Im Kino: Man on Wire

Am 7. August 1974 war das World Trade Center in New York noch nicht ganz fertiggestellt, die Twin Towers standen jedoch schon und das Gebäude war keine reine Baustelle mehr. An diesem Tag erlebte das Bauwerk eine besondere Aktion: Der französische Drahtseilartist Philippe Petit hatte in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion mit einigen Komplizen ein Stahlseil zwischen den obersten Stockwerken der Türme gespannt und lief am Morgen des 7.8. über dieses Seil. Knapp 45 Minuten dauerte seine Performance, ehe er von Polizisten abgeführt wurde.

Man on Wire erzählt von dieser waghalsigen illegalen Aktion und vor allem davon, wie sie vorbereitet wurde. Davon, dass Petit dieses Ziel jahrelang obsessiv verfolgt hat, seit dem Moment, als er zum ersten Mal eine Zeichnung der in Planung befindlichen Twin Towers gesehen hatte. Es ist zwar ein Dokumentarfilm, er ist aber mit viel nachgedrehtem Material angereichert und hat dank Schnitt und Musik die Spannungsdramaturgie eines Heist-Movies. Wir verfolgen also die Drahtzieher eines irrwitzigen Coups, so wie wir das auch bei Ocean’s Eleven und ähnlichen Filmen tun. Im Film wechseln Interviews mit den Protagonisten mit Fotos und Archivmaterial sowie Szenen, die mit Schauspielern nachgedreht wurden. Ein großes Plus von Man On Wire ist, dass diese nachgestellten Szenen nicht störend wirken, sondern sich nahtlos in das Gesamtwerk einfügen. An einigen Stellen kann man nicht einmal sicher sagen, ob man jetzt altes Originalmaterial sieht oder eine Spielszene. Man kann eine Menge einwenden gegen nachgestellte Szenen in Dokumentationen (Guido Knopp, ich schaue in deine Richtung!) — hier funktioniert es.

Wobei Man on Wire vermutlich auch ohne diese Szenen ein hochinteressanter Film geworden wäre. Denn die Story ist einfach zu faszinierend, zu unglaublich. Die Chuzpe, die Petit an den Tag legt und die Aufregung, die er auch heute noch verströmt, wenn er von damals erzählt, lassen einen nicht kalt. Die ganze Aktion hätte wohl nie stattgefunden, wenn Petit nicht ein riesengroßes Ego hätte. Auch diesen Aspekt verschweigt der Film nicht: Vor allem zum Schluss des Films erscheint Petit als ein nicht immer angenehmer Egomane, der seinem großen Ziel alles andere unterordnet, auch langjährige Freundschaften. Dies ist vielleicht die größte Stärke des Films von James Marsh: Er begnügt sich nicht allein damit, den Seiltanz über den Dächern New York als großen genialen Triumph des Schönen, Kunstvollen und Zweckfreien, als poetisches Wunder zu feiern. Er zeigt durchaus auch die Kratzer in dieser glänzenden Fassade.

Unterm Strich bleibt aber natürlich vor allem das bewundernde Staunen über diesen unwahrscheinlichen Coup, der wie ein Märchen wirkt und doch wahr ist. Und genau dieses Staunen ist es doch, für das man (auch) ins Kino geht. Dass der Film auf dem Tomatometer dann gleich auf sagenhafte 100% kommt, ist aber vielleicht doch ein wenig übertrieben.