Im Kino sehen: The Wrestler: Mickey Rourke als abgehalfterter Ex-Catcher, der nochmal in den Ring steigt. Rourke hat beim Oscar knapp gegen Sean Milk Penn verloren — ihm zuzusehen wird ein großes Vergnügen. Hätte mir den Film aber auch ohne ihn angesehen, denn von Darren Aronofsky war bisher noch jeder Film mindestens interessant.
Vielleicht mal im Fernsehen: Mord ist mein Geschäft, Liebling: Mafiafilm-Parodie mit Rick Kavanian und anderen TV-Witzbolden. Einer dieser Filme, die man hassen will, es aber nicht recht schafft. Im Prinzip eine dumme deutsche Komödie, aber mit netten Momenten, einigem Charme, echter Liebe zum Sujet und coolen Gaststars (Bud Spencer!). Kein Wunder, kommt auch von der gleichen Produktionsfirma wie Der Wixxer, wo das ganz ähnlich war.
Role Models (Vorbilder?!): Hier gilt fast das selbe wie beim eben genannten Film. Riecht nach zotiger Proll-Komödie, hat aber doch charmante Momente. Und Elizabeth Banks aus Scrubs. Es geht um zwei junge Straftäter, die als Buße zum Sozialdienst mit schwierigen Kindern verdonnert werden.
Menschen, Träume, Taten: Doku über alternatives, ökologisches Kommunenleben im “Ökodorf Sieben Linden”. Möglicherweise ein ganz interessanter Film über Ideale und Realität, ist aber im Fernsehen sicher besser aufgehoben.
The Reader (Der Vorleser): Der gefühlt 50. Film innerhalb von drei Monaten, der irgendwie mit Nazideutschland zu tun hat. Und weil die Buchvorlage von Bernhard Schlink auch im Ausland ein Bestseller war, gibt es eine internationale Coproduktion mit international bekannten Gesichtern. Kate Winslet hat für ihre Rolle grade den Oscar bekommen. Insofern: Perfektes Timing für den Filmstart. Die Kritiken sind allerdings überwiegend negativ, z.T. ist von “Nazi-Porno” die Rede. Sehr lesenswert ist die recht ausgewogene Besprechung von Rüdiger Suchsland bei artechock.
Muss nicht sein: Donne-moi la main (Reich mir Deine Hand): Französischer Coming-of-Age-Film über ein Zwillingsbrüderpaar, das zu Fuß nach Spanien zur Beerdigung der Mutter geht und sich auf dem Weg selbst findet. Fällt vor allem damit auf, dass er auch ein paar Zeichentricksequenzen enthält, ansonsten wird im Trailer immer sehr bedeutungsvoll und ernst dreingeblickt.
Maria am Wasser: Ein Mann kommt zurück in sein Geburtsdorf in Ostdeutschland, aus dem er vor 20 Jahren geflohen war. Die Bewohner hatten ihn für tot gehalten. DDR-Vergangenheitsbewältigung auf halbwegs originelle Art und Weise. Die Presse ist nicht begeistert.
Underworld: Rise of the Lycans (Underworld: Aufstand der Lykaner): Das Prequel zum Werwolf-Vampir-Crossover. Waren da nicht schon die ersten beiden sowohl unnötig als auch ziemlicher Schrott? Ich habe sie nicht gesehen, kann also auch gut auf den dritten Streich verzichten.
Gestern gab es in der SZ ein großes Interview mit Mehmet Scholl über seine Tätigkeit als TV-Kommentator. In einem Kasten am Rande des Artikels (der in der Online-Version fehlt) wurde erwähnt, was der Bayerische Rundfunk offiziell erst heute verkündet hat: Auf Bayern 2 wird es bald jeden Freitag um 23 Uhr eine Radioshow mit Mehmet Scholl (assisitiert von Zündfunker Achim Bogdahn) geben, in der Scholl Indiemucke auflegen wird. Scholl ist bekanntlich einer der wenigen Musiker mit vernünftigem Musikgeschmack, hat schon mehrere Sampler kompiliert und holte sich für sein Abschiedsspiel die Hidden Cameras in die Arena. Ich freu mich drauf. Wenn nur der grausame Kalauer im Sendungstitel nicht wäre: Die Sendung heißt allen Ernstes Mehmets Schollplatten.
Im Kino sehen: Der Knochenmann: Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und sage: Komm süßer Tod und Silentium sind die besten deutschsprachigen Filme der letzten Jahre. Wolfgang Murnbergers Verfilmungen der (sehr lesenswerten) Brenner-Romane von Wolf Haas, jeweils mit Josef Hader in der Hauptrolle als Detektiv Brenner. Nun gibt es den dritten Streich und ich freu mich wie ein Schnitzel Backhendl darauf. Wenn die Coen-Brothers Österreicher wären, sie würden solche Filme drehen.
Vielleicht mal im Fernsehen: Nick and Norah’s Infinite Playlist (Nick und Norah - Soundtrack einer Nacht): Eine RomCom bleibt eine RomCom, auch wenn sie hier ein bisschen auf Indie und Slackertum gebürstet ist. Der Soundtrack ist allerdings sehr fein.
Milk: Gus van Sants Biopic über Harvey Milk, den ersten offen schwulen Politiker der USA, der 1977 in den Stadtrat von San Francisco gewählt und 1978 ermordet wurde. Sean Penn ist für diese Rolle Oscar-nominiert. Alternativ könnte man auch anschauen:
The Times of Harvey Milk: Doku aus dem Jahre 1984, die auch auf DVD zu haben ist, und nun nochmal in ein paar wenige Kinos kommt
pereSTROIKA - umBAU einer Wohnung: Das könnte durchaus spannend sein: Eine Doku über vier Russen, die in St. Petersburg in einer Kommunalwohnung leben. Diese soll umgebaut und verkauft werden, aber das geht erst, wenn alle vier Bewohner eine eigene Wohnung gefunden haben.
Adam resurrected (Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected): Ein ehemaliger KZ-Häftling, der seinem Lagerkommandanten als Hund dienen musste, lebt Jahre später in einem Sanatorium und kümmert sich dort um einen Jungen, der sich für einen Hund hält. Wird öfter beschrieben als Mischung aus Einer flog übers Kuckucksnest und Holocaust-Drama. Reizt mich persönlich nicht allzu sehr, aber Jeff Goldblum in der Hauptrolle soll sehenswert sein, und Willem Dafoe spielt auch mit. Allerdings, das sei nicht verschwiegen, auch Veronica Ferres.
Muss nicht sein: 96 Hours (Taken): Liam Neeson (Schindler’s List) geht auf seine alten Tage unter die Actionhelden und spielt einen Ex-Spezialagenten, der seine Tochter vor fiesen europäischen Entführern retten muss. Bleihaltiges Selbstjustiz-Reißer, dem man auch noch vorwerfen könnte, dass er das US-Klischee vom lebensgefährlichen Trip nach Europa (siehe u.a. Hostel) bedient. Der Film ist allerdings eine französische Produktion aus der Schmiede von Luc Besson.
Hexe Lilli - Der Drache und das magische Buch: Deutscher Kinderfilm mit einem recht ordentlich animierten Drachen aus dem Computer. Wie üblich wird derlei Trick-Getier von einem Comedian gesprochen, in diesem Fall Michael Mittermeier.
Yes Man (Der Ja-Sager): Mal wieder eine Jim-Carrey-Komödie. Diesmal mutiert unser Grimassenkönig von einem, der stets verneint, zu einem, der immer Ja sagt, was natürlich auch nicht viel besser ist.
Auch dieses Jahr gibt es wieder fleißiges Oscar-Tippen unter Bloggern, diesmal organisiert von Probek (Danke!).
Ich bin in dieser Sportart traditionell schlecht, u.a. weil ich mich gerne dazu hinreißen lasse, den als Sieger zu tippen, den ich am liebsten als Sieger sehen würde (was natürlich nix mit der Entscheidung der Academy zu tun hat).
In den Hauptkategorien gibt es dieses Jahr teilweise sehr klare Favoriten, so dass sich das Rennen vermutlich in den “kleineren” Kategorien entscheiden wird.
Ich tippe mal so:
BEST PICTURE
Slumdog Millionaire
BEST ACTRESS
Angelina Jolie, Changeling
BEST ACTOR
Mickey Rourke, The Wrestler
BEST SUPPORTING ACTRESS
Taraji P. Henson, The Curious Case of Benjamin Button
BEST SUPPORTING ACTOR
Heath Ledger, The Dark Knight
BEST DIRECTOR
Danny Boyle, Slumdog Millionaire
BEST ORIGINAL SCREENPLAY
Dustin Lance Black, Milk
BEST ADAPTED SCREENPLAY
John Patrick Shanley, Doubt
BEST FOREIGN LANGUAGE FILM
Waltz with Bashir (Israel)
BEST ANIMATED FILM
WALL-E
BEST ART DIRECTION
The Curious Case Of Benjamin Button
BEST CINEMATOGRAPHY
The Curious Case Of Benjamin Button, Claudio Miranda
BEST FILM EDITING
The Dark Knight, Lee Smith
BEST COSTUME DESIGN
Australia, Catherine Martin
BEST DOCUMENTARY FEATURE
Encounters at the End of the World
BEST ORIGINAL SONG
Slumdog Millionaire, Jai Ho
BEST ORIGINAL SCORE
Slumdog Millionaire, A.R. Rahman
BEST MAKEUP
The Curious Case of Benjamin Button, Greg Cannom
Fragt man einen beliebigen Comiczeichner (erst recht in den USA) nach Vorbildern und Einflüssen, so wird man immer wieder die Namen Will Eisner und The Spirit hören. Diese Serie, die in den vierziger Jahren in den Sonntagsausgaben vieler US-Zeitungen erschien, veränderte die Kunstform Comic und prägt sie bis heute. Kein Wunder, dass The Spirit als legendäres Meisterwerk gilt, kein Wunder, dass Will Eisner (der später dann nach Meinung mancher Leute auch noch die “Graphic Novel” erfunden hat) als Großmeister verehrt wird. Nicht umsonst ist der wichtigste amerikanische Comicpreis nach ihm benannt.
Dass nach 1952, als Eisner die Arbeit am Spirit einstellte, kaum mehr neue Spirit-Comics erschienen sind, hat den Mythos noch vergrößert. Jetzt also gibt es fünf Jahrzehnte später, einen Spirit fürs Kino. Als Regisseur und Autor fungiert Frank Miller, selbst seit Jahrzehnten ein gefeierter Comic-Zeichner und -Autor und zu dessen Lebzeiten mit Will Eisner befreundet. Dass der Spirit Millers Arbeiten wie Daredevil und Sin City beeinflusst hat, ist unverkennbar (wobei Miller einen deutlich düstereren Ton fährt). Und 2005 erschien ein Buch, in dem sich Eisner und Miller über Comics unterhalten. Man kann also nicht sagen, dass hier jemand für die Verfilmung zuständig war, der mit Eisners Comics nichts am Hut hat, im Gegenteil.
Und trotzdem ist The Spirit keine gelungene Hommage, auch kein modernes Update, sondern ein uneinheitlicher Murks, der nie so recht weiß, was er denn sein will: Ein zweiter Aufguss des erfolgreichen Sin-City-Films (wo Frank Miller bei Robert Rodriguez in die Filmemacher-Lehre ging)? Ein düsterer Neo-Noir-Krimi? Ein Fantasyfilm mit übersinnlichen Elementen? Überzeichnete Comedy mit bekloppten Schurken? The Spirit ist von allem ein bisschen. Nichts davon wäre so schlimm, denn auch Eisners Comicvorlage war eine sehr offene Angelegenheit, die sich nie klar auf ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Ton festlegte.
Aber Frank Millers Spirit hat zwei Hauptprobleme: Erstens passt der Mix aus unterschiedlichsten Elementen hinten und vorne nicht zusammen, und zweitens findet Miller keinen funktionierenden roten Faden, keine interessante Handlung. Er weiß nichts zu erzählen. Stattdessen präsentiert er uns eine Nummernrevue, in der sich schöne Frauen (fast alle extrem zu Göttinnen überhöht) mit Samuel L. Jackson abwechseln, der dem Bösewicht Octopus ein Gesicht gibt. Ein Gesicht übrigens, das im Comic nie zu sehen ist. Dort bleibt die Identität des Octopus stets ein Geheimnis, sein Gesicht immer im Schatten. Bei Jackson ist es die Fratze eines Clowns. Sein Octopus ist ein völlig durchgeknallter Bösewicht Marke “Bad Scientist”, der einen starken Hang zum bizarren Auftritt hat. Als Sidekicks hat ihm Miller eine Horde tumber, glatzköpfiger Idioten ins Skript geschrieben, geklonte Helferlein, deren Namen alle auf -os enden (Ethos, Pathos, Logos usw.). Die ersten paar Minuten ist das noch halbwegs lustig, aber spätestens bei Dildos, Adios und Amigos ist der Witz derart totgeritten, das man im Kinosessel leise zu wimmern beginnt.
Gewimmert hat man aber schon vorher. Wenn nicht bei der bizarren Szene, in der Octopus und seine Gang in SS-Uniform zur deutschen Nationalhymne auftreten (die hatte ja noch einen gewissen Trash-Charme), dann doch in der völlig unsinnigen Sequenz, in der Octopus mit einem misslungenen Klonversuch herumspielt (wer den Film kennt, weiß was ich meine, wer nicht: ihr wollt es nicht wissen!). Es wurde viel gelacht im Kinosaal — ich denke es war in den meisten Fällen ein erstauntes Lachen, ein “Das darf nicht wahr sein”-Lachen. Würde The Spirit ausschließlich aus diesen absurden, extrem überzogenen Szenen bestehen, könnte der Film vielleicht ein großes Vergnügen sein. Doch Miller meint gar nicht alles lustig. Völlig unpassend schaltet sich immer wieder ein mystisch orakelnder “Engel des Todes” ein, dann sinniert der Spirit wieder aus dem Off über sein Verhältnis zur Stadt, in der er lebt.
Ein kurioses Sammelsurium, das nie zu einer einheitlichen Linie findet, noch nicht mal in der Optik. Diese hat durchaus ihren Reiz: Miller benutzte die Green-Screen-Technik, in der auch Sin City gedreht hat und gibt dem Film auch einen sehr ähnlichen Look. Entsättigte Farben, fast schwarz-weiß, mit einzelnen Farbtupfern als markante Hingucker. Aber was bei Sin City noch neu und aufregend war, wirkt hier wie ein liebloser Abklatsch, der noch nicht mal konsequent durchgezogen wird. In einzelnen Einstellungen ist zu merken, dass Miller ein Auge für Ikonographie hat; dann möchte man den Film anhalten und als Standbild, als Comic-Panel genießen, aber es geht ja leider weiter.
Ob Will Eisner im Grabe rotieren würde oder nicht, sei mal dahingestellt. Vielleicht hätte er sich ja köstlich amüsiert. Immerhin ist The Spirit auf eine eigenartige Weise höchst unterhaltsam, ich habe mich nie gelangweilt, weil ich nie wusste, was als nächstes kommt. Aber als Filmemacher, als jemand, der im Kino Geschichten erzählt, taugt Frank Miller nicht. Ein sehr seltsam gescheitertes Filmprojekt. Zumindest ist es ein Scheitern mit Verve, kein gleichgültiges Mittelmaß.
Abspann: Ein kleines Trostpflaster für die Fans von Millers Comics, die Credit Rolls sind dekoriert mit Abbildungen aus dem von Miller gezeichneten Storyboard. Hübsch.
P.S.: Fand es außer mir noch jemand beknackt, dass in der deutschen Synchro der Name Jason (der mit den Argonauten) immer als “Dschäisen” ausgesprochen wurde?
Als Charles Darwin überlegte, ob er heiraten soll oder nicht, machte er ganz pragmatisch eine Pro-und-Contra-Liste. Und kam zum eindeutigen Ergebnis: “Heiraten, heiraten, heiraten.”
Statt dem Murks von Frank Miller hätte es in den 80er Jahren vielleicht auch etwas ganz anderes geben können: eine Spirit-Zeichentrick-Verfilmung der Pixar-Masterminds Brad Bird und John Lasseter, produziert von Gary Kurtz (Star Wars). Eine Geschichte aus Hollywoods Production Hell.
Was passiert, wenn 16jährige zum ersten Mal Kubricks 2001 sehen? Stefan Hoeltgen hat das auf der Berlinale beobachtet. (via)
Es gibt einen deutschsprachigen Podcast, der sich ausschließlich mit Lost beschäftigt: Lost Unlocked. Sehr nerdig, na klar, aber nicht schlecht. Und mit sanftem thüringischen Akzent.
Im Kino sehen: The International: Tom Tykwer goes Hollywood* und dreht einen Action-Polit-Thriller mit Clive Owen und Naomi Watts. Der Trailer gefällt mir sehr gut, nach der Premiere auf der Berlinale gab es auch überwiegend Lob.
(* Stimmt gar nicht, auch wenn der Film ein wenig nach Hollywood aussieht. Es ist eine deutsch-britische Koproduktion, gedreht in Babelsberg.)
Auf die DVD warten: Revanche: Kommt aus Österreich und ist Oscar-nominiert als Best Foreign Language Film. Es geht um den Gehilfen eines Zuhälters, der mit seiner Freundin mit Hilfe eines Bankraubs dem armseligen Leben im Rotlichtmilieu entfliehen will. Anspruchsvolles europäisches Autorenkino, das sich aber auch mal traut, Spannung und Suspense einzubauen.
Muss nicht sein: Billu Barber: Bollywood! Es gibt also schöne Menschen, bunte Kleider, viel Musik, ein bisschen Regen, schicke Bilder und Shah Rukh Khan. Ja ich weiß, das sind Klischees, aber schaut euch den Trailer mal an: Is alles drin!
Effi Briest: Die fünfte (!) Verfilmung des Romans von Theodor Storm, diemal mit Julia Jentsch und einem geänderten Schluss. Wahrscheinlich haben alle Deutsch-LKs der Nation schon Karten vorbestellt.
He’s just not that into you (Er steht einfach nicht auf dich!): RomCom mit einigen bekannten weiblichen Stars. Basiert kurioserweise auf einem Beziehungsratgeber, dürfte also in eine ähnliche Richtung gehen wie das, was Leander Hausmann bei uns mit Warum Männer The Who hören und Frauen schlecht einschlafen gemacht hat.
Friday the 13th (Freitag der 13.) Startet passenderweise nicht am Donnerstag, sondern … na, erraten? Wie auch immer, irgendjemand in Hollywood hält es wohl für nötig, zu sämtlichen Horror-/Slasher-Klassikern ein Remake zu machen, und weil das bei Regisseur Marcus Nispel mit Texas Chainsaw Massacre schon mal geklappt hat, darf er auch hier wieder ran.
Ich habe ja lange gedacht: “Twitter, näää, damit kannst du nichts anfangen.” In 140 Zeichen sagen, was man grade tut, bzw. selbiges von anderen lesen, klingt ja erstmal auch reichlich unspannend. Das Problem ist vielleicht, dass man das wirkliche Twitter, wie es sich für seine User darstellt, von außen nicht sehen kann. Als nicht-registrierter Gast sieht man entweder den Informations-Overload der Public Timeline oder eben einzelne Profilseiten mit den Tweets von genau einem User.
Letzte Woche hat meine Neugier schließlich gesiegt, ich wollte dann doch mal sehen, was so toll sein soll an diesem Dienst. Und ich stellte fest: Der eigentlichen Reiz von Twitter ist erst für aktive User sichtbar. Es ist der ganz individuelle Kurznachrichten-Strom, der entsteht, wenn man bestimmten Twitterern folgt und deren Updates als persönlichen Tweet-Mix zu sehen bekommt. Und es ist der Spaß an der komprimierten Form, das schnelle Raushauen von kurzen Gedanken und Belanglosigkeiten (ein Mitteilungsdrang, der vermutlich bei Leuten, die ins Internet schreiben, stärker ausgeprägt ist als bei anderen).
Seit sieben Tagen bin ich jetzt dabei, und ich muss sagen, ich bin echt überrascht, wieviel Spaß mir das macht. Gut möglich, dass das anderen nicht so geht. Aber um das mit Bestimmtheit sagen zu können, muss man’s halt erstmal selber ausprobiert haben. Die Frage, wozu das denn gut sein soll, kann man dann immer noch stellen.
Hier gibt’s jedenfalls ab sofort am rechten Rand die Rubrik “Hundertvierzig” mit meinen letzten Tweets. Enjoy or ignore.
Benjamin Button kommt 1918, am letzten Tag des Ersten Weltkriegs, zur Welt. Ein selten hässliches Baby: Runzlig, faltig, alt. Mit brüchigen Knochen und Grauem Star, ein Greis im Körper eines Säuglings. Von nun an wird er zwar wachsen, wird dabei aber langsam immer jünger. Der neue Film von David Fincher verfolgt das Leben dieses Benjamin Button (gespielt von Brad Pitt) von der Wiege bis zur Bahre (oder andersrum?). Benjamins Mutter stirbt im Kindbett, der Vater setzt das Kind aus, passenderweise vor einem Altenheim. Dort wächst er auf, umgeben von Alten, die einer nach dem anderen sterben.
Das ist das Hauptthema des Curious Case (und Fincher haut es uns mehrfach mit einem nassen Handtuch um die Ohren, damit es auch der Langsamste merkt): Tod und Vergänglichkeit — und das Leben, das vor allem daraus besteht, seine Liebsten sterben zu sehen. Natürlich gibt es eine große Liebe in Benjamin Buttons Leben: Daisy, gespielt von Cate Blanchett, etwa gleich alt wie er, aber “normal” alternd. Als sie sich kennenlernen, ist er ein Greis und sie ein kleines Mädchen. Gegen Ende ihres Lebens wird es umgekehrt sein.
Das alles ist beeindruckend umgesetzt, großes Schauwertekino mit prächtiger Ausstattung und wirklich erstaunlicher Make-Up-Arbeit (die zu großen Teilen digital verrichtet wurde). Ohne Zweifel sehenswert, aber trotzdem fehlt etwas. The Curious Case of Benjamin Button will von ganzem Herzen Epos sein und bekommt dadurch eine Schwere, die ihm nicht gut tut. Fincher und sein Autor Eric Roth bauen um den ohnehin schon umfangreichen Plot noch eine nicht unbedingt nötige Rahmenhandlung, in der Caroline (Julia Ormond) ihrer im Sterben liegenden Mutter Daisy aus Buttons Tagebüchern vorliest und dabei merkt, das sie die Tochter der beiden ist. Dieser Rahmen muss ausgerechnet im New Orleans des Jahres 2005 spielen, als gerade der Hurrikan Katrina tobt. Nochmal ein paar Pfund Bedeutungsschwere — gut für die Oscarverleihung, nicht so gut für den Film. Dieser hat seine stärksten Momente in den leichten, augenzwinkernden Szenen mit nicht ganz so wichtigen Nebenfiguren, vor allem der wunderbaren Tilda Swinton als britische Liebschaft des Benjamin Button.
In den positiven Besprechungen des Films (die sich mit den Verrissen etwa die Waage halten) ist oft davon die Rede, wie berührend und bewegend der Film doch sei. Und genau das war bei mir anders. Die große, tragische Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy ging mir nicht ans Herz. Sie wirkte immer eine Spur zu künstlich, zu ausgedacht. Nie wird klar, warum gerade diese beiden so verschiedenen Menschen füreinander bestimmt sein sollen. Und keine der Figuren wächst dem Zuschauer so richtig ans Herz, alles bleibt sehr oberflächlich. Benjamin Buttons Leben stolpert von Episode zu Episode, sein Äußeres verändert sich, aber von einer inneren Entwicklung bekommt man kaum etwas mit. Bis auf das “Wir müssen alle sterben” hat der Film nicht wirklich etwas zu sagen, bleibt trotz aller schönen Bilder erstaunlich belanglos.
Und trotzdem habe ich Sympathien für den Film, schon weil ich diese skurille Ausgangsidee mag und den Eifer, mit dem sie umgesetzt wurde. Ein großes Hollywood-Märchen mit wirklich schön anzusehenden Bildern, das sich aber ein bisschen zu sehr darin gefällt, etwas ganz Besonderes sein zu wollen. David Fincher hat weißgott schon Filme gedreht, die weitaus stärkere und beeindruckendere Spuren hinterlassen haben.