ein Coming-of-Age-Film, ein Jugenddrama, das von der Zeit erzählt, in der man kein Kind mehr, aber auch noch kein richtiger Teenager ist. Und das gelingt ihm hervorragend. Die eigentliche Hauptfigur ist nicht der Vampir Eli, sondern Oskar, der schmächtige Bub ohne Selbstbewusstsein, der durch die Freundschaft mit diesem eigenartigen Mädchen endlich einen Weg sieht, aus seinem frustrierenden Schulalltag herauszukommen.
All das ist sehr ruhig inszeniert, meistens langsam und bedächtig, doch immer wieder unterbrochen von kurzen, aber umso wirksameren Ausbrüchen, in denen es auch mal ganz schön blutig werden kann. Alfredson braucht nicht viele Worte, er lässt im richtigen Moment die Bilder sprechen und findet faszinierende Kameraeinstellungen. Schön ist auch, dass der Film trotz seines ernsthaften Grundtons auch immer wieder Humor durchscheinen lässt. Die jungen Hauptdarsteller spielen sehr zurückgenommen und überzeugen in ihren Rollen voll und ganz. Und hinter der puren Handlung schwingen zahlreiche Zwischentöne, die einem genügend Stoff geben um noch lange nach dem Abspann über den Film zu sinnieren oder zu diskutieren.
Ein wirklich toller Film, der leider — ganz im Gegensatz zum thematisch verwandten, aber viel seichteren Twilight — nur mit sehr wenigen Kopien und ohne großen Medienhype in die Kinos kam. Es ist leider zu erwarten, dass in ein paar Jahren ein verwässertes US-Remake erscheint, dass dann von viel mehr Menschen gesehen wird als das Original. Noch aber ist der Film in ausgewählten Kinos zu sehen, und wer die Chance hat, sollte sie sich nicht entgehen lassen.
Die extrem gelobte US-Serie The Wire ist verdammt schwer zu übersetzen, wie man in einem Interview beim Babbel Blog erfährt. Schön, dass die Reihe inzwischen im deutschen (Pay-) TV angekommen ist, eine DVD-Veröffentlichung kann dann auch nicht mehr allzu lange dauern.
Immer wieder erstaunlich, wie die Welt von oben aussieht: Bei Popular Science gibt’s ein Satellitenfoto vom Capitol Hill, ca. eine Stunde bevor Obama vereidigt wurde. Wow.
Die Briten sind eben doch die coolsten. Wo sonst würde eine gesetzte wissenschaftliche Institution wie die Royal Society of Chemistry einen Wettbewerb ausschreiben wie die Italian Job competition? Die Teilnehmer sollten praktikable Lösungsvorschläge einsenden, wie die Gangster am Ende von The Italian Job (dem Original von 1969) an ihr Geld rankommen könnten. Der Film endet nämlich mit einem wortwörtlichen Cliffhanger. Nun hat die RSC die besten fünf Einsendungen veröffentlicht. Die Sieger-Lösung funktioniert so:
Dieses Jahr gibt es erstmals einen guten Grund, Stefan Raabs Bundesvision Song Contest zu gucken:
Im Kino sehen: Man on Wire: Die viel umjubelte Doku über einen französischen Hochseilartisten, der 1974 auf einem Drahtseil zwischen den beiden Türmen des World Trade Center spazierte — natürlich illegal. Das Tomatometer kommt auf volle 100 Prozent. Muss unglaublich faszinierend, spannend und unterhaltsam sein. Reingehen!
Changeling (Der fremde Sohn): Oscar-Anwärter: Der neue Clint Eastwood! Leider mit Angelina Jolie, aber so schlimm wird sie schon nicht sein. Sie spielt eine Mutter, deren Sohn verschwindet. Die Polizei gibt ihr kurzerhand einen Ersatzsohn und sagt, das sei der richtige. Tatsächlich geschehen, in Los Angeles 1928. Das Drehbuch stammt übrigens vom Babylon 5-Erfinder und Teilzeit-Comicautor J. Michael Straczynski.
Auf die DVD warten: Valkyrie (Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat): Der Film, über den sich schon fleißig empört wurde, bevor er überhaupt gedreht war. Nun ist Tom Cruise also endlich da, als Hitler-Attentäter mit Augenklappe. Der Medienbuhei drumrum löst einen natürlichen Abwehrreflex aus, trotzdem dürfte das ein interessanter Film sein, als das was er ist: ein spannender Thriller aus Hollywood. Regie führt immerhin Bryan Singer, Vater der Üblichen Verdächtigen, Schöpfer der guten X-Men-Filme und des schlechten Superman-Films. Rückt wegen des starken Alternativ-Programms in die DVD-Reihe.
Bolt (Bolt - Ein Hund für alle Fälle): Eigentlich auch ein Fall für “Im Kino sehen”, denn dort gibt’s ihn (teilweise) in 3D. Der dritte CGI-Animationsfilm aus den Disney Studios und der erste, seit sie sich mit Pixar den Kreativdirektor John Lasseter teilen. Wie üblich gibt’s im Original Hollywood-Stars (John Travolta und Pop-Starlet Miley Cyrus) und bei uns irgendeine Ansammlung von Comedians als Synchronsprecher.
Vielleicht mal im Fernsehen: W: Kommt unter Umgehung der üblichen Verwertungskette direkt ins Free-TV. Oliver Stones Satire über die soeben beendete Amtszeit von George W. Bush — dürfte durchaus sehenswert sein. Am Freitag, 22:25 Uhr bei Pro Sieben. Werbefrei und mit Originaltonspur auch als DVD zu haben.
Lulu und Jimi: Eins kann man Oskar Roehler nicht vorwerfen: dass er ein einmal bewährtes Strickmuster immer weiter verfolgt. Nach dem fast überall gelobten Agnes und seine Brüder und dem fast überall verrissenen Elementarteilchen kommt ein buntes, absichtlich künstliches, überdrehtes Gute-Laune-Filmchen über die Liebe eines Mädchens zu einem schwarzen Jungen in den 50ern. Möglicherweise eine deutsche Filmkomödie für Leute, die keine deutschen Filmkomödien mögen.
Muss nicht sein: Pride and Glory (Das Gesetz der Ehre): Standard-Thrillerkost, die einfach nur gewöhnlich aussieht. Es geht um eine Familie, in der fast alle Männer Cops sind. Immerhin mit Edward Norton und Colin Farrell in den Hauptrollen, aber wohl nicht besonders gelungen. Der Produktionsgeschichte nach zu urteilen, war der Film eine sehr schwere Geburt.
Sof Shavua B’Tel Aviv (Alles für meinen Vater): Deutsch-israelische Koproduktion über einen palästinensischen Selbstmordattentäter, dessen Anschlag misslingt, worauf er sich plötzlich in eine Jüdin verliebt. Klingt als Plot absolut furchtbar, scheint aber nicht ganz so schlimm geworden zu sein, wie man befürchten könnte — zumindest soll auch Humor drinsein. Verrissen wird der Film nicht, aber richtig überzeugt sind die meisten Kritiker auch nicht.
Das Morphus-Geheimnis: Deutscher Kinderfilm, in dem es irgendwie um Beethoven und gestohlene Noten geht und dessen Trailer einen extrem tranigen Eindruck macht, als wäre der Film schon 20 oder 30 Jahre alt. Da werden die Kleinen bestimmt Bolt links liegen lassen und alle hier reinstürmen. Lobenswert immerhin, dass man sich bei der Betitelung noch daran erinnert hat, dass es im Deutschen einen Bindestrich gibt. Ist ja ansonsten leider sehr aus der Mode gekommen (siehe weiter oben bei Valkyrie).
Destere: Türkische Filmparodie, die das Folterporno-Genre auf die Schippe nehmen möchte. Destere ist übrigens türkisch für Säge. Wer türkisch versteht, findet im Netz vielleicht auch mehr Infos als diesen einen Satz.
Keith Richards könnte ich stundenlang beim Gitarrespielen zusehen. Leider schneidet auch Martin Scorsese immer wieder den zappelnden Vorturner mit dem großen Mund dazwischen. Vielleicht sollte man das Konzept aus dem Zidane-Film mal auf Keith Richards bei einem Stones-Konzert anwenden.
Shine A Light ist allerdings, trotz des extra-prominenten Regisseurs, ein ziemlich konventioneller Konzertfilm. Dokumentiert wird ein Abend mit der lustigen Seniorenband The Rolling Stones. Kein Konzert einer Stadiontournee, sondern ein “Special Evening” im kleinen Rahmen, in einem New Yorker Theater, präsentiert von Bill Clintons Stiftung. Neben den großen alten Hits werden auch ein paar unbekanntere alte Stücke gespielt. Und es gibt ein paar Gaststars, die jeweils bei einem Song mittun dürfen. Diese Gastauftritte gehören zu den Highlights des Films: Jack White ist stolz wie ein kleiner Junge, der mal an der Hand von Luca Toni ins Stadion einlaufen darf. Der alte Bluesman Buddy Guy ist einfach eine verdammt coole Sau, bei der man merkt, wieviel Spaß er und die Stones beim gemeinsamen Jammen haben. Und selbst Christina Aguilera konnte ich nicht so sehr hassen, wie ich gerne gewollt hätte.
Zwischen die Stücke schneidet Scorsese Archivaufnahmen aus 237 Jahren Bandgeschichte, und da sind natürlich ein paar hübsche Sachen dabei. Einschließlich ein kurzer Ausschnitt aus dem deutschen Fernsehen featuring Jochen Bendel.
Ansonsten ist Shine A Light immer dann am besten, wenn’s die Stones mal ein bisschen langsamer angehen lassen und was Bluesiges vom Stapel lassen. Wäre irgendwie toll, wenn diese alten Herren einfach als Bluesband durch die kleinen Kneipen dieser Welt touren würden.
Dass Martin Scorsese eines Tages einen Film mit den Stones machen würde, war irgendwann fällig, wenn man sich ansieht, in wie vielen Soundtracks seiner Filme Stones-Titel vorkommen. Besonders viel eigene Handschrift oder interessante visuelle Ideen gibt es allerdings nicht zu sehen. Ganz hübsch ist die Montage am Anfang, in der Scorsese in einer Art Mini-Making-of selbst zu sehen ist. Und sehr fein ist auch die allerletzte Szene, mit einer geschickt getricksten Kamerafahrt vom Bühnenausgang hoch über die Dächer New Yorks.
MC Howie und Julie K, die vor der Präsidentschaftswahl den umwerfenden Song “Hey Sarah Palin” aufgenommen haben, singen ein Abschiedslied für Dubbya. Nicht ganz so großartig wie das Palin-Lied, aber trotzdem sehr hübsch:
Das sympathische kleine Monopol-Kino in Schwabing muss nicht so schnell umziehen. Die Betreiber schreiben in ihrem Newsletter:
Das Monopol kann, entgegen aller selbst gestreuten Gerüchte, noch mindestens bis Ende 2009 im bekannten und beliebten Gebäude in der Feilitzschstraße bleiben! (…) Tja, indirekt verdanken wir das (…) der Finanzkrise. Diese hat auch den jetzigen Besitzer bewogen, seine Investition in Abriss und Neubau zu vertagen. Ist doch lieb von ihm.
Prison Break war beim Farbberater: Die dritte Staffel (seit vorletzter Woche bei RTL) ist vor allem eins: Braun.
Satire kann noch immer entlarvend sein: Kaum läuft Ralf Königs Arche-Noah-Fabel Archetyp als Fortsetzungscomic in der F.A.Z., also in einer Zeitung die auch von merkwürdigen Christen gelesen wird, beweisen jene, dass sie ihre Pawlowschen Reflexe gut antrainiert haben und zeigen mit ihrem Protestschreiben, wes Geistes Kind sie sind. Mehr dazu bei Stefan Pannor.
Münchner Sprayer sind Loriot-Fans:
(gesehen am Leuchtenbergring — aufs Bild klicken für größere Version)
Ich mag Fußball, ich halte Zidedine Zidane für einen großen Fußballer, ich mag Filme und ich mag die Musik von Mogwai. Beste Voraussetzungen also, auch diesen Film toll zu finden. Hat bei mir aber leider nicht funktioniert. Zidane, un portrait du 21e siècle von Douglas Gordon und Philippe Parreno ist ein filmisches Experiment. Der Weltstar mit der Tonsur wurde bei einem Spiel der spanischen Liga in der Saison 04/05 von 17 Kameras 90 Minuten lang beobachtet. Der Film zeigt mit wenigen Ausnahmen praktisch ausschließlich Zinedine Zidane in Echtzeit: Beim Laufen, beim Schießen, beim Einfach-mal-nebenher-traben. Ab und zu gibt’s Großaufnahmen vom Gesicht oder von den Füßen. Zu hören ist hauptsächlich Original-Stadionton, gelegentlich auch Musik, die von Mogwai extra für den Film eingespielt wurde. Dazu gibt’s dann noch eingeblendete Zitate des Spielers. Könnte eine interessante, faszinierende Studie sein.
Letztlich zeigt der Film aber nur, dass es schon gut und richtig ist, dass man beim Verfolgen eines Fußballspiels vor allem dem Ball folgt und ansonsten versucht, die Mannschaften zu beobachten und weniger einen einzelnen Spieler. Fußball ist eben ein Teamsport. Zidane ist eine ehrenwerte Hommage an einen der ganz Großen seiner Zunft, aber zu experimentell, um wirklich in voller Länge auf dem Sofa genossen zu werden (der Film wurde kürzlich bei Arte ausgestrahlt). Würde wunderbar als Videoinstallation in ein Museum, eine Ausstellung oder meinetwegen auch in einen Real-Madrid-Fanshop passen, aber zum Komplett-Zuhause-Ansehen fehlte mir die Geduld. Per Vorspul-Taste bin ich noch zur Halbzeitpause gekommen, die die Regisseure mit diversen Bildern füllen, von allen möglichen wichtigen und unwichtigen Ereignissen, die zur gleichen Zeit auf dem Globus stattfanden: eine schöne Metapher für die Bedeutung eines einzelnen Fußballspiels. Kurz danach habe ich dann aufgegeben und abgeschaltet, und damit den Moment verpasst, der vielleicht den Höhepunkt des Films darstellt: kurz vor Schluss wurde Zidane nämlich vom Platz gestellt.
Im Kino sehen: Entre les murs (Die Klasse): Der französische Lehrer François Bégaudeau hat ein Buch geschrieben, in dem er über seine Erfahrungen in einer Schule mit hohem Migrantenanteil berichtet. In der Verfilmung spielt er nun sich selbst. Die Schüler werden von “echten” Kids ohne Schauspielerfahrung gespielt, die Kamera bleibt hauptsächlich im Klassenzimmer, wie schon der Originaltitel verrät. Viel Authentizität also, die diesen Spielfilm nah an eine Dokumentation rückt. Wird allerorten sehr gelobt und gewann 2008 die Goldene Palme in Cannes.
Auf die DVD warten: Revolutionary Road (Zeiten des Aufruhrs): Oscar-Anwärter! Sam Mendes verfilmt den Roman von Richard Yates und bringt das Titanic-Paar Kate Winslet und Leonardo DiCaprio wieder zusammen. Entsprechend läuft der Film in vielen Multiplexen. Mal sehen, was deren Publikum sagt, wenn es keine große Lovestory sieht, sondern ein Drama, das ohne Happy End von der Hölle der amerikanischen Suburbs erzählt.
Vielleicht mal im Fernsehen: The Boss of It All (Direktøren for det hele): Der neue Film von Lars von Trier: Eine Komödie! Ein Firmenchef, der seinen Mitarbeitern jahrelang erzählt hatte, es gebe noch einen Boss über ihm, muss diesen irgendwann präsentieren, und heuert dafür einen Schauspieler an. Der Film soll recht boshaft geraten sein — so boshaft, dass von Trier vergessen hat, komisch zu sein (meint jedenfalls Tobias Kniebe in der SZ). Ekkehard Knörer dagegen ist begeistert.
Chandni Chowk to China: “Bollywood meets Kung Fu Hustle” prahlt der Verleih Rapid Eye Movies. Das klingt ja so schlecht nicht. Andererseits — die Ravioli mit Weißwurstfüllung, die’s neulich in der Kantine gab, klangen auch gut, schmeckten dann aber allenfalls “interessant”.
Twilight (Twilight - Biss zum Morgengrauen): Die Verfilmung des Bestsellers von Stephenie Meyer ist nicht nur in den Staaten der Teenager-Hype der Stunde. Vor allem die Mädels lieben die romantische Vampirgeschichte. Nebenbei vermittelt der Film wohl ein ziemlich prüdes Weltbild, weil es darum geht, jederzeit jeglichem Verlangen zu widerstehen. In (leider viel weniger) Kinos läuft derzeit die viel bessere Alternative: So finster die Nacht (mein Review dazu folgt in den nächsten Tagen).
Muss nicht sein: The World Unseen (Die verborgene Welt): “Oberflächliche Dramaturgie und recht hölzerne Charaktere” gibt’s laut film-dienst in diesem südafrikanischen Drama um Apartheid und Frauenrechte, bei dem die Autorin Shamim Sarif ihren eigenen Roman gleich selbst verfilmt hat. Läuft deutschlandweit in genau vier Kinos an.
Saw V: Folterporn, die x-te. Will das echt noch jemand sehen?
Seytanin Pabucu (Teufelswerk): Türkischer Klamauk, der Charleys Tante mit Ladykillers kreuzt.
O’Horten heißt eigentlich Odd Horten. Was der Vorname auf norwegisch bedeutet, weiß ich nicht, aber die englische Bedeutung passt auch ganz gut. Odd ist ein leicht verschrobener Einzelgänger, lebt allein, schweigt lieber, als ständig zu reden. Von Beruf ist er ist Lokführer und tritt mit 67 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand an. Die Kollegen mochten ihn, und richten ein kleines Abschiedsfest für ihn aus. Danach hat er noch einen einzigen Diensttag und an dem kommt er zum ersten Mal in seinem Berufsleben zu spät und verpasst seinen eigenen Zug.
Und ab dann lässt Odd Horten sein Leben ein bisschen schleifen. Nicht dass er nur noch rumgammeln würde. Er nutzt die neue Freiheit als Rentner, um sich einfach mal in die Welt zu stellen und zu schauen, was das Leben so mit ihm vorhat. Und er lernt, dass man ganz spannende Dinge erleben kann, wenn man sie nur geschehen lässt.
O’Horten ist ein wunderbar lässiger, angenehmer Film, der in aller Ruhe erzählt: Kein großes Drama, dass von wichtigen Schicksalen berichtet, sondern eine Sammlung von kleinen, lakonischen Szenen. Wir sehen Horten zu, wie er sich treiben lässt und dadurch ein Stückchen glücklicher wird, und wir werden es auch. Regisseur Bent Hamer, der auch den ebenso schönen Kitchen Stories gemacht hat, lässt sehr oft die Bilder sprechen, mit Dialogen wird gerne gespart. O’Horten ist durchdrungen von einer sanften Komik, einem ständigen Augenzwinkern. Hier gibt es keine Gags für große Lacher, sondern viele kleine komische Einfälle: eher Dauerschmunzeln als Schenkelklopfen. Und trotzdem ist nicht alles “Happy-Go-Lucky” in Hortens Leben. Manchmal erinnert die Stimmung an Kaurismäki-Filme, allerdings ist hier die Laune besser, die Grundstimmung heller und die Depression einen Schritt weiter weg.
Es gibt einige herrliche Szenen im Film, wunderbar skurille Situationen, die v.a. dadurch so komisch werden, dass Horten (gepielt von Baard Owe) die Situation als ganz normal und völlig selbstverständlich annimmt. Als er versehentlich in der Sauna einschläft und erst aufwacht, wenn schon alle weg sind und das Licht aus ist, nutzt er die Gelegenheit für eine einsame Runde im Schwimmbad. Als er merkt, dass er doch nicht ganz allein ist, dann geht er eben auf Tauchstation. Und als dann auch noch seine Schuhe weg sind: auch egal, nimmt er halt die roten Damenstiefel, die noch rumstehen. Es ist diese sehr pragmatische und entspannte Art, mit den Dingen umzugehen, die mir diesen Horten so sympathisch gemacht hat. Und damit auch den Film.